1. Jahrgang.
Casseler Neueste Nachrichten
Frau unb Kultur
Louise FaubeL
Fm Zeichen der Reboute.
Berliner Modebrirf.
(Bon unserer Mode- Mitarbeiterin.)
Allongeperücke. Auch unter Kaiser Wilhelm L wurden einige berühmte Kostümfeste gefeiert, so im Jahre 1869, in dem Bismarck »um letzten Male im Kostüm erschien. Bismarck trug att jenem Tage einen blauen Domino. Wenn ich schon von königlichen Kostümfesten spreche, will ich nicht das große Medizäerfest Kaiser Friedrichs vergessen, am achten Februar 1875, da« Professor Doepler der Aeltere inszeniert und kostümlich ausgestattet hatte. Wir stehen also mit unseren Erinnerungen an berühmt« Kostümfeste den Parisern nicht nach und können sogar das Vorbild für den diesjährigen modernen Stil geben, und unwillkürlich kommt b«t Gedanke, daß die cleusischen Feste wohl ge- eignet wären, die R e d o u t e wieder zu Ehren zu bringen. G- K-
Frauenwelt und öffentliches Leben.
Nachdem bereits im vergangenen Jahr der ! erste Band des Sammelwerks »Die Kultur- , aufgabe der Frau' unter dem Titel »Die Frau in der Familie' erschienen war, sind nunmehr ' zwei weitere Bände gefolgt. Der Herausgeber des ganzen Werkes ist Professor Dr. Jakob Wychgram, die Themen selbst sind von hervorragenden Schriftstellerinnen aus den betreffenden Gebieten behandelt. Von den zuletzt veröffentlichten Büchern ist besonders, .Die Frau und die Kultur des öffent- sichen Lebens' von Jka Freudenberg literarisch außerordentlich wertvoll. Ohne wissenschaftlich sein zu wollen, gibt die Verfasserin ein klares Bild sämtlicher Gebiete des öffentlichen Lebens, mit denen die Frau heute als wichtiger Kulturfaktor eng verbunden ist. Interessant und lebensvoll schildert sie zunächst die Entstehung der Frauenfraae, die Entwicklung der Frauenbewegung, während das Kapitel über Frauenberufe neben sämtlichen außer- häuslichen Gebieten auch die Hausfrauen- 'tätigte» umfaßt.
Im letzten Abschnitt wird die Stellung der Frau im öffentlichen Leben, ihr Verhältnis zum Staat, ihre Mitwirkung bei der sozialen Arbeit und ihre Teilnahme am politischen Leben mit realistischer Sachlichkeit und echt weiblicher Gesühlswärme eingehend erörtert. Der dritte Band des Werkes behandelt zum ersten Male zusammenhängend die Frage der weiblichen Körperkultur, und zwar vom Standpunkte der Volksgesundheit aus. Die bekannte Vorkämpferin der verbefler- ten Frauenkleidung, Frau Else Wirminghaus, zeigt hier, wie äußerst wichtig das Streben des weiblichen Geschlechtes nach körperlicher V e r v o l l k o m m n u n g ist, wie ein fröhliches und freies Menschentum nur heranwachsen kann, wenn der Körper wieder als das höchst« aller Kunstwerke betrachtet und dementsprechend behandelt und gepflegt wird. Frau Wirming- Haus weist auf die Notwendigkeit ahmnasti- scher Uebungen hin, die einem frühen körperlichen Verfall entgeaenarbeiten sollen. Auch müsse man sich täglich Bewegung im Freren verschaffen, sei eS durch Spazierengehen, Schwimmen, Tennis- oder sonstige Spiele. Ferner ist die Umgestaltung der Frauentracht eine der wichtigsten Vor- aussetzungen für eine Körperkultur.
Die Kleidung muß jeder Bewegung und jeder Funktion des Körpers bis zur äußersten Grenze ihrer Ausdehnungsfähigkeit nachgeben können. Eine Steigerung unserer körperlichen Kultur nach künstlerischer Richtung hin werden wir durch den Tanz und den Gesang erreichen. Ersterer aber darf nur ein Ausdruck unserer Empfindungen, letzterer nur ein Ausdruck unserer Stimmung sein. Daher ist die Pflege volkstümlichen Gesanges und volkstümlichen Tanzes zu erstreben. Es fehlt heute unter den Frauen noch vielfach die Auffassung, daß alle weibliche Kultur von einer naturgemäßen Kör- perpflege der Frau ihren Ausgangspunkt zu nehmen hat, weil ihre wichtigste Aufgabe, die der Mutter und Erzieherin, mit ihrem Körper im unmittelbaren Zusammenhang steht. ES würde daher von weitgehendster Bedeutung sür unser Kulturleben sein, wenn recht viele Frauen dieses Buch von Else Wirminghaus (im Ame- lang'schen Verlag in Leipzig erschienen) eingehend studieren und die darin enthaltenen Theorien auch praktisch verwerten wollten.
