Einzelbild herunterladen
 

Nv. «

Caffel, 1* Januar 1911

1. Iahrg,

Lum neuen Jahre!-

Was dir Glocken sagen...

In der Stunde vor Mtternacht,

Eh' sie verkünden durch Nebel und Flocken: Neujahr! Neujahr!" mit dröhnender Macht, Regen sich seltsam im Turme die Glocken.

Leben durchzittert das kalte Metall, Und die Erzenen brechen ihr Schweigen, Eh' sie beginnen den schallenden Reigen Ueber dem lauschenden Erdenball l . . .

In der Stunde vor Mtternacht

Sprach die größte mit tiefer Stimme: Wieder ein Jahr lang hielten wir Wacht, Trotzten der Wetter tobendem Grimme!

Frieden herrschte drunten im Tal;

Fern blieb der Krieg, der verderbliche Würger;

Stürmend nicht schreckte ich Bauern unb Bürger; Leis in der Scheide nur klirrte der Stahl!" . ..

In der Stunde vor Mitternacht Sprach die zweite:Wohl gab e8 Tage, Wo ich Kummer dort unten entfacht. Schwingend in düsterer Totenklage!

Aber ich rief auch zu fröhlichem Dank Nach der Ernte gesegnetein Wirken; Flimmernde Tannen und pfingstliche Birken Könnt' ich begrüßen mit jauchzenden: Klang!"

In der Stunde vor Mitternacht Sprach die dritte, die feine, dre Helle: Allen den Kleinen, in Kissen gebracht. Gab ich Geleit in die Taufkapelle, Haben gelächelt und haben geschrie'n Zu des Pfarrers ernsthaften Worten, War ein Gezappel von allerhand Sorten, Aber fast alle sind sie gedieh'»!" . . .

In der Stunde vor Mitternacht

Sprachen die drei, als die Turmuhr schon schnarrte: Schenk' uns, o Herrgott, zu künftiger Wacht Neue Kraft auf der ragenden Warte!

Schirme die Stadt und das Land vor Gefahr, Fülle die Herzen imb Hänbe mit Segen!" Unb zu den ersten brausenden Schlägen

Jauchzten sie einig:Prosit Neujahr!" a, R.

Der Spitzel.

Eine russische Berschwörergeschichte von Alfred

Maher-Eckbardt.

(Nachdruck verboten.)

Sergej Andrejewitsch Kusmin war nervöS; eine Zigarette nach der andern zündete er an, indem er hastig aus und ab schritt. Würde der .Plan morgen gelingen?

Leben oder Tod bedeutete es für ihn; und zwar entweder ein üppiges, amüsantes Leben mit. fast unbeschränkten Geldmittel'.! in Parts oder, falls der Anschlag sehlging, ein grau­samer Tod unter den Händen der erbitterten Verschwörer. Nicht einer durste entkommen: ^onst war er nie und nirgends seines Lebens sicher: und seine Behörde: Wenn es nicht ge­lang, das ganze Nest auszuheben, würde man ihn einfach aufs Pflaster werfen und seinem Schicksal überlassen, das wußte er ganz genau!

Gr warf sich aufs Sofa und ließ die letzten Jahre seines Lebens an sich vorübcrziehen. Herrgott, was hatte er nicht alles durchgemacht!

Aus der Universität .". . na ja, bunt getrie­ben batte cr's; Schulde« über Schulden ge­macht, bis sein Pater ihn ins Ausland abschob. Dort, in Berlin, hatte er von neuem angcfan- gen, es weiter so zu treiben, als ihn die Nach­richt ereilte, daß sein Vater in eine Unter­suchung wegen Unterschlagung von Staatsgel­dern verwickelt tvorden sei und vorgczogen habe, sich zu erschießen.

Da laß er nun im Auslande, buchstäblich

ohne einen Pfennig, ohne Hilse; nach Rußland zurückzukchren . . . daran war nicht zu den­ken; woher die Mittel nehmen? Er versuchte es mit dem Erteilen von Sprachlettionen . . . und verdiente gerade so viel damit, sich zwei­mal die Woche satt essen zu können. Seine Kleider und Stiefel verschlissen, frische Wäsche kannte er längst nicht mehr; er verkam gänz­lich. So traf ihn eines Tages ein Freund sei­nes Vaters, der Geheime Staatsrat Leonid Tschirejew.

Sie sind's, Sergej Andrejewitsch? Scheint Ihnen nicht gut zu gehen?"

Elend geht's mir, Leonid Tarassowitsch... elend; ich glaube, ich mache nächstens ein Ende."

Kopfschüttelnd hatte der alte Herr ihn in die nächste Kneipe gezogen und ihm zu essen ge­ben lassen. Dann mußte er seine Geschichte er­zählen.

Ja, ja, Sergei Andrejewitsch," batte der Staatsrat gesagt,ich weiß, es war eine trau­rige Geschichte mit Ihrem Vater . . . Gott hab' ihn selig. Aber. . . vorbei ist vorbei; was ivollen Sie tun? Ich hätte Ihnen einen Vor­schlag zu machen."

Und dann erzählte er ihm, er sei zur lieber- wachung der unruhigen Elemente in Berlin,

ob Sergej ih»l Helsen wolle, die russischen Stu­denten zu beobachten, gegen eine monatliche Remuneration von 150 Rubeln. Bezahlung sei­ner dringendsten Schulden und neue Equi­pierung !

Vor fünf Monaten hält? Sergej den Vor schlag empört zurückgewiesen. Er, ein Poltzet spion! Aber jetzt? Er sah aus fein schäbiges Aeußere: Wie lange schon sehnte er sich nach neuer Wäsche und Kleidern! Und das Hun­gern hatte er auch satt! Er besann sich nicht lange und schlug ein. ,

Sein Berus, der ihm ansangs Wwcrwtllen eingeslößt hatte, begann allmählich »hm ^Ver­gnügen zu machen; die Gefahren, die er lies, das Ausspielen von List gegen List kitzelte fein Selbstgefühl und ließ ihm das s»"her vcrach tctc Metier als Sport erscheinen. schließlich war es ja nützliche, patriotische Tätigkeit, schad liche Elemente zu überwachen und unscbadltch zu machen, wenn auch die Mittel und Wege nicht iuuncr reinlicke waren.

Vor einem halben Jahre hatte fein .etzige, Ehes ihn ntfen lassen.

Sergej Andrejewitsch, Sie sind em tuch tiger Mensch: ich bin zufrieden mit ,Men: wie kommt es, daß Sie noch nicht etatmaßu angestellt sind?"