Nr. 47.
.Ich Wohnte doch bei einem Oberpostassi- stenten," erzählte er, froh, einen lustigen Gesprächsstoff gefunden zu haben. .Der schrieb mir immer die Adressen auf deine Briefe. Dann nahm er sie mit und steckte sie unabgestempelt -in einen Postsack, der in falscher Richtung lief, also, anstatt in Richtung Köln,' in Richtung Düsseldorf—Hagen. In den Bahnpostwagen, wo die Briefe sortiert werden, erhielt dann immer mein Brief an dich den ovalen Bahnpoststempcl. Er kam fo immer etwas später an, aber die Eltern merkten doch nichts. ... Und du weißt doch, als ich aus Urlaub ging, tat mir mein Wirt den Gefallen, In meiner Abwesenheit einen der üblichen Bahnbriefe an dich zu senden."
Giuditta hatte die letzten Worte offenbar gar nicht mehr gehört. Mit zusammcngezoge- nen Brauen starrte sie Friedrich an:
„Wgrnm hast du mich nicht mehr lieb? ... Schon deine letzten'Briese waren so kalt!"
Mit geschmeidigem Satze war sie plötzlich dicht vor ihm. Ihr Busen wogte unter der dunklen Hülle.
.Ich will dir's sagen," zischte sie, heiser vor Leidenschaft. „Du liebst eine andere."
Friedrich fuhr erschreckt, beinahe surchtsam, in die Höhe. Abwehrend hob er den Arm. ... Bcwegs? nicht Giuditta einen Geqenstand unter ihrem Mantel? Vielleicht ein Messer?
Frau Dr. Meinert schrie laut auf und rannte zur Tür. Mia folgte.
Fm Nu hatte die Italienerin die Tür aufgerissen. „Die ist's!" schrie sie, mit geballten Fäusten auf Mia losspringend. In ihrem weißen, verzerrten Gesicht leuchteten die Augen wie schwarze Diamanten.
Et» harter Griff 'riß sie zurück. Sie las ... sich umwendend ... in dem zornigen Abscheu in Friedrichs Augen ihr Urteil. Bei dem hatte sie ausgespielt!
„Wie häßlich muß ich aussehen, daß er mich so anblicken kann," dachte sie mitten in ihrer Wut. Die Eitelkeit dämmte die heiße Woge der Leidenschaft zurück.
Sie.zwang die alte, sanfte Unbewegtheit in ihre Mienen, legte den schönen Kops hoheitsvoll in den Nacken nUd verließ mit ihren gcwoh,tten„ graziösen Bewegungen die ihr stumm und staunend Nachschguenden. ... In derselben Stunde verließ sic auch das Mei- »ert'sche Haus.
; . — Ende.—
Erziehung zur Einfachheit.
Eine Mahnung an Eltern und Erzieher.
I Man hat unser Zeitalter „das Zdistal ter des Kindes" genannt, und diese Benennung ist wohl nicht ganz unrichtig. Denn noch zu feiner, Zeit sind die Bestrebungen, unfern Kinder», unserer Jugend auf allen Gebieten das beste zu geben, so intensiv hervorgetreten, wie gerade in unfern Tagen. Da ist es weiter nicht verwunderlich, wenn Vie fluten Absichten manchmal zu Taten führen, über deren Folgen man mehr erschreckt als erfreut fein muß, und das ist leider sehr häufig der Fall. In dem Bestreben, den Kinder» die Tage der Jugend möglichst sonnig zu ge statten, gehen viele Eltern und auch manche Erzieher zu weit; sie verwöhnen ihre Lieblinge auf alle mögliche Art und Weise, weil sie sieh nicht klar darüber sind, welche schädlichen Folgen ihre Erziehuugsmctbode zeitigen kann. Zuerst sind da die Vergnügungen aller Art, in denen heute schon das Meuschemnöglichste geleistet wird. Ich bin durchaus der Meinung, daß ein Kind fein Vergnügen, seine Freude haben soll, aber dieses Vergnügen sei seinem Silier und seinem Empfinden angemessen. Heutzutage gehen unsere Jüngsten schon zu Gesellschaften wie Erwachsene, und Theater und Konzerte sind für die Schulkinder etwas Alltägliches geworden. Dos muß Uebersättigung zur Folge haben, und sind die Kinder heran- gewachsen, dann sind ihnen alle Freuden, die sonst dem Erwachsenen noch neu zu fein pflegten, schon schal und nicht des Begehrens Wert.
