CMer Neueste Nachrichten
Casseler Abendzeitung
$te Soffeter Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar adend«. Der AbonnementipretS beträgt monatlich 50 Pfg. bet freier Zustellung tu« HauS. Bestellungen werden jederzeit von der SelchästLstelle oder de» Bote» entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion: Schlachthofftrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 61/, bi« 8 Uhr abends. Sprechstunden der AuSkunst • Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6'/, bi« 8 llhr abends. Berliner Vertretung: SW, Friedrtchstr 18, Telephon: Amt Moritzplatz 12584
Hessische Abendzeitung
JnserttonSpretse: Die lechSgespaltene Zeile tut einheimische Le!chatte 15 Pfg.. für aus. wattige Inserate 25 Pf, Reklamezetle für einheimische Seschäste 40 Pf, für auswärtig« E-schäfte so Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend de. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung sind die Lafseler Neuesten Nachrichten ein vorzüglicher JnsertlonSorgan. »eschästS stelle: Kölnisch, Straße 5. Berliner Vertretung: SW., Friedrichstraße 18, Telephon: Amt Morttzplag 12584.
Nummer 304.
«rntfvrecher 951 und 952.
Dienstag, 2. Dezember 1913.
3. Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952.
Hinter den Kulissen.
Enthüllungen über die diplomatischen Ränke am Balkan: DaS Buch eines Eingeweihten.
Wir habe« dieser Lage i« unserem Leitartikel : „Eine« Traume« Ende" die Intrigen und Kabalen der bulgarischen Krieg«. Politik am Balkan erörtert, di« den eure« PLischen Frieden monatelang auf« schwerste gefährdeten. Anter dem Titelt „Au« den Geheimnisse« de, BalkankriegeS" ist nun soeben km Wiener S erlag von Elister Nachfolger ein Werk de« bekannten Balkan» Publizisten BreSnitz von Shdeoff er» schienen- La« rö sich zur Aufgabe macht, auf» gruud authentischer Dokumente da« verhängnisvolle Doppelspiel Bulgariens nachzuweisen. Bresnitz von S v d a c o s f ist österreichischer Balkan-Spezialist, anerkannte Autorität auf dem Gebiet balkanischer Politik und scharfblickender Kenner von Land und Leuten. Er zeichnet in seinem Buch der Balkan-Geheimnisse ein lebenatmendes, scharfumrissnes Bild der Ereignisse, und es ist charakteristisch, daß er weniger den König Ferdinand als die rusiophilen Minister für Bulgariens Treulosigkeit ver- antwonlich macht und behauptet, daß der König von Bulgarien von Sawow mitvorgehal- tenem Revolver gezwungen worden sei, den Mobilisierungsbefehl seinerzeit zu unterschreiben. Sydacoff erzählt: Bulgarien kennt nicht jene Schichtung der Bevölkerungsklassen, wie sie überall in Europa vorhanden ist. Das bulgarische Volk setzt sich aus Bauern, Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten zusammen, die dem Staat die Beamten, Soldaten, Minister und Generäle liefern. Bulgarische Patrizier-Familien gibt es nicht, und das, was im Lande Kultur, Patriziertum und Reichtum dar- stelli, ist griechisch. König Ferdinand suchte im Anfang seiner Regierung denn auch stets den Verkehr mit den vornehmen griechischen Familien des Landes, was von den Bulgaren natürlich mit scheelen Augen angesehen wurde und schließlich zu den seinerzeitigen bestialischen Grirchenverfolgungen in Ostrumelien führte. Das Bildungsniveau der Bulgaren ragt im Durchschnitt über die Kenntnisse der Elementarschule nicht hinaus, und die ganze bulgarische Geschichte vermag denn auch nicht einen einzigen wirklich großen Mann aufzuweisen. Aber auch im Ausland hat es noch kein Bulgare zu Namen oder Ansehen gebracht, und selbst Rußland, das sich so stark bemühte, das bulgarische Element zu heben, konnte keinen Bulgaren ausfindig machen, der die Mühe gelohnt hätte, auf ein erhöhtes Piedestal gestellt zu werden, ganz int Gegensatz zu dem griechischen, rumänischen und selbst serbischen Element, das nicht nur seiner Heimat, sondern auch dem Ausland eine ganze Reihe bedeutender Männer gegeben hat.