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den, und dies gilt noch heute in gleichem Maße, denn auch die Mode muß, wenn sie praktisch sein soll, in erster Linie die Jndtviduali- jät berücksichtigen. P- v<
zehnhundertsiebzig waren es nur die Feste der 1 Prinzessin von Sagan, die von sich in der Welt reden machten, besonders ihr berühmter Tierball, auf dem die Prinzessin selbst als blauer, schillernder Pfau erschien. Wohl spricht man setzt schon lange von einem Sich-Zurucksinden zur R e d o u t e, aber das hat, wie es scheint, noch Zeit und Weile, denn die neuzeitigen Ver- anstaktungen entbehren trotz Pomp und Herrlichkeit der feinsinnigen Inszenierung und des unbedingt notwendigen erfrischenden Humors. In diesem Jahre ist der a n t i k e, k l a s s i s ch e Stil modern. Aber kann man überhaupt bei Maskierungen von einem vorherrschenden Stil sprechen? Allerdings, es ist sogar interesiant, zu verfolgen, wie Jahr um Jahr der Stil der Maskierungen gewechselt hat. So ist es noch nicht allzu lange her, daß der Jugendstil alle Welt entzückte, und gar viele erinnern sich noch der unzähligen Rautendelein, die in fließenden Gewändern, zwei Büschel Blumen im Haar, durch die bunt wogenden Mengen schwebten. Aber wer hätte es wagen dürfen, vor zwei Jahren bereits noch zu einem Kostumfest in einem eleganten Pariser Salon als Rautendelein zu erscheinen. Es wäre unmöglich gewesen.
Dann kamen die Stile der verschiedenen französischen Ludwige auf. Die Pariser Haute-volse ahmte bis ins Kleinste die historl- schen, raffiniert luxuriösen in Kostümen getanzten Ballets Louis XIV. nach oder die vielen Maskeraden des zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Redoute über alles liebenden Louis XV. Dabei war fein imitierter Glanz gestattet. Die Kostüme mußten echt sein, Tarkatan und geblümter Perkal waren verpönt, und das Kostüm solch einer stilvollen Edeldame repräsentierte, wie es aus kostbarem Sammet und echtem Brokat mit Perlenstickerei zusammengesetzt war, einen annehmbaren Wert. In diesem Jahr kommt die „gründe dame' billiger fort. Man leiht sich zu den kommenden eleufischen Festen die klassische Einfachheit und den hellenischen Frohsinn. Aus groben Leinen, es kam dazu extra ein Rupfen genannter Stoff in den Handel, werden stilgerechte, griechische und römische Kostüme hergestellt, nicht aus kosstpiellgen Seidenstosfen, aber auch nicht aus hartem, allzu dünnem Material: Kommt es doch gerade auf den klassischen Faltenwurf und Fall an. Die Kostüme Werben mit stilechten Agrasfen gehalten mit billigen Glasperlen und Goldblech verziert, unbedingt erforderlich ist nur die genaue Form und Anordnung nach klassischem Muster, und es haben wirklich hervorragende Künstler ihr Können in den Dienst der Maskerade gestellt und die Entwürfe geliefert, sowie die Aussührung überwacht.
. Einen großen Gedanken, einen wirklich heroischen Gesamteindruck sucht man durch
: großzügige, leicht hingeworfene Malereien zu t erreichen, ine jegliche aufgesetzte Applikation in den Schatten stellen. Zur Vervollständigung des Kostüms trägt man fleischfarbige Strumpfe,
- gelbe Sandalen und breite Fuß- und Arm- spangen. Uebrigens haben die diesjährigen Maskenfeste ein königliches, bisher unerreichtes Vorbild in dem großen Maskenball von Berlin, den die Königin Luise am zwolsten März 1804 im königlichen Nationaltheater veranstaltete. Hierbei sührte die Hosgesellschast selber, die Königin an der Spitze, ein klassisches Tanz- poem mit ungeahnter Kostümpracht auf, das die Heimkehr Alexander des Großen aus Indien und seine Vermählung mit Statyra, der Tochter des letzten GroßkönigS der Perser, darstellte. Die Königin trat als Statyra, Prinz Heinrich von Preußen als Alexander auf, und das Fest gestaltet sich damals im wahren Sinn des Wortes zu einem Bolksfest, weil eine tausend- köpsige Menge nicht nur zum Zuschauen zugelassen, sondern auch von der gastfreien Königin bewirtet wurde.
