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Die Macht des Gesanges.

Von Adolf Hölleri. (Nachdruck ^erboten.)

Wehe dem. der mit diesem Wort gebrandmarkt ist, wehe deni, der schuldig ist des Komplottierens, der schuldig oder nicht schuldig, in seiner Sektion einen Feind hat, der ilm als einen Schuldigen bezeichnet! •_

Seit drei Tagen sitzt der Sänger in der Conciergerie unter Herzögen, Grafen, Baronen, Offizieren, Advokaten und Journalisten, aber auch unter ein paar Schuhwichsern und Kellnern.

Tiefer Schlaf hat sich aus Hohe und Niedere gesenkt und für den Augenblick ruht der Kampf menschlicher Leidenschaften. Dunkelheit bedeckt die Erde. Nur fern am nordöstlichen Himmel wirft Paris seinen gelben Schein empor weit hinauf in die feuchte, schwarze Nacht. ----Das Donnergetöse der Wut

ist verstummt, der metallene Mund der Glocken, der tags­über den Derzweiflungsschrei weit in das Land hinaustrug — — er schweigt. Die Strotzen sind verödet, verödet ist Lass und Restaurant. Nur Äirrende Patrouillen beleben die ein­tönige Szenerie unt> unterbrechen die grab ähnliche Ruhe mit einem heiseren: ..Werda!"

Gerade um Mitternacht kehrte der berühmte Sänger Earat, der ganz Paris mit seinen Tönen in Entzücken zu versetzen muhte, von der Akademie der Künste und Wissenschaften nach Hause. Plötzlich hört er sich angesprochen. Es! ist die Patrouille.

„Ihre Sicherheitskarte, mein Herr."

\ „Ich habe sie vergessen."

' „Dann folgen Sie uns zur Wache."

Der Sänger ging mit.

Auf der Wachtstube angelangt, glaubte Karat durch Nennung seines Namens vor dem wachthabenden Offizier feder weiteren Verdrießlichkeit überhoben zu sein. Doch darin irrte er sich.

„Mein Name ist (Betrat," sprach er mit einer leichten Ver­neigung zu dem Offizier, „in der Eile habe ich heute meine Sicherheitskarte zu Hause gelassen."

„Das ist unmöglich, mein Herr," versetzte darauf der Offizier, „ich habe ©errat vor zwei Tagen erst gehört: er sah viel größer und stärker aus."

„Sie werden doch nicht glauben, datz ich in zwei Tagen kleiner und fleischloser geworden sei?"

nicht, aber meine Vorschriften lauten dahin, datz ich nur solche Leute frei passieren lassen darf, die sich auswcisen können, oder die ' mir persönlich bekannt sind. Es erübrigt mir daher nichts anderes, als Sie zu verhaften und ins Mnni- zipalgefängnis abführen zu lassen."

Ueber diese Worte geriet Karat in die lebhafteste Auf­regung und beteuerte feierlichst, die Wahrheit gesagt zu haben.

„Wozu so viele Worte?" sprach jetzt gelassen der Offizier. „Ich schlage Ihnen ein einfaches Mittel vor, Ihre Behauptung zu beweisen. Es gibt in ganz Frankreich keinen, der sich mit Garat messen könnte. Nun, wohlan! Singen Sie etwas zu Ihrer Legitimierung."

Karat suchte vergebens, sich dieser Art der Beweisfiihrung zu entziehen, muhte schließlich aber doch in den sauren Apfel beißen. Er sang daher eine Arie, auf die ein stürmischer Beifall von Seiten der Zuhörer und ganz besonders des Offiziers folgte, der dabei ausrief: „Gut, sehr gut, aber doch immer nicht wie Garat!"

Der Sänger, dessen Ehrgeiz und Eigenliebe sich durch diese Bemerkung verletzt fand, sang jetzt eine Romanze, dann noch eine zweite und endlich die berühmte Arie aus der „Zauberflöte." Jetzt fiel alles in Ekstase. Die Pfeifen waren schon längst ausgelöscht, die Spieffarten lagen in einem Fensterwinkel auf­einandergehäuft. die Soldaten, die anfangs geschlafen hatten, standen mit offenem Munde vor dem Sänger, kurz, alles war vor Begeisterung und Entzücken autzer sich.

Nach einer Weile trat der Offizier zu dem Künstler, reichte ihm die Hand und sprach: „Verzeihen Sie den Scherz, Herr Karat, ich habe Sie wohl gekannt, aber ich konnte der Ver­suchung nicht widerstehen, Cie singen zu hören. Doch Scherz bei Seite. Sie haben sich heute selbst übertroffen."

„Hol' Sie der Kuckuck," fiel ihm Karat dazwischen, „ich werde morgen kein lautes Wort sprechen können."