Aber nicht allein das. Zu Haufe, im Spielzimmer der Kinder, wird die Uebersättigung Weiter künstlich gezüchtet. Eine Fülle von
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Spielsachen feinster Art bringt jeder Geburtstag, jedes Weihnachtsfest, und zwischendurch kommt »och dieser Onkel und jene Tante oder gar die liebe Großmutter und hat dem Enkel chen oder Nichtchen etwas ganz Schönes rnitge- bracht. Da hat nun das Kind die Auswahl; aber eben weil es zu viel hat, wird ihm jedes Stück langweilig, und erstaunt und betrübt stagt Wohl die Mutter: Ja, freust du dich denn gar nicht? Das Kind rann sich ja gar nicht mehr freuen, weil ihm das Beschenktwerben etwas Alltägliches ist; es meint, es könne gar nicht anders fein. Zu der Verwöhnung auf diesem Gebiete . tritt die Nachgiebigkeit beim Esse». „Ich mag das nicht", „das kann ich nicht effen", heißt's so häufig, wenn die Suppe oder das Gemüse auf den Tisch kommen. Und die Mutter, die das „arme" Kind doch nicht verhungern lassen kann, gibt ihm bereit willigst soviel süße Speisen oder Eingemachtes, wie es nur haben will. Einen schlechteren Dienst kann sie dem Kinde aber gar nicht erweisen. Es gewöhnt sich an Leckereien, fangt an zu naschen, und bald trägt es seine Groschen in die Konditorei, in Konfitüren- und Zuckerwarengeschäfte. Und das ist noch nicht einmal das Schllmmste. Die vielen Leckereien schaden vor allem der Gesundheit und der naturgemäßen Entwicklung des Körpers. Darum sollte jedes Kind, das gesund und alt genug ist, auch das essen müssen, Was auf den Tisch kommt unb nicht mit Leckereien gefüttert werden.
Doch beinatje noch wichtiger erscheint mir die Kleid erfrage. Hier sind es ja hauptsächlich die kleinen Mädchen, die man mit Putz nüd Tand aller Art eitel und selbstgefällig macht, in denen man Ansprüche erweckt, die das Leben nur in den seltensten Fällen zu erfüllen bereit ist. Ich tarnt es wohl verstehen, daß eine Mutter bestrebt ist, ihr Kind möglichst geschmackvoll und hübsch zu kleiden, und ich will dieses Bestreben an sich auch nicht mißbilligen, nur seine Auswüchse. Und diese Auswüchse kann man am häufigsten dann beobachten, wen» die eine Mutter ihr Kiud immer »och eleganter kleiden will, als die an dere. Hat das Nachbarstöchterchcn einen neuen Mantel oder ein neues Kleid, nun, fo muß der eigene Liebling noch ein hübscheres, teureres haben. U»h die unvernünftige eitle Mutter weiß gar nicht, wie unüberlegt sie im Grunde handelt. Wie häufig greift sie nicht ihr Haushaltsgeld aus solche» Gründe» viel zu sehr an und muß nachher knappen und spare» an allen Ecken und Enden. Und wie groß ist dann der Acrger, wenn die Nachbarin, die Freundin es ihr trotz aller ®cmübungen doch noch zuvor tut. Wie manche Freundschaft ist aus so nichtigen Gründen schon in die Brüche gegangen. Am schlimmsten aber ist's für das Kind. Es hat schließlich keinen anderen (Kebanken, als sich zu putzen und vor dem Spiegel zu stehen, verachtet alle Gefährtinnen, die nicht so hübsch gekleidet sind wie es selbst, und ist das Leben bann einmal hart unb gibt ihm nickt bie Mittel in bie Hand, sich stets elegant kleiden zu können, so wird der Heben Eitelkeit gar oft das Glück eines guten Gewissens geopfert. M. M.
Kinderpflege.
Das Waschen der Kinder.
Richt nur gute und gesunde Nahrung ist erforderlich, unsere Lieblinge gesund und mun ter zu erhalten; auch das gründliche Waschen der Kinder darf nicht vernachlässigt werden, denn das ist gerade zu ihrem Wohlbefinden durchaus nötig. Ost ist es aber nur »ach Kämpfe» mit dem sich heftig sträubenden Kinde möglich, diese Prozedur auszufiihren. Dieser Kampf wiederholt sich bann alltäglich, unb besonbers bes Abends; das begleitende heftige Geschrei der Kleinen ist nicht nur eine Pein für die Mutter oder Psiegerin, sondern für alle, die gezwungen sind, es mit anzuhören. Oft ist es die zu geringe Wärme des Wassers, die die Kinder absckrcckt, noch öfter die Ungeschicklichkeit derer, die das Waschen vornehmen. Jede Mutter weiß wohl, daß die meisten Kinder sich abends in einem gereizten Zustande befinden,
__1- Jahrgang, der der Müdigkeit entspringt; sie soll daher die Zeit des Schlafengehens nicht zu weit hinaus- fd;leben, wenn auch die Kinder bitten, »och ein wenig auf bleiben 3» dürfen.
