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Hut für 6:e Straße. Nochmals ade! Hans kommt gleich vom Gericht.

Treu Deine

Leonie.

schnitt, etwa so interessante Journalisten oder mißverstandene moderne Dichter, gibt cs hier nicht, znm Dichten hat keiner hier Zeit. Und die Damen sind, wenn nicht daS, was man richtig kleinstädtisch nennt, doch ganz anders als in Berlin. Viel ruhiger! Wenn sie auch mal ihre verschiedenen Ansich­ten über irgendein modernes Buch oder eine Erscheinung im öffentlichen Leben austauschen, aber so ruhig, so sachlich, keine erregt sich, kurz - kein göttlicher Funken. In einer Dame, die, bevor sie den Hauptmann Elmshorn heiratete, sich zur Opernsängerin ausgebildet hatte, glaubte ich ihn zu finden, aber auch sie entpuppte sich als die einfach-bürgerlichste Frau und Mutter, die man sich denken kann, die sogar noch so zurück ist, ihren Kindern (fie ist seit fünf Jahren verheiratet und hat vier Kinder, worunter ein Zwillingspaar) Wie­genlieder zu singen. Um die ist es nun wirklich schade. Ich sehe schon, ich mutz mich hier mit den Leuten ohne den gött­lichen Funken behelfen und ihn im brieflichen Verkehr mit Dir Pflegen. Aber es wird mir sehr schwer. Wenn nur Hans bald fortkämc von hier, dazu ist aber noch keine Aus­sicht. Und wenn dann doch nicht direkt nach Berlin. Und da doch ein kleines Nest so ist wie das andere, so ist Helstädt vielleicht doch besser als manches andere. Schicke mir, bitte die neuesten Noten, Du kennst ja meine Stimm­lage, auch was die Vehr oder die Koenen etwa Neues in ihren Konzerten sangen, wenn es gut gefallen hat. Wozu habe ich so teure Gesangsstunden gehabt, wenn ich die schöne Kunst hier nicht pflegen soll.

Denn Zeit habe ich genug.

Meine Kochkünste brauche ich noch nicht leuchten zu lassen, es war doch lieb von Mama, mir das bewährte Küchen­genie von Haufe mitzngeben.

Ich lese soeben Deinen lieben letzten Brief nochmals durch und sehe, datz ich Dir Deine Frage, ob wir nun alle Besuche gemacht haben und alle Leute unseres Kreises ken­nen, noch nicht beantwortet habe. Ein Haus fehlt noch, und zwar für uns das nächste. Es liegt uns gerade gegenüber, mitten in einem etwas wilden Garten. Aber keine Villa, wie die unsrige, an der sich der erste Malermeister Helstädts verbaute", sondern ein zierliches, kleines, bescheidenes Hans, dcsien grüne denke Dir, ganz altmodische grüne Fenster­laden, immer geschloßen sind. Einen alten, grauköpfigen Diener sehe ich öfter, wenn er im Garten Ordnung schafft, d. h. die Wege säubert, die alle ebenso altmodisch sind, wie die ganze Anlage, mit Buchsbaum eingefaßt sind.

Hans sagte einmal, als ich ihn nach den Bewohnern fragte, sie gehöre einer Baronin Welling, die im Süden sei. Er habe sie auch noch nicht gesehen. Sie gehöre aber zur Gesellschaft Helstädts, und sofern sie anwesend gewesen wäre, hätten wir ihr auch unfern Besuch machen müssen. Also wohl eine alte Dame, der die Hclstädter Honoratioren ab und zu ihren Knix machen. Eigentlich ein langweiliges vis-a-vis. Neben diesem kleinen Gartenhaus ist ein anderes mit einem interes­santen Bewohner, der jetzt gerade aus Wiesbaden, wo er zur Herstellung seiner Gesundheit war, zurückgckchrt ist. Ein ehe­maliger Offizier, der einer Ducllgeschichte halber den Dienst quittierte, wahrscheinlich weil er wohlhabend genug war, so zu leben. Ganz Grandseigneur, hat vier kostbare Pferde, zwei zum Reiten und zwei zum Fahren, und soll, wie Haus sagt, der einmal zum Hcrrendiner bei ihm war, wunderschön eingerichtet sein. Hat einige Jahre bet der Schutztruppe ge­standen und kostbare Sachen miigebrachi. Tigerfelle von Ti­gern, die er selbst erlegt kurz, ganz hervorragend interes­sant. Schade, daß er nicht verheiratet ist, uns Damen ist also dies Haus verschloßen. Hans, der als Junggeselle viel bei ihm verkehrt hat, hat ihm wieder Besuch gemacht. Er wird ihn doch erwidern, und dann werbe ich ihn kennen lernen. Den jungen Damen Helstädts soll er nicht gefährlich sein sein Duell damals einer Dame wegen hat ihn mißtrauisch und weiberfeindlich gemacht. Do sagt Hans we­nigstens. Für heute lebe wohl! Amüsiere Dich weiter wie bisher auf den schönen geistreichen Rontö und bei den five- o'clocks. Wie gern führte ich dergleichen auch hier ein aber daS ist nichts für eine Provinzstadt. Da wird man ordentlich eingelaben, und wenn ich zum Kaffee- oder Tee­trinken den Hut aufbehieltc, würden die Helstädter denken, ich wüßte nicht was sich schickt. Meinen kostbaren Salonhut habe ich hier nur znm Bisitemachcn getragen, nun kann er im Koffer schimmeln, denn nach hiesigen Ansichten ist der