Mies lachte, und auch Karat lachte mit. Aber noch im Fortgehen kehrte er sich vor der Tür um und versicherte der Wache: „Ein zweites Mal werde ich mich nicht wieder fangen lassen. Gleich morgen will ich mir meine Karte an den Hut nageln."

Earat hielt Wort. Am andern Tage bereits lieh er sich seine Sicherheitskarte an den Hut nähen. Während der französi­schen Revolution aber galt eine derartige Karte auch nur zeit­weilig als Talisman. Seitdem Robespierre und Danton das grotze Wort führten, bildet das kleine Wörtchen „Verdächtig" die Parole des Tages und scheucht Hunderten und Tausenden durch seine furchtbare Bedeutung den Schlaf von ihren Lidern.

Man freute sich, als man seiner ansichtig wurde, schüttelte ihm die Hand, überhäufte ihn mit Komplimenten, besah aber so­viel Takt- und Zartgefühl, ihn niemals mit der Bitte zu be­lästigen, irgend etwas zu singen, datz man für einige Minuten auf andere Gedanken, als die des grinsenden Todes käme.

Am vierten Tage seiner Einkerkerung erschien die Kontrolle. Doch welche lleberraschung! Der Ossizier, der die Aussicht führt, ist sein Offizier, bei dem er sich in der Wachtstube seine Befreiung ersingen muhte. Er lächelte, als er Earat er­blickte, sagte aber fein Wort zu ihm.

Mitternacht war längst vorüber. Der Schlüssel rasselt im Schlotz und in den Kerker, in dem Karat eingeschlossen ist, tritt ein Huissier, der sich dem Lager des Sängers nähert, ihn weckt und ihm bedeutet, datz et sich ankleiden und ihm folgen solle. Instinktmäßig kommt Karat dem Befehle nach. Der Huissier führt ihn durch einen langen, schmutzigen Gang, steigt mit ihm zwei Breite ausgetretene Treppen hinab und hält vor einer niederen gewölbten Tür. Der Huissier tritt ein, Karat folgt ihm. An einem großen Tische, auf dem zwei Flaschen Wein und zwei Gläser stehen, sitzt der dem Sänger gar wohl bekannte Polizeileutnant mit einer kürzen Pfeife im Munde, aus der er mächtige Dampfwolken bläst. Beim Eintritt des Sängers erhebt er sich, geht ihm einige Schritte entgegen und reicht ihm die Hand.

„Herr Garat," beginnt er, „ich habe Sie zu mir beschieden, datz Sie ein Glas Wein mit mir trinken."

„Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Polizeileutnant."

„Und datz Sie mich auf kurze Zeit mit Ihrem göttlichen Ge­sänge ergötzen."

„Wie kann ich das, Herr Leutnant! Es ist unmöglich. In dieser seelischen Verfassung, in solcher Stimmung, angesichts des Todes soll ich singen? Nimmermehr!"

„Sie werden es dennoch tun,“ versetzte der Leutnant zu­versichtlich.

„Natürlich, wenn Sie mich dazu zwingen."

„O nein! Von Zwang kann keine Rede fein. Sie werden freiwillig fingen."

„Ich verstehe nicht," erwiderte der Sänger. „Ich habe doch eben gesagt, datz es mir unmöglich ist, in meiner gegenwärtigen Lage . . ."

„Auch dann nicht, wenn ich Sie von der Sichel der Guillo­tine rette?"

„Wäre es möglich! Sie wollten mich . . ."

„Vom sicheren Tode retten."

„Und das steht in Ihrer Macht?"

„Tas wohl nicht, aber ich werde es versuchen. Mein Plan ist gefaßt, die nötigen Vorbereitungen, die ein Gelingen mög­lich machen, sind bereits getroffen."

Der Sänger schnellte von seinem Sitze auf, er stürzte aus den Leutnant zu und ergriff seine Hand, die er herzlich drückte. Dann stellte er sich in Positur und saug die berühmte Arie aus der „Zauberflöte", so herrlich und so schön, wie er sie nie in seinem Leben gesungen. Und das war nicht verwunderlich. Sang er doch für seine Rettung, für sein junges Leben!

Das ging so drei Nächte fort. Der Leutnant wurde nach dieser Zeit wieder abgelöst und Earat konnte drei Nächte lang ungestört der Ruhe pffegen. In der darauffolgenden vierten Nacht wurde Earat abermals zu dem Leutnant gerufen.

„Heute ist es das letzte Mal, datz ich mich an Ihren Ionen erfreue." sprach gerührt der Offfzier. „Ihr Tod ist beschlossen. Hier sehen Sie die Liste." Damit deutete er auf Karats Namen, lwr sich in blutroter Schrift — dir Revolution schrieb nur mtt Mut — von dem gelben Papier der Liste unheilverkündend ab­hob. „Halten Sie sich daher bereit und gehorchen Sie jedem Winke ohne Widerrede. Sprechen Sie kein Wort."

Earat sang zum Abschied noch ein tiefgefühltes, minder-