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Casseler Neueste Rachrichtrtt

Die Beobachtungen der dänischen Berfas- ,erm sind also als aneinander gereihte Ein­zelfälle psychologisch wertvoll und auch für den Arzt bilden sie bedeutsames Material, denn hier, wie auf andern Gebieten der nervösen und^psychopathischen Erscheimlngen, ist erst ein Anfang zum Verständnis gemacht. Wenn aber aus der kleinen Schar richtiger Beobach­tungen innerhalb einer ganz bestimmten Le- benssphare auf die G rf amtheit der Frauen geschlossen werde» soll, so darf dieser Ansicht ohne Entrüstung, aber mit aller Ucberzcugung, entgegengetreten werden. Auch bei diesem Problenr dürfen zunächst die sozialen Glie- deningen und Missstände nicht ausgeschaltet werden. Wenn die Frau des Proletariats zwi- sehen vierzig und fünfzig Jahren zusammen­bricht, so blicke man erst in ihr Leben, nm diesen Zusammenbruch aus anderen Ursachen zu erklären: Erschöpfung durch zahlreiche Ge­burten. ohne ausreichende Schonung, itbeti harte Lebensarbeit oft von Kindheit an, gleich zeitige Belastung durch Mutterschaft, Haus­arbeit und Beruf ohne alle Erholungspausen, Unterernährung, ständig« Sorge ums Brot, kurzum: Vorzeitiger, völliger Verbrauch der Lebensenergie und wohl zum allergeringsten Teil das .kritische Alter*. Auf der anderen Seite aber bewirkt die I n h a l t s l o s i g k e t t des Lebens für die Frau der wohlhabenden und reichen Kreise oft gleichfalls eine schwere Krise. In jenen Jahren sind die Multerpslich- ten zumeist beendet, die erwachsenen Kinder haben sich dem Hause entftemdet, damit ist oft das stärkste Band jener Ehen gelockert, die aus tiefster seelischer und geistiger Gemeinschaft beruhten.

Im Alltag ist die Poesie der ersten Ehe« obre zerronnen, die alternd- Frau fängt plötz­lich an, über sich selbst nachzudrnken. sie fängt an, ihr Schicksal zu bemitleiden und weil sie keinen wirklichen Lebensinhalt mehr hat. ach­tet sie (weit mehr als ehedem) auch aus ihrs' kleinern Leiden. Sir wird empfindlich, ge- reizt, und unwillig, Beschwerden zu ertragen« Gewiß: Einige wenige Frauen sind so krank­haft, daß sie n u r Rücksicht, Mitleid und . . « trengste, ärztliche Behandlung brauchen: de» Zustand der Uebrigen aber erfordert nicht Rach- giebigkeit, sondern Ueberwindung durch Selbstbeherrschung und Se lbst e r' iehung, denn diese Frauen brauchen Aus- üllung mit Interessen, die so stark sind, daH die natürlichen psychologischen Beschwerden von ihnen völlig übertönt werden, und de» von Frau Michaelis zitierten Fällen könnte ich zahlreiche Fälle aus der Praxis au die Seite stellen, von Frauen, di« wieder auf- blühten, sobald ihr scheinbar überflüflt- ges Leben wieder neue» Inhalt erhielt? Gerade wenn wir in Uebereinftimmung mit der dänischen Dichterin an ein gefährliches Al­ter glauben, dann ist es unsere doppelte Pflicht, allen Mitschwestern zuzurufen: Baut rechtzeitig vor, hütet euch vor ihm, damit, wenn es kommt, Ihr die Stärkeren seid! Ihr Mütter, die Ihr vielleicht so manches Mal de» Zusannnenhang mit Euren erwachsenen Rin-

Für die Gesamtheit von anderem als lite- ran,chem Interesse ist nur die Frage, inwieweit glaubt, daß die Frauenwelt als solche von einem .gefährlichen Alter* betroffen werde. Hier vertritt Karin Michaelis die Ueberzeugung, daß fast alle Frauen vor- wiegend in bestimmte« Jahren, zwischen vierzig und fünfzig Jahren, längere oder kürzere Zeit hindurch Abnormitäten aufweiscn, und zwar äußern sich diese Abnormitäten auf die verschiedenste Art. Der Kernpunkt ist jedoch, daß Eigenheiten und geringwertigere Eigen­schaften, die wohl ini Keim vorhanden waren aber zu gesunden Zelten durch Willen und Energie beherrscht und niedergehalten ivurden, sich in jenen Jahren hemmungslos aus- pragen. Bei einigen tritt (wie bei der Heldin des Buches) eine verspätete Erotik auf, die oft deshalb von der Mitwelt besonders streng ge­rechtet wird, weil die grausame Natur durch das frühe .Verblühen Frauen in Jahren schon fast lächerlich als Liebende erscheinen läßt, wo man dem Mann noch jede Torheit zugute hält. Bei anderen nimmt der pathologische Zustand ganz andere Formen an; die sorgsame Haus­frau wird plötzlich zum Scheuerteufel, Spar­samkeit entartet zu Geiz, ein in Grenzen ge- haltener Sum für schöne Kleidung zu Putz­sucht, Lebhaftigkeit steigert sich zu Schwatzhaftig kett, Energie und Eigenwillen zu Zanksucht und Unverträglichkeit, Zartheit des Empfindens schlagt um in Ueberempstndlichkeit, die ernst Veranlagte wird melancholisch und die Schwer­fällige stumpf und apathisch.