Ottfried Hart hatte seinen Besuch bei Amtsrichters ge­macht, einen Besuch, der damit endigte, daß der Amtsrichter ihn einlud, den Abend über bei ihnen zu bleiben. Leonie freute sich darüber. Nicht, daß ihr Hart so besonders impo­niert hätte, weitgereiste Leute waren ihr nichts llngewöhntes, aber datz ein anderes Element in ihren Verkehr kam. Ver­wundert fragte sie ihn, weshalb er sich gerade Helstädt zum Domizil ausgesucht habe und nicht in Berlin oder irgendeiner anderen Stadt, Dresde:: z. V., wohne.

Die Antwort lautete einfach: weil seine Eltern ihm Hans und Garten in Helstädt hinterlassen hätten und er, wenn auch nicht gerade gern, doch auch nicht ungern im kleinen Orte lebte. Afrika hatte seinen Nerven und seiner Gesundheit doch ein wenig geschadet.Und wenn ich meine Pferde habe und meinen Sport, dann bin ich zufrieden: in Berlin kann ich doch nur nach dem Grünewald oder Potsdam fahren. Und dann die vielen alten Bekannten dort, so was geht auch auf die Nerven, für ausgediente Leute ist Helstädt ganz gut." Dann, einige Enttäuschung auf Leonies Zügend bemerkend: Gnädige Frau finden Helstädt gewiß erbärmlich eegen Berlin; kann ich mir denken."

Ach nein erbärmlich nicht, aber so anders," gestand Leonie,so viel ruhiger sind die Leute hier, alle haben Zeit, was in großen Städten kaum vorkommt."

Wissen Sie, meine gnädige Frau, was für einen Vorteil diese kleineren Städte dadurch haben? Sie sind ein Jung­brunnen, denn das ewige Hetzen altert vor der Zeit."

Da siehst Du, Leonie," mischte sich Schellmann lachend ins Gespräch,wie gut es ist, nicht immer im Trubel zu leben! Wenn wir also unser Lebtag als Amtsrichter, höchstens als Amtsgerichtsrat, in kleinen Städten leben, haben wir Aus­sicht. einewig junges Paar" zu sein."

Auf ewige Jugend und ewiges Glück!" sagte Hart galant und hob sein gefülltes Glas gegen Leonie, dann gegen den Amtsrichter. Tann kam wie von selbst das Erzählen von Afrika von^ Feldzuge dort, der so lange gedauert und so große Opfer gefordert hatte. Auch an Hart war der Tod vorttber- gegangen, als er schwerkrank im Lazarett an Typhus gelegen hatte, neben ihm ein sterbender Kamerad.Da lernt man dann leicht alles Kleine und Kleinliche vergessen," sagte er, und das, was wir einst uns groß und wichtig vorstellten, wird so klein, nichtig. Da sicht man, wie oft man sich daheim das Leben schwer machte, sich und anderen, wie viel man auf Aeutzcr- lichkeiten gab, wie viel uns galt, was sich hinterher nur als eine schillernde Seifenblase erweist, und wie wir Größeres, an sich vielleicht Reizloses, äußerlich Unscheinbares, gering ach­teten."

Leonie dachte an sein Duell, von dem ihr Konrad erzählt hatte:, einer Dame wegen hatte er sich mit einem Gutsbesitzer geschossen. Das Duell war unblutig verlaufen, er war nach Afrika gegangen.

Daß niemand ihr mehr davon erzählen konnte! Konrad wußte auch nichts weiter, Ottfried Hart schwieg darüber wie das Grab. Aber mit echt weiblicher Neugier hätte Leonie doch gern mehr gewußt. Hart bekam in ihren Augen etwas vom Helden.

Sie fühlte für den Helden einiges Mitleid: noch jung ohne Liebe oder mit halb gebrochenem Herzen, mit ruinier­ter Gesundheit, früh losgerißen von einem Beruf, dem er mit Leidenschaft ergeben war, das konnte ein weibliches Herz schon rühren.

Und zuerst allein Mitleid war es, das von jenem Abend an ihre Gedanken sich öfter mit Ottfried beschäftigen ließ. Sie war io viel allein, Schellmann hatte viel zu tun und abends oft noch daheim zu arbeiten. War's da ein Wunder, wenn fie, mit einer feinen Handarbeit am Fenster sitzend, nach kurzer Zeit genau Harts Tageseinteilung kannte? Morgens ritt er, gefolgt vom Neitburschen, aus, an ihrem Hause sührte der Weg vorüber, und sein Blick flog, feit er die hellgeklcidete Frauen- gestalt das erste Mal am Fenster erblickt hatte, täglich hinauf. Dann zog er grüßend die Sammetkappe und senkte die Reit­gerte, um seine Gedanken sofort wieder seinen Pferden zu- znwenden. Aber Leonie verfolgte ihn in Gedanken: wohin er