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Nr. 19.

Casselet Neueste Nachrichten

I. Jahrgang.

«toA nichts ’berfiiuntf. Ein sehr beliebtes Schauspiel wurde aufgeführt, das in vorzüg­licher Weise zur Darstellung gebracht wurde, und Else, die nur selten das Theater besuchte, war von dem Spiel bald ganz hingerissen, änch eine wunderbare Traumszene, während der der Saal verfinstert würde und die Musik eigentümliche, schwermütige Melodien spielte, kam im Stücke vor. In der Auflegung des .Augenblickes vergast sich daS junge Mädchen soweit, dast es die Hand seines Gefährten er­griff und eine Zeitlang sie festhielt. Als aber die Bühne sich wieder erhellte, zog Else tief be- isck'ämt ihre Hand zurück. Nach Beendigung des Schauspiels bestiegen sie eine Droschke, die {je nach der K . . .-Straße bringen sollte.

Aber es wollte keine rechte Unterhaltung zwischen ihnen auskonunen. Endlich bemerkte Langsfeldner: „Sie scheinen wegen des kleinen Vorfalls während der Traumszene verstimmt zu sein? Die Sache war doch recht harmlos. Ich bin ja schon alt genug, um Ihr Vater sein zu können."

Diese Meinung teilte Else nicht. Ihrer Schätzung nach konnte er nicht älter als höch­stens fünfunddreißig Jahre sein, und fünfund­dreißig ist bei einem Manne ein ebenso gefähr­liches Alter wie dreißig bei einer Iran.

Else entgegnete nichts und wieder fuhren sie einige Minuten lang schweigend dahin. Als aber plötzlich der Wagen in eine stille Straße einboa. schloß Langsfeldner das Mädchen in seine Arme und bedeckte es mit Küssen. Sie fühlte wohl, daß sie sich dagegen sträuben sollte, daß sie darüber hätte empört sein müssen; sie liest eS sich aber ruhig gefallen, denn sie wustte, dast sie diesen Mann aus tiefstem Herzen liebte; sie wustte, daß seine Nähe für sie Glück bedeu­tete, warum sollte sie sich also gegen seine Lieb­kosungen wehren?

In die Kissen des Wagen zurückgclehnt, <fab sie sich ganz den Freuden der. ersten Liebe hin, jener Liebe, die nur einmal kommt und nie wiedcrkehrt. Als sie so nebeneinander saßen, flüsterte er ihr viele schöne Worte ins Ohr . . . Worte, die ihr lieblicher klangen als die schönste Musik. Denn er sagte ihr, daß er sie liebe und sie von dem ersten Augenblick an geliebt habe, in dem er sie zum ersten Mal gesehen. Sie sei für ihn die ganze Welt, ja mehr als die Welt, denn weltliche Dinge vergingen, aber seine Liebe würde nie vergehen."

„Siehst du, so liebe.ich dich," schloß er. „Nun sag mir, Schatz, liebst du mich auch?"

Als Antwort warf sie ihm einen Mick zu, her ihm genug sagte.

Gilt Vierteljahr verging. Während dieser Zeit trafen sie sich ost im Lesesaale, und Sonn­tags machten sie gemeinschaftliche Ausflüge über besuchten das Theater. Neber etwas wun­derte sich Else freilich. Warum hatte er ihr noch keinen Heiratsantrag gentackst? An der Ausrichtigkeit seiner Liebe zweifelte sie keinen Augenblick, umsomehr fiel eS ihr auf, daß er sich ihr' nicht erklärte. Dast seine Verhältnisse es ihm erlaubten, eine Frau zu ernähren, war ihr recht gut bekannt; es mußte also ein anderer Grund obwalten, der ihn von einer Erklärung zurückhielt.

Sehr niedergeschlagen verließ Else eines Abends das Bureau. Sie konnte sich der Ahnung nicht erwehren, daß ihr ein Unglück drohe, und um sich auf andere Gedanken zu bringen, wollte sie eine weit im Westen der Re­sidenz lvohuende Freundin besuchen. Dabei mußte sie die Stadtbahn benutzen. Eben hatte sie den Zug bestiegen, als sie Langsfeldncr er­kannte, der im anstoßenden Abteil Platz nahm. Er befand sich in Begleitung eines jungen Mannes und hatte Else jedenfalls nicht gesehen. Wenn sie nun auch auf seine Gesellschaft ver­zichten mustte, so konnte sie doch deutlich seine ^Stimme hören. Er unterhielt sich mit dem Herrn über alltägliche Dinge. Als aber der Zug bei einer Station hielt und sich Langs- flldners Begleiter auszusieigen anschickte, ver­abschiedete er sich mit folgenden Worten:

„Adieu Langsfeldner. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau. Geht es ihr denn noch nicht besser?"

