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und hat über vierzehn Tage besinnungslos, in schweren Fie- | bcrphantasien gelegen. Seit acht Tagen geht es leidlich, aber —" seine Stirn zog sich in unmutige Falte» — „im ganzen macht die Besserung zu langsame Fortschritte. Ich weih nicht, woran cs liegt. Das Fieber ist fast ganz gewichen: höchstens des abends tritt etwas erhöhte Temperatur ein. Danach müßte der Zustand des Patienten viel befriedigender sein."
Er hielt einen Moment inne. Dann traf ein prüfender Blick Maries blasses Gesicht. Er fuhr fort:
„Die Hauptsache ist, dah es uns nicht gelingt, den Kranken aus seiner Apathie hcrauszureitzen. Die Energie fehlt, die Energie znm Leben, ohne die wir Aerzte nichts fertig bringen können."
„Und was glauben Sie, Herr Doktor, was man gegen diesen Zustand tun kann?" warf Marie schüchtern ein.
Dr. Holm zuckte die Achseln.
„Gnädige Frau, das frage ich mich täglich selbst. Mau versucht ja allerhand, aber waS das Richtige ist, das ist schwer zu sagen. Jedenfalls müssen wir sehen, daß irgend etwas geschieht, um den Kranken aufzurütteln." Sich etwas vorbeugend, nahm seine Stimme einen fast feierlichen Klang an: „Ich weiß nicht, gnädige Frau, welche Beweggründe Tie hierher- geführt. Aber nach der Erklärung, die Sie mir eben gaben, darf ich wohl annehmen, daß Sie sich trotz allem um den Kranken sorgen." Und als Marie zustimmend den Kopf neigte, sprach er weiter: „So will ich Ihnen offen meine Meinung sagen. Ich habe Professor Held, der sich mir nie als Ehemann zu erkennen gab, vor einigen Tagen gefragt, ob er nicht wünsche, daß ich einen seiner Verwandten oder Freunde an sein Lager rufen sollte. Er hat es entschieden, fast brüsk abgelehnt. Ich selbst hielt es aber für so unbedingt notwendig, daß irgend welche Einwirkung von außen auf ihn ausgeübt wurde, daß ich mich zu jener Zeitungsnotiz entschloß Es wird doch irgend wen geben, so sagte ich mir, der davon Kenntnis nehmen und sich veranlaßt sehen wird, sich nach dem Kranken umzusehen. Ihr Hierherkommen hat mir bewiesen, daß meine Vermutung eine richtige war. Wir muffen alles tun, um dem Patienten neuen Lebensmut beizubringen, sonst —" er stockte —
„Sonst?" wiederholte Marie leise.
„Sonst kann ihm Schlimmeres widerfahren, als zu sterben. Er kann in Schwermut verfallen und es gibt Fälle — verzeihen Sie gnädige Fran —" unterbrach er sich — „wenn ich so unumwunden meine Meinung sage. Es klingt rücksichtslos, aber es muß sein. Als Arzt und Mensch darf ich nichts unversucht laffen. ein mir anvertrantes Leben zu retten, und wenn man gerade aufs Ziel losgeht, so erreicht man nach meinem Ermessen am meisten."
Marie saß still, in sich zusammengesunken da.
„Herr Doktor," sagte sie endlich mit verschleierter Stimme, die ihre Erregung erkennen ließ. „Ich kann Ihnen nur für Ihre Offenheit danken. Ich bin ja auch nur hierher gekommen, um klar zu sehen. Was Sie mir eben sagten, läßt mich jedoch daran zweifeln, ob ich die geeignete Persönlichkeit bin, um den Lebensmut des Kranken zu heben. Dazu" — zögernd kam das Geständnis von ihren Lippen — „dazu habe ich ihm in gesunden Tagen zu wenig bedeutet. Aber ich füge mich jedenfalls ganz Ihren Wünschen. Wenn Sie denken, daß meine Gegenwart von Nutzen sein kann, so sagen Sie mir bitte, was ich tun soll."
Dr. Holm blickte sie freundlich an.
„Gnädige Frau, wir wollen ein Bündnis schließen, ein Bündnis, um alles daran zu setzen, daß ein tüchtiger Mensch dem Leben erhalten wird." Dann fuhr er nach kurzem Ueber- legen fort: „Ich halte es für das Beste, Sie treten ohne jede Vorbereitung an fein Bett" Und als Marie thn erschreckt ansah, rief er: „Nein, nein, sürchten Tic nichts: es liegt absolut keine momentane Gefahr vor, und ich halte eine kleine Seelenerschütterung für ganz angebracht. Ich bin eben bei ihm gewesen. Die Pflegerin, übrigens eine sehr tüchtige Person, sagte mir, die Nacht sei leidlich gewesen. Aber — die alte Geschichte — er spricht ga* nicht und geht auf keine Anregung ihrerseits ein Hoffen wir, daß das Ihnen besser gelingen wird."
