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1911.
Die Gefangene von Schlüsselburg.
Oscar Kühne.
(Nachdruck verboten).
Grc-
»Veras Rettung ist genau so meine eigene Sache mV* »teilte eigene Sache, teurer Boris. Ich werfe mir nämlich vor, daß ich ihr mit ihrem Brief an Gagarin nicht ernstlich genug abgeraten, ihr vielmehr die Entscheidung halb und halb selbst übertragen habe. Aber noch mehr. Ich habe inzwischen erfahren, daß man sie nicht allein wegen jenes Brie- fes nach Schlüsselburg gebracht hat, wie ich Dir nach Zürich mitteilte, sondern vornehmlich und hauptsächlich wegen einer Anzahl von an sie gerichteter Briese, die sich mit Planungen, wie Dir die Pforten des Vaterlandes wieder geöffnet werden Könnten, und allerlei geheimen Berbindiingsangelegenheiteu befassen, sowie ferner wegen einer Anzahl ihr von unseren gemeinsamen Freunden zur Anfbewahruilg übergebener verbotener Schriften und Broschüren. Alles hat man bei -hr beschlagnahmt. Meine Briefe waren nicht mit meinem Namen, sondern nur mit einem ausgemachten Kennwort unterzeichne^, die Schriften und Broschüren trugen keinerlei Merkmale ihrer eigentlichen Besitzer. Sie hat den Schreiber der Briefe nennen „nd über die Herkunft der Schriften und Broschüren Auskunft geben sollen, aber jede diesbezügliche Antwort verweigert. Die Befreiung Veras ist, wie Du jetzt selbst zugeben wirst, genau so meine ureigene Sache wie Deine ureigene Sache, wie sie drittens auch die ureigene Sache unserer gemeinsamen
Boris Antonow horchte auf. „Wie meinst Du das, gor?"
Freunde ist. Ich habe mir seit acht Tagen, wo ich das Nähere erfuhr, leine Ruhe und Rast mehr gegönnt. Neberall bei den Nnsrigen bin ich gewesen, um mit ihnen zu beratschlagen. Aber ein jeder meinte: Ans Schlüsselburg gibt es keine Rückkehr in die Freiheit. Das drückte mich erst nieder, stachelte mich dann aber noch mehr auf, und ich zermarterte mein Hirn mit einem Plane, wie Vera dennoch befreit werden konnte. Es fiel mir keiner ein. Und nun bin ich zu dem Entschluß gekommen, mich der Behörde gegenüber als Schreiber der Briese und als Eigentümer der Schriften und Broschüren zu bekennen. Ich werde alle Schuld auf mich nehmen und Vera als Unschuldige und Verführte hinstellen. Letzteres meine ich so, daß ich sagen werde, ich hätte sie zum Schreiben des Briefes an Gagarin angestiftet, der Brief sei mein geistiges Werk. Mag man mich nach Schlüffelburg verbringen. Ich bin dazu bereit. Vera aber wird man, da man nunmehr den geistigen Urheber ihres Briefes an Gagarin, den Schreiber der bei ihr beschlagnahmten, sich mit geheimen Vcrbinöungsangelegcn- heiten befassenden Briefe und den Eigentümer der ebenfalls bei ihr beschlagnahmten verbotenen Schriften und Broschüren in feiner Gewalt hat, nur noch wegen Abrichten ihres Brieses an Gagarin zur Verantwortung ziehen können. Man wird gezwungen sein, sie vor den ordentlichen Richter zu stellen, 6er schlimmstenfalls ein Jahr Freiheitsverlust über sic verhängen wird. Ein Jahr ist lang, gewiß, aber es geht herum. Und bann, mein Boris, seid Ihr vereint. Reise also heute noch zurück nach Zürich und warte dort Deine Zeit ab."
Boris zog ergriffen den Freund an seine Brust. „Mein Gregor," ließ er daraus verlauten, „ich nehme Dein Opfer nicht an. Unter keinen Umständen. Als wenn ich übrigens ein ganzes langes Jahr untätig warten könnte, während ich Vera meinetwegen hier in einem Kerker schmachten wüßte! Nein, und tausendmal nein! Ich will sie sogleich befreien!"
„Halte Dir doch nur vor Augen, Boris, wie ganz unmöglich Dein Vorhaben ist!"
„Unmöglich?^Nein, nicht ganz unmöglich! Es ivird versucht. Ein Landsmann in Zürich, der als Sohu eines früheren Schlüsielburger Gefängnisbeamten mit den Verhältnijsen und dem Getriebe, überhaupt mit dem ganzen Drum und Dran dortselbst vertraut ist, hat mir einen Weg gezeigt, den einzigen gangbaren Weg. Ob gefahrvoll oder nicht, hat für mich nicht in Frage zu kommen. Aber ich benötige zur Durchführung meines Planes verschiedenerlei, und rechne da auf Dich und unsere gemeinsamen Freunde. Eine Beschaffung macht nir
Allein, gerade hier in Petersburg war der Aufenthalt für ton nun der allergeführlichste, Gregor Petrowitsch, der den Freund am Bahnhöfe in Empfang genommen hatte, war *n er Sorge um ihn und atmete auf, als er ihn in einer Fswostschlk, einer zweirädrigen Petersburger Droschke, bis zu seiner im Wassilij Ostrom Stadtteil gelegenen Wohnung gebracht hatte.
Boris Antonow aber dürstete nach Taten. Zunächst wollte er irr au Putilomski, Veras Mutter, aufsuchen. Gregor Petrowitsch mußte seine ganze Ueberredungskunst aufbieten, um ihn davon abzuhalten.
„Du bist verloren, wenn Du Dich so am Hellen lichten Tage auf der Straße zeigst. Und nimmt man Dich fest, wäre wahrscheinlich auch ich und damit unsere ganze Sache ver- loren.
Schluß.) Erzählung von Fr.
Vierzehn Tage später war Boris Antonow das Wagnis gegluckt, über Varna, Odessa und Moskau nach Petersburg zu gelangen. Viele Male hatte er sich allerdings ausweisen uluffen Aber sein Paß war in bester Ordnung. Man hatte keine Anstände machen können.