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Casseler Neueste Nachricht««

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Leute

Vas Fravengliick.

Tolstoi über die Ehe.

Der greife Denker aus Jasnaja Polgan.r Hai selbst verschiedentlich bekannt, daß er bunt) umsangreiches Studium und im Lause der Jahre seine Mcinuna über irgend eine Frage

Der Keller wurde von einer übelduftenden Lampe durstig erhellt. Daß das Auälagesen- kter geschlossen war, siel am Feiertag« nicht auf. Alle waren versammelt, nut Sergej fehlte noch. In seiner Abwesenheit hatte Sonja die Lei­tung: ihr gehorchten alle. Es war ganz merk- Würdig, welche Autorität dies kaum 22jährige feingltedrige Rädchen mit dem rassigen Eha- rakterkopf, t« dem zwei groß«, träumerische Augen leuchteten, auf die wilden Gesellen aus übte.

Sie Furcht norm Arzt.

Die Belänrpfung der Säuglings-Sterblichkeit.

Die Bestrebungen zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit nehmen immer größere Dimensionen an: Man hat die Ge­fahren ervumt, die dem neugeborenen Kinde droben und fand verschiedene Mittel, ihnen ent- aegerruttreteii. Aus einen Punkt aber hat man meines Erachtens noch zu wenig das Augen­merk gerichtet und di« sollenden Zeiten sollen das Interesse darauf lenken: I« breiten Volks- schichten herrscht vielfach eine Furcht vor dem Arzte, die häufig die Ursache wird, daß Kinder, d»e bei richtiger Behandlung dem Leben hätten erhalten werden können oder vor dauerndem Siechtum bewahrt worden wäre», der Unwissenheit zum Qpser fallen. Einige Berfpiel aus dem täglichen Leben seien hier zur Begründung angeführt: Ein wenige Wochen altes Kind weint, sobald es wach ist, und statt sich zu berubigen, fängt es nach jedesnraligem Trinken von Neuem an. ' Es gedeiht nicht, ttotzdem es reichlich trinkt, und die unerfahrene A'"ter gibt ihm noch Tee dazwischen, da sie furchtet, das Smb weine aus Hunger. Die Ver­dauung wird sichtlich schlechter und die Un­ruhe immer größer. Endlich wird ein Arzt ge­fragt der leswellt, der Säugling sei über- ernährt, gangere Pausen zwischen den ein- zelneu Mahlzeiten werden angeordnet und bald »st das vordem «letide toetmmbe Kind frisch und munter.

^EUgliirg siebt blaß aus und t,or,ar& an einzelnen Stellen des Gesichtchens zeiat sich etwas Ausschlag, und

.Ich weiß es nicht, Herr Geheimrat."

»Setzen Sie sich, Sergej Andrejewitsch; gehmen Sie eine Zigarette. Man müßte etwas fiir Sie tun, Ihnen Gelegenheit gebe», sich auszuzeichne»; die Herren Nihilisten halten sich so verdäckttg stille in letzter Zeit; man hört gar nichts . . . das gefällt mir nicht, da­hinter steekt etwas."

.Herr Geheimrat, ich versichere Sie, di«

Sie hatte soeben die Mine nochinals un­tersucht, sich überzeugt, daß die. Dyuamitpatro- nen richtig lagen, daß die Batterie richtig sunk- tiorttcrte, die Drähte Kontakt hatten; ein Korb mit den Handbomben staird in der Ecke bereit. Man wartete nur noch ans Sergej.

Da endlich ertönte von der Tür her das bekannte Klopfzeichen. Man schob Veil Riegel zurück, um ihn einzulaffen an Stelle des Erwarteten drangen ein Dutzend Soldaten mit gefälltem Gewehr in den Keller. Gleichzeitig wurden von außen die Luken eingestoßcn und ein halbes Dutzend Flintenläuse streckten sich herein.

Verrat", schrie Sonja, sprang zu dem Korb in der Ecke und schleuderte eine Bomb« in der Richtung nach der Tür hin. Wirkungs­los fiel sie zrr Boden.

Gib dir keine Mühe, Täubchen,," lachte der führende Feldwebel,Sägcspäne explodieren nicht; wir haben heute nacht die Dinger gegen unsere eingetauscht. . ., auch eure famose Mine wird schwerlich lo^gehen!"

Arseniew hatte versucht, einen Revolver zu ziehen, war aber überwältigt, ehe «r ab- drücken konnte. Im Handumdrehen waren alle K'iffelt und wurden in den draußen bereit­enden Wagen gebracht,

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Bier Wochen später, an einem nebligen Frühlingsmorgen, läutete auf dem Hofe der Peter - Pauls - Festung die Armesünderglocke. Neun Verurteilte, darunter zwei Frauen, wur- den von Soldaten unter neun Galgen geführt. Ein General verws das auf Tod durch den Strang lautende Urteil des Kriegsgerichtes, ein Pope reichte den Delinquenten das Kreuz zum Kusse, das fte. aber alle verweigerten, unb nach wenigen Minuten war alles vorüber.