Jede Mutter, die mit den Kindern »mzn- gehen versteht, braucht hier keine Gewalt an» zuwendeu: sic weiß den Kleinen das Unangenehme reizvoll zu »rachen, den» sie überzeugt, sie, baß das Zubettgehen und Gewasckenwer» den eine Annehmlichkeit ist, auf die sie sich zu freuen haben. Kinder sollen auch, wenn es irgend zu ermögliche» ist, nichts genießen, ohne sich vorher die Hände zu wasche»; das ist nidtt nur vom ästhetischen Standpunkt Gebot, sondern auch von dem noch viel wichtigeren sanitären. Die Sitte, sich zum Essen sorgfältig anzuziehen, hat volle Berechtigung. Bekanntlich fassen Kinder alles an unb am liebsten das, was sie nicht anfassen sollen. Daher säubere man ihnen bie Hände, bevor sie sie zum Munde führen; es wird ihnen alles besser bekommen, was sie. genießen, und unwillkürlich offen sie auch reinlicher, wenn sie vorher gewaschen wurden. So gewohnte Kinder fühlen sich höchst unbehaglich, wenn ihre Händchen nicht ganz rein und trocken sind unb reiche» sie ohne Ermahnung seitens bet Mutter, nachbem sie Obst, Kuchen ober bergleichen gegessen ober etwas Zweifelhaftes berührt haben, zum. „Ab- wischen" hin, sie strecken auch die Händchen Weit von sich, um nur nicht ihre Schürzchen ober Kleibchen zu beschmutzen.
Was die Moöe bringt.
Moderne Kinder- und Backfisch Kleid»»«
Der Pariser Mobekünstler Poiret hat im Vorjahr bie Kindermode reformiert,.unb seine Entwürfe sind noch immer auf biefem Gebiete tonangebend. Leichte, tief gefaltete Kittelchen sind für die ganz Kleinen sehr beliebt unb, je älter bie Kinder werben, befto mehr lehnt sich der Schnitt ihrer Kleider unb bie Garnierung an bie der Erwachsenen an. Noch niemals war bie Kinderkleidung reizvoller als jetzt. Wohl haben sick die sorgsame» Mütter aller Zeiten gemüht, die Kleidung ihrer Lieblinge so geschmackvoll als möglich zu gestalten, aber es wurde zuviel Wert auf die Haltbarkeit des Materials gelegt unb bie Machart richtete man so ein, ba.6 auch noch bas jüngere Schwesterchen ober Brüderchen von bem Kleidchen profitieren konnte. Schon aus hpgienischen Gründen näht bie Mutter heute lieber öfter ein Kleib unb wählt.leichtere, billige Stoffe.
. In biefem Winter werbe» bie Schulkleiber grts bunten, blaugrün tarierten Schotten und rot unb schwarz gestreiftem ober tariertem Stoss gefertigt, baneben trägt man natürlich blauen Cheviot. Für bie Tgnzstnnbc bekommen bie ganz Kleinen waschseidene Kleibchen, bie Backfische tragen Helle Voile-, Seibcn Mull- und Stickerei-Kleiber. Auch bie Stnabcubctlei« bring hat manche Verschönerung erfahren. Die mobernen Blusen haben einen breiten Umfalltragen, eine Passe unb Sieppverziernug, bunte Schlipse, kimonoartig geschnittene Aermel unb mancherlei Verzierungen burch aufgesetzte Borbüren ober bicht gesteppte. Soutache. Die fitnbermäntcl (Jäckchen werden fast gar nicht getragen), siub weit unb nicht ganz so laug als bas Kleib. Den Umlege- ober Matrosenkragen verhüllt ein frischer Spitzenkragen. Ehrt und apart sinb bie Ulster für Backfische; sie erhalte» eine befonbere Note durch bunte, schottische Re Vers unb viereckige Kragen mit Fransenab- schluß. Der bunte Kragen ist meistens zum Abnehme» eingerichtet.
Die Backsischhüte sinb ziemlich groß in der Form: weiße Filzbretons werben mit großen Liberthschleifen garniert, bie mit Fransen besetzt sinb. Große, schwarze Velbelsormen mit einem breiten Golbeinsatz unb einem Gold- rofeubouquet sinb sehr fleibfam. Als Garnitur für Backfisch Sammethüte, bie ben Damenhü- ten an Große nichts nachgeben, nimmt man weinrotes Sammetlaub unb Früchte. Die Kinder tragen Käppchen aus zartrosa Plüsch mit Stickereien aus tabakfarbenem Sammet und ©ammetbänbern, Käppchen aus plissiertem ©eibentaffet, Käppchen aus Hellem Crepe de Chine, Käppchen mit faltigem Kops, mit wei»