Einzelbild herunterladen
 

C Mer Neueste MMm

Caffeler Abendzeitung

Di« Ctaffeler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der Abmmement«pret» betrügt monatlich 60 Big. bei tretet Zustellung in« Hau«. Bestellungen werden leberzetl von der Seschüstlstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, 8erlag und Redaktion: Schlachthosstraste 28,30. Sprechstunden der Redaktton nur von 6/, bi« 8 Uhr abend«. Sprechstunden der Au«kunft - Stell;: Jeden Mittwoch und Freitag von 6*/, bi« 8 Uhr abend«. Berliner Vertretung: SW, Friedrtchstr 16, Telephon: Amt Morltzplatz 12584

Hessische Abendzeitung

JnserttonSpretse: Die Iech«gefpalten, Zeile für einheimische Geschäfte 15 Big.. für au«, württge Inserate 25 Pf, Reklamezeile für einheimische Geschäfte 4» Pf, für au-württge «eschäfteSOPf. Einfache Beilagen für die «esamtaustage werden mit «Mark pro Tausend de. rechnet. Wegen ihrer dichten Berdrettung in der Restdenz und der Umgebung lind die Lafseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche« Jnsertionrorgan. «eschüft«stelle: »ölntsche Straße 5. Berliner Vertretung: SW., Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Morttzplatz 12584.

Nummer 303»

®etnf»red|er 951 und 952.

Sonntag, 30. November 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Die Früchte reifen...!

Nach der Kriegsmi«ister-Rede Im Reichstag: Nene Stürme, «e«e Erregung in Zabern!

Die SIsatz-Lothringer Haden, unterftüyt von Mitgliedern de« Zentrum« und der Polen» Fraktion, im Reichstag folgende Interpel­lation «ingebrachtr Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um die elfatz-lothring. ifchen Soldaten und die Bevölkerung Elfatz. Lothringen« vor Beleidigungen zu schützen, wie sie sich «in Offizier de« Infanterie-Regi­ment« 99 in Zabern ihnen gegenüber hat zu Schulden kommen lassen t Hält der Herr Reichs­kanzler die Strafe, die über diesen Offizier Ser» hiingt wurde, für ein« Sühn«, die geeignet ift, der Wiederholung solcher Fülle vorzubengenk Während in des Freitags Abendstunden Exzellenz von Falkenhayn, der Kriegsmi­nister, die Stenogramm Niederschrift seiner Reichstag-Rcde korrigierte, haben sich in den Straßen von Zabern abermals schlimme Dinge ereignet, haben Truppen mit scharf ge- ladnem Gewehr gegen Schmäher und Verleum­der des deutschen Namens vorgehen müssen, und in der wilden Hast des Krawall-Intermez­zos hat's sich ereignet, daß die braven Muske­tiere, die tapfer und stramm die Grenzwacht hielten, ein paar Gerichtsräte und sogar einen Staatsanwalt einfingen, von dem löblichen Be­streben geleitet, in der Stadt der überreizten Elsässer-Nerven endlich Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Der Vorfall ist in zweierlei Hinsicht charakteristisch und typisch, und wenn man schärfer zusieht, entdeckt man in den Ereig­nissen vom achtundzwanzigsten November sogar die Möglichkeit ernsthafter Nutzanwen­dung. Der Krawall entstand, als der Zucht der Fortbildungsschule entronnene halbwüchsige Schlingels auf dem Heimweg einige Offiziere der Zaberner Garnison (unter ihnen auch den vom Kriegsminister mit Jugend und Unerfah­renheit Iei5 entschuldigten Leutnant von Forst- ner) plaudernd beieinanderstehen sahen. Einer der Jungen, ein Bengel von sechzehn Jahren, fühlte sich als Ritter der Elsässer-Ehre berufen, schrie den Offizieren ein Schimpfwort zu und enteilte dann in langen Sätzen dem Schauplatz der Heldentat. Diesmal blicb's indessen nicht bei derErmahnung zur Ruhe und Besonnen- heit" durch den Kommandeur, blieb's nicht beim Laden der Browning-Pistolen, die dann fried­lich auf dem Kasinotisch lagerten, sondern die Militärbehörde tat, was sie tun mußte, und waS beim ersten Krawall leider versäumt wor­den ist: Sie ging unverzüglich und mit ge- botner Energie gegen die fanatisierten Fran»,öslinge vor und ließ den Burschen, der den Krawall verursacht, festnehmen. Daß da­bei daS Städtchen Zabern beunruhigt und der stille Abendfriede über der nebel-kalten elsässi­schen Novemberwelt für ein Welchen gescheucht wurde, ließ sich nicht verhüten; ebensowenig wie die Heimsuchung der aus dem Tempel der Ge­rechtigkeit heimkehrenden Juristen, denn wo brave Musketiere zuareifen, ist zum Federlesen nicht mehr Zeit. Ob die zur Abendstunde in dürftigen Extrablatt-Sätzen in Zabern verbrei. lete Kriegsminister-Rede im Reichstag dazu bei­getragen, den bereits etwas abgestandnen Groll der elsässischen Nationalisten-Seele zu neuer Siedeglut auflochen zu lassen: Wer weiß es? Jedenfalls hat am Freitag abend das Militär getan, was zu tun Klugheit- und Pflichtgebot war, und es erübrigt sich deshalb auch, die Tränen schwächlicher Sentimentalität über die brutale Gewalt im Kampf gegen Empfin­dungs-Offenbarungen" rinnen zu lassen.