Und doch: Kaum war der Balkankrieg entbrannt, so hörten wir nichts als von Großtaten der Bulgaren, die die glänzendsten Soldaten, Offiziere und Generäle hatten, an Mut und Opferwilligkeit allen andern voranleuchteten, und als Dr. Dancw plötzlich als Friedensengel nach Budapest kam, lagen die ganze Donau-Monarchie und halb Deutschland huldigend vor der bulgarischen Größe auf den Knien. Vor bulgarischen „Moltkes" und „Bismarcks" kannte man sich gar nicht mehr aus. Besehen wir uns diese Moltkes und Bismarcks ein wenig näher, damit wir auch das Fa l schsp i el besser begreifen können, das die bulgarischen Bauernfänger in der Zeit des Bal- kankriegs mit der ganze Welt trieben. Da ist vor allem G e s ch o w , der vielbesungne bulgarische Ministerpräsident, dem nach den Behauptungen einer irregeleiteten Presse ein Hauptverdienst um die Gründung des Balkanbunds zukam. Herr Geschow entstammt einer kleinen Handelsfamilie aus Ostrumelien und trieb sich eine Zeitlang als Kaufmann im Ausland herum. In jener Zeit nannte er sich Geschoglu und spielte den Griechen. Und das mit soviel Talent, daß ihn die griechische Gemeinde in Manchester zum Kirchenvater (Epitrop) wählte! Die von Rußland betriebne bulgarische Propaganda, die durch einen gewissen Christo Evlogiu in Bukarest ging, der sich später bul- garisierte und Evlogiew nannte, führte Herrn Gefchoglu wieder seiner Heimat in die Arme.
Evlogiew hatte sich an den russischen Propagandageldern ungemein bereichert und Gc- schow-Geschoglu verheiratete sich klug mit der Nichte und Erbin EvlogiuS und kam richtig in den Besitz dieses großen Vermögens. Fortan war er natürlich glühender bulgarischer Patriot, schloß sich der Rationalistenpartei Dtoi- lows an, um nach dessen Tode zum Chef der Partei und zum Ministerpräsidenten zu avan- vieren. Der „berühmte" Generalissimus der bulgarischen Armee, S a w o w, der „bulgarische Moltke", ging aus einer russischen Militärschule hervor und batte in Bulgarien öfters das
Kriegsportefeuille inne. Als er nach seiner ersten Ministerschaft in Schulden steckte und nicht wußte, wie er sich sein in Ferdinandovo auf Punmp gekauftes Landhaus erhalten sollte, erklärte er seinen Freunden und Bekannten gegenüber ganz offen, daß er, wenn er wieder Minister werden sollte, nichtsodummfein würde, mit leeren Händen wegzu. gehen. Und er hielt sein Wort: Nach seiner zweiten Ministerschaft war er schon ein reicher Mann, spielte in Paris den Lebemann und war von den Pariser Grisetten mit dem Spitz- nahmen „der kleine General" belegt worden. Er ist ein roher Geselle und auch heute noch ist es sein Hauptvergnügen, mit Bauern zu zechen und sich an dem landesüblichen Bauernschnaps zu berauschen. Seine erste Ehe wurde bald geschieden, und bezeichnend für die sittliche Verkommenheit dieses „bulgarischen Moltke" und der ganzen Gesellschaft ist es, daß Sawows erste Gattin bis heute in Sofia als stadtbekannte Kokotte leben konnte und niemand daran Anstoß nahm, daß der geschiedene Gatte zu den . . . Gästen seiner geschiedenen Frau gehörte! Uebrigens stand Sawow knapp vor Ausbruch des Krieges unter Anklage wegen Unterschlagung von Staatsgeldern. Der Prozeß wurde aber, als der Krieg entbrannte, niedergeschlagen.
