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Blutend, halb erstickt von dem niedcrwehenden Sande, ein­gekeilt, zwischen Wand und Felsen fühlte er den Tod heran- kriechen, der ihn dem in die Hand gab, den er höhnend ver­spottet. --V----

Im Dorfe läutete die Sturmglocke.

Mit Hacken und Spaten eilten die Männer herbei, nm das von der Lawine verschüttete Hüttli zn retten, wo noch immer wimmerndes Aechzen aus Schutt und Trümmern hervorklang.

Die Dörfler glaubten, Liseli- Stimme riefe sie, und wie die Löwen kämpften sie mit dem Wlldbach, der zischend und brüllend seine graugelben Fluten über die Unglücksstätte fegte, Als sie den Bach in ein neues Bett gezwungen, war das Ru­fen verstummt. Mit Karl Römers Leiche tosten die wilden Waffer zutal.

Liseli aber fand man aufrecht im Gebälk stehend, wie in einem Felsengrabe, auf der weißen Stirn die klaffende Wunde.

„Sie hat einen leichten Tod gehabt," sagten die Männer tröstend zu Harthuber, der eben aus dem Dienste entlassen, herbeigestürmt kam.

„Sie ist nicht tot, sie kann nicht tot sein!" schrie Liselis Gatte, während er sich wie ein Verzweifelnder über den leb­losen Körper seines Weibes warf. An seiner Brust bettete er das bleiche Köpfchen, das wie eine geknickte Blume an sein Herz sank. So trug er sie hinab in das Dorf, ohne einen Blick, einen Gedanken für seine vernichtete Habe.---

„Das Unglück hat ihm den Verstand verrückt," sagten mit­leidig die Bauern, als er verlangte, daß aus der Stadt ein

Doktor geholt werden sollte, und wie unter den Wieder­belebungsversuchen des Arztes die Betäubte wirklich die Augen ausschlug, da waren sie überzeugt, daß die heilige Gottesmutter ein Wunder getan.

Nie war das kleine Kirchlein am VergeShang so überfüllt gewesen, wie an dem Tage, wo Liseli zum ersten Male mit ihrem Manne wieder zur Messe ging.

Eng umschlungen wanderten die beiden nach der heiligen Feier dem Wildheuerhüttlt -u, wo sie einen Unterschlupf ge­funden.

Mit bebender Stimme gestand Liseli ihrem Mann, waS sie so lange in schweigender Angst mit sich hcrumgctragen. Er nahm die zitternde Frau noch fester in seine Arme.

„Habs immer gefühlt, daß clwaS nicht ganz klar war zwi­schen Dir und mir," antwortete er mit einem tiefen Atemzuge. „Weshalb hast Du nicht längst zu mir von dem Karl Römer geredet?"

„Ich dachte, Du würdest mich nicht mehr mögen, wenn Du wüßtest, daß mich vor Dir schon ein Anderer geküßt."

Mit schinerzlichern Vorwurf sah er in Liselis bang z« ihm aufflehenden Augen.

„Mann und Weib sollen »immer etwas voreinander geheim halten," sagte er ernst. „DaS wird sonst wie 'ne dunkle Mauer, die ein Schatten wirft über das Glück. Gott sei Tank, daß bei uns die dunkle Mauer in der Sturmnacht gefallen. Besser das Haus verlieren wir das Glück."'

Der rote

Faschingshumoreske

Die Straßenbahn hielt am Neumarkt. Ein stattlicher, noch junger Mann stieg auf, nickte dem Schaffner, der zum Gruß die Hand an die Mütze legte, freundlich zu, und trat in das Innere des Wagens.

Blitzschnell Umschau haltend, sah er, daß die beiden jungen Mädchen, mit denen er täglich eine Strecke weit zusammen­fuhr, schon da waren. Auch den freien Platz ihnen gegenüber bemerkte er gleich und schritt rasch auf denselben zu. Wie im­mer, — so oft der unberechenbare Schalk Zufall so wohlwollend war, ihm diesen Platz zu reservieren.

Die Mädchen beachteten indes sein Kommen garnicht. Un­bekümmert setzten sie ein anscheinend schon länger geführtes Gespräch fort, ziemlich laut, sodaß der interessiert Zuhörende jedes Wort verstand.

„Wahrhaftig," sagte eben die Kleinere, eine rundliche Blon­dine, beteuernd: „Ich weiß genau, baß er auf den Maskenball voiS „Liederkranz" kommen will. Und nur Deinetwegen! . . . Ich weiß übrigens noch mehr: daß er einen feuerroten Domino tragen wird. Seine Schwester hats mir verraten. Also weißt Du Bescheid, wenn heute abend Dich, stolze Earmcn, — gelt, Du gehst ja im Kostüm einer glutäugigen Tochter Hispaniens? — ein roter Domino unermüdlich umflattert, wer darin steckt. Und danke ihm endlich mal sein treues Werben nicht mehr durch so spröde Ablehnung wie bisher ... Ich begreife über­haupt nicht, warum Du so bist. Was hast Du an ihm auszu- sctzen? Ist er nicht ein ansehnlicher, ehrenhafter Mensch? Eine gute Partie obendrein . . Und liebt Dich leidenschaftlich . . . Herz, was begehrst Du uoch! Also sei verständig und wenn er heute abend das berühmte ernste Wort spricht, die bedeutungs­schwere Frage tut, dann nicht lange gefackelt, sondern ihm unter hellem Erröten zugelispelt: „Ewig Dein!"

