Mr. 35.
Casseler Neueste Nachrichten
fie sich fern der Stadt koußte, und sie bog langsam in eine Kastanienallee ein. Hier glaubte 5t sich endlich allein und sicher vor beobachten- en Augen. Hier überließ sie sich vollständig ihrem Schmerz.
Cie ahnte nicht, daß Robert sie von Hause batte Weggehen sehen und ihr gesolgt war. Als er sie nun schluchzend vor sich aus der Bank sah, trat er leise heran. „Guten Abend. Gerdas
Beink Klang seiner Stimme sprang sie aus. .Du . . . wie kommst du hierher?"
.War eben bei Lindens, Abschied nehmen, ein Telegramm ruft mich schon jetzt fort. Ich schließe mich als Arzt einer wissenschaftlichen Expedition an!"
Blaß, mit angstvoll großen Augen, starrte sie ihn an. „In . . . das . . . Innere . . . Afrikas?" stamnielte sie erschrocken. „Und. . . schon . . . morgen? Und wann kommst du heim?"
.Heim? . . . Wohl lange nicht. Vielleicht nie!... Ich habe Lust, die Ursachen des gelben Fiebers wissenschaftlich zu durchforschen: Vielleicht gerät man in Ansteckungsgefahr ... und dann..."
.. . . und dann," wiederholte sie mit zitternder Stimme und faßte seine Hand.
.Nun, was folgt, kannst du dir ja denken." .Rein, Robert," schrie sie plötzlich auf. „du darfst, du sollst nicht fort!"
"Sei kein Kind, Gerda . . . und dann wirst du mich ja auch schnell vergessen."
.Nein, nein," unterbrach sie ihn, „ich kann es nicht erlagen, daß du gehst. Oder ... du nimmst tnich mit!"
.Du sprachst einmal anders, Gerda!"
.Verzeih mir, Robert!" Und sie legte ihre Hände plötzlich aus seine Schultern und näherte ihr tränenfeuchtes Gesicht dem seinen. .Verzeih," flüsterte sie leise... „ich ... ich ..."
Seine Lippen, die sich fest aus die ihren preßten. erstickten die letzten Worte. Sein Arm umfaßte sie.
Eng umschlungen traten sie dann langsam den Heimweg an. Die Dämmerung des Som- mertages breitete ihre ersten Schatten über den lauschigen Pfad. Langsam rieselte ein feiner Regen nieder. „
.Sommerregen." sagte er leise. „Wirkt er nicht Wunder, Kind . . .?"
— Ende.—
Zas Sttxdorser Frauenhotel.
Ein Hotel für alleinstehende Damen.
Älleinreisende Frauen haben im allgemeinen eine Aversion gegen das Wohnen im Hotel mit seinem umfangreichen Bedicntcndroß. Es ist ihnen auch unangenehm, nicht zu wiffen, wer vorher in den Räumen gewohnt hat, und wer darüber, darunter oder nebenan logiert. Lieber suchen sie schon ein Hofpitz auf. Aber die billigen Hospize sind in der Reisesaison stets überfüllt, und wenn man längere Zeit zu wohnen gedenkt, vielleicht um einen Unter- rtchtskursus zu absolvieren, lebt man dort auch nicht billig. Darum lag der Gedanke für die Großstadt, insbesondere Berlin, sehr nahe, ent Hotel für reisende junge Mädchen zu schassen in der Art der schon verschiedentlich bestehenden Ledigenheime für Frauen, vielleicht auch verbunden mit einem solchen. Da sich aber ein Heim nur rentiert, wenn es im großen Stil betrieben wird, so scheiterte der Plan häufig an den hohen Grundungskosten, aber auch daran, daß die Arbeiterinnen, für die ein Teil des Hotels als Heimstätte gedacht war, nur so Wenig verdienen, daß sie durch die geringe Miete nicht viel zu den Unterhaltungskosten des Hotels beitragen können. Run hat eine vornehme Dame aus Berlin der Stadl Rix- borf 100000 Mark zur Erbauung eines Hotels für jung« Mädchen zur Verfügung gestellt. Sie wählte wahrscheinlich Rixdorf, weil es ihr am bedürftigsten erschien. In der Tat gab es in Rixdorf schon im Jahre 1905 beinahe 1000 weiblich« Personen, btt in Schlafstellen wohn len, inzwischen ist die Zahl noch gewachsen.
