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Caffeler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 303»
®etnf»red|er 951 und 952.
Sonntag, 30. November 1913.
Fernsprecher 951 und 952.
3. Jahrgang.
Die Früchte reifen...!
Nach der Kriegsmi«ister-Rede Im Reichstag: Nene Stürme, «e«e Erregung in Zabern!
Die SIsatz-Lothringer Haden, unterftüyt von Mitgliedern de« Zentrum« und der Polen» Fraktion, im Reichstag folgende Interpellation «ingebrachtr Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um die elfatz-lothring. ifchen Soldaten und die Bevölkerung Elfatz. Lothringen« vor Beleidigungen zu schützen, wie sie sich «in Offizier de« Infanterie-Regiment« 99 in Zabern ihnen gegenüber hat zu Schulden kommen lassen t Hält der Herr Reichskanzler die Strafe, die über diesen Offizier Ser» hiingt wurde, für ein« Sühn«, die geeignet ift, der Wiederholung solcher Fülle vorzubengenk Während in des Freitags Abendstunden Exzellenz von Falkenhayn, der Kriegsminister, die Stenogramm • Niederschrift seiner Reichstag-Rcde korrigierte, haben sich in den Straßen von Zabern abermals schlimme Dinge ereignet, haben Truppen mit scharf ge- ladnem Gewehr gegen Schmäher und Verleumder des deutschen Namens vorgehen müssen, und in der wilden Hast des Krawall-Intermezzos hat's sich ereignet, daß die braven Musketiere, die tapfer und stramm die Grenzwacht hielten, ein paar Gerichtsräte und sogar einen Staatsanwalt einfingen, von dem löblichen Bestreben geleitet, in der Stadt der überreizten Elsässer-Nerven endlich Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Der Vorfall ist in zweierlei Hinsicht charakteristisch und typisch, und wenn man schärfer zusieht, entdeckt man in den Ereignissen vom achtundzwanzigsten November sogar die Möglichkeit ernsthafter Nutzanwendung. Der Krawall entstand, als der Zucht der Fortbildungsschule entronnene halbwüchsige Schlingels auf dem Heimweg einige Offiziere der Zaberner Garnison (unter ihnen auch den vom Kriegsminister mit Jugend und Unerfahrenheit Iei5 entschuldigten Leutnant von Forst- ner) plaudernd beieinanderstehen sahen. Einer der Jungen, ein Bengel von sechzehn Jahren, fühlte sich als Ritter der Elsässer-Ehre berufen, schrie den Offizieren ein Schimpfwort zu und enteilte dann in langen Sätzen dem Schauplatz der Heldentat. Diesmal blicb's indessen nicht bei der „Ermahnung zur Ruhe und Besonnen- heit" durch den Kommandeur, blieb's nicht beim Laden der Browning-Pistolen, die dann friedlich auf dem Kasinotisch lagerten, sondern die Militärbehörde tat, was sie tun mußte, und waS beim ersten Krawall leider versäumt worden ist: Sie ging unverzüglich und mit ge- botner Energie gegen die fanatisierten Fran»,öslinge vor und ließ den Burschen, der den Krawall verursacht, festnehmen. Daß dabei daS Städtchen Zabern beunruhigt und der stille Abendfriede über der nebel-kalten elsässischen Novemberwelt für ein Welchen gescheucht wurde, ließ sich nicht verhüten; ebensowenig wie die Heimsuchung der aus dem Tempel der Gerechtigkeit heimkehrenden Juristen, denn wo brave Musketiere zuareifen, ist zum Federlesen nicht mehr Zeit. Ob die zur Abendstunde in dürftigen Extrablatt-Sätzen in Zabern verbrei. lete Kriegsminister-Rede im Reichstag dazu beigetragen, den bereits etwas abgestandnen Groll der elsässischen Nationalisten-Seele zu neuer Siedeglut auflochen zu lassen: Wer weiß es? Jedenfalls hat am Freitag abend das Militär getan, was zu tun Klugheit- und Pflichtgebot war, und es erübrigt sich deshalb auch, die Tränen schwächlicher Sentimentalität über die „brutale Gewalt im Kampf gegen Empfindungs-Offenbarungen" rinnen zu lassen.
Der nationale Imperativ.
