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Casseler Abendzeitung

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Nummer 301,

Freitag, 28. November 1913

Fernsprecher 961 und 952.

3, Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Sie SperettenGrästn.

V« Roma« der Gräfin Treuberg; Ber- itoet ®rifetten, Lebemänner und Wucherer.

3" den» vor be» Strafkammer in Moabit Verhandelten -Prozeh gegen die Gräfin Fisch, le» ,u D»enbe»g dürfte die Beweisauf­nahme er# anfang nächste» Woche geschlossen werden, da sowohl feiten» de» EtaatSanwalt. schäft wie auch feiten« be» Verteidigung wei­tere Zeugenvernehmungen beantragt werben find. Unter diesen Umständen dürfte derProzetz erst gegen Mitte der ersten Dezemberwoche »n @nbe gehen. Datz die Anklage in allen Punkten wird aufrechterhalten werden können, dars heute schon al« anSgeschloflen gelten.

Vor dem Kriminalgericht in Moabit spielt Wieder einmal ein »Roman aus dem Le­ben", und tm Mittelpunkt dieses Romans, der tragikomisch begonnen hat und grotesk zu enden droht, steht Iosefine Uhl, eines Schnei­ders Tochter auS Offenbach am Main, mit der das Schicksal stch den Scherz erlaubte, eine Grä- ftn aus ihr zu machen. Rite: Denn der Mari- nekrieger Fischler von Treuberg, der stch bereit finden ließ, die bereits beträchtlichinternati­onal" gewordne Iosefine Uhl aus Offenbach auf dem längst nicht mehr ungewöhnlichen Um­weg über den Traualtar in eine veritable Grä- fin zu verwandeln, erhielt für seine verdienst, vollen und redlichen Bemühungen bare fünf« und,wanzigtaufend Silberlinge. Non ölst' Nun kann man zwar zur Not auch aus einem groben Klotz ein entzückendes Kunstwerk for- men, aber aus einer Iosefine Uhl aus Offen­bach am Main, deren Leben bis dahin eine Kette dunkler Abenteuer gewefen, eine Zierde der Gefellfchaft zu machen: Da? überstieg felbst der sonst zweifellos rühmlichen Vorurteilslostg- und Leistungsfähigkeit des Grafen Fischler von Treuberg. Die Abenteurerin war Gräfin, und die Gräfin war Abenteurerin, und das Einzige, das sich gegen früher gewandelt hatte, waren die Visitenkarten und Spitzentüchelchen, auf de­nen nun, stolz und nett, die Reunzackenlrone derer von Treuberg prangte. Vielleicht nennt irgend eine Heldensage den Ort, wo einst die TreuenbergerRitter oder des Fischlers Ahnen ge­haust und in irgend einem Trödelladen gilben die Bilder der Braven, die dem Namen tapfer Glanz und Ehr' geworben. Wie idyllisch, wenn der Letzte der Treuenberge der Ahnenbilder lan­ge Reihe durch das niedliche Porträt der Operetten-Gräfin aus Offenbach am Main krö­nen und damit dokumentieren würde, wie rich­tig er den Zug der neuen Zeit erfaßt, die um fünfundzwanzig braune Banknotenblätter einer Abenteurerin die Grafcnkrone aufs falsche Lok- kenhaar drückt. Der Weg vom Traualtar zum Tempel der Gerechtigkeit war nicht allzuweit, und nun. da er zum Ziel geführt, fragt heil'ge Einfalt, wie'S möglich gewesen, daß die Jo- sefine Uhl auS Offenbach am Main sozusagen spielend »zu der Menschheit Höhen" emporge- stiegen.