„Rein, leider noch nicht," antwortete Langs- eldner in ausfallend kühlen: Tone.

Else war es, als ob sie ersticken und ihr das Herz in der Brust zu schlagen aushören müßte. Mit geschlossenen Augen und teilnahmslos ge­gen alles, was in ihrer Rahe vorging, saß sie da. Ihr schöner Lieüestraum hakte ein jähes Ende gefunden.

Tags daraus erhielt Herr Langsfeldner fol­genden Brief:

„Geehrter Herri Ein Zufall hat mich gestern abend aus Ihrem eigenen Munde erfahre» las­en, was Sie mir bisher so sorgfältig verbor- ;en hatten. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, andern danke Ihnen für die glücklichen Stun- )en, die ich in Ihrer Gesellschaft verbringen durfte. Ich bitte Sie indessen, keinen Versuch machen zu wollen, mich wieder zu sehen. Le­ben Sie wohl! Else."

Dieser kurze und in seinem Inhalt so rüh­rende Brief verfehlte aus den Empfänger den Eindruck nicht. „Wie ein Schuft habe ich mich benommen!" klagte er sich an und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Unser schöner Ro­man aus der Lesehalle ist leider zu Ende."

In der Folge besuchte Langsfeldner nicht mehr die Lesehalle. Denn so sehr er sich auch sehnte, Else wiederzusehen, so mußte er sich doch sagen, daß es seine Pflicht sei, ihr aus dem Wege zu gehen. So vergingen drei Jahre.

Else verlebte diese drei Jahre sehr still. In ihrem äußeren Wesen ließ sich kaum eine Aende- rung wahrnehmen, denn sie verstand es sehr gut, sich zu beherrschen, in ihrem Herzen aber blutete noch immer die Wunde, und sie war überzeugt, daß sie nie vernarben würde.

Noch immer war sie regelmäßiger Gast in der Lesehalle und in den Büchern suchte sie Trost und Vergessen. Gar oft aber, wenn ihre Blicke auf jenen Platz fielen, auf dem er an je­nem unvergeßlichen Abend gesessen, füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie mustte sich tie­fer über ihr Buch beugen, um den Schmerz zu verbergen, der sie zu überwältigen drohte. Ws sie eines Abends in einem Regale des ansto- stendcn Bibliothekszimmcrs nach einem wenig benutzten Nachschlagewerke suchte, gewahrte sie einen Herrn, der die Zeitung las. In ihm hatte sie Langsfeldner erkannt.

So waren sie denn doch nochmals einander in der alten Lesehalle begegnet. Sie sprach kein Wort, sondern drehte sich rasch um. holte sich ihre Sachen und verließ die Lesehalle. Langs­feldner eilte ihr nach und hatte sie bald ein­geholt.

„Else . . . Fräulein Heickler," kam es in ab gebrochenen Worten von seinem Munde, „hören Sie mich, bitte nur einen einzigen Augenblick an und dann verdammen Sie mich, wenn Sie wollen. Aber ich bitte Sie inständig, hören Sie mich an."

„Lassen Sic mich," erwiderte sie in möglichst ruhigem Tone. „Sie wissen, daß ich ^>hnen verziehen habe, und ich darf Sie nie Wieder­sehen."

Er war so aufgeregt, daß er sie kaum hörte, und in einem ängstlichen Tone drang er weiter in sie.

„Else, hören Sie mich an! Hören Sie mich an und schicken Sie mich dann fort, wenn sie wollen. Vor drei Jahren habe ich mich Ihnen gegenüber als ein Schuft benommen, aber ich liebte Sie, und das mag meine Entschuldigung sein. Zu Hause hatte ich ein unglückliches Heim, denn meine Frau war geisteskrank, und so suchte ich denn bei einer gleichgestimmten Seele Shmpathie und Zerstreuung."

Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:

„Da erschien mir eines Abends in jenem Lesezimmer Ihr Engelsg^icht, und es war mir, als ob es die Tage meiner Jugend in mir wachrief, in der die Welt für mich noch voller Ideale war und eine glänzende Zukunft vor mir lag. Damals liebte ich Sie, wie ich Sie jetzt noch liebe . . . jetzt kann ich aber tun, was mir vor drei Jahren nicht erlaubt war. Vor einem Jahre ist meine Frau gestorben. Else, willst du mir jetzt gänzlich verzeihen und für immer die Meine werden?"

