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Weise schilderte. Das war recht so! Der Junge war gerade so wie seine Mutter; die wußte es auch immer zu deichseln, wenn er sich irgend­wie festgerannt hatte und den richtigen »Dreh" nicht kriegen konnte. Und dann war er auf ein­mal „mittenmang". In voller Lebendigkeit schilderte er die Kricgsleiden und -strapazen, Feindes- und Freundesland, den Empfang der Sieger in der Grenzfestung und seine Bewun­derung der blonden Schönheit, die ihm wie eine Verkörperung des Deutschtums erschienen sei.

Die Unterhaltung hatte eine zarte Röte auf die blassen Wangen und ein weiches Lä­cheln um den müden Mund gezaubert: „Vier­zig Jahre! Ach mich dünkt es noch viel länger, daß ich das lebensfrohe, unbekümmerte Kind gewesen, daß so selbstverständlich Glück und Sonne von der Zukunft erwartete."

Unruhig rückte der General auf seinem Sessel hin und her. Die ganze Zeit hatte ihn schon die offenbar traurige Lage der Iran be­drückt, die er auf den Höhen des Lebens ge­wähnt hatte, der scharfe Kontrast zwischen der gering ausgestatteten Wohnung und den ge­diegenen, vornehmen Einrichtungsstücken. Jetzt ging sein Temperament wieder mit ihm durch. »Aber gestatten Sie, meine Gnädigste. Ihre Lebensschicksale sind mir freilich unbekannt; aber dies hier ist doch unter keinen Umständen eine Umgebung für Sie, diefe armfelige Mietskaserne ..."

Die vornehme Gestalt hob sich noch etwas höher. »Man lernt sich bescheiden, Exzellenz! Und dann, wer so viel verloren hat, verlernt es, den Maßstab an Acnßerlichkeiten zu le­gen . . ." Erwin von Stoyentin folgte dem Blick ihrer Augen und traf auf die lebensvoll aufqefaßte Photographie eines genialen Män­nerkopfes, die über dem Schreibtisch hing.

„Ihr Herr Gemahl, gnädige Iran?" fragte er, um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den die wenig taktvolle Bemerkung des großen Kindes, seines guten alten Papas, gemacht haben mußte. »Sicher ein Iugendbildnis."

»Leider das letzte, das ich besitze, ein Jahr vor seinem Tode angefertigt. Mein Mann war ein ungemein begabter Bildhauer, dem eine große Zukunft prophezeit wurde. Wir waren erst nach langer Verlobung wenige Jahre verheiratet, mein Töchterchen zählte nur wenige Monate, als ihn ein jäher Tod von meiner Seite riß. Er hatte sich um den von bet Münchener Akademie ausgesetzten Preis beworben und erhielt ihn, zugleich mit einer Aufforderung König Ludwigs, nach Ren- Schwanstein zu kommen, um mit ihm über ein Monumentalwerk zu beraten. Da mitten im Erfolg brach das leidenschaftliche Herz." . . .

Dann, wie um die weiche Stimmung ab- znbrechen, öffnete sie die Türe zum Neben­zimmer. In Lebensgröße hing dort das keck und genial mit breitem Pinsel hingestrichene Oelbild des Mannes, das in feiner sprechenden Lebenswahrheit fast aus dem Rahmen zu tre­ten schien. »Mein Gatte, von meinem Sohn gemalt." Der Stolz auf beide leuchtete der Iran aus den Augen.

»Müller-Monceau! Erwin fuhr sich mit der Hand über die Stirne. »Nun weiß ich, weshalb mich das Bildnis so fesselte. Die« Porträt ist mit im Münchener Glaspalast aus­gefallen: Vater des Künstlers, ja, ich entsinne mich genau."

»Wie mich das freut!. Auch in ihm bricht sich das Talent mächtig Bahn. Er muß nur noch bekannter werden."

»Wozu ihm mein Papa gerne behilflich fein wird." Erwin schob seinen Vater wieder einmal so geschickt, daß dieser glaubte, feiner eigenen Initiative gefolgt zu fein. »Die mo­dernen Naturalisten sind ihm durchaus un- shmpatbisch, und gerade diese vornehm diskrete Malweise ist nach seinem Geschmack. Weißt du, Papa, dem Militärkastno hast du dein Por­trät versprochen, und ein Herzenswunsch von Mutting ist es auch."

