gtr 7 Cassel, IS» Zanuar 1911.
Will MliMlN
Wochenbeilage zu den Casseler Neuesten Nachrichten.
' Unvergessen...
Lehnst Du immer Deine bleich gehärmte Wange Noch an jenen kalten Leichenstein, Weinend um bett Toten, der schon lange Ruhet in bet» dunklen Kämmerlein . . . ?
Zucken immer Deine schmerzbewegten Lippen Noch voll Leid um jenen fittstern Mantt, Den Dein heißes Herze nie vergessett. Deine Seele nimmer bannen katttt . . . ?
« Gehst Du immer ttoch zu jetter Battk im Parke, Wo die schöne Villa gegenüberliegt. Denkst Du immer noch an jenen dunklen Abend, Wo sich Deine Brust so sanft an ihn geschmiegt...?
i
Bleiches Kind, ich seh' Dich oft in finstern Nächten, Kalt unb stumm, vor meinem Bette stehn.
Dann ergreift mich ein unendlich Trauern, Unb ich möchte still an Deiner Seite geh'tt . . . ■ —
be
kommen?"
die
chen."
-Du hast dich jedenfalls gelangweilt, denn du scheinst ziemlich schlechter Laune zuriickge kommen zu sein."
»Ich suhr mit Ossip Laßnin int Schlitten. Du kennst ihn ja, den Phantasten", sagte Hilde. Sie hielt ihre Hände an die warnte Teekanne und sab dabei ihren Vetter von der Seite an. Es war ganz klar, daß ihre Worte ibn verstimmt hatten: Hilde kannte dieses nervöse Zupfen am Schnurrbart, wenn er sich ärgerte. „Was mir der bloß alles vorrrzählt hat wäh rend der Fahrt!" setzte sie hinzu.
„Brauchst mir keine Beichte abzulegen," brummle Fritz und ging im Zimmer auf unb ab.
Hilde beachtete seine Worte gar nicht. „Es war 'aber auch herrlich. Dieses Weiten über die weißen Wege, unb kaum ein Geräusch außer bem Schellengeläute. Draußen Rauhreis aus bett Bäumen und hoher Schnee im Walde. Wie haben uns geschnccballt unb amüsiert.. * Sie reckte bie Arme in bie Höhe . . . „Aber jetzt bin ick so müde unb muß noch sechs Ma- thematik-Ansgaben lösen. Gräßlich! Weshalb hast btt mir bloß damals geraten, das Abitn rittnt zu machen! Diese Mathematik!"
„Vielleicht kann ich bir was babei Helsen?" „Ach ja, bas wäre nett Du leistest mir erst noch Gesellickast beim Abendbrot und
Er mußte bei bet Villa, bie Frau Geheimrat Arnbt mit ihrer Tochter bewohnte, vorüber, unb ba er im Speisezimmer Lrcht sah, ging er dttrch bett Garten ins Haus. Er fanb seine Eousine beim Abendbrot.
„Ist Tante nicht da?" fragte Fritz.
„Mama ist im Theater."
„Unb bu? Ist bir ber Ausilug gut
„Wie bu siehst, habe ich mir Weber Aase erfroren, noch ein Bein gebrochen. Also mit Patientensang ist bei uns nichts zu ma-
Die Schlittenpartie
Von Käthe Hrlmar.
Vater übernommen. Wenn ihn bie Arbeit auch nicht überwältigte, so konnte er doch von seinem Auskommen ganz gut leben. Er war froh, daß er gerabe an deut Tage, an welchem Hilde ben Schlittenausslug vor hatte, viel zu tun bekam. Die Zeit verging schnell, unb es wir schon 7 Uhr abenbs, als er mit bem letzten Krankenbesuch serlig war.
„Weißt bu auch, baß bu unausstehlich bitt?" sagte Hilde Arndt vorwurfsvoll zu ihrem Vetter. , t „
„Ich glaube saft, ich ahne so was.
,Unb bu bist natürlich ganz stolz daraus unb kommst bir sehr erhaben vor, weil bu mir Weber mal einen Wunsch abgeschlagen brti* .Das gerabe nicht." Dr. Wehmer sah sei- ner Eousine in bas hübsche, brünette Gesicht unb schien boch vor bem schmollenbe» Munb- chen unb den zusanuiiengezogeneii Augenbrauen etwas Angst zu habe».
