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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 302.

rkernsvrecher 951 und 952.

Sonnabend, 29. November 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Billa Malta-Idyll.

Der Privatier vonMlla Malta als Geschichts­schreiber; Bülow über die deutsche Politik.

Es bestätigt sich, datz in den nächsten Wochen in einem Berliner Verlag ein Werk unter dem Titel ^Deutschland unter Wilhelm dem Ztveiten" erscheine«wird, an dem der friihere Reichskanzler Fürst Bü­low in hervorragender Weise mitgear. beitet hat. Zu den Mitherausgebern des Werkes gehören der frühere Finanzminister von Rheinbabea, der frühere Oberpräfl- deut von L o e b e l und andere. Fürst Bülow hat im erste» Bande einen etwa hundertund^ fünfzig Seite» umfaffenden Beitrag «»ter dem Titel ^Deutsche Politik" geschriebe«.

Lächelnd, Groll und Hader fremd, ohne Bei- Äll- oder Zensor-Geste, lauscht derPrivatier oon Villa Malta", den man einst des Reiches vierten Kanzler nannte, dem Lärm der Zeit. Kein in den Sielen Ergreister, dem die Feierabend-Ruhe Leid und Pein gebracht; kein in Pension entlasiner Handlanger des Caprivi-Typs, dem das Bewußtsein brav er- fültter Kommando-Pflicht noch im Dunkel der Ungnade die Soldatenbrust schwellt; kein mephistophelisch kichernder Karikaturist wie Chlodwig Hohenlohe, dessen Manschetten-Remi- niszenzen noch nach Jahrzehnten die Ehrfurcht gruseln machen, sondern ein lachender Philo­soph, in dessen Hirn und Seele die grelle Bunt­heit deutscher Reichsgeschichte aus jüngster Ver­gangenheit sicher scharf und klar sich widerspie­gelt, dessen Zwerchfell zuweilen vielleicht dem Drang nicht wehren kann, des Nachfahrn gro­teske Heldentat mit homerischem Gelächter zu lohnen; deffen in spöttelndes Mienenspiel ge­betteter Mund aber niemals (selbst nicht im Flüsterton) ein Wort gesprochen, das den Erben Im Amt kränken oder auf des Olhmpos Höhe Zorn und Unwillen wecken konnte. Als er vor Jahren aus dem Haus der Wilhelmstraße schied, das ihn länger beherbergt als je Einen unter den Kanzlern des dritten Kaisers, ge- schah's ohne Wolkenbruch-Entladung bittrer Wehmut-Zähren, ohne Helden- oder Märty­rer-Pose, ohne Regie-Aufwand und Trauer­spiel-Effekte; der schlichte Zweispänner trug Durchlaucht und Donna Laura zum Bahnhof wie zwei Ferienreisende, die von der Spree zur Heimat eilen und der Süd-Expreß ent­führte den Mann, der Jahre hindurch des Kaisers vertrauter Freund und des Reichsge­schicks Lenker gewesen, zum sonnigen Süden, wo ein freundliches Schicksal ihm, umrauscht von Rosen und Cvpressen, den Ruhesitz beschied.

Noch ruht, was Bernhard Bülows Glück und Ende einst der Geschichte glaubhaft machen soll, im Dunkel der Archive; noch ist un­geklärt, über welchen Stein im Weg der Vielgewandte stolperte, den Wilhelm der Zwei­te in der Gnade hellsten Tagen seinenlieben Bernhard" nannte, und Wahrheit und Dich­tung, die die Aera des vierten Kanzlers wie Lianengewirr umranken, harren noch der rein­lich-ernsten Scheidung. Bismarcks Unter­tauchen in des Sachsenwaldes Tiefen war wie der Sturz eines Riesenfelsens ins brandende Meer; die Wogen schäumten noch, als der eiser­ne Kanzler schon von dieser Welt geschieden; Caprivi's und Hohenloh e's Erlösung von der Bürde unwillkommnen Amts wirkte wie ein Aufleuchten Heller Mittagsonne nach drückender Gewitterschwüle; Bülows Ab­schied von Berlin steht in der Erinnerung Wie ein Moment des Unbehagens, des instink­tiven Empfindens, daß dieser Mann, der Jahre hindurch Kabalen und Intrigen getrotzt, just in dem Moment vom Verhängnis ereilt wurde, da er sich zum stärksten Energie-Auf­wand: Zur Verteidigung des Verfas- snngsrechts gegenüber der Autorität der Majestät, straffte. Die Geschichte wird einst das Maß des Verdienstes bestimmen, das Bern­hard Bülow sich um Reich und Vaterland er­worben, und es wird dann auch dem profanen Auge erkennbar werden, daß n i ch t die Zufall- Erfolge (die ihm Grafenkrone und Fürstenhut eintrugen) es gewesen, die seine Staatsmann- Größe charakterisieren, sondern daß der sieb­zehnte Novembertag neunzehnhundert­acht (als der Reichskanzler Fürst Bernhard Bü­low in Potsdam vor dem Deutschen Kaiser stand und von der Majestät die Versicherung heischte, weise Vorsicht und kluge Zurückhaltung zu üben) es war. der Tag des Aktschlusses der Daily Telegraph«9Iffäre, der Bülows Per­sönlichkeit-Bedeutung offenbarte; der­selbe Tag, der über des vierten Kanzlers Schicksal enffchied!