Der General war mit Leib und Seele bei der Idee. Daß et nun so lange würde stille halten müssen, war ja eine verflixte Sache; aber sei's drum, er wollte den jungen Mann schon lanzieren, der Mutter iu Liebe. Und

Casseler Neueste Nachrichten

1. Jahrgang.

glänzend würde er ihn honorieren; das Erbe seiner Iran erlaubte ihm, großmütig zu sein . . . Währenddessen stand Erwin in den An­blick des geistvollen Kopses versunken, aus dem ihn noch ein anderes Antlitz ansah, das eines frischen, jungen Mädchens mit strahlenden, dunkeln Augen . . . Kein Zweifel,. es mußte die Tochter dieses Mannes gewesen sein, bereit kluges, pikantes Gesichtchen ihm vorhin begeg­net war.

Er mischt sich in die Unterhaltung der beiden anderen und flocht harmlos die Frage nach der Tochter ein. »Meine Tochter ist Leh­rerin am hiesigen Seminar. Sie muß jeden Augenblick nach Hause kommen."

Und da war Ruth Müller schon im Zim­mer, nicht mehr so jung, als er sie zuerst gehal­ten hatte und sehr überrascht, auch etwas ver­legen, die beiden Herren anzutreffen, die sie vorhin angeredet hatten. Bald war die Erklä­rung gegeben, und eine angeregte Konversation im Gange. Als man schied, hatte Erwin den Auftrag übernommen, am andern Tage wie­der anzufragen, wann der junge Künstler die Sitzungen beginnen könne, die während des Generals nur mehr kurz dauernden Besuches abgehalten werden mußten.

. Auf der ersten Treppenstufe sah der Gene­ral den Sohn scharf an. „Du bist ein Duck­mäuser, Dr. Erwin. Meinst du. ich hätte nicht gesehen, wie die Kleine errötete, als du ihr zum Abschied die Hand küßtest?"

Auf der zweiten blieb er kopfschüttelnd stehen. »Lehrerin, so"n süßes Ding!" Wer das Hetz mitten in der Brust trägt, mutz doch den Wunsch haben, sie vom Fleck weg zu hei­raten."

Unten angekommen, warf er noch einige zweifelnde Blicke auf feinen Einzigen: »Aber ob sie dich will? Wovon hast du dich mit ihr unterhalten? Wenn mir recht ist, von Kunst­geschichte ober solchem gelehrten Blödsinn. Gerechter Himmel! Zn meiner Zeit hätte ein junges Blut sich nicht lange so anöden lassen"

Da lachte Erwin hell auf. »Laß das mei­ne Sache sein, Papa. Heute sind die Mädchen nicht mehr, wie vor vierzig Jahren."

Unsre Mädchen.

Wie erziehen wir tüchtige Frauen?

Nur Wenigen ist es vergönnt, alle latenten Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen, wünschenswert aber wäre es, daß Jedem Ge­legenheit würde, herauszufinden, auf welchem Gebiet seine besondere Fähigkeit liegt, um darauf weiter aufbauen zu können. Es ist hentzutagenickt mehr angebracht, die jungen Mädchen einseitig nur zu guten Hausfrauen zu erziehen, da verhältnismäßig nur Wenigen eine eigne Häuslichkeit beschieden ist. Die Sta­tistik stellt fest, daß eS in Deutschland acht­einhalb Millionen erwerbstätiger Frauen gibt: Die weitaus größte Zahl unver­heirateter Frauen ist auf Erwerb angewiesen. Das junge Mädchen von früher wartete ge­duldig auf den »Herrlichsten von Allen", der ihm in einer eignen Häuslichkeit den einzig möglichen und standesgemäßen Berus er­schließen sollte. Sie verlor bei dem ost vergeb­lichen Warten die schönste Kraft und Zeit zur Arbeit, bis fie, rnüoe und enttäuscht, keinen Mut mehr besaß, Versäumtes nachzuholen. Das junge Mädchen von heute, weniger fentimental veranlagt, will aber vor allem erst einmal sein Leben genießen und muß außerdem »Tochter des Hauses" sein. Durch das Beispiel berufstätiger Frauen und das Gefühl der inneren Leere besinnt sie sich allmählich auf sich selbst und kämpft nun mutig für die Ver­wertung eignet Fähigkeiten, toob^i oft viel Kraft und Zeit verloren geht, den Widerstand der Familie zu besiegen, ober die Lücken man­gelhafter Bildung auszufüllen.