Auch fehlen in Rirdors die Familien- und Damcnpensionen;:. es gibt nur eine «inzige vamenpenfion in der ganzen Stadt, obwohl ßändia eine Nachfrage vorhanden ist. Die
Stadt Rixdorf will den Bauplatz für das Hotel unentgeltlich hergeben und für alle fehlenden Gelder Garantie übernehmen. Um das noch fehlende Kapital leichter austrciben zu können, soll eine Aktiengesellschaft gegründet werden. Das Hotel ist für 300 Personen berechnet, sämtliche Zimmer sollen möbliert werden, und außer der im Hause zu errichtenden Restauration sollen alle Bewohner den Morgenkaffee und auf Wunsch andere Speisen gegen geringe Bezahlung erhalten. Schlicht möblierte Zimmer für Arbeiterinnen mit kleinem Einkommen sollen 12 Mark kosten. Es sind aber auch komfortabel eingerichtete Zimmer zu haben, ebenso besteht die Absicht, für Lehrerinnen kleine Wohnungen: ein Zimtner, Küche und Bad resp. zwei Zimmer, Küche und Bad einzu- rkchie», ebenso für kaufmännische Angestellte. Bade- und Leseränme fiitb genügend borg« sehen. Im Erdgeschoß sollen zwei Läden aus- gebaut werden. Das Volkshotel für weibliche Personen wird nicht nur in Rixdorf mit großer Freude begrüßt, weil man hiermit keine Wohl tätigkeit üben will, sondern lediglich eine Wohlfahrtseinrichtung zu gründen gedenkt, die hoffentlich bald in anderen Großstädten Nachahmung findet. G- K-
Die „billige" Jahreszeit.
Haushaltskosten im Sommer.
Wenn der Sommer seine Früchte dem Haushalte beschert, seufzt manche sorgende Hausfrau erleichtert auf, daß endlich die Jahreszeit gekommen ist, in der man etwas billiger wirtschaften kann. Es fragt sich aber noch sehr, ob Vie Hausfrau in Wirklichkeit im Sommer Ersparnisse machen kann, oder ob der Sommer nicht ebenso teuer ist tote der Winter, vielleicht sogar noch teurer. Eine Gegenüberstellung der Haushaliskosten beider Jahreszeiten dürfte für die Hausfrauen gewiß von Interesse sein. Der „teure Winter" hat seinen Namen schon daher, weil viel Heizmaterial beschafft werden muß. Das Heizmaterial fällt im Sommer freilich fort, allerdings nur in den Wohnungen, die noch mit Ocsen gefeuert werden. Es gibt aber in sehr vielen Städten Wohnungen mit Zen tralhciznug, und diese Haushaltungen begleichen unberücksichtigt der Jahreszeit die Kosten für die Erwärmung der Räume. Was nun das Brennmaterial anbetrifft, so wird im Sommer der Anschlag für die Kosten allerdings ein geringerer sein, rechnet doch jede Familie damit, daß die langen Tage zuwei len sogar das Ausschalten der Belenchtungs- körpcr gestalten.
Andererseits aber muß man bedenken, daß im Sommer viel mehr Gas oder anderes Brennmaterial zu Kochzwecken verwendet wird. Di-e jungen Gemüse, die man bei guter Ernte für nicht zu hohes Geld erstehen kann, muffen, wenn sie schmackhaft werden sollen, lange gekocht werden, ehe sie gar sind. Desgleichen erfordert das Schmoren des Obstes eine ziemliche Menge an Brennmaterial. Den Fleischgenutz wird man im Sommer auf ein geringes Matz reduzieren können, eine scheinbare Erleichterung des Hausfrauenbudgets. Bedenkt man aber, wie viele andere Dinge helfen müssen, das Fleisch zu ersetzen, dann wird man sich über diesen Irrtum nur zu bald klar sein. Einen grotzen Ritz in die Wirt schaftskasse macht bi« Anschaffung des täglichen Obstes. Es ist ein gar köstliches Ding, bieses frische Obst, unb außerdem der Gesundheit so außerordentlich zuträglich, daß die Mutter, die nur einigermaßen dazu in der Lage ist, es nicht übers Herz bringen kann, ihren Lieblingen den Genuh des frischen Obstes vorzuenthalten, um dadurch in der Wirtschaftskasse Ersparnisse zu machen.
