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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 304.

«rntfvrecher 951 und 952.

Dienstag, 2. Dezember 1913.

3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Hinter den Kulissen.

Enthüllungen über die diplomatischen Ränke am Balkan: DaS Buch eines Eingeweihten.

Wir habe« dieser Lage i« unserem Leit­artikel :Eine« Traume« Ende" die Intrigen und Kabalen der bulgarischen Krieg«. Politik am Balkan erörtert, di« den eure« PLischen Frieden monatelang auf« schwerste gefährdeten. Anter dem TiteltAu« den Geheimnisse« de, BalkankriegeS" ist nun soeben km Wiener S erlag von Elister Nachfolger ein Werk de« bekannten Balkan» Publizisten BreSnitz von Shdeoff er» schienen- La« sich zur Aufgabe macht, auf» gruud authentischer Dokumente da« verhäng­nisvolle Doppelspiel Bulgariens nachzuweisen. Bresnitz von S v d a c o s f ist österreichischer Balkan-Spezialist, anerkannte Autorität auf dem Gebiet balkanischer Politik und scharfblickender Kenner von Land und Leuten. Er zeichnet in seinem Buch der Balkan-Geheimnisse ein lebenatmendes, scharfumrissnes Bild der Er­eignisse, und es ist charakteristisch, daß er we­niger den König Ferdinand als die rusiophilen Minister für Bulgariens Treulosigkeit ver- antwonlich macht und behauptet, daß der König von Bulgarien von Sawow mitvorgehal- tenem Revolver gezwungen worden sei, den Mobilisierungsbefehl seinerzeit zu un­terschreiben. Sydacoff erzählt: Bulgarien kennt nicht jene Schichtung der Bevölkerungsklassen, wie sie überall in Europa vorhanden ist. Das bulgarische Volk setzt sich aus Bauern, Hand­werkern und kleinen Geschäftsleuten zusammen, die dem Staat die Beamten, Soldaten, Mini­ster und Generäle liefern. Bulgarische Patri­zier-Familien gibt es nicht, und das, was im Lande Kultur, Patriziertum und Reichtum dar- stelli, ist griechisch. König Ferdinand suchte im Anfang seiner Regierung denn auch stets den Verkehr mit den vornehmen griechischen Familien des Landes, was von den Bulgaren natürlich mit scheelen Augen angesehen wurde und schließlich zu den seinerzeitigen bestialischen Grirchenverfolgungen in Ostrumelien führte. Das Bildungsniveau der Bulgaren ragt im Durchschnitt über die Kenntnisse der Ele­mentarschule nicht hinaus, und die ganze bul­garische Geschichte vermag denn auch nicht einen einzigen wirklich großen Mann aufzuwei­sen. Aber auch im Ausland hat es noch kein Bulgare zu Namen oder Ansehen gebracht, und selbst Rußland, das sich so stark bemühte, das bulgarische Element zu heben, konnte keinen Bulgaren ausfindig machen, der die Mühe ge­lohnt hätte, auf ein erhöhtes Piedestal gestellt zu werden, ganz int Gegensatz zu dem griechi­schen, rumänischen und selbst serbischen Element, das nicht nur seiner Heimat, sondern auch dem Ausland eine ganze Reihe bedeutender Männer gegeben hat.

Und doch: Kaum war der Balkankrieg entbrannt, so hörten wir nichts als von Groß­taten der Bulgaren, die die glänzendsten Soldaten, Offiziere und Generäle hatten, an Mut und Opferwilligkeit allen andern voran­leuchteten, und als Dr. Dancw plötzlich als Friedensengel nach Budapest kam, lagen die ganze Donau-Monarchie und halb Deutschland huldigend vor der bulgarischen Größe auf den Knien. Vor bulgarischenMoltkes" und Bismarcks" kannte man sich gar nicht mehr aus. Besehen wir uns diese Moltkes und Bis­marcks ein wenig näher, damit wir auch das Fa l schsp i el besser begreifen können, das die bulgarischen Bauernfänger in der Zeit des Bal- kankriegs mit der ganze Welt trieben. Da ist vor allem G e s ch o w , der vielbesungne bulga­rische Ministerpräsident, dem nach den Behaup­tungen einer irregeleiteten Presse ein Hauptver­dienst um die Gründung des Balkanbunds zu­kam. Herr Geschow entstammt einer kleinen Handelsfamilie aus Ostrumelien und trieb sich eine Zeitlang als Kaufmann im Ausland herum. In jener Zeit nannte er sich Geschoglu und spielte den Griechen. Und das mit soviel Talent, daß ihn die griechische Gemeinde in Manchester zum Kirchenvater (Epitrop) wählte! Die von Rußland betriebne bulgarische Pro­paganda, die durch einen gewissen Christo Evlogiu in Bukarest ging, der sich später bul- garisierte und Evlogiew nannte, führte Herrn Gefchoglu wieder seiner Heimat in die Arme.