Der nationale Imperativ.

Irgend ein Sckwätzer, den die Volks-Stim­mung im Reichsland offenbar ein Harmo­nie-Wunder trauter Seligkeit dünkt, sucht die Presse mit einem Brief aus Konstantinopel heim, und in dieser Bosporus-Epistel registriert der Mann nach einer langen Erzählung über die Kabalen-Komödie gegen die deutsche Mili­tär-Mission für die Türkei auch den Hohn- Triumph eines am Goldnen Horn eingenisteten Franzosen, der in einer Unterhaltung mir dem Brieffchreiber den Ausspruch getan haben soll:Ihr Deutsche wollt (durch die Militär- Mission) die Türkei erobern? Schön; aber sehen Sie zu, das Sie zuerst Zabern und den Elsaß erobern...!" Der Gallier-Spott erinnert uns an deutsche Schuld, an Versäum­tes und Verfehltes: Geschah in Zabern, was ziemend, pflichtgemäß und dringlich war? Herr von Falkenhahn, der Kriegsminister, hat am achtundzwanzigsten November diese Frage im Reichstag nur gestreift, nicht beantwortet, und das Lärm-Echo vom Elsaß her beweist, wie man dort die Ereignisse auffatzt. Warum geschah nicht am ersten Tag der Krawalle, als durch tausend Blätterspalten die Hiobspost vom Auirubr in labern aina. was am Freitaa

geschah; warum ging die Militärbehörde nicht sofort rücksichtslos gegen den Mob vor, der sich erdreistet, Kasernen-Jntimitäten im deutsch­feindlich-nationalistischem Sinne als Attentat auf die Volkheit des Elsaß durch Stadt und Land zu schreien? Werdrunten in der Wet­terecke", an der Grenzwacht zwischen Germa­nenstamm und Romanen-Republik, des Vater­landes Rock getragen, der weiß aus eigner Er­fahren, w i e tief in den Seelen der Haß gegen dieSchwaben" wurzelt, und wie elementar sich der Groll gegen alles Deutsche in der Emp­findungswelt der Masse regt. Dieser Erkennt­nis mußte man in Zabern Rechnung tragen, mußte gleich im Aufkeimen derAffäre" den unbeugsamen Entschluß erkennbar machen, die Jnstruktionsstunden - Ueberreizung eines zwanzigjährigen Offiziers nicht zur Kampf­frage des Tages werden zu lassen. Sei's selbst um den Preis rücksichtslose­ster Gewalt-Anwendung! Statt dessenmahnt man zur Ruhe", tastet ängstlich zwischen Ent­schluß und Bangen und harrt, unschlüssig, der Kommandostimme aus Straßburg und Berlin. Die wieder schwankt nicht minder: Man weiß nicht, wie im Augenblick auf dem Olymp die Winde weh'n (die Straßburger Scherben-Erre­gung ist schon so lang verschäumt!). So kam's, daß das Mücklein sich zum Mammut vergrö­ßerte, und selbst mannhafte Leute wie ein Un­geheuer schreckte. Bis nun am Freitag Abend der Oberst Reutter in Zabern gezeigt hat, w i e man brav und wacker seine Pflicht erfüllt.. .! F. H.

« *

Die Freitag-Tumulte.

Militär mit aufgepflanztem Seitengewehr! (Telegramm unscrs Korrespondenten.)

Zabern, 29. November.

