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Nr. 20

Die Gefangene von Schlüsselburg.

Erzählung von Fr. Oscar Kühne. (Nachdruck verboten).

An Boris Sebastianowitsch Antonow in Zürich war der Brief aus St. Petersburg gerichtet. Kaum hatte der junge Mann einen Blick auf die Schriftzüge der Adresse geworfen, als es in seinen dunklen Augen freudig aufblitzte.Von Vera!" entschlüpfte es ihm.Endlich, seit Wochen, wieder ein Lebens­zeichen von ihr." Sichtlich drängte es ihn, den Brief zu öff­nen. Doch zwang er sich dazu, zunächst dessen Rückseite einer genauen Betrachtung zu unterziehen. Seine Stirn krauste sich.Hier, diese kleinen Beschädigungen an der linken Schräg­seite der Umschlagklappe; und jene an der Spitze derselben. Warum hatte man gerade auf die Stellen die russischen Grenz­übergangsstempel gedrückt? Um die kleinen Beschädigungen möglichst zu verdecken?" Er wiegte den Kopf.Es könnten allerdings auch zufällige, von der Beförderung bis zur Grenze hcrrührende Bestoßungen sein? Aber wahrscheinlich sind cs Spuren einer geschickten Oeffnung und Wiederverschließung. Weisen doch seit einigen Monaten alle meine Briefe aus Ruß» land ähnliche verdächtige Spuren auf."

Er öffnete jetzt den Brief, welcher wie folgt lautete: Mein innigstgeliebter Boris! Ich bin der Verzweiflung nahe. Der heutige Tag hat alle meine Hoffnungen zunichte gemacht. So nahe glaubte ich mich ihrer Erfüllung, mein Herz fing schon an zu jauchzen, und nun doch laß Dir berichten. In meinem letzten Briefe, vier Wochen sind wohl inzwischen ver­strichen, schrieb ich Dir, daß ich mit meiner Mutter nach der Gorochowajastraße umstcdele. Warum, das wollte ich Dir vor. läufig nicht verraten. Ja, weshalb bettelte und bat ich Mutter solange, bis sie zu dem Umzuge aus unserer angenehmen Lo- monossowstraße im ruhigen Wiborger Stadtteil nach der un­angenehmen Gorochowajastraße im lärmerfüllten Kasanskaja Stadtteil zustimmte? Allein, um mit Marfa Josephowna Lu- boschin in einer und derselben Straße zu wohnen! Deine Pe­tersburger Freunde, insbesondere der gute Gregor Petro- witsch, welche, gerade wie ich, unablässig darüber sinnen, wie Dir die Pforten des Vaterlandes wieder erschlossen werden können, und die über alle Personal- und soviele andere An­gelegenheiten der geheimen Staatsbureaus in einfach stau­nenswerter Weise unterrichtet zu sein pflegen, hatten nämlich in Erfahrung gebracht, daß Feodor Stepanowitsch Kudialow. Marfas Stiefvater, zum ersten Sekretär Paul Andrejewitsch Jurgews befördert worden sei. Daß Paul Andrejewitsch Jnr- gcw seinerseits die rechte Hand und der vielfache Vertreter des erbarmungslosen Beherrschers der dritten Abteilung, Di­mitri Michaelowitsch Gagarin, sein soll. Was lag also näher, als daß ich mich anschickte, mit Marfa unsere Freundschaft von

der Pension her zu erneuern, zu vertiefen, ein ständiger Gast bei ihr zu werden. Aber auch jede Gelegenheit wahrzunehmen, ihren Stiefvater, Feodor Stepanowitsch, zu umschmeicheln. Und dann, zu einer Zett, wo ausgekunbschaftet sein würde, daß Paul Andrejewitsch als Vertreter des Chefs der dritten Abteilung des Amtes waltete, vor ihm, Feodor Stepanowitsch, einen Fußfall zu tun, und ihn anzuflehen, sich für Dich bei Paul Andrejewitsch ins Mittel zu legen. Ein Federstrich, und das Vaterland staijd Dir wieder offen. So mußte es kommen. Alles ließ sich auch nach Wunsch an. Da wird Feodor Stepa­nowitsch heute vormittag durch einen Herzschlag aus dem Le- ben gerissen. Was nun? Zu Paul Andrejewitsch Jurgew persönlich vorzudringcn, ist ausgeschlossen, würbe, einen Augenblick angenommen, daß cs dennoch möglich wäre, ohne vertrauensvolle, schwergewtchtige Fürsprache auch gänzlich zwecklos sein. Ich bin über das Fehlschlagen meiner Hosf- nungen der Verzweiflung nahe. Ist doch der Zeitpunkt unse- rer Vereinigung wieder in die Ferne gerückt! Und mein Herz schreit nach Dir, mein heißgeliebter Boris! Willst Du Stolzer Dich nicht überwinden und einer Verbindung von uns zustimmen, ehe Du Dir, worauf Du trotzig beharrst, eine Le- benöstellung in der Fremde erkämpft hast? Mein väterliches Erbteil, über das ich frei verfüge, reicht hin, um uns mehrere Jahre lang über Wasser halten zu können. Inzwischen wirst Du längst festen Boden unter den Füßen haben! Eine Silbe von Dir, und ich eile nach Zürich in Deine Arme! Mutter weiß, daß ich Dir dies schreibe. Sie würbe mich begleiten. Also greif schnell zur Feder, mein Boris, überwinde, nur an unsere Liebe denkend, Deinen Stolz, und rufe mich. Es ver­geht in Erwartung Deine Vera.

Die Mienen Borts Antonows nahmen einen schmerzlichen Ausdruck an.Meine tapfere, meine unendlich geliebte Vera," sprach er bewegt vor sich hinwenn Du wüßtest, welche Wonne Du mir durch Dein schrankenloses Bekenntnis bereitest. Und doch kann ich nicht anders, als Dir zurückschreiben: Bleib jetzt noch.--Ob ich eine Andeutung wage über das, waS ich

vorhabc? Hm. Die kleinste Andeutung würde neue Hosf- nuugsstürmc in ihrer Brust entfesseln. Nein, ich darf nicht die kleinste wagen. Denn habe ich Mißerfolg, würde die zweite Enttäuschung, die ihren neuen vergeblichen Hoffnungen folgen müßte, sie in noch schlimmerer Weise treffen, als die jetzt ge­habte Enttäuschung. Schnell einige Seiten, die ihr, ohne daß ich deshalb mein Vorhaben andeute, Mut einflötzen, zu Papier gebracht. Und dann wieder in die Arbeit versenkt."