Irgend ein Sckwätzer, den die Volks-Stimmung im Reichsland offenbar ein Harmonie-Wunder trauter Seligkeit dünkt, sucht die Presse mit einem Brief aus Konstantinopel heim, und in dieser Bosporus-Epistel registriert der Mann nach einer langen Erzählung über die Kabalen-Komödie gegen die deutsche Militär-Mission für die Türkei auch den Hohn- Triumph eines am Goldnen Horn eingenisteten Franzosen, der in einer Unterhaltung mir dem Brieffchreiber den Ausspruch getan haben soll: „Ihr Deutsche wollt (durch die Militär- Mission) die Türkei erobern? Schön; aber sehen Sie zu, das Sie zuerst Zabern und den Elsaß erobern...!" Der Gallier-Spott erinnert uns an deutsche Schuld, an Versäumtes und Verfehltes: Geschah in Zabern, was ziemend, pflichtgemäß und dringlich war? Herr von Falkenhahn, der Kriegsminister, hat am achtundzwanzigsten November diese Frage im Reichstag nur gestreift, nicht beantwortet, und das Lärm-Echo vom Elsaß her beweist, wie man dort die Ereignisse auffatzt. Warum geschah nicht am ersten Tag der Krawalle, als durch tausend Blätterspalten die Hiobspost vom Auirubr in labern aina. was am Freitaa
geschah; warum ging die Militärbehörde nicht sofort rücksichtslos gegen den Mob vor, der sich erdreistet, Kasernen-Jntimitäten im deutschfeindlich-nationalistischem Sinne als Attentat auf die Volkheit des Elsaß durch Stadt und Land zu schreien? Wer „drunten in der Wetterecke", an der Grenzwacht zwischen Germanenstamm und Romanen-Republik, des Vaterlandes Rock getragen, der weiß aus eigner Erfahren, w i e tief in den Seelen der Haß gegen die „Schwaben" wurzelt, und wie elementar sich der Groll gegen alles Deutsche in der Empfindungswelt der Masse regt. Dieser Erkenntnis mußte man in Zabern Rechnung tragen, mußte gleich im Aufkeimen der „Affäre" den unbeugsamen Entschluß erkennbar machen, die Jnstruktionsstunden - Ueberreizung eines zwanzigjährigen Offiziers nicht zur Kampffrage des Tages werden zu lassen. Sei's selbst um den Preis rücksichtslosester Gewalt-Anwendung! Statt dessen „mahnt man zur Ruhe", tastet ängstlich zwischen Entschluß und Bangen und harrt, unschlüssig, der Kommandostimme aus Straßburg und Berlin. Die wieder schwankt nicht minder: Man weiß nicht, wie im Augenblick auf dem Olymp die Winde weh'n (die Straßburger Scherben-Erregung ist schon so lang verschäumt!). So kam's, daß das Mücklein sich zum Mammut vergrößerte, und selbst mannhafte Leute wie ein Ungeheuer schreckte. Bis nun am Freitag Abend der Oberst Reutter in Zabern gezeigt hat, w i e man brav und wacker seine Pflicht erfüllt.. .! F. H.
« *
Die Freitag-Tumulte.
Militär mit aufgepflanztem Seitengewehr! (Telegramm unscrs Korrespondenten.)
Zabern, 29. November.
