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ritterliche Art dcS alten Herrn. Unbewußt entschlüpfte ihr dabei ein leichter Seufzer.

Darf ich fragen, gnädige Frau, woran Sie eben dachten/ fragte ihr Nachbar, dem ihr Seufzer nicht entgangen.

Auf Maries Gesicht ruhte ein Schatten.

Ach," erwiderte sie, war wirklich nichts von Belangs Oh,' verzeihen Sie, wenn meine Frage indiskret war' Durchaus nicht, Herr Doktor. Sie dürfen mich nicht miß­verstehen. Es ging mir nur im Augenblick durch den Kopf, wieviel besser die Menschen miteinander auskommen wurden, wenn sie die äußeren Formen mehr wahrten.

Dr. Peter schüttelte leicht den Kopf.

Gnädige Frau, glauben Sie mir, das hat alles sein Für und Wider,- wie eben alles im Leben seine Kehrseite hat. Sehen Sie es ist ja waS sehr Schönes nm die sogenannte Rncksicht- nahme und Galanterie, und bis zu einem gewissen Grade sind sie in jedem Gebildeten eigen, aber im wirklich intimen Zu­sammenleben sind sie doch etwas Unnatürliches, etwas uns von der Zivilisation AufgczwnngeneS. Da, wo dir Form sich benicrkbar macht, da setzt immer das Fremde ein: daher ht sie z B in der Familie, besonders in der Ehe, nur soweit denk­bar. daß sie von den Beteiligten unbewußt ansgeübt wird. Die Form im Verkehr sich Nahestehender ist immer ein Zwang, und da, wo sie zu stark hervortritt, kann man überzeugt sein, daß zwischen den sic Beobachtenden irgend eine Schranke auf­gerichtet ist"

ES liegt wohl viel Wahres in Ihrer Behauptung," ent­gegnete Marie nachdenklich. Sie mußte an die Jahre ihrer Ehe denken. War es da nicht so gewesen? Machten beide ihr Eherccht geltend, dann gab es Stunden, wo Leidenschaft und Zorn jede Rücksichtnahme ausschlosscn: oder aber, sie lebten in höflicher Gleichgiltigkeit nebeneinander hin.

Tr. Peter sah den gegnälten Ausdruck in ihrem Gesicht, der unbewußt ihre Gedanken widerspiegelte, und bereute fast, auf das Thema einacgangen zu sein. Die junge Frau interes­sierte ihn. Sie hatte trotz ihres Ernstes eine so junge, fast kindliche Art, sich zu geben, wie sie ihm bei Frauen seines Kreises noch nicht begegnet war. Dabei wußte er nicht, woran er mit ihr war Man hatte sie ihm als Frau eines Profesiors vorgcstellt: wo war aber ihr Mann? Weilte sie nur zu Be­such hier oder war sie am Ende Witwe und hatte ihr Heim bei den Verwandten ausgeschlagen? Es hätte ja nur einer Frage bedurft, um Auskunft zu erhalten. Aber eine ihm selbst un­erklärliche Scheu vor den ernsten, ausdrucksvollen Augen, die er als überflüssige Neugierde deutete, hielt Ihn davon ab. Jedenfalls aber schien das letztgeführte Gespräch irgend welche unangenehme Empfindungen in ihr wachgeruscn zu haben, und er beeilte sich, diesen Eindruck zu verwischen. Leichten Tones fing er ein harmloses Gespräch an und hatte bald die Genugtuung, zu sehen, daß die Wolken, die Maries Stirn be­schatteten, sich verzogen hatten.

Als die Tafel aufgehoben wurde, blieb die Gesellschaft noch einige Zeit beisammen. Die älteren Herrschaften setzten sich an den WhiMsch, während die jüngeren Elemente plaudernd beisammen saßen. Marie gesellte sich zu Emma und hörte ge­duldig mit an, wie diese sich über alle möglichen Aergernissc und Mißstände im Hause und in der Familie verbreitete. Die Herren waren bald in ein politisches Gespräch verwickelt, jeder seine Ansicht eifrig verfechtend, ohne sein Gegenüber zu über­zeugen.

Der Landgerichtsrat war der erste, der aufbrach. Er fürch­tete, durch spätes Nachhausekommcn die Ruhe seiner Frau zu stören. Marie verabschiedete sich gleichzeitig mit ihm, um in seiner Begleitung ihre Wohnung zu erreichen. Im Wagen besprachen sie noch einmal, von froher Hoffnung erfüllt, die be­vorstehende Reise Helenens und Maries Ueversiedelung nach der Villa.