Evlogiew hatte sich an den russischen Propa­gandageldern ungemein bereichert und Gc- schow-Geschoglu verheiratete sich klug mit der Nichte und Erbin EvlogiuS und kam richtig in den Besitz dieses großen Vermögens. Fortan war er natürlich glühender bulgarischer Pa­triot, schloß sich der Rationalistenpartei Dtoi- lows an, um nach dessen Tode zum Chef der Partei und zum Ministerpräsidenten zu avan- vieren. Derberühmte" Generalissimus der bulgarischen Armee, S a w o w, derbulgarische Moltke", ging aus einer russischen Militärschule hervor und batte in Bulgarien öfters das

Kriegsportefeuille inne. Als er nach seiner er­sten Ministerschaft in Schulden steckte und nicht wußte, wie er sich sein in Ferdinandovo auf Punmp gekauftes Landhaus erhalten sollte, erklärte er seinen Freunden und Bekannten ge­genüber ganz offen, daß er, wenn er wieder Minister werden sollte, nichtsodummfein würde, mit leeren Händen wegzu. gehen. Und er hielt sein Wort: Nach seiner zweiten Ministerschaft war er schon ein reicher Mann, spielte in Paris den Lebemann und war von den Pariser Grisetten mit dem Spitz- nahmender kleine General" belegt worden. Er ist ein roher Geselle und auch heute noch ist es sein Hauptvergnügen, mit Bauern zu zechen und sich an dem landesüblichen Bau­ernschnaps zu berauschen. Seine erste Ehe wurde bald geschieden, und bezeichnend für die sittliche Verkommenheit diesesbulgarischen Moltke" und der ganzen Gesellschaft ist es, daß Sawows erste Gattin bis heute in Sofia als stadtbekannte Kokotte leben konnte und niemand daran Anstoß nahm, daß der geschiedene Gatte zu den . . . Gästen seiner geschiedenen Frau ge­hörte! Uebrigens stand Sawow knapp vor Aus­bruch des Krieges unter Anklage wegen Un­terschlagung von Staatsgeldern. Der Prozeß wurde aber, als der Krieg ent­brannte, niedergeschlagen.

Moscharow, der bulgarische Gesandte in London, der anläßlich der Londoner Friedens­konferenz so viel von sich reden machte, und als einer der feinsten diplomatischen Köpfe geprie­sen wurde, stammt aus Philippopel und hat das bißchen Bildung, das er besitzt, seiner Tan­te zu verdanken, die durch fünfunddreißig Jah­re K ö ch i n einer mir befreundeten Familie war und dem jungen Mann emporhalf, der tn Wirklichkeit zu den unbedeutendsten und wis- sensärmsten Menschen gehört. Bobtschew, ein anderesdiplomatisches Genie", das vor kurzem noch als Gesandter in Petersburg sich betätigte, sieht auf einen Bildungsgang zurück, der einzig und allein in der Absolvierung des Galata-Serails in Konstantinopel be­stand ! G e n a d i e w, der gegenwärtige Mini­ster des Aeußern, ist einer der wenigen Juristen dieses Landes. Aus Mazedonien stammend, hatte er seine erste Bildung in dortigen griechi­schen Schulen genossen und gab, nach Bulgarien eingewandert, in Philippopel eine Zeitung her­aus, die von den griechischen Elementen unter­stützt wurde. Später trat er in da? politische Leben ein, erzwang sich dadurch ein Sobranje- mandat, indem er herumlagernde Zigeuner mit Knütteln bewaffnete und die Wähler, die nicht für ihn stimmen wollten, von der Urne vertreiben ließ. Aus kleinen, armse­ligen Verhältnissen hervorgegangen, ist auch Ge- nadiew ebenso ein reicher Mann wie seine Schwäger Bobtschew und Mascharow und darin liegt eben der charakteristische Zug der ganzen bulgarischen Gesellschaft: Der Hungernach Macht, Geld und Genuß und eine abso­lute Gewissenlosigkeit in der Wahl der Mittel, um zum Ziele zu kommen. Man sagt nicht umsonst, der Bulgare lügt, so ost er den Mund auftut. Wie die Bildung dieser Leute Lüge ist, so ist es ihre Vaterlandsliebe, ihr Wort ist nicht wahr und ihrem Schwur darf man nicht trauen. Sie kennen nur das Ich, das einzige Ich . . . sonst nichts! ***

Verschwörung in Bulgarien?

