Lr. 47,
Cassel, 22. Oktober 1911
1« Sahrg.
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Wochenbeilage zu den Casseler Neuesten Nachrichten.
Mit vierzig Jahren.
Mit öitrfig Jahren ist der fing erstiegen, Wir stehen still und schau'n zurück: Dort sehen wir der Kindheit stille» liegen And dort der Jugend laute» Glück.
poch einmal schau' und dann geKrSftigt weiter Lrhebe deinen Wanderstabl
lhindehnt ein Lergrsrücken sich, rin breiter. And hier nicht, drüben geht'» hinab.
picht atmend aufwärts brauchst du mehr zu steigen, Sir kb'nr zieht von selbst dich fort;
Dann wird sie sich mit dir unmerblich neigen, pnd eh' du'» denkst, bist Lu im Port.
f. «ackert.
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iubitta, mein Herz, mein Alles, ich lasse dich nicht, und wenn mich die Eltern deshalb ver- fto&en.“
Der geschmeidige Körper der kleinen Italienerin wand sich in den sie umschlingenden Armen. Ihr volles Gesicht, dessen ruhiges Oval an die
Meisterköpfe des Palma Vecchio erinnerte, und in dem die glühenden schwarzen Augen seltsam mit der Sanftmut der Züge und dem Tizianblond des Haares kontrastierten, erhielt einen hochmütigen Ausdruck.
„Deshalb ...?"
Wie sie mit dem «inen Wort ihren Wert unterstrich und jedes Bedenken, das man gegen «ine Verbindung mit ihr haben könnt«, als beleidigend von sich wies!
Friedrich zog sie von neuem in seine Arme und erstickte sie fast mit Küsten. Ihre festen, kleinen Fäuste stießen ihn zurück.
„Wir müsten warten," sagte sie mit einer Kühle, die zu ihren lachenden Blicken nicht paßte, „du hast ja noch keine Stellung."
Sie strich halb mitleidig, halb mütterlich über seine blonden Locken. ... Plöhlich horchte sic nach dem Gang hin, duckte ihre kleine, aber vollendet ebenmäßige Gestalt zu katzenartig lautlosem Sprunge und machte sich eifrig mit den Gläsern des Büfetts zu schaffen.
Friedrich war von Ton und Sprung Giu- dittas noch ganz verwirrt, als seine Mutter ins Zimmer trat. Sie schaute ... die Situation erfastcnd ... scharf nach ihm hin, ging wortlos an ihm vorbei und stellte sich neben das junge Mädchen. „Sie haben wieder die Suppe anbrennen lasten, Giuditta," sagte sie streng. „Wenn man die Küche erlernen will, muß man in erster Linie Sorgfalt üben."
Die Italienerin senkte tief die langen Wimpern. aber darunter hervor glühte es unheilverkündend heiß und zornig. Friedrich wurde blutrot. Er wollt« seiner Mutter zurusen, daß ibn die Schuld an dem Versehen treffe. Doch ein blitzschneller, warnender Blick Giudittas hieß ihn schweigen. ...
Der Junge muß fort ..."
Wer von den beiden Ehegatten, die sich nach Tisch in Doktor Meinerts Zimmer gegenüber saßen, hatte das Wort gesprochen?
Der Mann paffte aufgeregt ein paar dicke, blaue Ranchringe vor sich hin.
„Warum nicht Giuditta?" fragte er.
Di« Frau schob ihr« schwere Gestalt im Seffel zurecht.
Giuditta.
Von Lenelotte Winfeld.
„Schicken wir die Italienerin fort, so wird sie Mittel und Wege finden, sich Friedrich zu nähern. Bleibt st« bei uns, so kann ich ihren Briefwechsel, ihre Ausgänge usw. überwachen."
Der Doktor nickte niedergeschlagen.
„Wir hätten das schöne Mädchen nicht ins Haus nehmen sollen."
Die Frau runzelte die Brauen.
„Du weißt doch, daß Friedrichs übergroßer Schwärmerei für unsere Nachbarstochter, Mia Betow, damals ein Damm gesetzt werden mußte. Da hielt ich eine nur flüchtige Liebschaft mit Giuditta für ungefährlicher."
Der Doktor schaute ein wenig schadenfroh in ihr strenges Gesicht.
„Gesteh' es nur, du hast den Teufel durch Beelzebub vertrieben."
