Der göttliche Funken.
(Schluß'.)
Und auch etwas Trotz und Groll gegen die Mutter! Die Mutter hatte ihr doch gesagt, sie daraufhin erzogen, daß es das Beste und Richtigste sei für ein Mädchen, zu heiraten — sonst — wenn sie nicht mit diesem Gedanken aufgewachsen wäre, hätte sie sich im Gesang ausbilden können. Sie hätte den „göttlichen Funken" in sich gefühlt. Welch großartige Zukunft hätte dann vor ihr gelegen! Ruhm und nochmals Ruhm als gefeierte Sängerin! Heute, in ihrer bitteren, trotzigen Stimmung, hatte sie gar keinen Zweifel, daß ste ganz da- Zeug und die Gabe besessen hätte, mit denen man die „bedeutende Künstlerin" schafft.
Aber — damals — sie liebte Konrad aufrichtig, und der Künstlertraum erblaßte bald. Nun war er wieder da — und daneben stand Harts Bild, da- Bild dessen, dem es stet» leicht gelungen, die Frauen zu „bezaubert,", ein siegreicher Mann neben dem manch anderer, den das Schicksal auf weniger verschlungene Pfade geführt hatte, versank.
DaS Mädchen brachte einen Brief, der mit der Stadtpost gekommen war, schltcht-weißeS Papier ohne Initialen mit unbekannter Handschrift. Sie riß ihn auf, von sähem Schrecken gepackt. Einige Zeilen nur. Hart bat sie, ihm zu verzeihen, — er liebe sie glühend und bitte sie, ihm ein Wort zu schreiben, ob sic ihm diese Verzeihung gewähren würde!
Sie verbrannte den Bries langsam im Ofen, bann setzte sie sich an den Schreibtisch, warf einige Worte auf das Papier und adressierte den Vries! Wer aber sollte ihn besorgen? Ihren Dienstboten würde eS doch auffallen, daß sie an Hart schrieb. Also — sie mußte selbst zur Post gehen. Das tat sie oft; es würde nichts bedeuten. Es war draußen etwas stürmisch und unfreundlich, aber sie blieb dem Entschluß treu. Sie hatte sehr vorsichtig geschrieben und ihm die erbetene Verzeihung gewährt. Aber durch ihre Zeilen klang es, baß ste in Wahrheit gar nicht so böse gewesen.
Der Wind pfiff ganz gehörig um die alten Ulmen und jagte den Staub empor, aber Leonie schritt, den Brief sorglich in der Hand tragend, wacker der Stadt zu — tief in Gedanken — und da — als ste das Tor passierte, — fühlte sie, daß sie den Brief nicht mehr in der Hand hielt. — Hatte ihn der Wind entführt? Hatte sie ihn verloren? Sie wußte es nicht mehr — und eilends wendete sic sich, den Weg zurückzugehen. Obgleich die Promenade um diese Zeit fast menschenleer war, fürchtete sie doch, jemand möchte des Weges gekommen sein und den Brief gesunden haben. Und jetzt, — als sie soeben sich wieder für den Kampf mit dem Winde wappnete, stand eine dunkelgekleidete schlanke Fraueugestalt vor ihr, die dicht hinter ihr
des Gesichtchen.
„Tausend Dank!" stammelte diese. ~ „Der Wind, — der Sturm hat ihn mir fortgerissen."
„Ich liebe diesen Sturm," sagte Frau von Welking, — „Sie glauben nicht, wie ich mich in der weichen, lauen Luft deS Südens nach solchem echt nordischen Wind gesehnt habe. Im Kampf mit Sturm und Wind erstarken die Nrrveu, wir füh# len unS befreit von so viel Kleinlichem."
„Ich würde des Südens Sonne vorziehen!" sagte Leonie, nur um etwas zu sagen.
„Sie verweichlicht," sagte Josephine Welking — »und — das Leben ist hart und verweichlicht nicht. Zum Lebe» gehört auch Kampf und Sturm; ohne diese beiden, die nur Feinde scheinen und doch Freunde sind, können wir nicht zur Höhe kommen, auf der wir stehen sollen, wenn wir alt geworden sind. Allerdings — Sie sind noch jnug, und die Jugend läßt sich gern ein bißchen Verwöhnung gefallen."
„Als Sie jung waren, gnädige Frau," sagte Leonie — ste waren beide nebeneinander weitergegangen — „sind Sie gewiß auch der Verwöhnung nicht abhold gewesen; ich gestehe es, — ich bin sehr verwöhnt worden — daheim — bei Mama, — und ich möchte nicht, daß es anders gewesen wäre."
„Rein!" sagte Josephine, tut6 die tiefe, tönende Stimme klang fast rauh — „nein, ich bin nie verwöhnt gewesen — niemals — und deshalb liebe ich auch die Verwöhnung in «et# nett alten Tagen nicht, mit denen die südliche Sonne es eirt meinte, — mein Leben bleibt doch hart und rauh —." Sie brach jäh ab, als hätte sie zn viel gesagt, und blickte ans Leonie, die vor dem Posthause stehen geblieben war.
„Also hier trennen sich unsere Wege — ade für -euttl Und weshalb sehe ich Sie so selten, liebe Frau Amtsrichter? Kommen Sie einmal herüber zu mir, wenn Sie Sehnsucht haben nach Verwöhnung: so wenig ich verwöhnt bin, so gerne verwöhne ich junge, liebe Menschenkinder! Ich lade niemals jemand ein, — aber Sie sind immer willkommen."
„Ich fürchte zu stören!" gestand Leonie, der Wahrheit gemäß.
„Mich stört niemand," sagte Josephine, und es war, als
Von M. Feruo. (Nachdruck verboten).
deS Weges gekommen sein mutzte, und einige Minuten nach ihr das Tor erreicht hatte, und reichte ihr den Brief hin.
„Sie haben diesen Brief verloren, Frau Amtsrichter Schell- mann, ich freue mich, daß ich ihn fand und Ihnen wieder ztt» stellen kann!" Die großen grauen Augen der Baronin Welking richteten sich mit freundlichem Ausdruck auf Leonies erglühett-