(Privat-Telegramm.)

Belgrad, 1. Dezember.

Hier find aus Sofia Privatmeldungen ein­getroffen wonach die dortige Polizei eine Of­fiziers-Verschwörung gegen König Ferdinand entdeckt haben soll. Die Offiziere hätten beabsichtigt, den König und seine ganze Familie nach dem Muster der gegenüber dem Fürsten Battenberg befolgten Tattik zu zwin­gen, Bulgarienzu verlassen. Die Ver­hafteten weigerten fich angeblich bisher, irgend­welche Details mitzuteilen. Bon amtlicher bul­garischer Seite war bisher weder eine Bestäti­gung noch eine Widerlegung der Nachricht zu erlangen.

Der Reichstag und San Franzisko.

Zwei Millionen für die Ausstellung.

Berlin, L Dezember. (Privat-Te- legramm.) Die Fraktionen des Reichs­tags haben am Sonnabend zum größten Teil endgültig zur Frage einer offiziellen Betei­ligung Deutschlands an der Weltausstellung in SanFranzisko Stellung genommen. Für eine Beteiligung Deutschlands haben sich entschieden: Das Zentrum, die Sozialdemokra­ten. die Rationalliberalen, die Fortschrittliche Volkspartei und voraussichtlich auch die Reichs- Partei. Von den Vertretern dieser Parteien

wird ein Initiativantrag auf Bewilligung von zwei Millionen Mark für die offizielle Teilnahme an der Weltausstellung in San Franzisko gestellt werden und man erwartet, daß die Regierung sich diesem Wunsch des Reichstags nicht entgegenstellen wird.

Sabetti und kein finde.

Der Krlegsminister beim Kaiser.

Eine Klärung der Lage in Zabern ist noch nicht erfolgt. Allerdings soll (nach einer Meldung aus Straßburg) eine strenge Un­tersuchung über die letzten Vorgänge be­reits im Gange sein: in welcher Richtung sich diese aber bewegt, wird nicht mitgeieilt. Die Zivilbehörden haben durch Verstärkung der Gendarmerieposten und Warnungserlasse ihrem entschloßenen Willen, die Wahrung der Staats- autorität selbst zur Durchführung zu bringen, entschiedenen Ausdruck gegeben. Inzwischen bat sich der Kriegsminister, General von Fa l- krnhahn. zum Vortrag beim Kaiser nach Donaueschingen begeben, offenbar in engstem Zusammenhang mit der Zabern-Affäre. Weiter wird uns gemeldet:

Kriselts im Reichsland?

(Privat-Telegramm.)

Stuttgart, 1. Dezember.

Wie die hiesige konservative Süddeutsche Zeitung von ganz besondere Seite aus Berlin erfährt, werden infolge des durch die Zaberner Unruhen entstandenen Konflik­tes zwischen den Zivil- und Militärbehörden in den Reichslanden umfassende Per­sonenwechsel in den nächsten Monaten zu erwarten sein. Das Jnfantrrie-RegimeM Nr. 99 soll von Zabern versetzt wer­den. Oberst von R e u t t e r soll den A b - schied erhalten. Der Leutnant von Forst, ner wird schon in den nächsten Tagen in eine alweuffche Garnison des Ostens versetzt toctbetr? Als Nachfolger des Statthalters Grafen Wedel wkrd an erster Stelle der kommandierende General deS vierzehnten Armeekorps, Freiherr von Hoiningen, genannt. Staatssekretär Freiherr Zorn v o n B u l a ch soll durch einen jüngeren süd­deutschen Minister ersetzt werden. Dem kom­mandierenden General des fünfzehnten Ar­meekorps, von Deimling, soll die Füh­rung eines anderen, nicht in de« Rcichslan- den liegenden Armeekorps übertragen wer­den. Die haupffächlichsten Perfonalverände- rungen sollen allerdings nicht sofort, sondern erst in den nächsten Monaten erfolgen.