Am preußischen Hose sind im allgemeinen Kostümfeste selten. DaS letzte veranstaltete der Kronprinz im Jahre neunzehnhundertsteben in seinem neu restaurierten Berliner Palais. Es war im Kostüm des achtzehnten Jahrhunderts Sri. Der Deutsche Kaiser erschien im m Friedrichs I. und trug (wie es der Stil jener Zeit ersorderte) eine mächtige
Die Mode, Kostümseste zu setern. ist in Paris, der Urstätte der Verkleidungen, stark im Abnehmen bearikfen. Schade! Seit acht-
Am der ZraMniseit.
Frauen als Schulärzte.
Die Tätigkeit der Schulärzte und Aerztin« neu hat sich überall bewährt. Die englischen Gemeinden haben aber außerdem zu Ende des vorigen Jahres noch 289 Schulschwestern an- gestellt, die mit der Pflege der leidenden Kinder betraut sind und die Anordnungen des Arztes ausführen, was von feiten der Eltern oft vernachlässigt worden ist. Man hofft, durch diese Einrichtung die Gesundheitspflege in den Schulen noch wesentlich verbessern zu können. Tie arbeitende Fran in der Großstadt.
Die Wohnungsmifere der gebildeten arbeitenden Fran in der Großstadt ist schon oft beklagt worden. Für Geld ist natürlich alles zu haben, auch eine gute Familiew Pension, in der man in angenehmer Gesellschaft gut wohnt und speist. Aber hat die arbeite n b e Frau genügend Geldmittel um sich dies alles leisten zu können? Wohl schwerlich. Sie ist dann gezwungen, in billigen Pensionen zu leben ober möbliert zu wohne«. Eines ist so übel wie das andere. In bimsen Pensionen, den sogenannten Heimen, ist da» Essen minderwertig, und der schlecht genährt« Mensch kann nicht arbeiten. Möbliert zu wohnen ist entweder auch sehr teuer oder für eine Dame einfach horrible; man denke allein an die Tragikomik der Wohnungssuche. Kürzlich haben sich nun gewerblich tätige und ftubie« rcnbe Frauen zusammengetan und die Wirte veranlaßt, in verschiedenen Gegenden Berlin« Etagen zimmerweiseanDamenav- zugeben. Die Küche ist für alle Bewohner bet Etage gemeinsam. Der erste Verinch dieser Art Wird zu Ostern dieses Jahres gemacht werden. Wenn sich die Verwirklichung des an sich vortrefflichen Gedankens als praktifch und segensreich erweist, bann könnte man das flute Beispiel auch für größere Provinzsmbte ml nachahmenswert empfehlen.
Tas Frauenrecht in Amerika.
Man schreibt uns aus Newyork: Die Frauen st immrecktsbewegung In Rewyork hat sich in dem letzten Jahr in aroßzügiger Weise entwickelt. Es besteht dort ein Zentralburean für die 43 Wahlbistrikte, m bie bie Stimmrechtsvereine der Großstadt ein- aeteilt sind. Die Mitgliederzahl betragt 20000, unb der Verband hat im letzten Jahre in Reto- York allein mehr als 150 Versammlungen unter freiem Himmel abgehalten. Sehr groß ist auch bie Menge bcr verteilten Flugblätter, bie na® bem internationalen Charakter, den Newyork trägt, in ben verschiedensten Sprachen abgesaßl fein müssen. Die gesamten Armier des Verbandes werden ehrenamtlich verwaltet, Gehalt beziehen nur eine hauptberuflich ta ige General-Sekretärin unb eine mit ben schriftlichen Arbeiten betraute Stenotypistin.
Die Frau im Rathaus?
In Kopenhagen ist soeben Fräulein Helene Berg als Kandidat für ben durch ben Tod des Bürgermeisters Knudsen frei gewordenen Posten des Bürgermeister« , ausgestellt worden. Die Wahl ist bis jetzt noch i nicht entschieden, es bestehen aber große Au^ : sichten, daß Fräulein Berg gewählt werde« : wirh