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Kirchenglocke zu ihnen heriiberirug, beendete Gertrud tiefernsten, aber ruhigen Antlitzes die einfache Geschichte ihrer Jugend:

„Weil ich sah,-daß der Mann, den ich mit ganzer Seele liebte, aus das Wohlwollen und die Unterstützung seines reichen Oheims ange­wiesen war, wenn er die hohen Ziele erreichen sollte, aus die seine glänzende Begabung ihn hinwies . . . und weil der Oheim ihm um mei­netwillen beides zu entziehen drohte, gab cs für mich keinen Zweifel über das. was-ich zu hm Halle. Ich war durch den plötzlichen Tod meines Vaters und den Zusannnenbruch fei­nes Geschäfts zu einem ganz armen Mädckcn gcivorden, und ich wäre für den geliebten freund immer nur ein Hemmnis und eine driik- kende Last gewesen. Darum machte ich eiucS Tages allem ein Ende, indem ich ihm sein Wort zurückgab und heimlich meinen bisherigen Wohnort verließ."

Der alte Schreiber hatte das spitze Kinn in die Hand gestützt und blickte gedankenschwer vor sich hin. Nach einem minutenlangen Schweigen erst sagte er:

„Darf ich um Ihren Namen bitten, mein Fräulein? Es ist seltsam, daß ich bisher nickt daran gedacht habe, Sie darnach zu fragen."

Bereitwillig kam sie der Aufforderung nach; da drehte er den Kopf und sah sie lange, lange an.

..Aber den alten Mann, dessen Hartherzig­keit Sie gezwungen, den Geliebten auszugeben, Sie hassen ihn nun mit der ganzen Kraft Ihres Herzens . . . nicht wahr?"

„Rein. Denn ich weiß, daß er den Neffen mmer geliebt hat wie einen Sohn, und daß er Hur fein Bestes wollte, als er sich unserer Ver­bindung widersetzte."

„So erlauben Sie ihm denn. Ihnen dafür hon Herzen zu danken, mein liebes, tapferes Kind! Nein, sehen Sie mich nicht so erschrocken tut. Ick bin weder der Lohnschreiber, für den Sie mich gehalten haben, noch ein Verrückter, sondern ick bin der Philosophieprofessor Lud­wig Gerlofs. Gestern abend noch war ich voll zrimmigen Zornes gegen diese Gertrud Heßler, die mir das Herz meines geliebten Jungen ent­fremdet. Denn gestern schrieb er mir in einem oerzweislungsvollen Briese, daß er sich nach unzähligen vergeblichen Versuchen, das geliebte Mndcken wieder zu finden, von mir als dem Zerstörer seines Glückes für immer lossagen müsse. Das war es, was mich so traurig machte und mich nicht mehr an meinem Schreib­tisch litt. Nun aber. . . nicht wahr, mein Kind . . . nun werden wir ihn gemeinsam rufen . . . und wenn die Osterglocken den zwei­ten Festtag einlänten, Wcrdeit auch wir eine Auferstehung feiern... die glorreiche Aufer­stehung deines und seines Glückes."

Ende. ' 1' <

Gardersbr-BefMgimg.

Winterauskehr im Kleiderschrank.

Ist die warme Witterung um die Jetztzeit auch noch unbestimmt, so muß die Hausfrau doch schon daran denken, in ihren Kleidcrschriin kn Auskehr zu halten, wenn sie nicht den unbe­lebtesten Gast, die Motte, in ihrer Wohnung 'mherflattcrn scheu will. Die Pelzsachcn müs- >;n für den Sommer vorbereitet werden, trotz- icm man sie noch hie und da anlegt. Am besten inb ordentlichsten ist es freilich, sie bald cinzu- packen. um sie vor Zerstörung zu schützen. Ehe man die Pelze zum Aufbewahren fortlegt, muß man fid) davon überzeugen, daß sie nicht reparaturbedürftig sind, beim nur ganze itnb ordentliche Pelze sotten von dem Winter in den Sommer hinübergebracht werden. Trotz aller Vorsicht und Umsicht, die man beim Ausbewah­ren dec Velzwerke anwendet, kann man sie doch nicht in so ausreichendem Maße einpacken. wie cs der Kürschner tut. Deshalb sollte jede Haüs- fran das Aufbewabren der Pelzsacken einer sachkundigen Hand, nämlich der des Kürschners, überlassen. Ist an den Sacken etwas zu repa­rieren. bann soll ba3 auch sofort geschehen, benn die Reparaturen sind im Sommer weit billiger gls im Winter, und man spart dabei ruweilen

1. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

noch die Kosten für die Ausbewahrung, wahrend I beit. In allen Dingen toirb ihnen bet Millen man andererseits bk Garantie hat, daß die getan, und ihre Unarten werden ungestraft ge-

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Sachen von den Motten verschont bleiben.