Es gibt Familien, die durchschnittlich täglich eine Mark bis 1,50 Mark für frisches Obst ansetzen müssen, während man int Winter Apfelsinen und ähnliches Winterobst zu bedeutend geringeren Preisen anzuschaflen vermag. Auch die erfrischenden Getränke für die heißen Tage verursachen btt. Hausfrau nicht unbtbcu- teude Ausgaben. Der Wunsch nach einem «r- frischenben Getränke wirb immer sehr lebhaft sein, unb bie Hausfrau mutz den Wünschen ber
______________________1. Jahrgang.
Ihrigen Nachkommen und Zitronen- oder Him- beeriimonade auf den Tisch bringen. Bier wird im Sominer verhältnismäßig wettig getrunken, weil man immer mehr zu der lieber« zeugung kommt, daß ber Alkohol weder durstlöschend, noch irgeubivie erfrischend ist. Aber die Sprudelwasser, die kohlensänrehaltigen Getränke, nicht znletzt bie Limonaden, reißen ein noch größeres Loch in bie Haushaltskasse. Rechnet man nun noch die Ausflüge und Spaziergänge, die im Sommer dazu kommen, rechnet man den weit größeren Verbrauch an Wäsche, au Hellen Kleidern unb Weißen Blusen, dann wird man zu der Ueberzeugung gelangen, daß der Sommer nur scheinbar eine billige Jahreszeit ist, unb daß er nicht nur dem Winter an Ausgaben nicht nachsteht, scmdcuz ihn in mancher Beziehung sogar übertrifft.
Zas ZZft im Haushalt.
Seine Verwendung als Speiseobst.
Wohl niemand unterschätzt heutzutage noch die Bedeutung des Obstes als gesundes Nahrungsmittel. Daher steigt auch der Verbrauch des Obstes von Jahr zu Jahr, unb neben den Mengen, die zur Zeit der Ernte der verschie- betten Früchte frisch genossen werden, läßt sich auch eine steigende Nachfrage nad) Dauerobst konstatieren. Als solches rammt vor allen Dingen das Konservenobst in Betracht. Die Grundlage der Konservenbehaublung ist Reinlichkeit und Exaktheit; die Gewöhnung darf auch nicht im geringsten dazu verleiten, in irgend etwas von der Vorschrift abzuweichen, sonst kann es leicht geschehen, daß die Konserven verderben, und die Lust an der Herstellung geht bald verloren. Für die obstarme Zeit ist ber Besitz von Konserven ein wahrer Segen in einem Haushalt, insbesondere in einem solchen mit Kindern. Um die Kenntnis des Konservierens der Früchte weiteren Kreisen zugänglich zu machen, werden innerhalb der verschiedenen Obstbauverbände von Zeit zu Zeit Obstverwertungskurse abgehalten, die sehr instruktiv und gut beschickt sind.
Bahnbrechend für das Konservierungssystem war das Weck'sche Verfahren, aus dem sich weitere Systeme nach Werkschem Prinzip eutkvickelt haben. Die sehr leicht zu bedienenden Apparate können überall gehalten werden. Obstkonserven ermöglichen eine vielseitige Ausgestaltung des Küchenzettels und gehören schon wegen der Kinder in ausgiebiger Weise in das Ernährungsprogramm; sie fördern auch erfolgreich die Gesitndheit der mit Fleischspeisen allzu reichlich bedachten Erwachsenen; denn vorherrschender Fleischgenutz begünstigt nervöse und rheumatische Leiden außerordentlich, Gemüse und Obst hemmen und beschränken sie. Rezepte zu Konserven erhält man in jedem Geschäft, das Konfervierapparate führt. Als medizinisches Hausmittel, das in leichteren Fällen von mangelhafter Verdauung stets angewendet werden sollte, leistet das Obst unschätzbare Dienste mit dem Vorteil, eine natürliche Kur zu sein, die den Verdanungsorganen keinen Schaden zufügt. Und da die weiblichetr Glieder unsrer Familien fast allgemein die Obstspeisen lieben, so ist die Einführung der Obstkonserven sich meine aber bie selbst herge- stellten, die billiger sind als die getauften) nicht schwierig, und unsere Kinder blühen und ge» deihen bei dieser Ernährungskur.
Das Fürstinnen esten? *
Fürstinnen und ihre Lebensweise.
Von dem Appetit der Königin Wilhelmino von Holland wurde in letzter Zeit gesprochen und geschrieben. Man begrüßt es fast wie eine persönliche Freude, daß eine Herrscherin auf dem Throne ihren Hunger in bet natürlichsten Weise stillt, baß sie ohne Angst für ihre schlanke Taille Mahlzeiten in großem Umfange zu sich nimmt unb sich ihres gesegneten Appetites nicht schämt. Es bürfte nun interessieren, zu erfahren, wie anbete gefürstete Frauen leben, und bas getabe um so mehr, als man in den Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft eine scheinbare Abnahme des Hungers und ber Be- sriebigung der Eßbebürsniffe konstatieren muß«