Ueber den Verlauf des «estrigen Sonn­tags in Zabern berichtet uns ein Tele­gramm. daß trotz eines großen Verkehrs in der Stadt keinerlei Ausschreitungen vor- gekommen sind. Von Zeit zu Zeit wurde eine Militärpatrouille sichtbar. Auch die verstärkte Gendarmerie machte sich bemerkbar. Auf Befehl eines Leutnants wurde gegen vier Uhr nach­mittags ein Mann aus Ottersweiler von einer Patrouille verhaftet, weil rin Offizier von ihm angerempelt worden war. Bestimmtes war jedoch nicht darüber zu erfahren. Der Kreisdirektor hat sich, wie man hört, für die Freilassung des Verhafteten verwandt; mit welchem Erfolg, ist noch nicht bekannt.

Die verhafteten Juristen.

(Privat-Telegramm.)

Zabern, 1. Dezember.

Landgerichtsrat Kali sch, einer der am Freitag verhafteten ^Juristen, schildert die Vor­gänge bei seiner Verhaftung wie folgt: Wir kamen, fünf Juristen, aus der Sitzung, als Soldaten uns den Weg versperrten. Im Dun­keln sah ich, wie Leutnant von F o r st n e r, der nicht in Dienstuniform war, sich auf einen Jun­gen stürzte und diesen abführen ließ. Als Jurist bin ich der Meinung, daß ein militärisches Ein­schreiten nur beim Belagerungszustande mög­lich ist, oder wenn die Zivilverwaltung mili­tärische Hilfe requiriert. Ich machte darum einen Offizier auf das ungesetzliche Ver­halten aufmerksam. Plötzlich tauchte Leut­nant Schadt mit einer Patrouille auf und ließ mich verhaften. Staatsanwalt Dr. Klein­böhme intervenierte. Darauf wurde auch er für verhaftet erklärt. Als er seinen Namen sagte, ließ Leutnant Schadt von ihm ab und bemerkte: Hätten Sie sich doch gleich vorgestellt. Ironisch fragte darauf der Staats­anwalt: Hängt es denn davon ab, was man ist, wenn man verhaftet wird? Meine Kol­legen folgten mir ins Schloß, ein Teil von ihnen begab sich zum Landgerichts-Präsidenten. Noch ehe dieser eintraf, wurde ich nach einer Unterredung mit Oberst von Reutter auf freien Fuß gesetzt. Was am Zaberner Fall über seine lokale Bedeutung hinausgeht, ist die U n g e s e tz l i chk e it des Vorgehens der Militärverwaltung.

*

Der Bericht att den Kaiser.

Strastburg, 1. Dezember. (Privat- Telegramm.) Die elsaß-lothringische Re­gierung, die Beamte zur Untersuchung der Bor»

günge nach Zabern entsandte, steht nunmehr durchaus auf feiten der Bevölkerung, und man rechnet, falls nicht strengste Bestrafung der Schuldigen erfolgt, mit dem Rücktritt des Staatssekretärs ZornvonBulach und evtl, des gefamtenMinisteriums. Der Kai­ser hat eingehende Berichte von der Militärbehörde und der Regierung verlangt.

Politik der Gegenwart. AusDeutschland unter Kaiser Wilhelm dem Zweiten": Politische Gegenwartsfragen, von

Bernhard Fürst von Bülow.