Die Wintergarberobe wirb von her Haus­rau gewöhnlich gleichfalls kurz vor oder nach dem Osterfeste aus dem Kleiderschrank entfernt und nach der Aufbewahrungsstelle gebracht. Auch hierbei sollte man niemals Kleidungs­tücke weglegen, die ausbesserungsbedürftig mb. Die Kleiber der Kinder tötmen ja mei-

getan, und thre Unarten werden ungestrait ge­lassen uiit der Entschuldigung, daß die freie Zeit ja doch balh aufhöre. Am verwerflichsten sind aber Redensarten wie folgende: Warte nur, wenn btt erst zur Schule gehst, wird das anders; der Lehrer wird dich für deine Unar­ten gehörig strafen usw.

Den Kindern die Schule als einen Ort der Qual hiiizustelleu, ist großes Unrecht und gereicht . ihnen zum Schaden, denn ein solches Kind wird ersten Tage, an scheu und ängstlich seiner

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Unsere schulpflichtigen Kleinen.

Ein Wort zum Schulbeginn.

Mit dem Beginn der Schulzeit tritt ein neuer Faktor in das Leben des Kindes, der das ganze Wesen umzugestalten droht, wenn nicht im Elteruhause die bisherige Sorgfalt der Erziehung gleichsam verdoppelt wird. Allerdings wohnt der Schule auch ein er­ziehendes Moment Bel, aber man darf keinen Augenblick außer acht lassen, daß die Haupt­aufgabe der Schule die Bildung des kindlichen Geistes ist. Haben die Eltern ihre Pflicht bis dahin getan, dann fällt es dem Kinde nicht all zu schwer, wenn es unmittelbar aus den Hän­den der Mutter zum ersten Male hinaüstritt ins Leben, im Gegenteil, viele Kinder können kaum die Zeit erwarten, bis sie, mit Ranzel und Ftühstückstäschchen ausgestattet, den Weg zur Schule antreten dürfen. Viele Eltern jedoch machen ihren Lieblingen den ersten Schulweg sehr schwer; sie haben ihre Kinder verzärtelt und sie durch Näschereien verwöhnt, die ibnen iu lebet Tageszeit verabkolat Wer­

sens int komvienben.Jahre weitergetragen wer­den, da die Kindermode nicht so oft grundsätz­lichen Neuerungen unterworfen ist, und die Hausfrau und Mutter wird es gewiß angenehm empfinden, wenn sie im kommenden Jahre nur die Ausbewahrungsschränke zu öffnen braucht, um die Kleider herauszünehmen. Bet der Aus­kehr aus dem Kleiderschranke kommen auch die Stiesel und. Winterschuhe in Betracht, die eben­falls nur in ordentlichem Zustande fortgestellt werden sollten. Das gleiche gilt selbstverständ­lich von der Wollwäsche und den Striimpsen.

Ist die Auskehr aus dem Kleiderschranke besorgt, bann muß die Hausfrau die Sommer- und Frühlingsgarberobe einer Prüfung Unter­ziehen. Da sind zuerst die Hüte. Zumeist srei- lick ist die Form des Hutes so unmodern, daß sie kaum noch so verwendet werden kann. Hier kann aber durch Umformen Abhilfe geschaffen werden, da gerade die diesjährige Mode der cjwei- und Dreispitze eine Verwendung der vor­jährigen großen'ntnden Formen sehr gut mög­lich macht. Ehe man das Stroh jedoch in die neue Form bringt, muß es mit einem Stück Tuch- ober Samt geputzt werden. Die Blumen werden mit einem Blasebalg..ober einer Spritze orbentlich vom Staub befreit und ausgeschüt- telt. Ist die Farbe der Blumen verblaßt, dann müssen sie mit einer guten und nicht zu kräfti­gen Schminke wieder aufgefrischt werden.

Auch die Garderobe bedarf meistens einer Ausbesserung, und wenn man noch so sehr den guten Vorsitz gefaßt hat, sich nichts Neues zu kaufen oder nichts zu verändern, es wird sicher den wenigsten Damen gelingen, ihrem Vorsatz treu zu bleiben. Aus den Röcken des Vorjahres ist bei der günstigen Mode dieses Jahres fast immer etwas Modernes zu gestalten. Die Faltenröcke, die im Vorjahre noch gern und viel angezogen wurden, können in diesem Frühling sehr lei»t in einen modernen engen Röck umgewaudelt werden, man trennt sie nur aus­einander und gibt ihnen die moderne Schnitt­form. Zum Schluffe sei daran erinnert, daß Beinarie jedes Kleid gefärbt werden kann. Wie oft hängt man eilt Kleidungsstück weg, Weil man fick an die Farbe nicht mehr gewöhnen tarnt, ober weil diese Farbe den Ansprüchen einer biesjäbrigen Mode nicht mehr genügt. Ein gefärbtes Kleid aber vertritt ein neues Kleid sehr oft, und das Vorurteil, daß gefärbte Stosse nicht halten, hat beutzutage nickt mehr viel zu sogen. Bei dem Färben von Seide muß man allerdings noch immer vorsichtig fein, obgleich mit beni Färben von Eriche be Chine die Besten Erfahrungen gemacht sind. M. L.