Im Expretzzuge Petersburg-Paris lehnte der neuernännte Ebes des Auslands-Departe­ments derbrüten Abteilung" deu Kops an die Polster und saugte behaglich an seiner Ha­vanna. Er studierte sein Erncnnungsdekret, das an Seine Hochwohlgeboren Herrn Staats-, rat Sergej Andrejewitsch Kusmin adressiert war. In der Tmcke hatte et zwei Auslands­pässe, von denen ehret aus den Namen Staats­rat Pjotr Fedorvwitsch Wilenkin lautete. Für die Außenwelt. Es war immerhin sicherer, wenn sein wirklicher Name dort nur auf der Botschaft bekannt wurde. Der modische Bart, den er sich hatte stehen lassen, veränderte sein Gesicht gänzlich; Sergej Andrejewitsch blieb in 'Paris besser unbekannt...

Schon gut, schon gut, Lieber, das kennen wir ja. Diese Leute halten sich oft nach außen hin ruhig, um keinen Anstoß zu geben, sind aber darum nicht weniger gefährlich. Es ist manchmal geradezu ein Verdienst, ihnen die AaSke herabzureitzen, sie zu zwingen, aus ih­rer Reserve herauszutretcn, verstehen Sie, mein Lieber r--

Und er hatte verstanden. Der Geheimrat wollte Exzellenz werden unb brauchte höheres Gehalt. Dazu konnte ihm nichts leichter hel­fen, als ein rechtzeitig vereiteltes Attentat. Unb chm, Sergej Andrejewitsch, wurde der leitende Posten in Paris zugesagt.

Sein Gewissen Hatte er längst abgetötet. Das Andenken an die früher ausgestandenen Entbehrungen, die noch immer unsichere Ext- e, das unzulängliche Gehalt, taten, das ihre i. Nun winkte eine gleißende Zukunst.. ., sollte er sie ansschlagen jenes Gesindels halber, an dem sowieso nichts verloren war? Daß er ein Narr wäre!

Und so hatte er angtfangen, selbst bett Utr- zusriedencn zu spielen, sich unter die unruhigen Elemente, vorzüglich die Studenten» gemischt; gehetzt unb aufgereizt, flammende Beden ge­gen dieTvranncn" gehalten, Geldmittel (aus dem Polizeifonds) für eine geheim« Druckerei beschafft; unb als die Köpfe der unreifen jrm gen Menschen genügend verwirrt, waren, war er mit dem Attentat auf de» Stadthauptmann herausgerückt, zu dem er schon einen Plan ans- gearbeitet hatte. Die Ide« zündete um so teich- aals der Stadthauptmanu gründlich ver- war.

Die Geldmittel wurden erstaunlich schnell ansgebracht. Die ersten 500 Rubel zeichnete natürlich er selbst, abermals aus der Kaffe der Geheimpolizei. Es wurde «in Kellerlokal am Rewskv-Prospekt gemietet, von dem aus eine Mine bis in die Mitte der Straße gegraben wurde. Daß dies, bei nächtlicher Arbeit, über- !)auvt möaltcb war, verdankte man dem llm- tano«, da» die Polizei ganz genau informiert war und sich hütete, dieVerschwörer" zu stö­ren. Die Dummköpfe hatten hiervon natürlich keine Ahnung!

Am Feste der Wafferweihc mußte der Stadthauptmanu mit dem Zug dort vorüber­reiten, und im gegebenen Augenblick sollte die Mine atttsliegen. Sergej Andrejewitsch unb Sonja Assimow sollten in bem Keller ben Fun- kcnapparat bedienen und nachher in bem allge­meinen Wirrwarr zu entkommen suchen. Sechs onbere waren an ben nächsten Straßenecken postiert nnb mit Bomben versehen, für ben Fall, baß bet Stabthauptmann unbefdmbigt oleiben sollte. Ten Ehrenposten aber hatten Lybia Petrowna unb Fjobor Arseniew, beide Studenten, ein Lrebepaar, das gemeinfam in bett T-d wollte, Inn«. Di« batten die Ausgabe übernommen, bnnb das Schleudern ungefähr- Ucher Knallbomben den Zug in Verwirrung »u bringen nnb den Stadthauptmann zu rsolir- ren, damit möglichst fein« anderen Cbfer fallen sollten. Ta sie in dem Gedränge keinesfalls würden rntkotmnrn können, war ihnen Per- baftung unb bet Strang sicher, falls sie nicht selbst bei ber Explosion mit zugrunde gingen. Sie führten für all« Fäll« Gift bei sich.