Eine mannigfach talentierte Frau; ohne Zweifel: Ein G enie in der Kunst, sich das Le­ben auf Kosten Andrer angenehm und lebens­wert zu machen; eine Vtrtuofin des Schwindels in jeder Form und eine Meiste­rin in jener feinen Seelenkunde, die in der Dummheit schon von fern ihr Opfer wittert. Die Operetten-Gräfin machte (ausStandes- rückstchten") ein großes Haus, unterhielt einen glänzenden Salon, half verschämten Geldnot- Kavalieren großmütig (gegen Wucherzinsen) mit schnödem Mammon ausmomentaner Ver­legenheit". leistete dunklen Ehrenmännern und noch dunklerern Menschenfreunden (Nächsten­liebe" gegen zwanzig und mehr Prozent) unver- droffen Schlevperdienste, und fand, trotz der Dielgeschäftigkeit als Schwindlerin, Betrügerin und Wucherer-Agentin, noch Zeit und Muße, für daSgnädige Comtetzchen" einen Anbeter einzufangen, dem e» Ehrensache und Herzens­bedürfnis war, der Sprosst« deSerlauchten Hauses" seidne Strümpfchen und ähnlich nied­liche Sächelchen zu dedizieren. 0 sancta simpll» dta«! Die Richter von Moabit, die schon Gis­bert Wolff-Metternichs Süßholz-Romantik so jäh geendet, werden, bar allen Verständnisses für die kapriziösen Launen eines ins Burleske übertragnen Schicksals, die hinter den Wolken­schleiern geheimnisvoller Sage thronende Grä­fin Fischler von Treuberg dem wirklichen Leben wiedergeben, werden die Iosefine Uhl aus Offenbach am Main des Firnisses dünn­flüssiger Halbwelt-Kultur entkleiden und auf dem Umweg über Plötzensee oder Tegel diesen Einfalt-Roman eines Schicksalwitzes zum na­türlichen und naturgemäßen Ende führen. Der Attschluß wird dann einigermaßen versöhnend wirken, well er die grotesk verrenkte Linie der Ereignisse wieder in die normale Lage zurück- drängt und die entwürdigende Fünfundzwan- zigkausendmark-Komödie vorm Traualtar durch 'je Tragödikcher Entlarvten vor den Schranken

des Gerichts ziemend sühnt. Wer mehr ge­sündigt: Der Graf, der seiner Väter Namen an eine Abenteurerin verkaufte, ober die Aben­teurerin, die diesen Namen schändete: Wer will's entscheiden?

Was bedeutet übrigens die (psychologisch vielleichtinteressante", sonst aber ganz aufs Alltägliche gestimmte) Persönlichkeit der Ope- retten-Gräfin gegenüber den charakteristi­schen Typen in diesem düstern Milieu groß­städtisch-gesellschaftlicher Versumpfung? Da ist derreiche Onkel aus der Provinz", die ZweizenMer-Einfalt aus irgend einem welt- entlegnen östlichen Erdenwinkel. Verspielt, vergeudet und verpraßt eine halbe Million in derWelt, in der man sich nicht langweilt"; er­liegt dem heulenden Elend, als der letzte Hel­ler entschwunden und tastet, ein gebrochner Mann, zwischen Selbstmord und Konkurs-An­meldung. Wählt klüglich das letztere und geht unter im Sumpf, in.den der Leichtsinn ihn hin- eingelockt. Oder der junge Regierungs- Referendar, der des Vaters Gold im dun- leisten Berlin bei Weib, Wein und Spiel ver­jubelt, vom »Alten Herrn" im Moment höchster Not durch Zahlung einer Halbmillionen-Schuld vor Ruin und Schande bewahrt wird, der Ver- fuchung abermals erliegt, in Wuchrerhände fällt und fchließlich zur Pistole greift, weil er eine Ehrenschuld" (eine Bagatelle im Verhältnis zu andern Verpflichtungen) nicht decken kann! Oder der Garde-Leutnant, der. aus der Jagd nach dem Gold, dem lockenden, dem Vam­pir des Wuchers ins Netz geht und für viele TausendeBücher kaufen" muß, um Geld zu einem .standesgemäßen" Sekt-Frühstück zu er­langen. Es ist die Fugend, die hier den Tribut des Leichtsinns zahlt; die Jugend, die einst in Amt und Würde wachsen und dem Bür­ger Richter, Führer und Schirmer fein soll! 6ier, nicht in der Einfalt-Komödie der Ope- retten-Gräfin aus Offenbach, lauert die Gefahr; hier, im Sumpfgelände der Dekodence, ton» chert das Unkraut: hier feiert der Leichtsinn seine Orgien und h i e r ist's auch, wo die Keime jener Katastrophen und Tragödien der Men- schenschuld und der Menschenschwäche sprießen, die Leben vernichten und Glück und Hoffnung graufam zerstören. Die Geschichte der Iosefine Uhl aus Offenbach ist nur ein klei­ner Ausschnitt aus diesem tragischen Dio­rama gesellschaftlicher Degeneration, und dring­licher als die Sühneforderung der Gerechtigkeit gegenüber der Abenteurerin in der Anklagebank hallt aus dem Prozeß in Moabit die Mahnung ans deutsche Gewissen, jenem Unheil zu steuern, das der Niedrigkeit die Opfer des Leichtsinns ins Garn treibt ...! F. H.

Das Urteil von Metz.