Ernst Hildrich hörte mit immer wachsenderem Unbehagen, steigender Entrüstung dem Plappermund zu, der da so unbe­kümmert solche in seinen Augen einfach verbrecherischen Rat­schläge gab.

Mit angstvoller Spannung beobachtete er, indem er den Anschein zu erwecken suchte, als schaue er interessiert zwischen den Köpfen der beiden Mädchen hindurch auf die Straße, die hübsche Dunkelhaarige, um zu ergründen, wie sie das Gehörte aufnahm.

Ihr Mienenspiel wechselte fortwährend. Bald schien es, als grübele sie ernsthaft über die Worte der Freundin nach, bald zuckte ein schelmisches Lächeln um den reizend geformten Mund. Ein paarmal öffnete sie auch zu einer Erwiderung die Lippen, schloß sie aber sofort wieder nach einem, wie der Be­obachter mit süßem Schreck konstatierte, scheuen Blick in das Männerantlitz ihr gegenüber.

Domino.

von Emma Ketiner. (Nachdruck verboten.)

Al« die Blonde jetzt eine Pause machte, warf sie zögernd und wie es Hildrich schien, mit einem leisen Seufzer ein: „Du sprichst gerade wie meine Mutter, sie predigt mir auch immer, wie töricht ich sei. Und sie wird auch heute abend wohl nicht mit Ermahnungen kargen ..."

„Und erst beruhigt sein, wenn sie Dich am Arm eine« ge- wissen Dominos steht, denn sie weiß auch, wer sich darunter verbirgt," ergänzte die andere lachend und erhob sich. „Aber da bin ich ja schon am Ziel . . . Also nochmals, liebe Heda, viel Vergnügen für heute abend. Und beherzige meine Ratschläge . . Und wenn«eine Hochzeit daraus entsteht, werde ich Braut» jnngfer und kriege den nettesten Herrn, gelt?"

Kichernd enteilte sie. Die Dunkle errötete tief und schaute verwirrt vor sich hin. Sie hatte den Blick aufgefangen, mit dem ihr Gegenüber sie ansah....

Unnennbare Gefühle durchtobten Ernst HildrichS Brrtst. Sein Herz pochte in heftiger. Erregung. Die erlauschten Worte zitterten bang und dumpf in seinem Innern nach. ES war ihm, als müsse er die Hände der jetzt still Sinnenden stürmisch erfassen und ihr zurufen: „Höre nicht auf den Rat deiner Freundin, Holde, Süße Du! Schaue selbst nach Deinem Glück aus! Und weißt Du nicht, wo es schüchtern Deiner hart? Fühlst Du nicht, wie heißt ich Dich liebe, wie ich mich in Sehnsucht nach Dir verzehre?"

Aber keins dieser leidenschaftlichen Worte ward laut. Nur die beiden Augenpaare suchten sich und redeten jetzt miteinander — die alte und doch immer neue Sprache junger kaum erblüh­ter Liebe, ersten Sichfindeng zweier Herzen ... G

Seit langen Wochen fuhren sie jeden Morgen diese Strecke der Straßenbahn miteinander, Ernst Hildrich und die beiden jungen Mädchen. Ans ihren Gesprächen hatte er entnehmen können, daß sie im Kontor zweier Favrikgcschäfte angestcllt waren. Daß sie gnterzogen und gesittet seien, sagte ihm ihr Be­nehmen und Wesen. Welche ihm am besten gefiel von den beiden, darüber war er sich schon beim ersten Sehen einig. Er wußte sogar schon nach wenig Begegnungen ganz genau, daß er sein Herz an das hübsche brannhaarige Mädchen mit dem sonnigen Lächeln und tiefen, warmen Blick verloren hatte.

Aber dabei blieb es bis heute. Denn Hildrich besaß keine große Erfahrung im Verkehr mit jungen Damen und — wa» noch hinderlicher ist zur Anknüpfung zarter Beziehungen, — er war dem Geschlecht gegenüber, daS man, oft nicht ganz mit Recht, bas schwächere zu nennen pflegt, seltsam schüchtern »«b linkisch, besaß nicht den kecken Wagemut derer, die frank und frei nach den Blümlein haschen, die ihnen am Wege erblüh«.

Und euch jetzt, da er an der heißen Sehnsucht, mti bet er jeden Tag sich auf das so kurze und eigentlich so inhaltlose