Cassel, 8. Januar 1911
Nr. 6.
1 Jahr-.
Wochenbeilage zu den Cafseler Neuesten Nachrichten.
Abschied...
Schau mir ins Äug' und las? ins Ong' Sir schauen, Lid mir noch einmal Leine kleine Hand.
Las? herrlich danken Lir für Lein Vertrauen, jfftr all' die Lied', die mich mit Lir verband.
Oun ist's varbei! ich fall und mus? vergelsen. Was mich so wahrhaft glücklich hat gemacht. Ich habe Lieb und Glück, die ich befellen. Ler Lieb' ?u Lir?um Opfer gern gebracht.
Schau mir ins Äug', ich will bei Lir nicht Klagen Änü freue mich des Glück's, Las Lich umgibt. Schau mir ins Aug'. las? Dir nach einmal sagen: Ich hab' Dich wahr ... hab' innig Lich geliebt.
p. s
=HW
Ihr Vater.
Skizze vo» Anna Julia Wolff.
Herr Geheimrat von Behringen saß In seinem puritanisch einfachen Arbeitszimmer und wartete auf die Ankunft seines Töchterchens. Nicht mit jener freudigen Erregung, mit der im ali- gcmeinen zärtliche Väter dem unverhofften Wiedersehen mit einem geliebten, einzigen Kinde entqegenzusehen Pflegen, ach nein, seine Mienen drückten eher ein gewisses Unbehagen und zum mindesten eine starke Verlegenheit aus. Was sollte er denn nur eigentlich mit dem so jäh bereingeschneiten jungen Ding ansangen?
Als sie vor zwei Jahren den dringenden Wunsch aussprach, nach Berlin zu gehen, um ihr hervorragendes Talent zum Malen weiter auszubilden und zur Blüte zu bringen, da stellte er diesem Ansinnen ein entschiedenes „Nein" entgegen. Das wäre ja noch schöner! Sein Kind, die Tochter eines Geheimrats voll Behringen, ein emanzipiertes Frauenzimmer! Also ein Geschöpf, das mit ungekämmten Haa- ren und Oelfarbenflecken au den Händen um- l?erläust uild seine Bilder nn den Mann zu bringen sucht. Brr, ihm schauderte. Und als er, nach schweren Kämpfen mürbe gemacht, schließlich doch seine Einwilligung gab, da war es nicht zum wenigsten das Gefühl, einer lästigen Sorge um ihre Zukunst überhoben zu sein. Denn das Kind, das ohne Mutterzärtlichkeit ausgewachsen, sein warmes Liebesempsinden stets fest in sich verschließen mußte, war mitt« lerweile zu einem kraftsprühcnden Weibe her- angewachscn, das mit seinem fiebernden Le- bensdrang mitunter dem korretten fischblütigen Vater recht unbequem wurde.
Und da sich schließlich eine Verwandte erbot, das junge Mädchen unter ihren Schutz zu nehmen, war ja auch der äußeren Form voll- lomlnen Genüge geschehen. Die Sache schien auch bis dahin gaiu fllatt zu gehen; Elly schrieb begeisterte Briefe über die Befriedigung, die ihr die Ausübung ihrer Kunst gewährte, und die Tante fügte stets voller Stolz hinzu, daß „Ellychen" wirklich ein Geilie wäre und ganz entzückende, riesengroße Bilder male, ilm so erstaunter war der Geheimrat, als heute morgen der seltsame Bries eintras.
Die Tochter schrieb in ganz kurzer, fast rauher Weise, sie sähe ein, daß sie ihre Begabung bedeutend überschätzt hätte, sie hätte sich definitiv entschlossen, die Malerei auszugeben.
und würde heute mittag zu dauerndem Aufenthalt in ihrer Heimat eintrefsen. Nun, daran war nichts mehr zu ändern, und der etwas ratlose Vater mußte sich eben mit der Tatsache abfinden und warten, wie sich die Dinge Weiter entwickeln würden. Vielleicht ließ sie sich doch noch überreden, wieder zu der Tante zurückzu- gehen, vielleicht auch, und das lvar das Wahrscheinlichere, würde es ihr von selber in seinem öden Heim zu einsam werden.