Jahre sind darüber vergangen: Dem vierten folgte der fünfte Kanzler, die Staatskunst des lächelnden Causeurs und Büchmann-Jnterpre- ten wich der steifen Würde des Kanzler-Philo­sophen, der im grauen Rock trister Alltäglichkeit Büchmann verabscheut und in stillen Mußestun­den Kants Ewigkeit-Gedanken memoriert.

Wandlung? Nur äußerlich; im innern Wesen der Dinge hat kaum eine Linie sich ver­schoben und wir harren immer noch voll Sehn­sucht der herrlichen Tage, denen wir entgegen« geführt werden sollen. Ins dumpfe Einerlei des Werkeltags, dem selbst das muntre Spät­herbst-Spiel in Wallots Redehaus am Berliner Königsplatz fein freundlicheres Gepräge zu lei­hen vermag, klingt nun wie Weihnacht-Bot­schaft die frohe Kunde, daß der Privatier von Villa Malta uns eine Christfest-Ueberraschung bescheren will: Ein Bülow-Buch für den Weihnachtstisch, geschrieben von Einem, der lange genug mitten im Strahlenglanz der Gnade gesessen, um Licht und Schatten richtig abmessen zu können. Das Werk des Kanzlers soll die Politik der Gegenwart behan­deln, unter dem TitelDeutschland und Kaiser Wilhelm der Zweite" erscheinen, und in drei Haupt-Abteilungen all Das eine ira et studio registrieren, darstellen und beleuchtens das in den letzten fünfundzwanzig Jahren im deutschen Vaterland an Erfreulichem und Unerfreulichem sich ereignet. Trifft die Nachricht, die das Kanz­lerbuch als Weihnachtgabe avisiert, zu, dann darf man auf das Erscheinen dieses interessan­testen Werks modern-deutscher Zeitgeschichte ge­spannt sein: Nicht, als ob uns BülowsPoli­tik der Gegenwart" den (im Manuskript immer noch in viebs- und feuersichern Gewölben ru­henden) Inhalt des letzten Bandes der Bis - marck'sckenGedanken und Erinnerungen" ersetzen könnte; nicht, als ob von dem diskret aus dem Echobereich deutscher Zunge ent« schwundnen, in der Siebenhügelstadt am Tiber friedlich rosenpflanzenden ehemaligen Kanzler prickelnde Enthüllungen über die Intimitäten, des politischen Weltgeschäfts, oder wuchtige Keulenhiebe wider die nach den Riesen zum Werk gerufuen Zwerge zu erwarten seien, aber schon die Tatsache, den vierten Kanzler als Geschichtsschreiber deS dritten Kai­sers zu sehen, ist angesichts der Freundschaft, die Beide einst verband, so interessant, datz sich's verlohnt der seltnen Weihnachtsgabe aus Villa Malta voll Spannung entgegenzuharren. F. H.

Krisells im Reichslarrd? Kaffe-, Statthalter und Kommandeur.