Gestern abend kam es hier zu neuen erregten Zwischenfällen, die zu einem Einschreiten des Militärs Veranlassung gaben. Als am Abend die Fortbildungsschule geschlossen wurde, standen zufällig in der Nähe der Schule mehrere Offiziere, darunter auch Leuttrant Freiherr von Forst- n e r. Die Osflziere zogen daraufhin blank und suchten die Schuldigen zu ermitteln. Einer der Schüler flüchtete und wurde von den Offizieren verfolgt. Als der junge Mann entkam, alarmierte Leutnant Schialt die Hauptwache am Schlossplatz. Die Mannschaften streiften mit aufgepflanztem Seitengewehr verschiedene Strassen ab uiti> verhafteten den Schuldigen. Der junge Mann wurde zur Wache gebracht. Im Augenblick sammelte sich vor der Wache eine grosse Menschenmenge an, dir sich rasch verstärkte. Der wachhabende Leutnant forderte die Menge vergeblich zum Auseinandergehen auf. Als gütliches Zureden erfolglos blieb, benachrichtigte er das Regiment, worauf ein Leutnant mit einer
Abteilung von fünfzig Man«
auf dem Schlossplatz erschien. Der Leutnant liess scharfe Patronen auSteilen, gab Befehl zum Ausschwärmrn und forderte die Menge auf, den Platz zu verlassen, widrigenfalls er schiessen lasse. Ter Tambour rührte die Trommel. Als die Menge noch nicht wich, liess der Leutnant chargieren (Gewehre laden). Oberst von R en t t e r übernahm nun die Leitung der Aktion und liess verschiedene Leute verhaften. Tas Mflitär schwärmte aus und nahm fest, was ihm in den Weg kam. Am selben Nachmittag war im Landgericht ein grosser Prozess verhandelt wor. den. der erst in den Abendstunden sein Ende erreichte. Als das Publikum und das Gerichtspersonal das Gerichtsgebäude verliess, wurde es von dem Militär angehalten. Zwei Amtsgerichtsräte und der Staats- anwalt sowie ein Rechtsanwalt wurden festgenommen. Angesichts des euer- gischen Vorgehens des Mflitärs zerstreute sich die Menge schließlich ingrotzerErregung Ein amtlicher Bericht steht noch aus. Das Ge. neralkommando des fünfzehnte« Armeekorps in Strassburg wurde von dem Vorfall telegra- phisch in Kenn nis gesetzt und gab auf telegraphischem Wege auch sofort Weisungen nach Zabern.
HertUng will Ruhe haben!
Daher» gegen weitere Heeees-Rüstnnge«.
(Privat-Telegramm.)
München, 29. November.
In der heutigen Sitzung der Abgeordnetenkammer sprach sich der Ministerpräsident Freiherr von Heriltna in auffallender Weise gegen wettere Milirärrüstungen>, die etwa von der Regierung beabsichtigt sein könnten, aus. Der sozialdemokratische Abgeordnete Segitz hatte angesragt, ob es richtig sei, dak Bavern _üch^iei_ der. Leratuna der letzten
Militärvorlage besonders eifrig als Förderer der Rüstungsverstärkuna betätigt habe. Frei- Herr von Hertling antwortete: Davon kann keine Rede fein, aber ich stehe nicht an, heute an dieser Stelle ausdrücklich zu erklären, daß jetzt in Bezug auf Militärvorlagen endlich Ruhe eintretrn muß. Denn auf Jahre hinaus («r sagte das mit erhobener Stimme) ist das deutsche Volk nicht imstande, die Kosten weiterer Militärvorlagen zu tragen. Die Erklärungen des Ministerpräsidenten fanden im ganzen Hause lebhafte Zustimmung.
Dar Fürst Bülow-Buch.
Bülow über die deutsche Flottenpolittk.
Wir haben in unferm gestrigen Leitartikel „Villa Malta-Idyll" bereits das Erscheinen des Geschichtswerks „Deutschland unter Wilhelm dem Zweiten" erörtert, an dem der frühere Reichskanzler Für st Bülow in hervorragendem Maße mirgearbeitet hat. Der erste Band des Werks bringt eine Betrachtung des Fürsten über die deutsche Politik. Den aktuellen Geschehnissen ferngetreten, spricht der Verfasser von der höheren Warte des Unbeteiligten als Patriot zur Nation, und wir sind in der Lage, heute einen Abschnitt aus diesen Auslassungen des früheren Reichskanzlers unfern Lesern mitzuteilen. Der Abschnitt behandelt
Deutschlands Flotten-Politik