Gestern abend kam es hier zu neuen er­regten Zwischenfällen, die zu einem Einschreiten des Militärs Veranlas­sung gaben. Als am Abend die Fortbildungs­schule geschlossen wurde, standen zufällig in der Nähe der Schule mehrere Offiziere, dar­unter auch Leuttrant Freiherr von Forst- n e r. Die Osflziere zogen daraufhin blank und suchten die Schuldigen zu ermitteln. Einer der Schüler flüchtete und wurde von den Offizieren verfolgt. Als der junge Mann entkam, alar­mierte Leutnant Schialt die Hauptwache am Schlossplatz. Die Mannschaften streiften mit aufgepflanztem Seitengewehr verschiedene Strassen ab uiti> verhafteten den Schuldigen. Der junge Mann wurde zur Wache gebracht. Im Augenblick sammelte sich vor der Wache eine grosse Menschen­menge an, dir sich rasch verstärkte. Der wach­habende Leutnant forderte die Menge vergeblich zum Auseinandergehen auf. Als gütliches Zu­reden erfolglos blieb, benachrichtigte er das Regiment, worauf ein Leutnant mit einer

Abteilung von fünfzig Man«

auf dem Schlossplatz erschien. Der Leutnant liess scharfe Patronen auSteilen, gab Befehl zum Ausschwärmrn und forderte die Menge auf, den Platz zu verlassen, widrigen­falls er schiessen lasse. Ter Tambour rührte die Trommel. Als die Menge noch nicht wich, liess der Leutnant chargieren (Gewehre laden). Oberst von R en t t e r übernahm nun die Leitung der Aktion und liess ver­schiedene Leute verhaften. Tas Mflitär schwärmte aus und nahm fest, was ihm in den Weg kam. Am selben Nachmittag war im Landgericht ein grosser Prozess verhandelt wor. den. der erst in den Abendstunden sein Ende erreichte. Als das Publikum und das Gerichts­personal das Gerichtsgebäude verliess, wurde es von dem Militär angehalten. Zwei Amtsgerichtsräte und der Staats- anwalt sowie ein Rechtsanwalt wur­den festgenommen. Angesichts des euer- gischen Vorgehens des Mflitärs zerstreute sich die Menge schließlich ingrotzerErregung Ein amtlicher Bericht steht noch aus. Das Ge. neralkommando des fünfzehnte« Armeekorps in Strassburg wurde von dem Vorfall telegra- phisch in Kenn nis gesetzt und gab auf telegra­phischem Wege auch sofort Weisungen nach Zabern.

HertUng will Ruhe haben!

Daher» gegen weitere Heeees-Rüstnnge«.

(Privat-Telegramm.)

München, 29. November.

In der heutigen Sitzung der Abgeordneten­kammer sprach sich der Ministerpräsident Frei­herr von Heriltna in auffallender Weise gegen wettere Milirärrüstungen>, die etwa von der Regierung beabsichtigt sein könnten, aus. Der sozialdemokratische Abgeord­nete Segitz hatte angesragt, ob es richtig sei, dak Bavern _üch^iei_ der. Leratuna der letzten

Militärvorlage besonders eifrig als Förderer der Rüstungsverstärkuna betätigt habe. Frei- Herr von Hertling antwortete: Davon kann keine Rede fein, aber ich stehe nicht an, heute an dieser Stelle ausdrücklich zu erklären, daß jetzt in Bezug auf Militärvorlagen end­lich Ruhe eintretrn muß. Denn auf Jahre hinaus («r sagte das mit erhobener Stimme) ist das deutsche Volk nicht im­stande, die Kosten weiterer Militärvorlagen zu tragen. Die Erklärungen des Ministerprä­sidenten fanden im ganzen Hause lebhafte Zu­stimmung.

Dar Fürst Bülow-Buch.

Bülow über die deutsche Flottenpolittk.

Wir haben in unferm gestrigen Leitartikel Villa Malta-Idyll" bereits das Erscheinen des GeschichtswerksDeutschland unter Wilhelm dem Zweiten" erörtert, an dem der frühere Reichskanzler Für st Bülow in hervorra­gendem Maße mirgearbeitet hat. Der erste Band des Werks bringt eine Betrachtung des Fürsten über die deutsche Politik. Den aktuellen Geschehnissen ferngetreten, spricht der Verfasser von der höheren Warte des Unbetei­ligten als Patriot zur Nation, und wir sind in der Lage, heute einen Abschnitt aus diesen Auslassungen des früheren Reichskanzlers un­fern Lesern mitzuteilen. Der Abschnitt behan­delt