Zehn Jahre Zuchthaus für Leutnant Tiegs!

Tas Kriegsgericht in Metz hat gestern den Leutnant Tiegs vom Lothrin­gischen Fußattillerie-Regiment Nr. 16 in Diedenhofen wegen Totschlags, be, gangen an dem Fahnenjunker Förster, zu zehn Jahren Zuchthaus unb Ab­erkennung der bürgerlichen Ehrenrechte, sowie zur Entfernung aus dem Reichsheer. In der Begründung des Urteils, das öffentlich verkündet wurde (die Verhandlung selbst fand bekanntlich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt) wird ausgefühtt: Nach seinem Freispruch durch das Oberkriegsgericht von einem ihm zur Last gelegten Vergehen hat Leutnant Tiegs mit dem Fahnenjunker Förster und dem Leutnant Krosch gekneipt und die Kneiperei dann mit den beiden in sei­ner Wohnung fortgesetzt. Ms Leutnant Krisch am anderen Morgen die Wohnung Tiegs ver­ließ, kneipten Tiegs und Förster weiter. Nach­mittags gegen zwei Uhr hörte man aus der Wohnung vier Schüsse. Ein Schuß ging durch ein Bierglas, drei Schüsse verletzten den Fahnenjunker. Zwei davon trafen die Brust, einer den Oberschenkel. Tiegs bestritt, ge­schossen zu haben, es wurde aber festgestellt, daß Förster sich die Schüsse nicht beigebracht haben könnte, daß sie vielmehr von dritter Hand herrühren mußten. Förster hat auch vor dem Untersuchungsrichter und anderen Zeugen aus- gesagt, daß Tiegs dreimal auf ihn ge­zielt und dann geschossen habe. Die Motive sind nicht aufgeklärt. Das Gericht ist der Ansicht, daß eine Angelegenheit des Leutnants Krosch. bei der es sich um einen Meineid handeln sollte, bei der Tat keine Nolle gespielt habe, vielmehr habe eine andere Sache dabei mitgewirkt, nämlich eine gegen Tiegs schwebende Verfolgung wegen einer falschen Wachmeldung, bezüglich deren er vergeblich versucht hat, Leutnant Krosch zu besttmmen, zu feinen Gunsten auszusagen. Diese Angelegenheit ist (so nimmt das Gericht an) dem Angeklagten fortwährend durch den Kopf gegangen. Schließlich ist der Angeklagte wohl zu dem Entschluß gekommen, Hand an i i ch 3 u legen. Er ist aber hieran durch den

Fahnenjunker Förster verhindett worden, der dem Gespräch zwischen dem Angeklagten und Krosch zugehört hat, wobei Leutnant Krosch das Ansinnen des Leutnants Tiegs ablehnte. Es möge dem Angeklagten, nach Ansicht M Gerichts, der Gedanke gekommen 'ein, den Zeugen Förster aus der Welt zu schaffen.

Sie 6ü6ne ffit 8a6etn?

Scharfer Verweis an Leutnant Forstner.

In der vielbesprochenen ZabernerWak- kes"-Afsäre scheint nun nach der militär-dis­ziplinarischen Seite hin ein Abschluß erfolgt zu fein. Die Meldung darüber stammt zwar aus einer privaten Quelle, wird aber vom offi­ziösen Wolfs-Bureau kommentarlos weiter verbreitet, woraus wohl geschlossen werden darf, daß die Nachricht den Tatsachen entspricht. Nach dieser Darstellung handelt es sich um fol­gende militärischen Maßnahmen:

Am Dienstag abend befanden sich in Zu­bern der kommandierende General von Deimling unb der DiviflonS-Komman- beur Generalleutnant von Eben. Zn der Besprechung, bte in ber Affäre Forstner ftattfanb, war das ganze Offizierkorps hin- zugezogen. Wie aus bester Quelle verlaufet, Hai Leutnant von Forstner einen scharfen Verweis erhalten. Der Gebrauch des durch ihn angewandten WortesW a ck e S" ist inzwifchen durch Regimentsbefehl streng­stens verboten worden. Im Anschluß an den Fall ist auf den Gängen ber verschie­denen Kompagnien solgende Bekannt­machung handschriftlich angebracht: Der Soldat hat über Dienstangelegenheiten Ver­schwiegenheit zu beobachten. Bei allen Mel­dungen und Aussagen mutz er sich der streng­sten Wahrheit befleißigen. Die wissentlich unrichtige Abstattung eines Rapports, dienst­licher Meldungen oder Berichte, oder einer wissentlichen Weiterbeförderung derarttger Meldungen unterliegr strengster Bestrafung.