Wir berichteten gestern über die Alarm-Nach­richten aus dem Elsaß hinsichtlich einer an­läßlich der Zabern-Afsäre eingetretenen Statthalter-Krise und registrierten das von offiziöser Seite stammende Dementi, das die Krisen-Nachrichien als glatte Erfindungen bezeichnete. Es scheint indessen, datz an den Meldungen doch nicht allesErfindung" ist, denn die Oberelsässische Landes-Zeitung, das Organ des (bekanntlich über alle Vorgänge in der Reichslandpolitik vorzüglich unterrichteten) Kammerpräsidenten Dr. Ricklin bringt jetzt folgende Mitteilungen über den Fall:

Wie wir aus gut untenichteter Quelle er­fahren, befindet sich die elsaß-lothringische Regierung zur Zeit wegen der Zaberner Äffäre im Zustande der latenten Kri­sis. Es steht fest, datz die Spitzen der Re­gierung in der Beutteilung des Falles so ziemlich auf dem Standpunkt des elsatz-loth- ringischen Volkes stehen, datz sie eine Sühne für die Beleidigungen von Zabern erwarten Die militärische Nebenregie­rung ist aber in diesem Falle resolut auf­getreten und hat auch, bis jetzt wenigstens, gesiegt. Es wird die Oeffentlichkeit interes­sieren, zu erfahren, datz in Bezug auf den Abschied des Obersten von Reut ter der Statthalter Graf von Wedel und der kom­mandierende General von Deimling zuerst völlig einig waren. Hat Herr von Deimlina sich nachher eines anderen besonnen, oder wo stecken die militärischen Re­be n e i n f l ü s s e, die den Kaiser zur Ableh­nung des Abschiedsgesuches bewogen? Rur in Berlin...? Sowohl an den Kaiser wie an den Reichskanzler ist ein Brief geschrieben worden, deffen Inhalt das rlsatz- lothringische Bott mit Genugtuung erfüllen dürfte. Es handelt sich also gewiffermatzcn um einen Appell an den Kaiser selbst.

Tas Blatt des Kammerpräsidenten schließt: Schon am Freitag wird man im Reichstag ans der Antwott des Reichskanzlers auf die elsaß- lothringische Anfrage erfahren, w i e die Reichs­regierung dentt. Fällt die endfiche Enffchei- dnug zu Gunsten der militärischen Einflüsse, so wird Statthalter Graf von Wedel die Kon­sequenzen ziehen und es hat den Anschein, als ob auch der Staatssekrttär Freiherr Zorn von Bulach einzusehen beginnt, datz er es kaum anders machen kann.

Die Zaberu-Anfrage im Reichstag.

Berlin, 28. November. (Privat-Tele- gramm.) Die Anfrage der elsaß-lothringi- schen Abgeordntten über die Vorgänge in Z a - bern wird in der heutigen Sitzung des

Reichstags durch das Kriegsmini­sterium beantwottet werden. Die Inter­pellationen über die gleiche Sache sollen am Schluß der nächsten Wochen besprochen werden.

Sie Ballan-ffntllllungm.

Rußland stand hinter den Intriganten!

Kas wir in den Erörterungen der Balkan- Ktlse immer wieder betont haben: Daß Ruß­land als eigentlicher Drahtzieher hinter den Kulissen des balkanischen Völkerdramas stehe, wird jetzt einwandfrei bestätigt durch die Ent­hüllungen, die der Pariser Matin über den serbisch-bulgarischen Bündnisvertrag und über die dazu gehörigen Militär-Konventionen bringt. Daß diese Enthüllungen authen­tisch sind, steht außer allem Zweifel. Der Wortlaut des serbisch-bulgarischen Bündnis- vettrages, der den Grundstock des Balkanbun­des bildete, beweist überzeugend, daß der Bal- kanbund seine Spitze nicht nur gegen die Tür­kei. sondern in erster Linie gegen Oester­reich-Ungarn und Rumänien rich­tete. Der Artikel II des serbisch-bulgarischen Bündnisvertrages sieht nämlich die serbische Waffenhilfe im Falle eines rumänisch- bulgarischen Krieges und der Artikel III die bulgarische Waffenhilfe int Falle eines Krieges zwischen Serbien und Oester­reich-Ungarn ausdrücklich vor. Als Ur­sachen, die das Bündnis gegen Oesterreich wirksam machen würden, sicht der Vertrag drei Fälle vor:

I. Den Fall, datz Oesterreich-Ungarn Ser­bien angreift.

II. Den Fall, datz Oesterreich-Ungarn, unter welchem Vorwande immer, im Einverständ­nisse oder ohne Zustimmung der Türkei, mit seinen Truppen in de« Sandschak R o - v i b a z a r einbricht, so datz Serbien deshalb Oestetteich-Ungarn den Krieg erklärt; oder

III. Den Fall, datz Serbien, um seine Ju- tercffen zu schützen, seine Truppen nach dem Sandschak dirigiert und dadurch einen bewaffneten Konflitt zwischen sich und Oesterreich-Ungarn herbeifühtt.

