wenn noch größere Trauer sich über ihre schönen Züge legte, . -ich habe in schwerer Schule gelernt, für andere zu lebend
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Ein seltsamer Zwiespalt war in LeonieS Seele, sie teilte ihre Gedanken zwischen Hart und ihrer Nachbarin. Hart sah sie täglich, wenn er vorüberritt, und er grüßte nicht mehr nur, wie früher, mit der Peitsche und der Kappe — ein leuchtender, bewundernder und sieghafter Blick flog meist zu der jungen Frau hinauf.
Leonie redete sich ein, die Sache sei ja so harmlos! Eine Verehrung seitens eines interessanten ManneS. Daß sie diese Verehrung duldete, ja, — durch Stillschweigen ermunterte, hielt sie für ganz gefahrlos und für ihr gutes Recht. Weshalb hatte Konrad versäumt, der werbende Liebhaber zn bleiben!
Und ihr und Hart unbewußt, sahen zwei ernste, kluge Frauenaugen dieses „Spiel mit dem Feuer", Josephine Wel- king, die in dem einsamen Hause der Pflege ihres totkranken SohneS lebte. Die Pflege war nicht leicht. Herbert war rauh und verbittert, ungeduldig und unfügsam, eine Herrcnnatiir, die gegen den grimmen Feind, der sie gepackt hatte und nicht und nimmermehr loslassen wollte, in fortwährendem Kampfe lag und der oft in übler Laune seine Umgebung entgelten ließ, was er an Schmerzen zu leiden hatte. Aber wenn der Krankenpfleger, wenn der treue Diener erlahmte, wenn des Kranken heftige, anklagenüe Worte sie zu Zeiten unfreundlich oder traurig machten, — eine blieb stets gleich in Liebe, Güte und Nachsicht für ihn, — das war die Mutter. Durch Erzählungen der Bekannten, durch gelegentliche Aeußerungen Schellmanns, der mit dem Arzt des Kranken befreundet war, batte Leonie davon Kunde bekommen. Sie fühlte etwas wie Bewunderung. Eine aufopfernde Mutter und Pflegerin, der in dieser Zeit nie ein Dank, selten ein freundliches Wort, aber mancher ungerechte Vorwurf zuteil wird, bas wäre über ihre Kräfte gegangen. Und dann saß sie eines Tages neben Josephine in deren kleinem, an den großen Salon anstoßendem Zimmer.
„Ich komme, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, gnädige Frau," sagte Leonie gleichsam als Erklärung.
„Ich banke Ihnen, Frau Amtsrichter, es geht mir gut."
Gut, dachte Leonie, sagt sie, während ich an ihrer Stelle und unzählige andere das Geschick beklagen würden. „Und Herr von Welking?" fragte sie weiter.
„Mein armer Sohn ist sehr schwach — und hat große Schmerzen, Gott weiß allein, wie er leidet, — und wir können nichts tun, als ihn zu beklagen und lieb zu haben."
„Wird Ihnen die Pflege des Kranken nicht zu schwer?"
Josephine sah Leonie an, bann sagte sie lächelnd: „Wenn Ihnen Gott ein Kind geschenkt hätte, würden Sie nicht fragen: ich habe fünf Kinder gehabt und großgezogen, — und mein Schicksal ist, baß ich diesen Acltesten an einem qualvollen Leiben langsam dem Tobe entgegensiechen sehe — aber noch niemals ist mir etwas „zn schwer" geworden, was für sic getan sein mußte."
„Fünf Kinber!" sagte Leonie bewundernd, — „wo sind sie denn?"
„Meine vier Töchter sind verheiratet, — die jüngste erst seit einem Jahr — alle fern von hier, zwei mit Offizieren, eine mit einem Negierungsbeamten, die vierte mit einem Gutsbesitzer."
„Es muß doch schwer sein, sich so von den Kindern zu trennen, so — für immer," sagte Leonie, trotzdem sie wußte, daß die meisten Mütter in solche Heiratstrennung sich gern und leicht finden.
„Wenn wir sie glücklich und zufrieden wißen, — wenn sie an richtiger Stelle stehen, — bann nicht, wir Mütter lernen cS nach und nach, daß unsere Kinder uns nur kurze Zeit ganz gehören — und nur im engen Raum der Kindheit sind sie dein! Wenn bas Leben an sie herantritt, bann müllen sie ins Leben, und es Ist unsere Pflicht gewesen, sie fürs Leben auSzurüsten. Leider lehrt uns das erst die Zeit, — das sollte man den funaen Müttern klar machen, damit sie die Zeit wohl auökosten können!" Leonie dachte an Emmy Elmshorn, so hatte diese doch auch gesagt.
„— Aber wenn sie uns das Leben ganz nimmt, wenn sie keine frohen, zufriedenen Gedanken mehr für ihre Jugend und Kindheit haben, — bas ist schlimm." Josephine hatte mehr zu sich als zu Leonie gesprochen, und Leonie mutzte plötzlich
des SohneS gedenken, den sie pflegte — „treu, unermüdlich und still duldend".