5a,t< io ist nicht emzusehen, warum auch eine solche Frau nicht mit Recht psychologisch ersaßt und dargcstellt werden dürfte

2a» gefährliche Alter.

«losten znm Buch von Karin Michaelis.

Eine Sensation d«S diesjährige« Winters war der Vortrag Karin Michaelis über ihr Buch: .DaS gefährliche Alter*, das wochenlang vorher Berliner GesellschastS- «^ochgewesen. Während die feinsten, wert- vollsten Bücher von Karin Michaelis nur eine« engen Kreis von allerdings treuen Bewunde­rern gewonnen haben, war das letzte Buch, "schienen, schon eine Sensation, in Zehn- «lemplaren. begehrt, von Be- rusenen und Unberufenen kommentiert. Und : Enttäuschung für die

® IÜTrn<*?l eine Freud« für die un m. rtL s$e?^rIct ihres Talentes. Jedenfalls rc, der Gedanke, als sei dieses der traurigen Heldin ein Selbst- der Dichterin, gründlich zerstört. uL" ^icht von dem Buch soll hier dir Rede ^iu- Es ist übergenug besprochen worden, und !.''"'ilcrrsch gehört es nicht zu den besten Werken «often^Ä -^e Aufregung, die einen großen Teil der Frauenwelt (damnter manche toeinpn l«®2.riftflcncrinncu) nach dem Er- Unbb£n»o duches befiel, ist mir unerNärlich. und wenn Karin Michaelis (wie sie selbst kaati aerade dne schlechte, innerlich verlogene Fran verbe«e^v» siegte, an ihr zeigend, wie ^'^^^^usammenbruch bei einer Frau l'h d'^siris ein inhaltsloses Leben geführt hat, fl! 6 tei iiußere Gitter: Wenn

nni«,* herabsetzende Aeuße

,i l Q,n iider ihr Geschlecht in den Mund gelegt

Rümmer 7.

.ich wollte dich immer schon fragen: Wie stehst du mit ihm?"

.Gnt!* war die harmlose Antwort.

.Donnerwetter, Mädel!« Doktor Wehmer sprang auf und ging erregt hin und her.

.Schrei doch nicht so, Fritz. Mama schläft. Was fällt dir überhaupt ein? Ich gebe zu, daß ich ohne deine Hilfe beim Examen in der Mathematik geraffelt wäre. Aber das gibt dir doch kein Recht ... *

.Verzeih, Hilde.* Er blieb vor ihr stehen und nahm ihre beiden Hände. .Ich hab natür­lich kein Recht. Aber du lieber Gott, es geht nicht immer nach einem bestimmten Schema im Leben zu. Ich . . . ich wünschte, du hättest damals die Schlittenpartie nicht mitgcmacht."

Na, und wenn," sie begann wieder zu lachen, .wenn ich sie nun gar nicht mitgeinacht habe?"

Hätte, meinst du.*

Sei doch nicht so pedantisch, Fritz. Ich sage: Mitgemacht habe, und dabei bleib« ich. Willst du nun meine Hände loslaffen, bannt ich mir Mut trinken kann? Dann erzähl' ich dir was."

-Du wirst mir's auch so sagen. Ach, was ist damals passiert?"

m -Nichts- Leider nichts!* rief sie mit Pathos. Aber als sie sein unglückliches Gesicht sah, wurde sie gleich ernst. .Fritz, ich bin ja gar nicht mitgefahren. Weil du nicht wolltest, hab ich auch die Lust verloren. DaS ist doch ganz einfach."

Wie denn! Ihr habt euch doch ge- fchneeballt. Und ich sollte ja mit deiner Mutter nicht von dem Ansflug reden."