und es heißt in den Ausführungen deS früheren Kanzlers unter anderm: Mit dem Auge auf die englische Politik musste unsere Flotte gebaut werden und so i st sie gebaut worden. Ter Erfüllung dieser Aufgabe hatten meine Bemühungen auf dem Felde der grossen Politik in erster Linie zu gelten. In doppelter Hinsicht musste sich Deutschland i n- ternational unabhängig stellen. Wir durften nnS weder von einer grundsätzlich gegen England gerichteten Politik das Gesetz unseres Entschließens und Handelns vorschreiben lassen, noch durften wir uns um der englischen Freundschaft willen in englische Abhängigkeit begeben. Beide Gefahren waren gegeben und rückten m e h r a l s einmal in bedenftiche Nähe. In unserer Entwicklung zur Seemacht konnten wir weder alö Englands Trabant, noch als Antagonist Englands zum erwünschten Ziele kommen. Die vorbehaltlose und sichere Freundschaft Englands wäre schliesslich nur zu erkaufen gewesen durch Aufopferung eben der weltpolitischen Pläne, um derentwillen wir die britische Freundschaft gesucht hätten. Die Aufgabe, der neuen deutschen Weltpolitik
das Machtpolitische Fundament zu gewinnen, darf heute im grossen und ganzen als gelöst angesehen werde«. Gewiß ist das Deutsche Reich nur ungern als Weltmacht von denjenigen Staaten begrüßt worden, die jahrhundertelang gewohnt waren, die Fragen der überseeischen Politik allein zu entscheiden. Unser weltpolitisches Recht wird aber heute in aller Herren Länder a n - erkannt, wo die deutsche Kriegsflagge sich zeigt. Dieses Ziel mußte« mir erreiche«. Es war gleichbedeutend mit der Schaffung unserer Kriegsflotte und konnte nur erreicht werden unter gleichzeitiger Ueberwindung erheblicher Schwierigkeiten sowohl aus dem Gebiet der auswärttgen wie der inneren Politik. Während des ersten Dezenniums nach Einbringung der Flottenvorlage von 1897 hatte« wir eine Gefahrzone erster Ordnung in unserer auswärtige« Politik zu durchschreiten, denn wir sollten uns eine ausreichende Seemacht und eine wirksame Vertretung unserer Seeintereffe« schaffen, ohne noch zur See genügende Verteidigungs- stärke zu besitze«. Unbeschädigt und ohne Ein- büße an Würde und Prestige ift Deutschland aus dieser kritische« Periode hervorgegange«.
Fürst Bülow erinnert dann an den Artflel der englischen Saturday Review hn Herbst 1897, der in der Erklärung gipfelte, daß, „wenn Deutschland morgen aus der Welt vertilgt würde, es übermorgen keinen Engländer gebe, der nicht um so reicher fein würde," und er fährt dann fort: „Zwölf Jahre später er- klärten zwei große und nicht besonders deutschfreundliche Blätter, daß die Stellung Deutsch - .rnds eine größere und stärkere fei, als sie seit dem Rücktritt des Fürsten Bismarck je gewesen wäre." Schließlich stellt Fürst Bülow fest, daß sich feit 1897 der Uebergang zur deutschen W e l t v o l i t i k vollzogen hat.
„Wir Deutsche fürchten Gott!"
In dem Kapitel über unsere Flottenpolitik sagt Fürst Bülow an anderer Stelle: „Wir haben uns von keiner Macht gegen die andere vorlchieben lassen und für Niemanden die Kastanie« aus dem Feuer geholt. Auf der .anheieiL Seile ist es bei sorgsamer Pflege des
Dreibundes nicht zu Zusammenstößen enit dem Zweibund gekommen, die die Fortführung unseres Fwttenbaues aufgehalten hätte«. Zwischen französisch-englischer Entente und Zweibund haben wir einen schmalen Weg gehen müssen, der schmäler wurde, als die französisch-englische Entente sich zur Tripke- Entente weitete, und nur mir angestrengtester Vorsicht gangbar blieb, als England «ns mit einem Netz von Bündnifsen und Ententen umgab.
DerhistorischeBismarÜ.
Der Bismarck der Wirklichkeit: Staatsmann, Mensch und National-Hold, von
Wilhelm von Massow.
Unter dem Titel „Die innere denischePvkitik unter Kaiser Wilhelm dem Zweiten- erscheint in der Deutschen VerlagSanstalt zu Stuttgart ein Werk au« der Feder von Wilhelm von Massow. Weitere Steife dürste der nachstehende Auszug interessteren, bet ein klares, scharf untriffeneS Bild von Bismarcks menschlichen und staatsmännischen Persönlichkeit gibt und mit den Mythen und Legenden, die fich um des groben Kanzlers Andenken gewoben, gründlich düfraumt.