Wir haben am Sonnabend ans dem WerkeDeutsch, land unter Kaiser Wilhelm dem Zweiten", an dem der frühere Reichskanzler F ü r ft Bülow in hervor­ragendem Maße mttgearbeitet, einen Abschnitt über die deutsche giottenpoltttk mitgeieilt, der interessante Einblicke in die politisch« Entwicklung der jüngsten Zeit eröffnete. Heüte lasten wir diesem Abschnitt zwei wettere:Erziehung zum politischen VerstündniS" undKonservatismus und Liberalismus", folgen. Was uns Deutschen Politisch fehlt, das ist nicht zu erringen durch Veränderungen auf dem verfassungsrechtlichen Gebiet. In den Par­teien. denen vermehrte Rechte zugute kämen, fehlt es ja selbst noch vielfach zu sehr an politi­schem Urteil, politischer Schulung und Staats­bewußtsein. Roch steht in Deutschland eine große Summe der Gebildeten, denen ja die Führung im Parteileben gebührt, dem poli­tischen Leben gleichgültig, wenn nicht gar ablehnend gegenüber. Sehr kluge und gelehrte Männer betonen oft mit einem gewissen Stolz, daß sie von Politik nichts verstehen und auch nichts wsssen wollen. Die Unkenntnis der allerelementarsten Dinge des Staatslebens ist oft erstaunlich. Die Zeiten sind vorüber, in denen es für das Staatswohl nichts aus­machte, ob die Nation etwas von den (Metten verstand, die ihr gegeben wurden. Das Ge- schäft der Gesetzgebung liegt heut nickt mehr allein in den Händen mehr oder minder fach- und sachkundiger Beamter, sondern das Par­lament arbeitet mit. Aber die Tätigkeit der Fraktionen vollzieht sich auch in unseren Taaen oft noch kaum anders als die ehemalige reine Beamtentättgkeit: Bei vollkommener Verständ­nis- und Urteilslosigkeit weiter Kreise der Be­völkerung. Bei wirtschaftlichen Fragen regen sich Wohl die Interessengruppen in Landwirt­schaft. Handel und Industrie, bei ehtiaen Spe­zialsragen regen sich die für die speziellen Dinge eigens gegründeten Vereine, aber im allgemeinen läßt man das Diktum der Parla­mentarier mit der vollen Passivität des

beschränkten Antertanen-Derstandes über sich ergehen. Wird dann das fertige Werk am Leibe gespürt, so setzt eine herbe Kritik ein, die sich aber auch nur auf den Einzelfall beschränkt, ohne eine Belebung des politischen Verständnisses zur Folge zu haben. Die ative Anteilnahme am Gange der poli­tischen Geschäfte: Die fehlt uns Deut­schen, eine Interessiertheit, die nicht gelegent­lich des in mehrjährigen Zwischenräumen wie­derkehrenden Wahlkampfes erwacht, sondern sich besaßt mit den großen und kleinen Fragen des staatlichen Lebens. Sache der Gebildeten ist es, diese politische Erziehung in die Hand zu nehmen, Sache der geistigen Führer, denen kein Volk so willig folgt, wie das deutsche. Die lässige Gleichgültigkeit geistig und ästhetisch empfindsamer Naturen gegenüber dem poli­tischen Leben, die vorzeiten einmal unschädlich war, ist beule nicht mehr am Platze. Die Ruhe ist nur Dem gestattet, dem keine Pflicht mehr zu erfüllen bleibt. Kein Volk kann das von sich sagen. Am wenigsten das deutsche, das vor so kurzer Zeit erst einen neuen Weg zu neuen Zielen beschritten hat. Goethe hat uns nicht im Wagner, der zufrieden sieht, wie wir es zuletzt so herrlich weit gebracht haben, das deutsche Volk im deutschen Menschen ge­staltet, sondern im Faust, der in hochgespann­tem Selbstvertrauen immer bestrebend sich be­müht. und als der Weisheit letzten Schluß die Wahrheit findet:Nur Der verdient sich Frei­heit wie das Leben, der täglich sie erobern muß."

et

Konservativ nnd Liberal.

Es ist gegenwättig in beiden Lagern üblich, Konservativismus und LiberaliS, mus als die beiden grundverschiedenen S ta atsckussa ssnn gen anzusehen und zu behaupten, daß eine jede vom Gegenlatz zur anderen lebt. Träfe das zu, so müßten die beiden Parteien und die ihnen zugesetzten Gruppen um so stärker fein, je schroffer ihr Ge­gensatz ist. je feindseliger sie sich gegeneinander stellen. Nun ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Von wenigen außerordentlichen Si­tuationen abaeieben, sind Konservative und Li­berale immer dann als Parteien am stärksten, parlamentarisch am einflußreichsten gewesen, wenn sie z u s a m m e n g i n g e n. Gewiß tarn nicht alles politische Heil, nicht die Lösung jeder gesetzgeberischen Aufgabe von konservativ-libe- raler Zusammenarbeit erwartet werden. Aber der Kader zwiscken Konservativen und Libe­ralen ist noch immer verhängnisvoll gewesen: Für die beiden Parteien selbst, für den Gan« unserer ftmeren Politik und last not least für