Sie hätte vielleicht darauf mit einem ent« chiedenen „Nein" antworten müssen, sie hätte ich vielleicht zu ihrer ganzen Größe aufrichten: und ihm in einem eisigen Ton erwidern sol- len: „Verlassen Sie mich, mein Herr, Ihre Ge« gentoart beleidigt mich."

Aber nichts von alledem tat sie. Mit Trä- nen in den Augen sah sie ihn an und flüstertet nur: „Ja , ,. ,l"

End ».

Zer Idealismus der Mutter.

Ein Mahnwort an die Eltern!

Unlängst ist in einer Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses die Tatsache, daß eine so große Anzahl Jünglinge unseres Volkes gerade rie „höhere, die gymnasiale Bildung" vorzieht« auf den Idealismus der deutfchen Mutter zurückgeführt worden, die für ihren begabten Sohn nichts Wünschenswerteres kennt, als daß er als Mann mit akademischer Bildung durchs Leben geht. Wenn hier dis gymnasiale Bildung als die „höhere" hervorge­hoben wurde, fo ist dieses Vorurteil sofort da­hin richtiggestellt worden, daß unter dieser hö­heren Bildung nicht nur die auf den sogenann­ten humanistischen Gymnasien gewonnene, andern überhaupt unsere durch die verschiede­nen höheren Schularten, also auch durch die Realgymnasien und Oberralschulen gewährlei­stete und gewährte Bildung zu verstehen ist. Auch die Art von Idealismus, die an der beitt- chen Mutier gerühmt wird, ist aus das richtige Maß zurückgeführt, indem der mütterliche Idea­lismus auf „Werdesinn" eingeschränkt wurde. Die Mutter fragt nicht nach der Veranlagung ihres Kindes, bemerkte ein erfahrener Schul­mann richtig. „Wenn die SRa*barin, die Freundin, die Kränzchenschwester ihren Sohn auf das Gymnasium, das Realgymnasium oder die Oberrealschule schickt, so meint sie, daß sie auch ihr Kind auf eine solche Bildungsstätte schicken müsse, selbst wenn sich schon in den er­sten Schuljahren herausstellt, daß dem Kinde aus irgend welchen Gründen das Lernen schwer fällt."

Dem, der die Welt nimmt, wie sie nun ein­mal ist, muß dieser „Idealismus" als eine reisst bedenkliche Mitgift unsrer deutschen Miri- tcr erscheinen. Er wird sich kaum entschließen können, die Tatsache, daß sich unter anderem in einem einzigen, dem letztverflosfencn Jahrzehnt die Zahl der höheren Schulen in Preußen um 31 Prozent und die Zahl ihrer Schüler um 13 Prozent vermehrt hat, (während die Vevölke- rungsziffer sich nur um 15 Prozent vergrößertet, als den Beweis eines machtvollen Bildunas- triebes oder des Wunsches, mit akademischer Bildung durchs Leben zu gehen, aufrusassen. Er kann das zumal dann nicht, wenn ihm be­kannt ist, daß mehr als der dritte Teil aller durch den mütterlichen Idealismus in die Hä­hern Schulen verschlagenen Knaben die Bil­dungsstätte nach Ablauf des schulpflichtigen Lebensalters schon aus den untern Klassen end­gültig wieder verläßt, ohne auch nur den doch gewiß harmlosen „Dildungsabschluß" erreicht zu haben, der durch den Einjährigenschein ver­brieft wird: Diese zu Scharen von Jünglingen angewachsenen Abiturienten der Unterklassen nehmen von der höher» Schule eine dunkle Ahnung mit ins Leben hinein, daß es neben ihrer Muttersprache auch noch eine lateinische Sprache gibt, deren Ansangsgründe ihnen einst viele Tränen gekostet und mancherlei Kopf-er- brechen gemacht haben. Außer diesen peinlichen Erinnerungen bringen sie aber von der „hö- 6ern, der gymnasialen Bildung", nichts mit ins Leben, das ihnen nützlich sein könnte.

Ein zweites Drittel, unter dem es vielen nur auf Kosten einiger verlorener Lebensjahre gelingt, den Etniährigenfchein zu erlangen, vcr. läßt die höhere Schule wieder mit dieser „Gin- jährigenbildung". Der Rest (es sind kaum 28 Prozent der Schüler der höheren Schulen) er­wirbt die Anwartschaft darauf, als Männer mit akademischer Bildung durchs Leben zu ge­hen. Ob diese Beharrlichen aber auch in nen­nenswerter Zahl „begabte Söhne" sind, für