„Mia Betow wäre mir für später durchaus recht als Schwiegertochter," erwiderte die Frgu majestätisch, „nur stellte dieser frühzeitige Flirt das Mädchen bloß. ... Also, der Junge muß fort. Wenn «s auch für sein Fortkommen besser wäre, er bliebe in seiner jetzigen Stellung."
Friedrich hatte das Elternhaus verlassen. Er arbeitet« nun in «inem kleinen Reste zwischen Köln und Düffeldorf als Volontär in einer Fabrik. ...
Giuditta ging mit der alten, königlichen Haltung des Kopses, mit unbewegter Miene umher. In ihren strahlenden Augen stand nichts von Trennungskummer und Herzeleid, so sehr auch Meinerts danach forschten. Der Mann wollte sogar eines Abends etwas wie Triumph in den dunklen Sternen gelesen haben.
„Kriegt sie denn Briefe?" fragte er mißtrauisch feine Frau.
„Alle paar Tage," antwortete sie. «Ganz dick« Briefe sind's, immer mit derselben Aufschrift, einer peinlich korrekten, steilen Män- nerhandschrist. Sie tragen einen ovalen Bahnpoststempel, Richtung Düffeldorf—Hagen, also eine ganz fremde Gegend. ... Vielleicht hat sich die heißblütige Kleine schon einen anderen „amoroso" angeschafft."
Giudittas Lehrzeit im Meinertschen Hause ging in einigen Wochen zu Ende. Die Frau Doktor fand das Mädchen blaffer, stiller und doch unruhiger. Immer, wenn einer der Bahnpostbries« eintraf, ... übrigens nicht mehr so häufig wi« früher, kam sie mit bleichem Gesicht, fest auseinander gepreßten Lippen, und einem seltsamen Gemisch von Schmerz, Staunen und Haß in den Augen, ans ihrem Stübchen.
„Sie hat Liebeskummer," sagte die Fra« Dottor.
„Hab's auch gemerkt," nickte der Mann. „Die Liebe des mysteriösen Bahnmenschen scheim am Erkalten. Weh« dem Aermsten! ... Gut, daß unser Jung« diese rachesüchtige Schöne los ist!" ...
„Eine so günsttg« Gelegenhett bietet sich so bckld nicht wieder," sagte er nach einigen Tagen, «in Briefblatt schwingend, „Friedrich muß schleunigst her und sich um di« Stelle bewerben."
„Giuditta geht nächste Woche. Wir können ihm also ruhig telegraphieren." ...
Friedrich traf pünktlich mit dem vorher bestimmten Zuge in Köln ein und bezog wieder sein Zimmer im Elternhanse.
Giuditta rüstete zur Abreise. ... Friedrichs Gleichgiltigkeit dem Mädchen gegenüber erschien so echt, daß das junge Mädchen den Meinerts nun plötzlich leid tat. Früher starrt« er wie verzaubert die Tür an, die sich hinter Giuditta schloß. Heute verschwendet« sie alle ihre graziösen Bewegungen, ihre glühenden Wicke vergebens an ihn. ...
„Dies fand ich auf der letzten Treppenstufe," sagte mit ein wenig zitternder Stimme ein schlankes, großes, braunhaariges Mädchen, das zu Frau Doktor Mcinett ins Zimmer trat. Es war Mia Betow, die Nachbarswchter.
Di« Frau Doktor nahm hastig den Zettel, den ihr Mia reichte.
„Heute ... 4 ... Gattenhaus. G."
Die gekritzelten Wotte zeigten ohne Frage Giudittas Handschrift.
„Also doch," tief die Frau Dottor erregt. „Kommen Sie mit, wir wollen die Beiden zur Rede stellen."
Die Doktorin stellte sich lauschend und schauend an eine Spalt« des Gattenhauses.
Fttedrich und Giuditta saßen auf zwei Korbstühlen einander gegenüber. Die kleine Mailänderin fror scheinbar jämmerlich. Ihre Gestalt bebte unter dem Weiten Mantel. Die flammenden Augen schauten mit drohendem Blick in Friedrichs verlegenes Gesicht.
„Warum weichst du mir ans?"
In ihrer tiefen, metallischen Stimme klang es, als rifle eine Saite.
„Du willst doch auch nicht, daß di« Eltern was merken." sagte er zögernd. „Denk mal, wie schwierig «8 für mich war, unseren Briefwechsel durchzuführen."
Sie lacht« nun doch ... ein kleines, boshaftes Lachen.
„Die Alten haben nichts gemcrtt. .. Wie stelltest du es ttgentlich an?"