Zwei Jahre der Fremde und der Arbeit, schwerer, gefahrvoller Arbeit brauchte Harm Dierffen noch in seiner kraftvollen Bauernnatur, um zähen Sinnes sein Inneres wieder aufzu- bauen. Dann kaufte er, als er gehört, daß die, die rn Trümmer schlug, längst eines andern Weib geworden und glücklich war auf ihre Weise, doch eines Tages daheim ein einsam gelegenes kleines Gehöft, weil seine Sehnsucht nach der Heimat scheintot, doch nimmer gestorben war, und holte die alte Frau, die nie genau erfahren hat, was ihm sein Jugend- glück zerschlagen, zu sich, damit sie's gut haben und gleichzeitig in seiner Wirtschaft ein bischen zum Rechten sehen sollte.
Doch als sie einstmals davon ansing, daß sie baß Alter Plage und eine junge Frau ins Haus gehöre, baß mehr als eine da sei, die gern fiter einziehen würde, da schüttelte Harm Dierffen — obschon die kraftvolle Heimatluft ihm längst, was k'..mk war, vom Gesicht geweht — mit einem eigenen Lächeln den blonden Heidjerkopf. Mit einem Lächeln, das die alte Frau sich nicht zu deuten wußte, und das sie dennoch scheu verstummen li"ß.
Der Barackenwahnsinn.
Militärische Skizze von Hans Schmidt-Kestner.
Barackenwahnsinn? Was ist das? — So fragt jeder, der nicht einmal von ihm beseffen war, dem Kundigen aber legt sich ein freudiges Schmunzeln um die Lippen, wie es angenehme Erinnerungen hervorzurufen pflegen. Barackenwahnsinn! — Er gehört zu der Spezies von Erkrankungen der menschlichen Psyche, welche durch Bazillen hervorgerufen werden. Ter Bazillus des Barackeuwahnsinus ist selbstverständlich — de
rackenbaziüus . . .
Unter Baracke versteht man im Allgemeinen ein nm deutungsweise verfertigtes Gebäude von geringem Umfang und gewöhnlich nur einem Stockwerk. Mancher entsinnt sich, bei einem Krankenhaus von Baracken für gewisse Leidende gehört zu haben, — auch, daß es ganze Heilstätten gibt, die nach dem Barackensystem gebaut sind. Mancher Bazillus mag ja gerade da sein unheimliches Wesen treiben, — der Barackenbazillus ist es nicht! Er ist ein Privileg des Soldatenlebens!
Wie das viel Besonderes hat, z. B. auch das eigene Parfum, „Mnsketiu" genannt, so besitzt es auch seine eigenen Bazillen: da ist der Paradebazillus, welcher den Mannschaften die Augen weitet, und den Beinen unerhörten Schwung verleiht, da ist der Besichtigungsbazillus, welcher ganze Kasernen in Aufregung versetzt und vom Musketier aufwärts bis zu Generälen die anatomisch für richtig zu haltende Lage des Herzens verändert, zum Teil so stark, daß es schließlich in einem Bekleidungsstück aufzufinden sein soll, welches man auch beim Militär ,Ä>ofe" nennt. Gegen diese unangenehme Mikrobe bleibt für gewöhnlich allein der junge Leutnant immun, soweit eine stark entwickelte Epidermis, — zu Deutsch: ein dickes Fell — schützen kann. Er weiß es selten, daß auch an ihm bereits die ersten kleinen Feinde nagen, welche zu ihrer Lebensaufgabe die Vernichtung der Nerven haben. Darum nährt er um so froher bei sich die kleinen Götter des Leichtsinns und der Freude, — darum lebt für ihn allein der Bazillus, welcher zum Barackenwahnsinn führt.
Die Baracke, aus der Ferne betrachtet, bedeutet ihm den Inbegriff alles Scheußlichen. Sie gehört in die Periode des unangenehmsten und reichlichsten Dienstes, nämlich des Exerzierens in den großen Verbänden. Häßlich steht sie da in Erinnerung und in Zukunftsahnung: von Wellblech dem einen, dem anderen in schmutzigem Fachwerkbau mit ausgetretenen Holzstiegen, mit primitiven Kammern, deren Komfort in der Hauptsache aus einem harten Bett, einem Tischchen, zwei Stühlen und einer Waschschüssel besteht, die daheim in der Garnison gerade zum Trinkgeschirr für den edlen Dobermann reichen würde. Mit großen Vorurteilen packt der Leutnant seine Koffer, wenn's in die Baracken geht, — mit einem erleichterten Aufatmen trennt er sich eines Tages von ihnen, um in das Manöver hinauszuziehen. Dafür rächt sich nun die vielgeschmähte, die Baracke! Dafür hat sie ihren Bazillus bereit! Schon in der ersten Nacht nach der Ankunft, wenn das Regiment zum ersten Mal im großen Kasino mit fremden Kameraden zusammengetroffen ist, wenn die Herren der Bri- gabe-Reginrenter heute noch höchst offiziell sich begrüßt und zugetrunken haben, jeder darauf bedacht, zu zeigen, daß Ritterlichkeit und Vornehmheit in seinem Truppenteil zu Hause, und auch wohl nicht abgeneigt, zu konstatieren, daß die Erziehung bei denen vom anderen Regiment nicht so sehr weil her sei, — schon in dieser Nacht greift der Barackenbazilluö an! Findet er den Nährboden einigermaßen gut vorbereitet, wozu nichts als das Vorhandensein von recht viel knabenhafter Früh, lichkeit gehört, so siegt er! „Im Manne steckt das Kind, und das will spielen!" meint Nietzsche. Wenn aber der Soldat ein rechter Mann ist, wenn von alten Zeiten her der
(Nachdruck verboten.)