Moscharow, der bulgarische Gesandte in London, der anläßlich der Londoner Friedenskonferenz so viel von sich reden machte, und als einer der feinsten diplomatischen Köpfe gepriesen wurde, stammt aus Philippopel und hat das bißchen Bildung, das er besitzt, seiner Tante zu verdanken, die durch fünfunddreißig Jahre K ö ch i n einer mir befreundeten Familie war und dem jungen Mann emporhalf, der tn Wirklichkeit zu den unbedeutendsten und wis- sensärmsten Menschen gehört. Bobtschew, ein anderes „diplomatisches Genie", das vor kurzem noch als Gesandter in Petersburg sich betätigte, sieht auf einen Bildungsgang zurück, der einzig und allein in der Absolvierung des Galata-Serails in Konstantinopel bestand ! G e n a d i e w, der gegenwärtige Minister des Aeußern, ist einer der wenigen Juristen dieses Landes. Aus Mazedonien stammend, hatte er seine erste Bildung in dortigen griechischen Schulen genossen und gab, nach Bulgarien eingewandert, in Philippopel eine Zeitung heraus, die von den griechischen Elementen unterstützt wurde. Später trat er in da? politische Leben ein, erzwang sich dadurch ein Sobranje- mandat, indem er herumlagernde Zigeuner mit Knütteln bewaffnete und die Wähler, die nicht für ihn stimmen wollten, von der Urne vertreiben ließ. Aus kleinen, armseligen Verhältnissen hervorgegangen, ist auch Ge- nadiew ebenso ein reicher Mann wie seine Schwäger Bobtschew und Mascharow und darin liegt eben der charakteristische Zug der ganzen bulgarischen Gesellschaft: Der Hungernach Macht, Geld und Genuß und eine absolute Gewissenlosigkeit in der Wahl der Mittel, um zum Ziele zu kommen. Man sagt nicht umsonst, der Bulgare lügt, so ost er den Mund auftut. Wie die Bildung dieser Leute Lüge ist, so ist es ihre Vaterlandsliebe, ihr Wort ist nicht wahr und ihrem Schwur darf man nicht trauen. Sie kennen nur das Ich, das einzige Ich . . . sonst nichts! ***
•
Verschwörung in Bulgarien?
(Privat-Telegramm.)
Belgrad, 1. Dezember.
Hier find aus Sofia Privatmeldungen eingetroffen wonach die dortige Polizei eine Offiziers-Verschwörung gegen König Ferdinand entdeckt haben soll. Die Offiziere hätten beabsichtigt, den König und seine ganze Familie nach dem Muster der gegenüber dem Fürsten Battenberg befolgten Tattik zu zwingen, Bulgarienzu verlassen. Die Verhafteten weigerten fich angeblich bisher, irgendwelche Details mitzuteilen. Bon amtlicher bulgarischer Seite war bisher weder eine Bestätigung noch eine Widerlegung der Nachricht zu erlangen.
Der Reichstag und San Franzisko.
Zwei Millionen für die Ausstellung.
Berlin, L Dezember. (Privat-Te- legramm.) Die Fraktionen des Reichstags haben am Sonnabend zum größten Teil endgültig zur Frage einer offiziellen Beteiligung Deutschlands an der Weltausstellung in SanFranzisko Stellung genommen. Für eine Beteiligung Deutschlands haben sich entschieden: Das Zentrum, die Sozialdemokraten. die Rationalliberalen, die Fortschrittliche Volkspartei und voraussichtlich auch die Reichs- Partei. Von den Vertretern dieser Parteien
wird ein Initiativantrag auf Bewilligung von zwei Millionen Mark für die offizielle Teilnahme an der Weltausstellung in San Franzisko gestellt werden und man erwartet, daß die Regierung sich diesem Wunsch des Reichstags nicht entgegenstellen wird.
Sabetti und kein finde.
Der Krlegsminister beim Kaiser.
Eine Klärung der Lage in Zabern ist noch nicht erfolgt. Allerdings soll (nach einer Meldung aus Straßburg) eine strenge Untersuchung über die letzten Vorgänge bereits im Gange sein: in welcher Richtung sich diese aber bewegt, wird nicht mitgeieilt. Die Zivilbehörden haben durch Verstärkung der Gendarmerieposten und Warnungserlasse ihrem entschloßenen Willen, die Wahrung der Staats- autorität selbst zur Durchführung zu bringen, entschiedenen Ausdruck gegeben. Inzwischen bat sich der Kriegsminister, General von Fa l- krnhahn. zum Vortrag beim Kaiser nach Donaueschingen begeben, offenbar in engstem Zusammenhang mit der Zabern-Affäre. Weiter wird uns gemeldet:
Kriselts im Reichsland?
(Privat-Telegramm.)
Stuttgart, 1. Dezember.