Deutschlands Flotten-Politik

und es heißt in den Ausführungen deS frühe­ren Kanzlers unter anderm: Mit dem Auge auf die englische Politik musste unsere Flotte gebaut werden und so i st sie gebaut worden. Ter Erfüllung dieser Aufgabe hat­ten meine Bemühungen auf dem Felde der grossen Politik in erster Linie zu gelten. In doppelter Hinsicht musste sich Deutschland i n- ternational unabhängig stellen. Wir durften nnS weder von einer grundsätzlich gegen England gerichteten Politik das Ge­setz unseres Entschließens und Handelns vor­schreiben lassen, noch durften wir uns um der englischen Freundschaft willen in englische Abhängigkeit begeben. Beide Gefah­ren waren gegeben und rückten m e h r a l s einmal in bedenftiche Nähe. In unserer Entwicklung zur Seemacht konnten wir weder alö Englands Trabant, noch als Antagonist Englands zum erwünschten Ziele kommen. Die vorbehaltlose und sichere Freundschaft Englands wäre schliesslich nur zu erkaufen ge­wesen durch Aufopferung eben der welt­politischen Pläne, um derentwillen wir die britische Freundschaft gesucht hätten. Die Auf­gabe, der neuen deutschen Weltpolitik

das Machtpolitische Fundament zu gewinnen, darf heute im grossen und gan­zen als gelöst angesehen werde«. Gewiß ist das Deutsche Reich nur ungern als Welt­macht von denjenigen Staaten begrüßt wor­den, die jahrhundertelang gewohnt waren, die Fragen der überseeischen Politik allein zu entscheiden. Unser weltpolitisches Recht wird aber heute in aller Herren Länder a n - erkannt, wo die deutsche Kriegsflagge sich zeigt. Dieses Ziel mußte« mir erreiche«. Es war gleichbedeutend mit der Schaffung unserer Kriegsflotte und konnte nur erreicht werden unter gleichzeitiger Ueberwindung erheblicher Schwierigkeiten sowohl aus dem Gebiet der auswärttgen wie der inneren Po­litik. Während des ersten Dezenniums nach Einbringung der Flottenvorlage von 1897 hatte« wir eine Gefahrzone erster Ordnung in unserer auswärtige« Politik zu durchschreiten, denn wir sollten uns eine ausreichende Seemacht und eine wirksame Vertretung unserer Seeintereffe« schaffen, ohne noch zur See genügende Verteidigungs- stärke zu besitze«. Unbeschädigt und ohne Ein- büße an Würde und Prestige ift Deutschland aus dieser kritische« Periode hervorgegange«.

Fürst Bülow erinnert dann an den Artflel der englischen Saturday Review hn Herbst 1897, der in der Erklärung gipfelte, daß,wenn Deutschland morgen aus der Welt vertilgt würde, es übermorgen keinen Engländer gebe, der nicht um so reicher fein würde," und er fährt dann fort:Zwölf Jahre später er- klärten zwei große und nicht besonders deutsch­freundliche Blätter, daß die Stellung Deutsch - .rnds eine größere und stärkere fei, als sie seit dem Rücktritt des Fürsten Bismarck je gewesen wäre." Schließlich stellt Fürst Bü­low fest, daß sich feit 1897 der Uebergang zur deutschen W e l t v o l i t i k vollzogen hat.

Wir Deutsche fürchten Gott!"

In dem Kapitel über unsere Flottenpolitik sagt Fürst Bülow an anderer Stelle:Wir haben uns von keiner Macht gegen die an­dere vorlchieben lassen und für Niemanden die Kastanie« aus dem Feuer geholt. Auf der .anheieiL Seile ist es bei sorgsamer Pflege des

Dreibundes nicht zu Zusammenstößen enit dem Zweibund gekommen, die die Fortführung unseres Fwttenbaues aufgehalten hätte«. Zwischen französisch-englischer Entente und Zweibund haben wir einen schmalen Weg gehen müssen, der schmäler wurde, als die französisch-englische Entente sich zur Tripke- Entente weitete, und nur mir angestrengtester Vorsicht gangbar blieb, als England «ns mit einem Netz von Bündnifsen und Ententen umgab.

DerhistorischeBismarÜ.

Der Bismarck der Wirklichkeit: Staats­mann, Mensch und National-Hold, von

Wilhelm von Massow.

Unter dem TitelDie innere denischePvkitik unter Kaiser Wilhelm dem Zweiten- erscheint in der Deutschen VerlagSanstalt zu Stuttgart ein Werk au« der Feder von Wilhelm von Massow. Weitere Steife dürste der nachstehende Auszug interessteren, bet ein klares, scharf untriffeneS Bild von Bismarcks mensch­lichen und staatsmännischen Persönlichkeit gibt und mit den Mythen und Legenden, die fich um des groben Kanzlers Andenken gewoben, gründlich düfraumt.

