/ „Du gehst wohl morgen wieder zu Maruschka!"
„Was geht's dich an?"
„Weil ich dich hinauswerfe, wenn ich dich treffe, verstehst du?"
Der andere zog einen brennenden Scheit in den Flammen hin und her und erwiderte:
„Ich kann ebensogut dort sitzen wie du, du bist nicht der Wirt."
„Aber ich kann's werden, du, und dann hüte dich."
Janzen sprang hoch und senkte die Fackel, die er in der Hand hielt.
„Du, du . . .," die Worte würgten sich ihm in der Kehle, und er stand, den Oberkörper gebeugt und starrte den Polen an.
„Ja .ich, du Hund." Damit griff er nach des anderen Knöchel. Aber der wich aus, und der Pole konnte gerade noch hoch kommen, als sich sein Gegner, der nun wusste, was es galt, auf ihn stürzte und ihm das lodernde Scheit ins Gesicht stieh.
Mit einem Schrei fuhr der Getroffene zurück, dann begann ein hartes Ringen. Das Holzscheit fiel zischend ins Wasser, sie zertraten das Feuer, das von den Wellen, die über das schwankende Floh hüpften mehr und mehr gelöscht wurde. Dann blieb Janzen mit dem Fuss zwischen zwei Stämmen hängen. Der Pole fasste ihn bei den Schultern und stiess ibn hinab. Pfeilschnell glitt der Körper zwischen den auseinanderfahrenden glatten Hölzern durch, dann fuhren die Stämme wieder zusammen, das Wasser guoll ein wenig hoch und verlief sich wieder, während der andere schon weit unterhalb rettungslos in den Wirbeln des Stromes trieb. —
Ehe noch der Tag herauf war, hingen sie schon wieder an den Ruderstangen. Nadolski trug ein /breites Brandmal über der Stirn und blickte die anderen drohend an. Und keiner fragte nach dem verlorenen Mann. Ein feiner Sprühregen ging nieder, und als die Traft in der Strömung war, kochen sie alle in die Strohhütte und nur Nadolski stand neben dem Ruder und liefe seine Augen über das Wasser laufe«, ob nicht irgendwo der andere treibe. Doch der Sttom gab so schnell keinen Toten her. —
Am Abend safeen Tie in Josef Schmieders Schenke und verfolgten Maruschkas federnden Gang, wenn sie die Gläser brachte. Nadolski war nicht bei ihnen. Josef Schmieder war das ganz zufrieden, und da er dem Mädchen von der langwierigen Verhandlung beim Landrat endfelt hatte, fragte sie auch nicht. Man durfte sich mit den Polen nicht überwerfen, und so hatte er ausgesagt, dafe auch Janzen Schuld an der Schlägerei trage. Freilich ganz hätte er sie ja nicht mit angesehen. Tas war nun zwar nicht ganz so, aber was ging ihn das an. Tie Flissacken waren feine Gäste und fast alles Polen und Fran; Nadolski gehorchten sie.
Am Morgen fuhr Joses Schmieder mit Krämer Schaefers Wagen, der die Chaussee entlang kam, in die Stadt, um seine dickwandigen Flaschen wieder füllen zu können. Maruschka steckte sich in der Hinterstube gerade ihr kastanienbraunes Haar
auf, als Franz Nadoj ki in den Laden trat und sich an den Tisch setzte. Sie \ orte die Tür gehen, kam nach vorn und blieb erstaunt stehn.
„Na nu, Nadolski?" :
„Jawohl Maruschka. gib mir etwas zu ttinken."
„Tu, weifet du auch, dafe die Gendarmen hinter dir her sind?"
„Ja, Maruschka und deshalb komme ich, denn ich will über die Grenze."
„Tas ist das Beste, aber du kommst doch wieder?"
„Ich glaube nicht, Maruschka, und deshalb wollt' ich fragen, ob du mitkommen willst?"
„Nach Rufeland?" [~< f'ch j^|I' '«;?■![
„Ja, nach Rufeland."
„Nein, du, dafe geht nicht, was soll ich in Rufeland?" „Mit mir kommen, Maruschka." Er stand auf und fafete ihre Hand.
„Safe," wehrte sie ab und wandte sich halb weg. „Ich hab' dich ja gern, Franz, aber nach Rufeland, das kann ich nicht."
Nadolski stand breit, die Faust auf den Tisch gestemmt und sah sie mit unruhigen Augen an.
„Dann mattest du wohl auf Janzen?"
„Auf Janzen, ach der." Sie lächelte aber doch ein wenig.
„Na, dann hab' ich nur noch zu sagen, lafe dir die Zett nicht lang werden." Er griff zum Glas und gofe den scharfen Trank hinunter. Dabei fiel sein dichtes, dunkles Haar über die Stirn zurück und gab die breite ftische Wunde frei.