Maries Lippen zuckten in verhaltenem Weh. „Ick fürchte, Sie überschätzen mich, Herr Doktor. Aber ich will alles, alles tun, was Sie mir sagen. Kann ich jetzt gleich zu ihm?"
„Nein. Dazu sind Sie mir selbst nicht ruhig genug. Ich sehe, die Unterredung hat Sie angegriffen." Dr. Holm sah die junge Frau gütig an. „Es ist besser, Sie ruhen sich erst ein wenig ans. Kommen Sie am Nachmittag wieder her: so gegen 3 Uhr. Unser Patient schläft meist ein wenig nach der Mahlzeit. Ich denke, das wäre der geeignetste Zeitpunkt."
Marie stand auf, um sich zu verabschieden. Sie fühlte selbst, daß sie sich erst sammeln mußte.
„Also um 3 Uhr. lind geben Sie mir sonst noch welche Maßregeln?"
„Ich halte es nicht für nötig. Und dann — ich kenne Ihren Herrn Gemahl erst seit vier Wochen: Sie — sind feine Fran. Ich denke, Sic werden es besser als ich verstehen, mit ihm den richtigen Ton zu treffen."
Noch immer zögerte Marie.
„Sie übersehen dabei eins, Herr Doktor: nämlich, dah mein Mann und ich uns gZetrennt haben. Das geschieht wohl nicht, wenn man sich gegenseitig versteht."
Dr. Holm nickte zustimmend. Dann erwiderte er ernst:
„Ihr Hiersein, gnädige Frau, ist mir ein Beweis dafür, daß Sie fick Ihrem Manne doch noch zugehörig fühlen. Das sagt mir genug und gibt mir die feste Hoffnung, daß Ihr Besuch dem Kranken nützen wird."
7. Kapitel.
M>k dem Glvckenschlage drei betrat Marie wieder das Krankenhaus. Dr. Holm, der sie erwartete, sührte sie selbst nach dem Zimmer, in dem Professor Held lag. Auf fein Klopsen erschien nach wenigen Sekunden eine nicht mehr ganz junge, sympathisch anssehende Schwester im Rahmen der Tür.
„Ich bringe Ihnen Frau Professor Held, Schwester Anna," sagte der Arzt leise. Ans seinem Ton konnte Marie entnehmen, daß er mit der Pflegerin bereits von ihr gesprochen.
Tie Schwester verneigte sich höflich vor Marte.
„Der Herr Professor schläft seit einer Stunde," flüsterte sie.
„Das ist mir sehr lieb. Gehen Sie nur hinein, gnädige Frau, und setzen Sie sich ruhig an sein Rett. Das Weitere wird sich schon finden." Dabei streckte der Arzt, sich verabschiedend, Marie die Hand hin.
„Herr Doktor —" ängstlich hielt sie ihn zurück — „w>e lange darf ich bei dem Patienten bleiben?"
„Das werden wir sehen. In einer halben Stunde komme ich zu Ihnen. Also — Kopf hoch und guten Mut." Und ihr nochmals zunickend, ging er davon.
Marie trat mit der Schwester ins Zimmer. Es war ein heller, zweifenstriger Raum, nüchtern in der Ausstattung, wie alle Krankenzimmer, aber, wie Marie gleich sehen konnte, von peinlicher Sauberkeit. An der rechten Längswanb stand bas Bett. Langsam, zagenden Sckinttes, trat sie heran.
Heinrich Held lag auf dem Rücken. Die Brust hob und senkte sich in tiefen, regelmäßigen Atemzügen. Das bleiche, an den Schläfen eingefallene Antlitz trug deutliche Spuren der überstandenen Krankheit. Die rechte Hand, die auf der Bettdecke lag und sich ab und zu unruhig bewegte, war mager und durchsichtig, die Hand eines leidenden, nervösen Menschen.
Marie stand vor dem Lager und sah ans den Schlafenden herab. Die Gefühle, die auf sie einstürmten, ließen sie Gegenwart und Umgebung vergessen. Erst alS die Schwester sie zart am Arm berührte, fuhr sie sich mit der Hand über die feuchten Augen und trat in die Mitte des Zimmers.
„Gnädige Frau, ich lasse Sie jetzt allein. Der Herr Doktor hat es so angeordnet. Tollten Sie mich brauchen, so bedarf es nur eines Druckes auf den elektrischen Knopf. Ich bin dann sofort zur Stelle."
Marie nickte. Dann reichte sie der Pflegerin die Hand
„Ich danke Ihnen, Schwester Anna: auch dafür, daß Sie, wie mir Dr. Holm sagte, meinen Mann so umsichtig gepflegt."
„Ich tat nur meine Pflicht, gnädig« Fran," erwiderte die Schwester freundlich und verließ bas Zimmer.
<v»rtf«tzung folgt.)