Wie Äns aus Paris berichtet wird, warnt die französische Presse ihre Leser, sich irgendwie an der Geldsammlung zu beteiligen, die von elsässischen Blättern für die aus 3 ab em nach altdeutschen Standorten versetzten elsässischen Rekrmen eingeleitet worden ist. Je­der französische Beitrag könne zu Schwie­rigkeiten mit Deutschland Anlaß geben. Also Luch noch Geldsammlungm!

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Märchen ans dem Elsaß.

(Privat-Telegramm.) Straßburg, 27. November.

Von zuständiger Stelle wird gegenüber den Gerüchten von schweren Differenzen zwi­schen dem kaiserlichen Statthalter und dem kommandierenden General des 15. Armee­korps und gegenüber der Behauptung, datz aus diesen Differenzen der kommandierende General auf der ganzen Linie als Sieger hervorge­gangen sei, mit absoluter Bestimmtheit erklärt: Abgesehen von kleinen Verschiedenhei­ten der Ansichten, wie sie sich naturge- mätz aus der verschiedenen Stellung der Zivil­und Militärbehörde erklären, bestanden und be­stehen in Beurteilung und Behandlung des Za- bemer Falles zwischen dem Statthalter Grasen von Wedel unb dem kommandierenden General des 15. Armeekorps keinerlei Meinung?- verschiedenheiten. Vielmehr haben die­se beiden höchsten Instanzen in Behandlung der Zaberner Angelegenheit von Anfang an bis heute in voller U Übereinstimmung gehandelt unb alle Meldungen Über einen an­geblichbevorstehenden Rücktritt des Statt­halters Grafen Wedel" beruhen auf dreister Erfindung, da Graf Wedel nicht an einen Rücktritt denkt.

Bin Fiikst-MowBuch?

Bülow über die Politik der Gegenwart.

Berlin, 27. November. (Privat-Tele­gramm.) Wie in hiesigen politischen Kreisen, die mit der Villa Malta in Rom (dem Wohnsitz des früheren Reichskanzlers Fürsten Bülow) enge Fühlung unterhalten, versichert wird, hat Fürst Bülow ein umfangreiches Werk über die Politik der Gegenwart geschrieben, das noch vor Weihnachten im Rahmen eines großen Sammelwerkes unter dem Titel: Deutschland und Kaiser Wilhelm der Zweite" erscheinen soll. Tas Werk zerfällt in drei große Abschnitte Der erste behandelt die auswärttge Politik in den letzten sünsundzwanzig Jahren, ber zweite die innere Politik in vier Teilen (Einführung, Nationaler Gebanke, Wirtschafts­politik unb Ostmarkenpolitik), und den dritten Teil bildet ein Schluß »ort. Bei ber wiederholt kundgegebenen Abneigung des Fürsten Bülow, stch über sein staatsmännisches Wirken öffent­lich auszusprechen, kommt die bevorstehende Meldung so überrraschend, daß man sie zu­

nächst wohl mit einem Fragezeichen versehen darf.

Der Fall Hamm.

DaS Schicksal einer unschuldig Dernrteitten; der Elberfelder Justizirrtum im Reichstag.

Wie un» au» Berlin berichtet wird, dürste der Reichstag bald Belegenheit haben, fich mit dem Schicksale einer armen Frau zu befchüfUgen, die, al» Opfer ein:» bedauerlichen Justtzirr- tume», seit fünfeinhalb Jahren unschuldig im Zuchthause schmachtet. Abgeordnete verschiedener Parteien beabstchtigen, eine Interpellation an die ReichSregterung zu richten wegen beC Falle» der Witwe Hamm, die tm Juli 1908 »iri den Beschworenen in Elberfeld der Beihilfe zum Morde ml ihrem Mann schuldig gesprochen und vom Bericht»- hofe, über den Antrag de» StaatSanwalte» hinaus, zu vierzehn Jahre Zuchthaus verurteilt worden ist.

