ich einen von diesen dreien in der reizenden Gattin meines liebenswürdigen Freundes Wichmann kennen lernen würde, hätte ich mir ganz gewiß nicht träumen lassen. Ja, meine Gnädigste, ich selbst bin dieser Wasserzug gewesen. Aber Sie glauben mir's hoffentlich auf mein Wort, daß ich daS Dichten schon lange aufgesteckt habe."
„Und welchem — welchem anderen Berufe zu Liebe haben Sie das getan?"
„Strumpfwaren en gros — meine Gnädigste! — Sie kennen vielleicht die Firma Neumann «. Hippel? — Nicht? — Nun, besagter Neumann u. Hippel ist mein Onkel, und er hat keine Nachkommenschaft. Das erklärt alles, nicht wahr? Strnmpfwaren sind zwar weniger poetisch als Stanzen und Ritornelle, aber sie ernähren dafür ihren Verfertiger nm vieles besser und sicherer. Und selbst in den Tagen meiner holden Jugendeseleien war ich immer für bas Sichere."
Im weiteren Verlauf -es Abendessens war Frau Annie überaus schweigsam. Dann aber ereignete sich's zu ihrem Mißgeschick, daß ihr Gatte in das Ordinationszimmer mußte, weil sich jemand eine heftig blutende Wunde verbinden lassen wollte, und baß sie sich auf solche Art mit dem Gegenstand ihrer Mädchenschwärmerei unvermutet allein sah. Er schwatzte noch eine kleine Weile von allem Möglichen, bann brachten ihn Frau Annies einsilbige Antworten ein wenig aus der Fassung, und er ließ seine Blicke suchend im Zimmer nmherschweifen, als hoffe er da einen neuen Unterhaltungsstoff zu finden. Und er fand ihn in der Tat.
„Sie haben ja da eine wunderschöne Radierung von dem Dom zu F. — Kennen Sie das gottverlassene Nest etwa aus eigener Anschauung, gnädige Frau?"
„Ja, Herr Wasscrzug — es ist meine Vaterstadt."
„O pardon, dann nehme ich mein hartes Urteil selbstverständlich reumütig zurück. Es urteilt eben jeder nach seinen persönlichen Eindrücken. Und die, die ich während eines dreimonatlichen Aufenthaltes in F. vor neun oder zehn Jahren empfing, waren nicht von der angenehmsten Art. Wenn es nicht glücklicherweise auch in F. ein paar verliebte kleine Käfer gegeben hätte, die einem gelegentlich die Langeweihe vertrieben, ich hätte cs wahrhaftig keine vier Wochen da ausgehalten."
Das war zuviel. Frau Annie kämpfte tapfer bas Schluchzen nieder, das ihr zur Kehle emporsteigen wollte, und erhob sich von ihrem Stuhl.
„Aber Sie hatten gewiß nicht erwartet, Herr Wafferzng, einem dieser verliebten kleinen Käfer, wie Sie sich so geschmackvoll auSdrücken, heute im Hause Ihres Freundes wieder zu begegnen?"
Der ehemalige Dichter mit dem verspritzten Herzblutc tellergroße Augen. Man konnte unmöglich ratloser
und dümmer auSsehen — dann aber schien ihm eine Erinnerung anfzndämmern, und mit ihrer Hilfe fand er sich alS ein Mann von Welt erstaunlich schnell in die heikle Situation. Feierlich stand er auf und legte die Linke auf die Gegend beS Herzens
„Nein, ich habe eS nicht erwartet," sagte er mit leise bebender Stimme. „Und wenn Sie eine Vorstellung davon hätten, wie sehr Sie sich in diesen nenn Jahren verändert haben, so würben Sie es auch verzeihlich finden, daß ich Sie nicht früher erkannte, obgleich ich Ihr Bild in all dieser Zeit unverwischbar im Herzen getragen. Muß ich Ihnen erst versichern, daß Sie nicht auf sich beziehen dürfen, was ich soeben leichtfertig von den verliebten kleinen Küfern gesagt? Von so heiligen unernsten Dingen, wie es meine Liebe zu Ihnen gewesen ist, spricht man eben nicht, das verschließt man in den geheimsten Tiefen seiner Brust. Um meiner eigenen Seelenruhe willen aber würde ich die Schwelle dieses Hauses nimmermehr überschritten haben, wenn ich geahnt hätte, daß ich der Tochter des Amtsrichters Wellner, meiner einzigen wahren Liebe, hier noch einmal begegnen würde."
Er konnte vor Bewegung nicht weiter, Frau Annie aber lachte hell auf. Und es klang fröhlich als sie erwiderte:
„Ich muß mich allerdings sehr verändert haben, Herr Wasserzug, da Sie mich mit meiner ehemaligen Freundin Anna Wellner verwechseln können. Mein Mädchenname war Annie von Golz"
Herr Reimar Wasserzug wurde der Notwendigkeit einer Antwort übcrhoben, denn eben trat Dr. Franz Wichmann wieder ins Zimmer und ihm erklärte der ehemalige Dichter hastig, -aß er eben im Begriff gewesen sei, sich zu verabschieden, da er für den späten Abend noch eine -ringende Verabredung mit einem Geschäftsfreunde habe. Man hielt ihn nicht, aber als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, fiel Frau Annie ihrem Manne um -en Hals.