_______________________________I. Jahrgang.- Hebamme und Nachbarinnen wissen mancherlei Ratschläge zu erteilen, die von der geängsiiglen Mutter auch alleprobiert" werden. Schtteß- lich, da nichts anschläat, sucht die Mutter eins Poliklinik aus: Es ist die höchste Zeit, jetzt kann es vielleicht noch gelingen, eine dem Kinde an» geborene Krankheit im Keime ztl ersticken, wenig später wäre das liebet schon allzuweit entwickelt gewesen. Daß ein großer Prozent­satz der Blinden von ihrem Ungnkt verschont bleiben könnte, wenn eine bei Neugeborne» vielfach austretende Augenentzündung sachge- maß kuriert würde, ist allbekannt und wie viels verwachsene Kinder könnten bei rechtzeitig ein» setzender Behandlung geheilt werden! Wie wichtig ist ferner bei der englischen Krankheit eine zweckentsprechende Diät! Aber man seh« sich einmal um, wie in dieser Beziehung aus Unwissenheit gesündigt wird. Werden nicht auch sehr häufig nervöse Kinder durch unzweck­mäßige Erziehung geschädigt, da man ihre ner­vösen Eigentümlichkeiten für Unarten hält, und wird nicht auch oft versucht, dieDummheit" her Schwachsinnigen auszuprügeln?

Abgesehen von den genannten Fällen, in . denen eine rechtzeitige Diagnose der Krankheit tu ihrer Heilung oder Verminderung sühren taim, möchte ich noch an die Fehler erinnern, die von schlechtberatenen Müttern bei der Be- :Ijanbümg akuter Kinderkrankheiten gemacht werden: Sehr viele Nachkrankheiten bei Diphierrtrs und Scharlach entstehen nur da- durch. Und was ist nun in den meisten Fällen die Ursache der verzögerten oder ganz unter­lassenen ärztlichen Konsultation?Wenn man erst mal mit dem Doktern ansängt, kommt man näht so bald wieder los" ist ttn ost gehörter Einwand. Auch di« Augst vor den Kosten spiel» eine wesentliche Rolle, aber sie dürste niitrt in Frage kommen, wo es (wie so oft) gilt, Lebensglück zu retten. Gerade in Kreisen, die .für unnütze Dirrge und um Aeußerlichkciten zu beschaffen ohne Bedenken Ausgaben machen, wird hiergespart". Für die Unbemittelten stehen Polikliniken, Kassenärzte usw. tur Ver­fügung. Ich verkenne keinesfalls die Schattcn- feiten, die manche Einrichtungen auf diesem Ge­biete ausweisen und vieles, was aus ihrer Praxis in die Oeffentlichkeii drang, war nicht dazu angetan, Zutrauen zu erwecken. Aber matt darf nicht vergessen, daß das Gute oftmals uu- gerühmt und meist mehr in» Verborgenen bleibt, als das Schlechte.

Eine tunlichst weitgehende Volksauf» Hütung muß hier bessernd eiugreifen. Nicht die Popularisierung medizinischer Kenntnisse (wie sie jetzt so vielfach angcstrebi wird und dis oft Schaden bringt), nein, nur die V o r b e u - guugslehren der Hvgiene sollten der großen Masse geläufig sein; die Kraukhcits- behandluug, die sich nur auf sachgemäße Dia­gnose stützt, kann nur von hierfür geschulte» Persönlichkeiten angeordnet werben. Unb um noch einrnal aus ben Gelbpunkt zurückzukom- men: Ma« brbenfe doch einmal, welche große» Summen Quacksalber und Kurpfuscher verschie­denster Art eiunehmen. Daß solche Personen starken Zuspruch haben, zeigt uns deulltch. daß in uitlcn Fällen einzig und alleiit die A b n e i iguitg gegen brn »r$t und der Mangel an Vertrauen der Grund ist. daß man es ohne Arztprobiert". Es ist hier nicht ber Qrt. darauf einzngehen, inwieweit die Aerzte- schasi ein Verschulden trifft unb was sie selbst tut» könnte, nm dieFurcht vorm Arzte" zu uiticTbrütfett, aber es rann nicht genug getan werde,«, um di« Einsicht und das Vertraue» nach dieser Richtung hin zu stärken. Es müßte allen Müttern selbstverständliche Pflicht iuerbeiL ihre neugeborenen Kinder ärztlich untersuchen und sich nad> dem festgestellten Befund Direktiven geben zu lassen. Wenn der Wmttch darnach rege wird, werden sich auch di« Weg« zu feiner Etfülluna ebnen lassen und die 'Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit sollte einmal unter diesem Gesichtspunkt versucht werde».

Nelly Wolffen*