Die beiden letzten Bündnisfälle gehen über den Rahmen eines Defensivbündnisses bereits hinaus und müssen geradezu als ein Offen­siv bündnis gegen Oesterreich-Un­garn angesehen werden. Für alle aus diesen Fällen entstehenden kriegerischen Konflikte zwi­schen Serbien und Oesterreich-Ungarn war Bulgarien verpflichtet, unverzüglich Oesterreich den Krieg zu erklären, und mindestens 200 000 Kombattanten nach Serbien zu dirigieren, die vereint mit der ser­bischen Armee teils offensiv, teils defensiv gegen Oesterreich-Ungarn vorgehen sollten. Dagegen war Serbien für den Fall eines rumäni­schen Angriffes gegen Bulgarien ver­pflichtet, Rumänien unverzüglich den Krieg zu erklären und seine Streickräfie zu mobilisieren. Um jedem Zweifel aus- zuschließcn, daß Rußland bei diesem Bal­kanbund die Paten stelle übernommen hatte und der Protektor des Bundes war, be­stimmte der Artikel III des serbisch-bulgarischen Geheimabkommens:

Eine Abschrift des Vertrages und des vorliegenden geheimen Anhanges wird ein­verständlich der kaiserlich-russischen Regierung übermittelt, die zu gleicher Zeit gebeten wird, davon Notiz zu nehmen, und ihr Wohlwollen für die durch die Verträge erfolgten Ziele zu bekunden sowie Seine Majestät den Zaren zu ersuchen, das seiner Person in dem Vertrage zugedack'tc Amt des Schiedsrichters anzunehmeu.

Auch erftärte Artikel V des Vertrags, daß keine der in diesem Geheimvertrage enthalte­nen Bestimmungen veröffentlicht oder irgend einem anderen Staate mitgeteilt werden darf, ohne vorhergehendes Einverständnis zwischen den Parteien und ohne Zustimmung Rutz- l a n d s". Die Rolle Rußlands bei der Her­stellung dieser Sprengbombe, die gegen den europäischen Frieden fabriziert wurde, ist nunmehr in dankenswerter Weise klargestellt, und erst in diesem Zusammenhänge versteht man die Bedeutung der russischen Pro­bemobilisierung an der österreichischen und deutschen Grenze, die auf Stunde und Mi­nute gleichzeitig mit der Mobilisierung der Bal­kanbundarmeen verfügt wurde. Man muß daraus sogar noch den weiteren Schluß ziehen, daß auch zwischen Rußland und den Balkan­staaten noch geheime Militärkonven- ti o n e n bestehen oder bestanden haben.

Als der Weltkrieg drohte.

Wien» 28. November. (Privai-Tele- g r a m m.) Die Wiener Presse erörtert die sen­sationellen Balkan-Enthüllungen des Pariser Matin sehr lebhaft und die dem Erzher­zog-Thronfolger nahestehendeReichspost" er- tlärt: Das Wiener Kabinett hatte wenige Tage nach dem Abschluß des Geheimvertrags zwi­

schen Serbien und Bulgarien Kenntnis von dem Inhalt. Uebereinstimmend stellen die Blät­ter fest, daß der Balkanbund seine Spitze zu­nächst gegen Oesterreich-Ungarn und Rumänien richtete, woraus man erkenne, wie nahegerückt die allgemeine Kriegsge­fahr war, die einen allgemeinen Weltkrieg zu entfachen drohte.

Karl Schomburg.

CaffelsersterOberbiirgermeister.seinWirkei» und Leiden r Ein Vortrag von Lehrer Kimpel.