Wie die hiesige konservative Süddeutsche Zeitung von ganz besondere Seite aus Berlin erfährt, werden infolge des durch die Zaberner Unruhen entstandenen Konfliktes zwischen den Zivil- und Militärbehörden in den Reichslanden umfassende Personenwechsel in den nächsten Monaten zu erwarten sein. Das Jnfantrrie-RegimeM Nr. 99 soll von Zabern versetzt werden. Oberst von R e u t t e r soll den A b - schied erhalten. Der Leutnant von Forst, ner wird schon in den nächsten Tagen in eine alweuffche Garnison des Ostens versetzt toctbetr? Als Nachfolger des Statthalters Grafen Wedel wkrd an erster Stelle der kommandierende General deS vierzehnten Armeekorps, Freiherr von Hoiningen, genannt. Staatssekretär Freiherr Zorn v o n B u l a ch soll durch einen jüngeren süddeutschen Minister ersetzt werden. Dem kommandierenden General des fünfzehnten Armeekorps, von Deimling, soll die Führung eines anderen, nicht in de« Rcichslan- den liegenden Armeekorps übertragen werden. Die haupffächlichsten Perfonalverände- rungen sollen allerdings nicht sofort, sondern erst in den nächsten Monaten erfolgen.
Ueber den Verlauf des «estrigen Sonntags in Zabern berichtet uns ein Telegramm. daß trotz eines großen Verkehrs in der Stadt keinerlei Ausschreitungen vor- gekommen sind. Von Zeit zu Zeit wurde eine Militärpatrouille sichtbar. Auch die verstärkte Gendarmerie machte sich bemerkbar. Auf Befehl eines Leutnants wurde gegen vier Uhr nachmittags ein Mann aus Ottersweiler von einer Patrouille verhaftet, weil rin Offizier von ihm angerempelt worden war. Bestimmtes war jedoch nicht darüber zu erfahren. Der Kreisdirektor hat sich, wie man hört, für die Freilassung des Verhafteten verwandt; mit welchem Erfolg, ist noch nicht bekannt.
Die verhafteten Juristen.
(Privat-Telegramm.)
Zabern, 1. Dezember.
Landgerichtsrat Kali sch, einer der am Freitag verhafteten ^Juristen, schildert die Vorgänge bei seiner Verhaftung wie folgt: Wir kamen, fünf Juristen, aus der Sitzung, als Soldaten uns den Weg versperrten. Im Dunkeln sah ich, wie Leutnant von F o r st n e r, der nicht in Dienstuniform war, sich auf einen Jungen stürzte und diesen abführen ließ. Als Jurist bin ich der Meinung, daß ein militärisches Einschreiten nur beim Belagerungszustande möglich ist, oder wenn die Zivilverwaltung militärische Hilfe requiriert. Ich machte darum einen Offizier auf das ungesetzliche Verhalten aufmerksam. Plötzlich tauchte Leutnant Schadt mit einer Patrouille auf und ließ mich verhaften. Staatsanwalt Dr. Kleinböhme intervenierte. Darauf wurde auch er für verhaftet erklärt. Als er seinen Namen sagte, ließ Leutnant Schadt von ihm ab und bemerkte: Hätten Sie sich doch gleich vorgestellt. Ironisch fragte darauf der Staatsanwalt: Hängt es denn davon ab, was man ist, wenn man verhaftet wird? Meine Kollegen folgten mir ins Schloß, ein Teil von ihnen begab sich zum Landgerichts-Präsidenten. Noch ehe dieser eintraf, wurde ich nach einer Unterredung mit Oberst von Reutter auf freien Fuß gesetzt. Was am Zaberner Fall über seine lokale Bedeutung hinausgeht, ist die U n g e s e tz l i chk e it des Vorgehens der Militärverwaltung.
*
Der Bericht att den Kaiser.
Strastburg, 1. Dezember. (Privat- Telegramm.) Die elsaß-lothringische Regierung, die Beamte zur Untersuchung der Bor»
günge nach Zabern entsandte, steht nunmehr durchaus auf feiten der Bevölkerung, und man rechnet, falls nicht strengste Bestrafung der Schuldigen erfolgt, mit dem Rücktritt des Staatssekretärs ZornvonBulach und evtl, des gefamtenMinisteriums. Der Kaiser hat eingehende Berichte von der Militärbehörde und der Regierung verlangt.
Politik der Gegenwart. Aus „Deutschland unter Kaiser Wilhelm dem Zweiten": Politische Gegenwartsfragen, von
Bernhard Fürst von Bülow.