Für uns, die Enkel der großen Zeit, ist eS schwer, zu unterscheiden, was wir als Erbe Bismarcks festhalten sollen, und worin wir ihm nicht folgen können, weil di« Gegen­wart für Neues und Eigenes ihr Recht for­dert. Es sind in der Regel edle und tüchtige Regungen, die eine richtige Unterscheidung verhindern. Denn wir fühlen uns Bismarck gegenüber so verpflichtet, das wir ein Unrecht zu begehen fürchten, wenn wir die Notwen­digkeit zugeben, daß die Nachwelt hier und da andere Wege gehen muß als er. Aber dieser allzu großen Besorgnis ist die Frage entgegenzuhalten, ob man denn die Gewähr hat. Bismarck so genau zu Lennen und so vollständig verstanden zu haben, wie es notig wäre, wenn man in seinem Tun eine absolute Richtschnur für alle Zeiten suchen wollte. Wir müssen vielmehr, wenn wir ehrlich sind, sagen: Der Bismarck, der in der Bewunderung der heutigen Generation fortlebt, ist zu einem sehr groben Teil überhaupt nicht mehr der ge- schichtliche Bismarck, sondern das Bild eines legendhaft ausgeschmückten National- heldcn, der die Züge Bismarcks trägt. In diesem Bilde werden die bekanntesten Züge des geschichtlichen Helden vereinfacht und ver­gröbert; es wird ihnen die Form gegeben, die nach der Volksvorstellung dem nationalen Ideal am nächsten kommt. Dafür ein Beispiel: Es ist bekannt, daß Bismarck ein sehr st ar-, kes Temperament besaß, das seinem Empfinden und Wollen ein«

gewaltige Kraft und Wucht gab und ebenso leicht fortreitzend wie ein- schüchternd wirft«. Der Durchschnittsmensch kann sich ein so starkes Temperament nicht denken, ohne anzunehmen, daß es allezeit als sichtbares und beherrschendes Moment hervor­trat. Er kann sich nicht vorstellen, daß es von einem überlegenen, durchdringenden Verstand so sehr gezügelt werden kann, daß es zeitweise ausgeschaltrt erscheint. In der po­pulären Vorstellung wird daher der kühl rech­nende und sorgfältig wägende Staatsmann Bismarck zu einem ungefügen Gewalt­menschen, der beständig als Jupiter tonans einherschreiiet. Richtig ist nur, daß e r st d a n n, wenn die Notwendigkeit einer Tat als Erger^ nis reiner Denkarbeit die Seele Bismarcks ergriffen hatte, alle Funktionen seines großen Geistes dafür in TLtiqkett treten und dann aus seinem mächtigen Temperament die Feuer­flammen hervorschossen, die den Seinen zum leuchtenden Wahrzeichen wurden. Also nur tn bedingtem und eingeschrLnktem Sin- ne war Bismarck als Staatsmann der Recke in Kürassicrstieseln, wozu ihn die Volksphan- taste nach seiner äußeren Erscheinung macht« Die volkstümliche Vorstellung verweilte -ei diesem Bild« umso lieber, als sich in dem Menschen Bismarck das vulkanische Tem­perament mit ungewöhnlicher Gemütstiefe paarte und dieser gewaltige Willensmensch zu­gleich ein beinahe weiblich-zartes Verständnis für Gefühlswerte zeigt. Diese Mischung entsprach ganz und gar dem deutschen Dolks- ideal. Der Mann, der zu seinen großen Taten noch diese persönlichen Eigenschaften aufwies, mußte

im Gedächtnis des Volkes

in einer Gestalt fortleben, die alle andere« Züge seines Wesens verschwinden lieh. Darin birgt sich aber natürlich die Gefahr eines un­zureichenden Verständnisses seines wirflichen Wesens. Keine Politik wird so gern (und zwar auS ehrlicher veberzeugung) unter Be­rufung auf den Fürsten Bismarck empfohlen und verteidigt wie gerade di« unverständigste und kurzsichtigste Draufgänger- und Schlage- totpoletik. Und doch entfernt sich vielleicht nichts so sehr von dem wirklichen Bis­marck, als dieses gutgemeinte, aber übelbera­tene nationale Krafthabertmn, das in einem einzelnen, falsch verstandenen Charakterzug des «roßen Mannes eine Berührung mft ihm gefunden zu haben glaubt. Rach den großen Erfolgen eignete er sich «ine gewisse Unbe­kümmertheit an. die ibn überfeine _9jmhs