„Also bann gib mir einen vernnlsittgen Grnnb an, warum bu morgen unsere Schlittenpartie nicht initmachen lvillst."
„Gib bu mir erst einen an, warum bu durchaus dabei sein mußt."
„Ich? Ra, bas ist boch ganz klar. Ick bussele geling.zuur Abiturium. Ich muß mal einen halben Tag ausspannen. Unb jetzt, wo enblich Schnee unb Frost gekommen ist, will ich s ausniitzen. Fünf Kolleginnen machen mit, unb vier Männer haben wir auch gechartert. Ich dachte, bu wirst der Fünfte fein."
„Unb meine Sprechstuiibe?"
„Ach, wer ba schon kommt!"
„Vielleicht wirb boch gerabe morgen je- knanb krank, ber mich konsultieren will."
„Haft bu Illusionen!"
„Na, jedenfalls komme ich nicht mit. EHarker bir einen anbern als Fünften."
„Mit Vergnügen! lleberhaupt liegt mir an beintr Gesellschaft gar nichts. Bloß Mama hätte gern, baß bu dabei bist. So als Elefant, weiß du, als älterer, unbeteiligter "Zuschauer. Denn sie glaubt, daß bu mit dei- nen dreißig Jahren eine Art Respektsperson für mich bist. Du weißt boch, berartige Ausflüge ohne Anstandswauwaus sind der Maina "immer contre coeur. Aber mir gar nicht. Amii- " -fier dich mit beineu Ioboformwohlgeriichen im SpteckzimMer recht gut, bu Bulldogge, bu. Ich muß jetzt nach Hause."
Sie warf ihm noch einen wiiteuben Blick aus ihren funtelnbeu, schwarzen Augen zu unb bog nm bie nächste Straßenecke, ohne ihm erst die Haub zu reichen.
Fritz Wehmer hatte sich erst seit zwei Iah reit in seiner Heimatsstabt als Arzt niedetge- Iflffen und einen Teil bet Praris von seinem
nachher siehst bu bir mal bie merkwürdigen Zahle» unb Figuren an, mit betten ich da zu tun habe. Bloß noch eins", sagte Hilde, wäh- rend sie ihm den kalten Braten reichte, „wenn Mama dann aus dem Theater fommt, unb bu bist «och hier, erwähne, bitte, nichts von ber Schlittenpartie."
„Wie bu willst. Aber ich habe feinen gro- jen Hunger. Laß nur abräumen und daun zeig mal die Ausgaben her!"
*
„Prost Fritz, altes Haus, ich komm bir einen Halben."
Doktor Wehmer saß nebelt seiner Kusine. Er ließ sein Glas an das ihre klingen, ohne ihr in bie übermütig blitzenden Augen zn gucken.
Sie hatten die Mahlzeit beendet, zu bet Frau Geheimrat Arndt ihren Ressen feierltchst einqelaben. Kein Festessen . . . obgleich Hilde das Abiturium gestern glänzend bestanden hatte. Bloß ein kleines, feines Familiendiner, wie es bei Arndts üblick war, mit wenigen, aber auserwählten Delikatesien und gutem Wein. .
Die alte Dame hielt ihr Mittags,chlaschen, während Fritz und Hilde Zigaretleit rauchteil. Dt. Wehmer blies graue Ringe in die Lust und sah nachdei,klick zu, ivie sie sich auslösten und zerrannen. , „ ,
„Ja, was fehlt dir beim? D» siehst ja heute ganz weltschmerzlich aus!"
„Liebst bn bas nicht, Hilde? Dein Genoffe mit ben langen Haaren hat iminerhiit ziemlich schwermütige Kirgise,izüge " .
„Bist bu aber gehässig! Du metnft wohl Ossip?"
„Freilich, beinen Genossen von ber Schiit- tenpartie."
Hilbe sing an zu lachen: dock bamit bet- , besserte sie die Laune ihre« Vetters dutchau« nickt. ,. .
„Bleibt er im nächsten Semester biet, dieser Russe?"
.Wahrscheinlich."
„Und er studiert auch Mezidin?"
„Wie ick, und wie du, als dn noch jung warst." _ „
„Hör' mal, Hilde, ick möchte ivissen ... Fritz stopfte sich uiustänviick eine neue Zigateii« und lab lebt interessiert den Tabak an, . . ,