Als Marie ihr Zimmer in der Pension aussuchte, und, sich langsam entkleidend, zu Bett begab, da fiel ihr wieder das Gespräch mit Dr. Pet-r ein. Wie hatte er gesagt? Die Form im Verkehr sich Nahestehender ist immer ein Zwang, und da, wo sie zu stark hervortritt, darf man überzeugt sein, daß zwi­schen den sie Rcobachtcuden eine Schranke anfgerichtet ist. Ja, so war es auch. Ihr Mann hatte die Schranke zwischen ihnen > aufgerichtet und sie was hatte sie getan? Beim ersten Moment des Wiedersehens, wo die Schranke gefallen war, wo ! er ihr schroff und rücksichtslos begegnet, da hatte sie alles von

Frage ihr zu und machte dem sich immer schärfer zuspitzcnden | i @e'OTarie Held unterhielt sich mit ihrem Tischherrn sehr an­geregt Dr? Peter sprach von dem großen Gegensatz, der zwi- chen den Deutschen des Westens und SiidcnS und denen des Nordens und Ostens besteht und ihm, bc. seinem Aufenthalt in Berlin, immer von neuem ins Auge siel. Jtoiti war ebenfalls Rheinländerin von Geburt, teilte aber s«ne An­sichten nicht ganz. Sie behauptete man könne dve Menschen nicht nach den Landstrichen spezialisieren. Jeder Mensch habe eine Individualität für sich und der äußere Einfluß käme doch erst in zweiter Linie in betrachtz *

Ich bin selbst ein schlagender Beweis dann, fugte ,u hinzuIch bin am Rhein geboren, bin mit Ausnahme weniger Wochen nie im Norden Deutschlands gewesen und doch fühle ich mich unter den Menschen hier nicht fremd, :a. ihre ernste, ruhige Art sagt mir fast mehr zu, alS die der Bewohner meiner Heimat."

Dann sind Sie eben eine Ausnahme, gnädige Frau, was bekanntlich die Regel nicht aushebt. Sie gestehen auch selvn zu, daß die Art Ihrer Landsleute nicht die Ihre ist, womit >->e unbewußt meinen Anschauungen veipflichten. Es 'lt ^ auch ganz natürlich, daß diese Gegensätze in Charakter und Wesen bestehen. Ist es nicht mehr als begreiflich, daß man bei uns am Rhein, an diesem blühenden, gottgesegneten Fleckchen Erde, das Leben anders ansiebt .als hier, in dieser trostloS sandigen Ebene, wo dem unfruchtbaren Boden mit Mubc und Not etwa-- abgewonnen werden kann. Sehen Sic sich vier einmal um. Dort, meist ein Bild gedeihlichen Fortkommens, ,a oft gciattig- ter Wohlhabenheit: hier überall Spuren von harter tzmt- behrung und Not, trotz rastloser Tätigkeit. Und glauben Sw mir, gnädige Frau, im Mittelstand ist cs auch nicht anders. Gewiß, gearbeitet und das Leben genossen wird überall: aber wir Kinder Gottes sind auch Kinder der Natur, und dort wo letztere mit ihrem unermeßlichen Reichtum nicht geizt, dor. sind auch die Menschen lebensfreudiger und heiterer.

Marie sah ihn lächelnd an.Jedenfalls scheinen Lic, Herr Doktor, zu diesen Bevorzugten zu gehören."

Tue ich auch," erwiderte er lustig.Wenigstens gehört eS zu meinen Lebensregeln, mir nicht, wie so viele, unnütz graue Haare wachsen zu laßen."

Latz man, mein Sohn," mischte sich die tiefe Stimme dcS Dr. Bodinghaus ein.Die grauen Haare kommen schon von selbst: danach wird man nicht gefragt, ob's einem paßt oder nicht." Dabei strich er sich mit humoristischer Gebärde den graumelierten Bart.Ich höre Euch da schon eine ganze Weile zu, wollte aber Euer gebildetes Gespräch nicht stören. Recht habt Ihr übrigens alle beide. Wer am Rhein lebt, den soll der Kuckuck holen, wenn er sich nicht seines Daseins freut. Dafür gibts dort zu guten Wein und zu hübsche Mädels, was aber meine Frau nicht hören darf. Im übrigen gibts hier wie dort lustige und grämliche Menschen: jedenfalls fühlen sich nicht alle Norddeutschen verpflichtet, Trübsal zu blasen, wie Figura zeigt. Aber nun paßt auf, Kinder, der Bizepapa räuspert gch. Gleich wird er den obligaten Toast auf die liebenswürdige Hausfrau halten."

Wirklich klopfte gleich darauf Oberst Werthern an sein Glas und erhob sich. Der alte martialisch aussehendc Herr, der seit seiner vor einigen Jahren stattgefundeneu Pensionierung in Berlin lebte, verkehrte sehr viel im Hause der Medizinal- rätin mit der ihn langjährige, in die Jugendzeit zurückrei- chcnde Freundschaft verband. Dr. Bodinghaus, der das Necken nicht lasten konnte, nannte ihn im Vertrauen den Vizepapa, trotz energischen Leugnens seiner Mutter bei der Behauptung beharrend, daß der einst flotte, aber wenig bemittelte Offizier ein Nebenbuhler seines Vaterö gewesen sein müsse. Mochte er­übrigens mit dieser Vermutung ins Schwarze getroffen haben ober nicht, jedenfalls ließ sich nicht leugnen, daß Oberst Wcr- thern seiner Jugendfreundin eine unbegrenzte Verehrung entgegenbrachte, und es nie versäumte, an den Familienaben­den in schwungvoller Rede, die sich aber durch militärische Kürze auszeichnete, die vielen guten Eigenschaften der Gastgeberin zu feiern.

Hell klangen die Gläser aneinander, als der Oberst zu Ende gesprochen. Die Medizinalrätin streckte ihm herzlich die Hand entgegen, die er ehrerbietig an die Lippen führte. Marie, heute zum ersten Male anwesend, beobachtete mit Jntercstc die