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Nr. 8.

Cassel, 22. Januar 1911.

1. Jahrg.

MW FmlieiM

Wochenbeilage zu den Caffeler Neuesten Nachrichten.

Frau i lurn St- ürbeit i Leben r

Meiner Kinder blaue Augen.'>

Wenn im Leben oft der Kummer Drücket arg mich nieder. Schau' ich in die blauen Augen Meiner Kinder wieder ...

Auch wenn Menschen, die ich liebe, Treu' und Glauben brechen. Dann der Kinder liebe Augen Mir zum Herzen sprechen . ..

Wenn die Falschheit, wenn das Schlechte Ost im Leben siegen.

Freu' ich nnch, wenn an mein Herze Sich die Kleinen schmiegen...

Ach, wenn dann vergang'ne Leiden

Ihre Schatten ziehen. Muß ich nach den lieben Augen

Meiner Kleinen fliehen . ..

Seh' ich in die blauen Augen Meinen lieben Kindern, Jst's, als wollt's im Herzen mir Allen Kummer lindern...

A. Hildebrandt.

*i Da« (8-dicht eine« Casseler Arbeiters, der INI« schreibt:Ich bin durch den kürzlichen ArNkelDie Poesie der Arbeit" tn denKasseler Neueste Nachrichten" angeregt worden. Ihnen Proben meiner Ttchlungen etnzusenden. Ich bin Arbeiter, und benutze meine freie Zeit dazu, meine seelischen Empfindungen tn Form von lSedtchte» zu Papier zp bringen." Andrea« Hildebrandt.

Gottes Mühlen mahlen ...

Von HanS Brandeck.

Der Arzt untersuchte den Toten und stellte fest, daß die Leichenstarre schon mehr als 12 Stunden eingetreten und der Tod durch eine kleine Kugel, die das Herz durchbohrt hatte, herbeigeführt worden sei. Darüber diktierte der Richter seinem Schreiber ein kurzes Proto­koll in den Stift. Dann ließ er durch den Land­jäger das Dienstgewehr des Toten untersuchen. ES befand sich darin eine abgeschossene Pa­trone, die Vogeldunst enthalten hatte. Es war daher nicht anzunehmen, daß sich der Getötete selbst entleibt hätte. Das richterliche Erkennt­nis lautete deswegen dahin, es liege ein Mord vor.

Wer aber war der Mörder?

Der Beamte verfügte das Nötige. Man neigte der Annahme zu, daß Wilderer den Jagdaufseher erschossen hätten. Solche gab's schon hier und da in der Gegend. Und auf dieser ileberzeugung fustend, liefe der Staats­anwalt die Suche nach dem Täter aufgreifen. So wurden alle Männer der ganzen Umgebung einem strengen Verhör und viele der Inter­nierung unterworfen, in bereit Besitz der ober ein anberer Je schon eine schufefähige Waffe ge­sehen hatte, aber ein Resultat ergab bas alles nicht. Polizei-Spürhunbe besafe man bantals noch keine, und so erlahmte nach unb nach das Interesse an ber Ermittlung bes Mörbers, nur im Dorfe selbst sprach man noch lange bavon, dafe bie Gerichte bes Täters nicht habhaft ge­worden seien unb bie Tat daher imgesühnt bleiben müsse.

Der Volksmund hatte manchen Verdacht aufkommen lassen, und wenn auch gar kein Ergebnis vorhanden war, mußte doch mancher Unschuldige dafür büfeen, dafe ihn übelwollende Menschen eines Mordverbrechens für fähig hielten.

Wer war der Tote gewesen?

" Vor zwanzig Jahren ist's gewesen.

Damals (es war an einem winterlichen Sonntagmorgen) haben sie im Gemeindewald den Jagdausseher Harter erschossen aufgesun- den. Das ganze Dorf pilgerte hinaus an die Unglücksstelle, und voller Grauen und Entsetzen über die ruchlose Tat umstand Alt und Jung den mit einem Weißen Linnen bedeckten Toten, der nicht von der Stelle gebracht werden durfte, bevor das Gericht den Befund aufgenominen hatte.

Zwei Männer hielten auf Anordnung des Gemeindeoberhauptes die Totenwache. Sie hatten ein Feuer angezündet, um sich warm zu halten, und die Buben des Dorfes schleppten ihnen dazu dürres Abfallholz herbei.

Wer von den anderen Leuten genug ge­froren hatte, ging wieder heim; denn zu sehen gab es weiter doch nichts, und sich in Ver­mutungen ergehen über das Geschehnis, das tat sich daheim am warmen Ofen oder um den runden Wirtstisch herum bequemer. Aber immer wieder zogen neue Gruppen daher, und das Kommen und Gehen währte den ganzen Tag über. Jeder wollte dagewesen sein, denn seit Menschengedenkeu war so was im Orte nicht geschehen.

Am Nachmittag kam ein Gendarm und befahl, bett Tatort abzusperren. Aber dazu war es zu spät. Die Stelle um bett Toten herum Ivar von den Neugierigen völlig zer­treten und daher alte Spuren nicht mehr zu erkennen; auch war in ber Nacht etwas Neu­schnee gefallen unb hatte alles verwischt, was etwa auf die Art der Aussührung des Ver­brechens hatte schliefeen lassen können.

Dann brachte ein Landauer die Gerichts- sonnnnsion, bestehend aus dem Herrn Staats- LchreiberbClrt $crrn V6b[lhi8 und einem

Ein Junggeselle in den sünsziger Jahren, der kaum einen Feind hatte, es sei denn die alten Weiber des Dorfes, die holzsammelnd seine Jagdgänge kreuzten, und denen er man­chen derben Fluch auf den Rücken schickte. Ohne der Geselligkeit abhold zu sein, war er im Laufe der Jahre doch ein einsamer Mann ge­worden. Einsam durchstreisie er, meist ohne Hund, Wald und Flur. Achtung brachte ihm jedermann entgegen, aber einen wahren Freund zu besitzen, blieb ihm versagt.

So schien es, als ob sein Leben ohne Sonnenschein, ohne Liebe dahingewandelt.

Ohne Liebe? . . .

Seine Heimat lag jenseits des gewaltigen Bergrückens, vier gute Wegstunden entfernt. Dort hatte er die sonnigen Tage der Jugend verlebt, und dort war in seinem Herzen jene Blume ausgekeimt, die dem Menschenleben in seinem Erdenwallen erst die rechte Weihe gibt, die Liebe.

Sie war dem armen Jagdeleven von Herzen zugetan. Aber das Schicksal hat die beiden Liebenden auseinandergerissen. DaS Mädchen ist folgsam gewesen dem Geheifee der Eltern und hat einem Manne die Hand zum Lebensbunde gereicht, der zwar Versorgung, aber keine Liebe bot. Es war keine glückliche Ehe; vielleicht gerade deswegen nicht, weil dal Weib den Geliebten nicht vergessen konnte.

Auch dieser wollte sich keinem anderen Weibe widmen. So versäumte der junge Jägersmann, sich einen eigenen Hausstand zu gründen, und er blieb ein einsamer Mann; feilt ganzes Lebensglück bestand in der Eriune-1 rung ort jene Zeiten, da ihm die Geliebte an der Brust geruht unb tausend Schwüre ihr« Herzen verbunden hatten. |

So waren die Jahre vergangen unb er selbst ein Mann geworden, dem der Herbst bei