Freilich. Sonst hättest du's gleich er­fahren, daß ich dich beschwindelt habe. Das wollte ich dir doch nicht ans die Nase binden. Aber du begreifst so schwer. Wcun ich den Ossip nicht rangeschleift hätte, damit du auf ihn eifersuchttg wirst, ohne daß der arme Kerl was ahnt . . .'

.Der Russe soll leben!* fiel ihr da Fritz jubelnd ms Wort.

Und Doftor Wehmer erzeigte sich dankbar, indem er Ossip Laßnin am Abend einen Korb Wein zuschickte.

Der Student akzeptierte freudig das ano­nyme Geschenk, ohne zu wissen, daß er die Ver- lobnna von Fritz Wehmer mit Hilde Arndt zustande gebracht hatte.

An einer Fülle von Beispielen aus dem Leben, die sicherlich wahr sind, illustriert Frau Michaelis ihre Theorie, und zugleich dringt sie auch darauf, daß den physiologischen Vor­gängen im Leben der Frau, die sie allmonat­lich^ für einige Tage besonders schonungs­bedürftig machen, in Handel und Wandel, in Hans und Beruf ebenso Rechnung getragen werden wie in dengefährlichen Jahren", in denen man häufig die Frau nicht kritisieren, sondern nur bemitleiden und schützen dürfe. Da diese Tendenzen sicherlich weder unmoralisch sind, noch von häßlichen Motiven ausgehen, erscheint es geradezu unfaßlich, daß die dänische Frauenbewegung in einem Ent­rüstungssturm über das vielgenannte Buch be- schloffen haben soll, die Verfasserin zu boykot­tieren. Freilich stehen diese Ansichten von der physiologischen Abhängigkeit der Frauen dia­metral jener Frauenbewegung gegenüber, die (wie eS in manchen Ländern der Fall ist) es völlig adlehnt, physiologisch« Verschiedenheit von Mann und Fra« irgendwie betont zu sehen, und sogar Front macht gegen besondere Arbeiterinnenschutzgesetze. Die deutsche Frauenbewegung hat diese einseitige Ansfaflung niemals aetrilt: Gerade weil auf >er Frau die Last der Fortpflanzung aus- chließlich ruht, muß ihr für den wettvollen Dienst der Mutterschaft, den sie der Gesamtheit leistet, eine entsprechende Kompensation in der Gesetzgebung gewährt werden, gerade deshalb gebühren ihr an sich die vollen Staatsbürger- rechte; lediglich im Interesse des Staates selbst ist, wenn er zngleich die Frauenarbeit insoweit schützt, als cs die gesunde Mutterschaftsleistung erfordett.

Es braucht also kein prinzipieller, ondern nur ein gradueller Unter­schied die Frauen, die auf dein Boden der dentschen Frauenbewegung stehen, von der Ansicht der Dänin zu trennen. Die sachliche Frage kantet: Gibt es ein ,ge- ährliches Alter", in dem die Mebrzahl der Frauen unter pathologischen Erscheinungen erbet ? Trifft dies zu, so wäre di« Frau i"ade zu der Zeit der größten geistigen Reis«, in der sie endlich ernten darf und ebenso wie der Mann de« Höhepunkt ihrer beruflichen Leistungen erreicht, als pathologisch anzusehen, und es bedarf keiner Erörterung, was dies für unsere gesamte Entwicklung be deuten würde. Aber ohne alle Entrüstung und mit strengster Objektivität ist es geboten,

______________________1 Jahrgang. nachzuprüsen, wieviel Richtiges die Ansicht tm von Karin Michaelis enthalteik. Nun scheint mir allerdings die Theorie aus einer fehlerhaften Grundlage aufgebaut, und sobald diese als fehlerhaft ^kannt ist, ist auch das Mltat em anderes. Zweifellos hat Frau Mühaelis eine große Anzahl von Fällen im Leben beobachtet, und dieses Beobachtungs- material stellt an sich einen b e st i m in t e n ? J?e 1 1?on Frauen dar, Frauen der bürger- lichen Sphäre ohne Pflichten höherer Art, ohne "ustsn Perus, versorgt durch den Man», teils gewohnt, ernt Rolle in der Gesellschaft zu spie­len. teils auch ausschließlich im Haushalt auf- SAud. Bei der intensiveu Wechselwirkung zwischen seelischem und körperlichem Zustand ist aber kaum festzustellen, inwieweit diese be­obachteten Frauen physisch gelitten haben, weil sie seelisch deprimiert waren, und um- A."bhrt. Es kommt noch hinzu, daß sich dem Beobachter zumeist eine kleine Anzahl trauriger und nnliebsamer Vorkommnisse stark einprägt, wahrend die große Menge des Normalen un­auffällig und eindrnckslos vorübergeht.