Wir haben am Sonnabend ans dem Werke „Deutsch, land unter Kaiser Wilhelm dem Zweiten", an dem der frühere Reichskanzler F ü r ft Bülow in hervorragendem Maße mttgearbeitet, einen Abschnitt über die deutsche giottenpoltttk mitgeieilt, der interessante Einblicke in die politisch« Entwicklung der jüngsten Zeit eröffnete. Heüte lasten wir diesem Abschnitt zwei wettere: „Erziehung zum politischen VerstündniS" und „Konservatismus und Liberalismus", folgen. Was uns Deutschen Politisch fehlt, das ist nicht zu erringen durch Veränderungen auf dem verfassungsrechtlichen Gebiet. In den Parteien. denen vermehrte Rechte zugute kämen, fehlt es ja selbst noch vielfach zu sehr an politischem Urteil, politischer Schulung und Staatsbewußtsein. Roch steht in Deutschland eine große Summe der Gebildeten, denen ja die Führung im Parteileben gebührt, dem politischen Leben gleichgültig, wenn nicht gar ablehnend gegenüber. Sehr kluge und gelehrte Männer betonen oft mit einem gewissen Stolz, daß sie von Politik nichts verstehen und auch nichts wsssen wollen. Die Unkenntnis der allerelementarsten Dinge des Staatslebens ist oft erstaunlich. Die Zeiten sind vorüber, in denen es für das Staatswohl nichts ausmachte, ob die Nation etwas von den (Metten verstand, die ihr gegeben wurden. Das Ge- schäft der Gesetzgebung liegt heut nickt mehr allein in den Händen mehr oder minder fach- und sachkundiger Beamter, sondern das Parlament arbeitet mit. Aber die Tätigkeit der Fraktionen vollzieht sich auch in unseren Taaen oft noch kaum anders als die ehemalige reine Beamtentättgkeit: Bei vollkommener Verständnis- und Urteilslosigkeit weiter Kreise der Bevölkerung. Bei wirtschaftlichen Fragen regen sich Wohl die Interessengruppen in Landwirtschaft. Handel und Industrie, bei ehtiaen Spezialsragen regen sich die für die speziellen Dinge eigens gegründeten Vereine, aber im allgemeinen läßt man das Diktum der Parlamentarier mit der vollen Passivität des
beschränkten Antertanen-Derstandes über sich ergehen. Wird dann das fertige Werk am Leibe gespürt, so setzt eine herbe Kritik ein, die sich aber auch nur auf den Einzelfall beschränkt, ohne eine Belebung des politischen Verständnisses zur Folge zu haben. Die a ktive Anteilnahme am Gange der politischen Geschäfte: Die fehlt uns Deutschen, eine Interessiertheit, die nicht gelegentlich des in mehrjährigen Zwischenräumen wiederkehrenden Wahlkampfes erwacht, sondern sich besaßt mit den großen und kleinen Fragen des staatlichen Lebens. Sache der Gebildeten ist es, diese politische Erziehung in die Hand zu nehmen, Sache der geistigen Führer, denen kein Volk so willig folgt, wie das deutsche. Die lässige Gleichgültigkeit geistig und ästhetisch empfindsamer Naturen gegenüber dem politischen Leben, die vorzeiten einmal unschädlich war, ist beule nicht mehr am Platze. Die Ruhe ist nur Dem gestattet, dem keine Pflicht mehr zu erfüllen bleibt. Kein Volk kann das von sich sagen. Am wenigsten das deutsche, das vor so kurzer Zeit erst einen neuen Weg zu neuen Zielen beschritten hat. Goethe hat uns nicht im Wagner, der zufrieden sieht, wie wir es zuletzt so herrlich weit gebracht haben, das deutsche Volk im deutschen Menschen gestaltet, sondern im Faust, der in hochgespanntem Selbstvertrauen immer bestrebend sich bemüht. und als der Weisheit letzten Schluß die Wahrheit findet: „Nur Der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß."
et
Konservativ nnd Liberal.
Es ist gegenwättig in beiden Lagern üblich, Konservativismus und LiberaliS, mus als die beiden grundverschiedenen S ta atsckussa ssnn gen anzusehen und zu behaupten, daß eine jede vom Gegenlatz zur anderen lebt. Träfe das zu, so müßten die beiden Parteien und die ihnen zugesetzten Gruppen um so stärker fein, je schroffer ihr Gegensatz ist. je feindseliger sie sich gegeneinander stellen. Nun ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Von wenigen außerordentlichen Situationen abaeieben, sind Konservative und Liberale immer dann als Parteien am stärksten, parlamentarisch am einflußreichsten gewesen, wenn sie z u s a m m e n g i n g e n. Gewiß tarn nicht alles politische Heil, nicht die Lösung jeder gesetzgeberischen Aufgabe von konservativ-libe- raler Zusammenarbeit erwartet werden. Aber der Kader zwiscken Konservativen und Liberalen ist noch immer verhängnisvoll gewesen: Für die beiden Parteien selbst, für den Gan« unserer ftmeren Politik und last not least für