rerin ober feinem Lehrer entflcflcntreten. bie ersehnte Stunbe gekommen, so nehmt Kleinen bei ber Hanb und. führt sie selber beut Lehrer ztt. Laßt euch in ein Gespräch mit ihm ein, damit die Kinder sofort Zutrauen fassen; es ist auch gut, beit Lehrer auf etwaige Fehler, wie Schwerhörigkeit, Kurzsichtigkeit usw. auf­

merksam zu machen. Schon nach kurzer Zeit werben viele Eltern merkliche Veränberunge» bei den Kindern wahrnehmen, sie werben stiller unb bie schönen roten Bäckchen finb meistens nach einiger Zeit ein wenig blaß unb schmal. Das kommt von ber ungewohnten geistigen Anstrengung, von bem langen Stillsitzen. Da muß man nun einen Ausgleich zu schaffen suchen, bie Kleinen so viel wie irgend möglich hinaus ins Freie lassen, damit sie die steif ge­wordenen Glieder im ungezwungenen freien Spiel wieder schmeidigen, bie Lungen bnrch frische Lust behneu unb ben Geist wieder elastisch machen können.

Aber nicht nur kleine körperliche Verände­rungen werden die Eltern in der ersten Zeit des Schulbesuches an ihren Lieblingen wahr­nehmen, auch das Wesen des Kindes toirb, häufig ein anberes. Hat das Kind bis dahin keinerlei hervortretende Unarten ge­zeigt, nie unpassende Worte gebraucht, so bringt es alles dies aus der Schule, in der so verschiedene Elemente zusammen kommen, mit nach Hause, und es kostet oft nicht geringe Mühe, um diesem verderblichen Einfluß die Spitze abzubrechen. Diese Erfahrung werden alle Eltern machen, die ein Kind der Schule übergeben. Sie ist aber andererseits der spre­chendste Beweis dafür, wie wichtig das „Bei­spiel" ist, unb sollte uns ermahnen, von biesem Zeitpunkte ab unsere Aufmerksamkeit nicht nur mit Bezug auf das Kind, sondern auch mit Be­zug auf uns selbst zu verdoppeln. H. F.

Gesundheitspflege in der Kinderstube.

Die Stählung des kindlichen Nervensystems.

Die Nervosität ist zur Jahrhundertkrankheit geworden und hat Erwachsene und Kinder iu gleicher Weise ergriffen. Um eine allmähliche Besserung dieses bedauerlichen Zustandes her« Beizuführen, utuft man bei den Kindern ansan- gcn, die Nervosität zu bekämpfen, doch leider versehen viele Eltern und Erzieher es nur zu oft damit unb legen selbst ben Keim zu biescr Krankheit. Es gibt Familien, in denen es als ein sensationelles Ereignis betrachtet wird, wenn das Kind zum ersten Mal zum Zahnarzt geführt toirb. V»m Vater aiwfangieh bis:her­ab zum Dienstmäbchen ist alles aufgeregt, am meisten aber bie Mutter, der die Begleitung auf diesem schweren Gange zufällt. Das Kind sel­ber aber, das vorläufig von nichts anderem weiß, als daß ihm der Zahn, der schon ganz lose im Zahnfleisch hängt, gezogen werden soll, ge- Ivahrt plötzlich die bleichen, erschreckten Gesichter seiner Angehörigen und jetzt wird ihm klar, warum man ihm für den Fall, daß es geduldig still hielte, eine Belohnung versprochen hat. Von diesem Augenblick an erstehen in seiner Phantasie die grauenhaftesten Bilder. Der Zahnarzt erscheint ihm als ein Peiniger, der cs martern toirb, unb erst nach ben mannigfaltig­sten Versprechungen läßt es sich, an allen Glie- bem bebenb, zu der Operation herbei. Die Angst, die das Kind habet aussteht, ist weit größer als der wirkliche Schmerz. Und wer ist Schuld daran? Jene Unvernünftigen, die kein anderes Mittel kennen als Versprechungen und Drohungen, anstatt durch ein überzeugen­des Wort dem Kinde die Notwendigkeit des Zahnziehens crklärlick zu mache:»-

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