Für uns, die Enkel der großen Zeit, ist eS schwer, zu unterscheiden, was wir als Erbe Bismarcks festhalten sollen, und worin wir ihm nicht folgen können, weil di« Gegenwart für Neues und Eigenes ihr Recht fordert. Es sind in der Regel edle und tüchtige Regungen, die eine richtige Unterscheidung verhindern. Denn wir fühlen uns Bismarck gegenüber so verpflichtet, das wir ein Unrecht zu begehen fürchten, wenn wir die Notwendigkeit zugeben, daß die Nachwelt hier und da andere Wege gehen muß als er. Aber dieser allzu großen Besorgnis ist die Frage entgegenzuhalten, ob man denn die Gewähr hat. Bismarck so genau zu Lennen und so vollständig verstanden zu haben, wie es notig wäre, wenn man in seinem Tun eine absolute Richtschnur für alle Zeiten suchen wollte. Wir müssen vielmehr, wenn wir ehrlich sind, sagen: Der Bismarck, der in der Bewunderung der heutigen Generation fortlebt, ist zu einem sehr groben Teil überhaupt nicht mehr der ge- schichtliche Bismarck, sondern das Bild eines legendhaft ausgeschmückten National- heldcn, der die Züge Bismarcks trägt. In diesem Bilde werden die bekanntesten Züge des geschichtlichen Helden vereinfacht und vergröbert; es wird ihnen die Form gegeben, die nach der Volksvorstellung dem nationalen Ideal am nächsten kommt. Dafür ein Beispiel: Es ist bekannt, daß Bismarck ein sehr st ar-, kes Temperament besaß, das seinem Empfinden und Wollen ein«
gewaltige Kraft und Wucht gab und ebenso leicht fortreitzend wie ein- schüchternd wirft«. Der Durchschnittsmensch kann sich ein so starkes Temperament nicht denken, ohne anzunehmen, daß es allezeit als sichtbares und beherrschendes Moment hervortrat. Er kann sich nicht vorstellen, daß es von einem überlegenen, durchdringenden Verstand so sehr gezügelt werden kann, daß es zeitweise ausgeschaltrt erscheint. In der populären Vorstellung wird daher der kühl rechnende und sorgfältig wägende Staatsmann Bismarck zu einem ungefügen Gewaltmenschen, der beständig als Jupiter tonans einherschreiiet. Richtig ist nur, daß e r st d a n n, wenn die Notwendigkeit einer Tat als Erger^ nis reiner Denkarbeit die Seele Bismarcks ergriffen hatte, alle Funktionen seines großen Geistes dafür in TLtiqkett treten und dann aus seinem mächtigen Temperament die Feuerflammen hervorschossen, die den Seinen zum leuchtenden Wahrzeichen wurden. Also nur tn bedingtem und eingeschrLnktem Sin- ne war Bismarck als Staatsmann der Recke in Kürassicrstieseln, wozu ihn die Volksphan- taste nach seiner äußeren Erscheinung macht« Die volkstümliche Vorstellung verweilte -ei diesem Bild« umso lieber, als sich in dem Menschen Bismarck das vulkanische Temperament mit ungewöhnlicher Gemütstiefe paarte und dieser gewaltige Willensmensch zugleich ein beinahe weiblich-zartes Verständnis für Gefühlswerte zeigt. Diese Mischung entsprach ganz und gar dem deutschen Dolks- ideal. Der Mann, der zu seinen großen Taten noch diese persönlichen Eigenschaften aufwies, mußte
im Gedächtnis des Volkes
in einer Gestalt fortleben, die alle andere« Züge seines Wesens verschwinden lieh. Darin birgt sich aber natürlich die Gefahr eines unzureichenden Verständnisses seines wirflichen Wesens. Keine Politik wird so gern (und zwar auS ehrlicher veberzeugung) unter Berufung auf den Fürsten Bismarck empfohlen und verteidigt wie gerade di« unverständigste und kurzsichtigste Draufgänger- und Schlage- totpoletik. Und doch entfernt sich vielleicht nichts so sehr von dem wirklichen Bismarck, als dieses gutgemeinte, aber übelberatene nationale Krafthabertmn, das in einem einzelnen, falsch verstandenen Charakterzug des «roßen Mannes eine Berührung mft ihm gefunden zu haben glaubt. Rach den großen Erfolgen eignete er sich «ine gewisse Unbekümmertheit an. die ibn überfeine _9jmhs