Er konnte sich nicht lange seinen Grübeleien hingeben; vor dem Portal suhr ein Wagen vor: Elly war eingetroffen.
Mit nicht ganz aufrichtiger Herzlichkeit ging ihr der Geheimrat entgegen. .Run, grüß Gott, Elly, nnb sei willkommen in deinem Vaterhause." Er drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und hieß sie an seiner Seite Platz nehmen. Dann plauderte er mit ihr. Er fragte sie nach ihrem Aufenthalt in Berlin, nach den Gründen ihrer Siitnesänderuug, nach den Plänen ihrer Zukuitft und nach sonst allem möglichen.
Sie beantwortete seine Fragen in einer leisen, müden Art, erklärte sich mit allem einverstanden, wollte auch, wenn er es für bester hielt, gern in einiger Zeit zu der Tante nach Berlin zttrückkehren, und schien überhaupt eilt schmiegsames, willfähriges Mädchen geworden zu fein. Dem besorgten Vater fiel ein Stein von der Seele, das ging über Erwarten gut; mit erhöhter Zärtlichkeit verabschiedete er sich von ihr und ging mit leichtem Herzen auf sein Amt.
Wäre er nicht von jeher ein so gemütsar- mer, egoistischer Vater gewesen, es wäre wohl undenkbar, daß ihm die grauenhafte Veränderung entgehen konnte, die mit seinem Kinde vorgegangen war. Ein lebenstrotzendes, Hoss- nungsbeseeltes Mädchen, so war sie in die Ferne gezogen, ein müdes, vom Leben zerbrochenes Weib, war sie zurückgekehrt.
Als der Geheimrat am Abend aus dem Bureau heimkehrte, kam ihm die Tochter mit entschlossener Miene entgegen.
.Ich habe mit dir zu reden, Vater."
„Ist das so wichtig, Kind, daß es partout noch vor dem Abendessen abgemacht werden muß?"
„Ja, Vater, es ist sehr wichtig, und ich glaube, ich würde wahnsinnig, wenn ich es noch eine Stunde mit mir Herumtragen müßte."
Nun wurde der zufriedene Herr doch ei» wenig aus feinem Gleichgewicht gerissen.
„Ja, aber um Gottes willen, Elly, was ist denn geschehen?"
„Pater!" Ein erstickter, todeswuuder Schrei, und das junge Mädchen lag zu den Füßen des Mannes. So blieb sie mehrere Minuten, wie erstarrt, die Hände fest in die Augen gepreßt; alles Fühlen schien in ihr er« ftorben, oder war es nur ein intensives Empfinden, durchlebte sie in diesen Minuten noch einmal konzentriert alle die Lust und alle bi# Qual der letzten Jahre?
Mit stahlharter Stimme herrschte der Vater sie an:
„Möchtest bn dich nun endlich dazu bequemen, mir Rechenschaft abzulegen? '‘.dj bentc, ich habe lange genug deinem seltsamen Gebah« reit zugesehen'."
Und nun kam es von ihren Lippen, das Geständnis, leise, mit zuckender Miene nutz versagender Stimme.
Es war eine unsäglich alltägliche Geschichte wie sie in derselben Form und Fassung seit Menschengedenken von Millionen weher Mab- chenlippen hervorgestammelt worden.
Sie batte „ihn" kennen gelernt, ihm ihr ganzes gläubig vertrauendes Herz entgegen- gebracht; er aber hatte ihr Vertrauen gemiß- braucht und ihre Ehre in den Schmutz gezogen. Und als der vergötterte Mann so erbärmlich gemein vor ihr stand und auf ihre sleheude Bitte, sie endlich zu seinem Weibe zu machen, mit höhnendem Lachen bekannte, daß er schon seit Jahren verheiratet sei, da wußte re, daß mit dieser graueithaften Enttäuschung nun alles an Jugend, an Lebensfreude und Lebenskraft in ihr erstorben war.
Sie hatte geendet; Äug' in Äug' stand si« dem Vater gegenüber, als müsse sie von diesem undurchdringlich harten Antlitz ihr Todesurteil ablesen.
Wüt unheimlich heiserer Stimme zischt« er hervor:
„So bist du also eine Gefallene?'