Dieser Uebergangsthpus, dem noch der letzte .Walzertraum" im Herzen klingt, muß willensstark und zäh veranlagt sein, um sich durchzusehen. Was sollen wir nun aber für das junge Mädchen von heute und morgen a n - streben? Wir sollen ihm vor allem eine

gründliche, gediegene Bildung zu teil werden lassen, denn was von jung an systematisch gelernt und leicht bewältigt wird, ist spater nur schwer und mühsam nachzuholen. Gediegenes Wissen erleichtert die Arbeit, auf Aschfw Gebiete sie auch liegen möge. Die Mädchen sollten zum »Sitzenbleiben" erzogen werden,( das Talent zum Heiraten gebt des­wegen nichl verloren), mit schöner mutiaer Selbstverständlichkeit zum „Sitzenbleiben" Es *®”nc” nicht alle heiraten, darin liegt für den ® ®ar uichts Beleidigendes und bas »erbitterte, unausgefüllte Leben kommt nur daher, Werl bas junge Mädchen denkt, es hätte „seinen Beruf verfehlt", wenn es vom Mann Äan 911,61 der Grundstein zum

Bau eines würdig ausgefüllten Lebens muß in der Jugend gelegt werden. Versäumtes hÄJÄ tfVe£r ^wer, und ich muß gestehen, den Berichten, in denen die Frauen, die plötzlich „vor den wirtschaftlichen Kampf" gestellt wer- umgehend durch ihrer Hände Arbeit ein

.. A,Aermogen verdienen, mißtraue ich «rnnd ichst, Um jeden Beruf steht eine Mauer von Wirkenden und Wartenden, in die sich ein­zufügen und durchzudringen unendlich vieler Muhe und disziplinierter Arbeit bedarf.

m Jeder Berns kann geadelt werden durch die Persönlichkeit, die dahinter steht. Den Frauen sind heute viele neue SBerufe erschlossen (ich erwähne nur die Arbeit im Anwaltsbureau, in statistischen Bureaus, die Fran als Bureau- und Kanzleivorsteherin, als Redakteurin, Journa­listin, als Gesängnisbeamtin, Werkmeisterin, Fabrik- und Gewerbeinspektorin, als 'Architek­tin usw.), in denen sie sich nützlich machen und sich eine Existenz erkämpfen können. Auch im Kunstgewerbe sind die Aussichten nicht ungünstig. Ist ein Mädchen weder wissenschaft­lich noch künstlerisch begabt, so schicke man es aus eine Handelsschule, oder falls es in bevor­zugten Verhältnissen ist, auf die soziale Schule. Die bewährten wirtschaftlichen Frauenschulew endlich gewähren Frauen und Mädchen erschöp-! sende Ausbildung in allen wirtschaftlichen Din­gen, wie Geflügelzucht, Mottetei und Gärtne­rei. Sehr zu wünschen wäre auch, daß mehr gebildete Mädchen sich dem Beruf der Hcbe- amme zuwenden würden, denn grabe dieser Stand, bedarf der Intelligenzen und gewährt seinen Angehörigen auch meist ein befriedigen­des Auskommen, was vom Dasein der Kran- kenpflegerin und Diakonissin nicht immer gesagt werden kann. Man sieht: Das foziale Arbeits­feld ist auch für unsere Mädchen nicht unbe­grenzt, bietet vielmehr Erwerbsmöglichkeiten und Betätigung in Hülle und Fülle.

Leider geht der Heroismus der Mutter meist nicht so weit, daß sie sich, wenn es feilt muß, zeitweise von ihrer Tochter trennt, und ihr gestattet, ihrer Ausbfldung zu leben. „Meine Tochter soll unser Heim schmücken, und uns zur Freude da sein," das ist der bekannte Spruch elterlichen Egoismus, der nicht bedenkt, daß Töchter später ihr halbes Leben allein, ohne dem Leben etwas Wertvolles abgerungen zu haben, leben müssen, Das Talent zum Heiraten geht ja, wie gesagt, deshalb keineswegs ver-. loten. Aber das Mädchen soll nicht nur zum .Weibchen", sondern zu einem gebildeten, zu- verlässigen Menschen erzogen werden, der den Platz, den er einmal im Leben einzunehmen hat, gewissenhaft und würdig auszufüllen ver­mag. Auch sollte die Frau der Zukunft mehr als bisher die geistige Gefährtin des Mannes und die verständige Erzieherin und Freundin ihrer Kinder fein. Sie sollte, durch eigne Selbstdisziplin geschult, die Kinder von Nein an daran gewöhnen, sich zu beherrschen, ihnen die verantwortliche Wurde des Mensch- tums vor Augen führen und ihnen die Steige­rung der Persönlichkeit zur idealen Pflicht machen, sobald sie fähig sind, tiefere Dinge zu begreifen. Unsere Zett ttägt mehr als je die Devise: »Arbeiten und nicht verzweifeln! Für nur blumenhaste Wesen haben wir wenig Ver­wendung und Verständnis im modernen Leben und den wenigsten wird die Melodie ihres Lebens gleich mit auf den Weg gegeben. Viele finden sie erst nach beschwerlichen Umwegen.

Es liegt deshalb den Eltern ob, beizeiten den