Krieger das größte Teil der Männlichkeit gepachtet hat, so muß er sich auch wohl am meisten Kindlichkeit bewahrt haben, auch wenn er schon zu mancher Würde kam. Und die Würde eines jungen Leutnants ist zwar ungeheuer, aber sie ist so freundlich, sich im gewünschten Augenblicke vergessen zu lassen. Darum dauert es nur wenige Tage, so ist der „gesamte Leutnant" eines Barackenlagers total infiziert und rettungslos dem Baracken- wahnsinn verfallen! Mit stiller Freude bemerkt es der Ka- sino-Oekonom, dessen Umsatz sich täglich, stündlich steigert. Mit geheimem Entsetzen beobachten eß die höheren Vorgesetzten, wenn nicht einer unter ihnen ist, der bei grauem Haar sich auch noch so viel goldenen Kindersinn gerettet hak, daß er bereit ist, sich im gegebenen Moment der jungen Bande anzuschließen. Indessen — der Wahnsinn ist da!
Ein Abend ist gekommen. Im großen Eßsaal sitzen noch die alten Herren und besprechen bei einem Glase Wein die KriegS- ereigniffe. Aus den Nebenräumen schallt Musik. Da sitzt ein begabter Offizier am Instrument und spielt. Ei» anderer singt ein Couplet. Dem folgt ein Walzer, welcher alle Anwesenden in stilvollem Wirbel dreht. Dann, vom Augenblick eingegeben, schreitet daS Programm fort: zwei akrvbatenhaft geschickte Herren tanzen Nationaltänze solo. Ein Dritter macht sich mit Hilfe von Tischtüchern und Billardqueues zu einem Serpentintanz fertig. Humoristische Vorträge mit oft „einschlagenden" Witzen lasten die Stimmung derartig anwachse», baß die griesgrämigen Alten nebenan die Zeit für gekommen halten, sich zu drücken. Nur der Jugendliche im grauen Haar kommt zur Hintertür wieder herein, und jetzt geht er dahin, wo der Lärm ist und wo ihu laute Zurufe begrüßen.
Aber dies alles ist nur die Vorarbeit des gefährlichen Bazillus. Sie schafft nur die Stimmung für daö, waS kommen soll.
Ein paar Leutnants, am besten zwei gute Freunde von turnerischer Geschicklichkeit, von Energie, Kraft, Mut und einer guten Portion Erbarmungslvsigkeit, haben sich hinauSge- schliche». Auf dunklen Pfaden wandeln sie durch daS stille Lager, dunkel, weil sie alle Laternen ausmachen. Sie kommen zur ersten Offiztersbaracke. In der liegt der Oberst. Sie hat Frieden. Aber die zweite, die wird ihr Schicksal treffen. Leise wie die Diebe nähern sich die beiden Nachtwandler den Fenstern deö unteren Stockwerks. Die meisten sind geöffnet. Mit kühnem Schwünge geht es hinein. Drin wird mit „affenartiger Geschwindigkeit" das Unterste zu oberst gekehrt. Das Bett erhält für gewöhnlich aufrechte Stellung gegen die Tür, sodaß sie ein Hereinkommen unmöglich macht. Oben auf daS Bett kommt die Fußbadewanne, mit Wasser gefüllt. Was sonst im Zimmer ist, wird verwüstet und so versteckt, daß es stundenlanger Arbeft bedarf, um eine leidliche Ordnung wieder herzustellen. Das Wasserbad, welches beim Eindrücken der Tür die herunterfallende Badewanne im Zimmer verursachen wird, erfüllt schon jetzt die beiden „Arbeiter" mit unheimlicher Freude. So geht es durch daö ganze untere Stockiverk. Dann heißt es, dem oberen daS Gleiche auzutun. Eine Barriere der nahen Reitbahn wird herbetgeschleppt und an daS HauS gelehnt. Einer klettert hinauf, und oben beginnt dasselbe Zerstörungswerk. So geht es durch drei oder vier Baracken. Tie Arbeit, welche die zwei jungen Männern heute Nacht leisten, ist unheimlich. Nie würden sie sich um eine andere Sache derartig anstrengen! Endlich find sie fertig und bergen sich keuchend im Gebüsch der Anlagen, oder auch, noch niederträchtiger, sie suchen wieder das Kasino auf und amüsieren sich schon jetzt über ihre Opfer, die sich nichtsahnend über anzügliche