„Was hast du denn da," fragte rte.
„Nichts weiter, das hat mir dein Janzen pnn Abschied ins Gesicht gebrannt."
„Habt Ihr Euch wieder gestritten?"
„Nicht viel Maruschka, ein bifechen nur, ich hab' ihn den Fischen zum Fressen vorgeworfen."
Das starke Mädchen zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück. !
„Ten, Fischen? Du . . .?"
„Ja ich, er liegt in der Weichsel, weil er hier Hausherr spielen wollte."
„Franz!" Gellend und jäh sprang ihr der Name von den Lippen. Dann lag sie, die Arme um ihn, an seinem Halse.
Er drückte sie an'sich und küfete sie wild.
„Wir müssen schnell machen, Maruschka."
Sie lief in .die Kammer und holte sich ein Schultertuch. Er ging unterdessen au den Ladentisch, zwängte-sein Messer unter die Platte und sprengte das Schubfach auf. Das Geld steckte er in die Tasche, gofe sich eine Flasche voll Dänsschen und lieh sie in seinem Pelz verschwinden. Maruschka kam zurück und sah sich um. Dann nahm sie den Schlüssel vom Brett und schloss die Stubentür zu.
Vom Fenster spähte Nadolski nach der Chaussee hinüber, bann verliessen sie beide das Hans. Bei Alerandrowo gingen sie nachts unbemerkt Aber die Grenze.
Das Ideal.
Humoreske von Lothar Brcnkondorf.
(Nachdruck verboten.)
Alle Welt hätte darauf geschworen, dass Frau Annies Ehe eine musterhaft glückliche fei. Und sie selber hütete sich wohl, irgend einem lebenden Wesen das schmerzliche Geheimnis ihrer Seele pvetSzngeben. Denn niemand — das wusste sie sehr gut — niemand hätte sie verstanden. Als die Gattin eines angesehenen, vielbeschäftigten Arztes lebte sie in den angenehmsten äusseren Verhältnissen, ihr Mann war der aufmerksamste, gutherzigste und liebenswürdigste Mensch, den man sich denken konnte, und dass ihre Ehe bis heute kinderlos geblieben war, empfanden sie beide nicht allzu schwer. Die kurzsichtigen Menschen würden sie daher ohne Zweifel für töricht und undankbar erklärt haben, wenn sie gehört hätten, dass Frau Annie sich bei alledem unbefriedigt und beinahe unglücklich fühlte. Nur eine fein empfindende Seele, die so zart besaitet war wie die eigene, hätte begreifen können, wie düster der Schatten war, den eine grosse, hoffnungslose Sehnsucht in ihr junges Leben warf. Anfänglich hatte sie ja geglanbt, bah sie es überwinden würde. Und während der ersten zwei Jahre nach ihrer Verheiratung hatte eS ja auch ganz den Anschein gehabt, als fei die grausame Wunde vernarbt, die ihr die erste furchtbare Ent- täuschung ihres Daseins geschlagen. Damals — sie muhte sichö eingestehen — damals war sie nahezu vollkommen glücklich ge
wesen. Aber ein erstes kleines Zerwürfnis mit ihrem Gatten hatte genügt, sie von neuem bluten zu machen. Und dass sie bei diesem Zerwürfnis wie bei manchem späteren im offenbaren Unrecht gewesen war, änderte nichts an der traurigen Tatsache einer Ernüchterung und der Erkenntnis, datz auch sie zu der großen Zahl der unverstandenen Frauen gehöre.
An einem linden Sommerabend, bei Rosenduft und Nachtigallensang, hatte sie ans eines schwärmenden Dichters Munde das tiefsinnige Wort vernommen, datz jeder nur ein einziges Mal in seinem Leben dem Wesen begegne, das ihm von allem Urbeginn bestimmt sei. Erschauernd hatte sie die heilige Wahrheit dieses Wortes empfunden, als des feurigen jungen Dichters Lippen zum ersten Mal die ihrigen berührten. Und mit tiefem Weh musste sie diese Wahrheit nun Tag für Tag aufs neue empfinden. Denn der Grosse, Herrliche, Einzige, 6er allein imstande gewesen wäre, ihr alle Pforten irdischer Seligkeit zu erschliessen — er hatte nicht der Gefährte ihres Lebens werden dürfen. Nach einem kurzen Glückstraum von wenigen Wochen war er für immer ans ihrem Dasein entschwunden, und sie war verurteilt, ihre Tage an der Seite eine? Mannes hinzubringen, für den sie wohl herzliche Freundschaft und Zuneigung, doch nimmermehr jene gläubig anbetcnbe Bewunde-