Fast wurde Freundschaft auS Leonies Besuchen, Josephine fühlte, daß die kleine Frau eine Ablenkung suchte, datz sie ihren Gedanken entfliehen wollte, datz sie unbefriedigt war. Der ge> unbene Bries, dellen Adrcsie sie gesehen hatte, gab ihr zu den- kcn. Und ihr Verstand und ihr Herz sagten ihr daS Rechte! Das Paar hatte sich aus Neigung geheiratet, die junge, verwöhnte Frau wollte weiter verwöhnt werden, und als der Gatte nun das nicht in der Weise tat, wie sie sich gedacht, alS ihr ein anderer, äußerlich und durch seine Erlebnisse interessanter chcincnber Mann seine besondere Verehrung zeigte, da war der Zwiespalt da, der schon den Frieden mancher Frauenseele bedroht und vernichtet hatte.
Sie hätte Leonie gern geholfen, einen Ausweg gezeigt, — aber sie durfte nicht, sie mußte warten, bis die junge Frau ihr, der älteren, Vertrauen zeigen würde, ein Vertrauen, wie sie eS als Fremde der Fremden gegenüber nicht ohne weiteres erwarten durfte. Und daun kam ein Tag — ein schwüler, brennend heißer Frübsommcrtag, an dein Leonie in dem dämmrigen Gemach an Joscphincns Seite saß und die stille Frau einen Blick tun ließ in das heiße, ungestüm nach „anderem Glück" verlangende Herz. Leonie verschwieg nichts: so lange znrückgedrängt, selbst brieflich an Irene nicht erwähnt, flössen die Worte von ihren Lippen, vielfach anklagend, — aber auch entschuldigend — anklageud besonders, wenn es sich um Schell- mann handelte, entschuldigend gegen sich selbst.
Mit Heftigkeit wollte sie nun den göttlichen Funken in sich zur Flamme entfachen, auf das vor Jahren ausgesprochene Urteil einer Sängerin und Gesanglehrerin hin noch Mu- tk studieren.
„Und Sie wollen sich von Ihrem Manne trennen, Frau Amtsrichter?"
„Er versteht mich nicht, — er ist viel zu sehr Berufsmensch, — und — ich möchte so gerne glücklich sein!"
„Unser Leben führt uns manchmal andere Wege zum Glück, als wir denken und hoffen!" sagte Josephine ernst, „und jedes Menschen Glück sieht anders ans."
„Aber wenn man so jung ist, wie ich und hat keine Freude am Leben, — was soll man dann machen?" fragte Leonie kläglich.
„Dars ich ganz offen sein, Frau Amtsrichter?"
„Bitte — ach ja — vielleicht können Sie mir raten —1"
Josephine legte ihre kühle, feine Hand auf Leonies heiße Hände, die im Schoße verschlungen ruhten: „Wissen Sie, was Ihnen fehlt, Leonie? — Nicht der göttliche Funken, den Sie pflegen wollen oder den Sie suchen und nicht finden können, sondern — einfach Pflichten! Es wird nichts von Ihnen ver- langt, was Ihrer beider Leben nett und freundlich gestalten soll: um die Wirtschaftssorgen brauchen Sie sich nicht zu kümmern, Kindersvrgen sind Ihnen noch nicht beschieden, — wäh- rend Ihr Gatte stets und treu Tag für Tag seinem Berufe nachgeht, — der oft nicht leicht ist und oft nicht angenehme Dinge bringt! Der Verkehr mit den Kleinstädtern freut Sie nidjt, — weil Sie noch nicht gelernt haben, im Menschen den Menschen und das Menschliche zu sehen, weil Sie, gewöhnt, im Rausche der Großstadt zu leben, die ruhige Art der Men- schen hier nicht verstehen, vielleicht nicht verstehen wollen. Hel- fen Sie sich selbst zum Glück, — es steht so dicht neben Ihnen, Kind, Kind, gehen Sie nicht so leichtsinnig daran vorüber! Ein treuer, ehrenhafter, fleißiger Mann im behaglichen Heim, sind das nicht zwei Grundpfeiler zum Glück?"
„Ja, — Fran Baronin, — so sagen Sie, — Sie waren gewiß immer glücklich —, Sie verstanden es gewitz, sich und an- dein zum Glück zu leben!"
„Nein!" sagte die volle Frauenstimme fast rauh, „nein, meine liebe, junge Freundin, — ich bin nie bas gewesen, was man eine glückliche Frau nennt. Und ich war auch jung, — und hungerte und dürstete nach Glück. Auch ein Glück der Kindheit habe ich nie gekannt, meine Mutter starb bald nach meiner Geburt, mein Vater heiratete wieder und starb, ehe ich bas schulpflichtige Alter erreicht hatte. Meine Stiefmutter war eine gute, brave Frau, sie hat, so gut sie es verstand, für mein körvcrliches Wohl gesorgt, kein böseS Wort habe ich von ihr gehört, aber sic verstand mein Kinbergemüt nicht, und sie über- fütterte mein Gemüt mit Sehnsucht nach Glück und Hoffnung auf Glück. Sie baute immer Luftschlösser, sie lebte beständig in der Zukunft. Und so wuchs ich auf, auf dieses „Glück" war-