In einer gestern abend abgehaltenen Ver­sammlung des Vereins der Fortschrittli­chen Volkspartei in Cassel unternahm es Lehrer Kimpel, ein Lebensbild des ersten Casseler Oberbürgermeisters Karl Schom- b u r g als Kämpfer für Recht und Wahrheit zu zeichnen. Der Vortragende gab zunächst in scharfen Umrissen eine Skizze der politischen Verhältnisse jener Zeit, in die Karl Schomburg als lautrer Idealist und Patriot hineintrat. Der damals allgemein gehegte Gedanke:Be- freit das Volk vom Druck, und tausend Kräfte werden frei," leuchtete durch Schomburgs gan­zes öffentliche Wirken und bestimmte auch sein politisches Verhalten. Der Kurfürst war zurück- gekehrt, von der Casseler Bürgerschaft förmlich auf Händen ins Schloß getragen, aber er der- stand die Zeichen seiner Zeit nicht und glaubte, mit einem Federstrich Welt-Geschichte und Wett" Schicksal ungeschehen machen zu können. Rur die in der Zwischenzeit eingeführten neuen Steuern ließ er bestehen! Die Landstände for­derten eine Trennung von Haus- und Staats- schätz: Der Kurfürst schickte die Landstände nach Hause! Der Redner streifte dann den unheil­vollen Einfluß der Emilie Orileb aus Berlin und der Gräfin Reichenbach, und schil­derte die Demagogenriecherei und Reaktion, ^n diese Zeit fiel der Beginn der Wirksamkeit Schomburgs. Er wurde 1791 in Greben, stein als Sohn eines Arztes geboren, in Carls- Hafen erzogen, studierte die Rechte und wurde nach gerichtsseitiger Tätigkeit Bürgermeister. Er griff mit beiden Händen zu, um Cassel zu he­ben, das damals 19 000 Einwohner zählte und finanziell vollkommen heruntergewirtschaftet war. Zunächst brachte er Ordnung in

die städtischen Finanzen,

und es gelang ihm auch tatsächlich, 1827 Einnahmen und Ausgaben in Einklang zu brin. gen. 1830 fluteten dann die Wellen der fran- zöflschen Revolution auch nach Hessen, es kam zu Stürmen auf Bäckerläden und damals war es Schomburg, der dem Kurfürsten zurief: BerufenSie 8ie2anbftänbe ein...! Die Folge war (vollkommen unerwartet), baß Hessen 1831 ble steiheitlichste Verfassung unter allen deutschen Staaten erhielt. Schomburg wurde in den Landtag gewählt und Oberbür­germeister auf Lebenszeit. Der neue Tribun wür­be ber Mann beS Tages u. er konnte seine Kräfte frei entfalten. Die Finanzen bei Stadt wurden besser und als Präsident der Ständeversamm­lung wirtte er mit autem Erfolg. Es schien, als solle eine neue Zeit anbrechen. Doch der goldne Traum zerfloß gar bald. Der Kurprinz kam zur Regierung und stellte sich der Verfas­sung feindselig gegenüber, derselben Verfassung, die Schomburg als unantastbares Gut des Hes­senvolkes schirmte und verteidigte. Die Reaftion hielt wieder ihren Einzug: Im Jahre 1832 be­rief der Fürst denHessenfluch', Hans Dämel Hassen Pflug, nach Cassel und eine fünfzehnjäh­rige verfassunaswidrige Reaktionsregierung be- gann. Schomburg stand im Kaps gegen Hassen, pflüg in der vordersten Reihe als treuer Wahrer der Volksrechte, die er immer und immer wie­der betonte. Haffenpflug setzte durch, daß sei­nem Widersacher Schomburg, als er erneut zum Präsidenten des Landtags gewählt wurde, bte kurfürstliche Genehmigung versagt blieb Er erhielt sie niemials und der Präsidentensessel war ihm von da an für immer versverrt. In feiner Eigenschaft als Oberbürgermeister aber stand er hoch und erhaben im Kampf und hmter ihm standen der Magistrat und

die ganze Bürgerschaft.

Kaum fünfzig Jahre sollte dieser große Mann werden. Seinem Tode sah er bet feinem Freunde Breithaupt in Mühla ent. gegen. Ergreifend wirkte fein Abschied, bte Klage seinem Sohne gegenüber,baß er ihm leiber kein Vermögen, aber auch kein Vater- lanb hinterlassen könne." Am 4. Juli 1841 schloß er für immer feie Augen. Sein Tob rief bei ber Bürgerschaft bie schmerzlichste Trau­er wack. Der Leickmam bes toten Oberbürger­meisters würbe in feierlichem Zuge nach Cassel geholt. Unb nun zeigte sich das Widerlichste ber Reaftion: Der Haß, bei bett Lebenden ver­folgte, besudelte ihn noch im Tode. Kein Mittel ließ die Regierung unbenutzt, um den Bürger- stolz tu knechten im Angesicht der Leiche Dessen, der für Volksrecht und Freiheit in glühender Begeisterung einaetreten war. Die Stadt Cassel hatte fttrz vor Schomburgs Tode ei­nen neuen Leichenwagen erworben. Dieser Wa­gen sollte als ersten Toten den ersten Oberbür­germeister zur Gruft tragen. Der Wagen fuhr vor. In bi fern Augenblick erschien eine Poff