Wir haben bereits vor einiger Zeit in dem LeitartikelEin Opfer der Justiz?" das tra» Sische Schicksal ber beklagenswerten Frau be. anbell, an deren Unschuld nach dem jetzt vorliegenden, aktenmäßigen Beweismaterial nicht mehr gezweifelt werden kann. Der Tat- bestand ist der folgende: In der Nacht zum 16. November 1907 wird die Polizeibehörde nach Flandersbach gerufen, wo der Landwirt Wilhelm Hamm anscheinend von einem Einbrecher, den er überrascht hatte, erstochen worden ist. Der Polizeikommissar, ber auf das Gehöft kommt, findet den Mann bereits tot, die Leiche weist mehrere schwere Verletzungen am Kops und am übrigen Körper auf, die von Messerstichen herrühren. Eine Verletzung am rechten Oberarm war absolut tätlich, die Schlagader durchschnitten und ein sehr starker Blutverlust die Folge. Große Blutlachen unb zahlreiche Blutspritzer werden im ersten Stock, im Vorraum vor dem Schlafzimmer HammS gefunden, ebenso im Schlafzimmer selbst auf dem Bett und an der Truhe in ber Ecke deS Schlafzimmers, in ber der Landwirt Hamm Geld unb Wertsachen zu verwahren pflegte. Frau Hamm, die seit mehreren Wochen ge­trennt von ihrem Manne in einem anderen Zimmer schläft, wird vernommen und erzählt dem Polizeikommissar, sie habe gegen ein Uhr nachts ihren Mann schreien gehört, rasch Licht gemacht unb fei in den Vorraum gegangen, wo sie schon Blut gesehen habe. Ihren Mann habe sie in seinem Schlafzimmer im Fenster liegend gefunden. Auf ihre Frage:Was Dir denn passiert?" habe er erwidert:Ach, sie haben mich tot gesteckt." Sie fragte weiter:Wer hat das getan?" Darauf habe ihr Mann geantwortet: Ich weiß nicht, er ist

z«m Fenster hinausgesprungen, hilf mir doch wacker ins Bett!" Sie fei daraus ans Fenster gesprungen und habe gerufen; Wo ist ber Kerl?" Sie habe bann versucht, ihren Mann ins Bett zu bringen, habe es aber allein nicht vermocht und laut nach dem tm Hause wohnenden achtzigjährigen Oheim ihres Mannes unb betn Knecht Johann gerufen. Der Oheim, Herr Tackenberg, fei gleich barauf gekommen unb sie hätten bann gemeinsam ihren Mann ins Bett gelegt, in bem Hamm zusam­men mit ihrem zweijährigen Kinde geschlafen hatte. Der Oheim Tackenberg wird vernom­men, fagt, er hätte auch einen Schrei gehört, aber zunächst geglaubt, ber Hund hätte die Kat­ze gebissen, er hätte auch etwas fpäter die Frau rufen hören, aber nur mit halblauter Stimme und erwacht dann Angaben, wie er von Ersto­chenen aufgefunben habe, die im Wider- f p r u ch zu der Darstellung ber Frau stehen. Etwas fpäter werben mehrere bebeutfame Ent­deckungen am Tatort gemacht: In et- nem ber Fenster ber unteren Räume war eine Sckeibe eingedrückt, sodaß ein Mann durch die Ceffnung feinen Arm sind durchstochen u. von in. nen den Riegel öffnen konnte. In dem Raum fehlte ein fast ganzer Laib Brot. Im Garten, unter dem Fenster des Schlafzimmers, wurde ein Rock gesunden, mit umgekrempelten Aermeln, der ganz blutig war, und in den Taschen des Rockes ein ganz mit Blut durchtränktes Vor­hemd, ein blutiger Kragen, ein blutiges Hals­tuch. Das Blumenbrett vor dem Fenster war herunteraerissen und tag auf der Erde. In der nassen Erde wurden

zwei Fußspuren gefunden,

die den Eindruck machten, daß sie von jeman­dem herrühtten. der von oben im Schluß sprung heruntergesprungen war. Andere Fußspuren waren nicht zu sehen. Fm Vorraum zum Schlafzimmer sand man den Hut des Täters und feinen Stock. Der Verbrecher hatte also einehalbe Ausstattung" am Tatorte zurück- gelassen, und die Polizei kam zu der lieber« zeugung. daß es sich um einen Einbrecher als Täter handle. Inzwischen begannen aber die Fama und ber Klatsch ihre unheilvolle Arbeit, besonders in ber Verw andtschaft des Ermordeten, bie ber Frau nie sehr arün gewesen war, weil sie nur 4000 Mark in dir Ehe milgebracht hatte und nun mit ihren Kin­dern alles erben sollte. Tatsachen werden um» gedeutet, entstellt, harmlose Aeutzerungen bei» dreht, und so spirntt sich langsam ein immer dichteres Netz um die Frau Hamm. Ein Einbrecher soll Hamm totgestochen haben? Warum findet man ihn benot nicht? Erst