„Vergib mir, Franz — geh' nicht zu streng mit mir ins Gericht! Ich habe Dir ein großes, ein sehr großes Unrecht zu beichten!"
Er aber küßte sie mit lächelnder Zärtlichkeit.
„Ist nicht mehr nötig, mein Liebling! — Das Unrecht war vielleicht auf meiner Seite, als ich den Brief laS, den Dn so pietätvoll als ein köstliches Heiligtum bewahrtest. Nun, da Du Herrn Wafferzng wiedergesehen hast, läßt Du hoffentlich auch meiner unbedeutenden und unpoetischen Person wieder einige Gerechtigkeit widerfahren."
Frau Annie barg daS erglühende Gesichtchen an deS Gatten Brust. Und von dieser Stunde an erst hatten die Leute wirklich recht, wenn sie ihre Ehe für eine musterhaft glückliche hielten.
Gemeinnütziges.
— Nhabarbcrcreme. (Sehr gut.) Zutaten: 1 Pfund geschälte, in kleine Stückchen geschnittene Nhabarberstengel (man wiegt den Rhabarber geschält), % Pfund Zucker, ein Stückchen Vanille, 60 Gramm oder 3 glatt gestrichene Eßlöffel Mondamin, Reismehl oder ähnliches, 2 Eier, ’/» Liter saure Sahne — Den Rhabarber läßt man mit dem Zucker der Vanille und einer kleinen Obertasse Wasser zum Kochen kommen und einige Minuten kochen, dabei zerguirlt man den Rhabarber zu einem MuS, läßt das aber ja nicht anbrennen. Dann gießt man unter beständigem Rühren das ui wenig Wasser glatt gerührte Mondamin dazu und läßt bas ein paar Minuten langsam mit kochen, man mutz aber dabei immer rühren. Die zwei Eigelb verrührt man mit der säuern Sahne, gießt das auch in die kochende Masse und zieht zuletzt noch den steifen Schnee darunter. Darnach läßt man das Ganze nur noch einmal leicht aufkochen, füllt es dann in eine hübsche Schale nnd stellt die Speise kalt. Gestürzt wird diese Creme nicht: sie wird zwar nach einigen Stunden auch steif, aber nicht so fest, wie die gestürzten FlammriS. Man gibt kleines Gebäck dazu. — Genügend für 5 oder 6 Personen.
— Weiße Flecken ans lackierten Möbeln, die von daraus stehen gebliebenem Wasser hcrrühren, lassen sich auf folgende Weise entfernen: Man vermischt Kochsalz mit Leinöl, taucht einen wollenen Lappen in diese Mischung und reibt die Flecken, biS sie verschwinden. Dann reibt man mit einem trockenen, weichen Lappen nach.
— Kalbsrouladen. Dazu nimmt man am besten Fleisch aus der Keule; man läßt sich aus zwei Pfund Fleisch wenn möglich nur vier große Scheiben schneiden, denn je größer die Rouladen sind, desto saftiger bleiben sie beim Braten. (Bor -em Anrichten kann man sie bann in schräge, -icke Scheiben schneiden.) Die rohen Fleischscheiben klopft man mit der breiten Seite des Hackmessers leicht durch, bestreut sie mit Salz nnd Pfeffer und legt entweder zwei Scheiben Speck auf jede Fletschscheibe, oder bestreicht sic mit einer Fülle, die man her- stcllt, indem man ein reichliches Viertelpfund Speck, eine kleine halbe Zwiebel, drei Sardellen und einige Kapern zusammenwiegt. Dann wickelt man die belegten oder bestrichenen Rouladen zusammen und bindet sie mit einem weißen Faden gnk zu, besonders an den Enden, damit die Fülle nicht heraus kann. Nun läßt man in einer Kasserolle Fett ober Butter heiß werden, legt die Rouladen hinein, läßt sie rundum braun werden, gießt dann soviel Fleischbrühe oder heißes Wasser zu, daß es darüber steht, und läßt die Rouladen im zugedeckten Topfe 1 bis 1% Stunde bei wenig Feuer dämpfen. Zuletzt macht man -le Sauce mit zwei knappen Eßlöffeln Mehl, daS man in Butter gebräunt hat, sämig. Vor dem Anrichten und ehe man die Rouladen in schräge, dicke Scheiben schneidet, entfernt man natürlich die Fäden.
— Eierkuchen. Wenn man zu den Eierkuchen grünen Salat gibt (es schmeckt sehr gut zusammen), so darf man den Teig nicht zu süß machen und man bäckt die Kuchen anstatt mit But-