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Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

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Nummer 299.

Fernsprecher 951 und SSL

Mittwoch, 26. November 1913.

Fernsprecher 951 und SSL

3. Jahrgang.

Wan» sehen wir Talen?

Der Etat des Auswärtigen Amt«!; die ver­sprochenen und auSgebliebene» Reformen.

Ter Stet bei «uswsrttgen Amt« liegt jetzt vor, «ber wiederum sucht man ver­geblich nach den Forderungen für die Der» wirklichung der versprochenen Reformen. Wa« gefordert wird ist taut» der Red« wett- Einige Zulagen für Beamte, die an klimatisch ungünstigen Orten deschdftigt Werden, »in neuer Vortragender Rat, sech« neue Schreiber unb da und dort die UmWandlum« einiger Konsulate in «esandtschaften. BemerkeneWert ist höchsten« die Erhöhung de« Fond« sür die AnSlandschulen um Weitere400000Mark.

Der gute alteOnkel Chlodwig", der als dritter Kanzler, von Liebe und Groll umstrit­ten, tu des Reichs Geschichte steht, hat's schon versprochen; Bernhard Bülow versprach's, Ki- derlen-Waechter beteuerte es feierlich und selbst Herr von Bethmann Hollweg ward von der Erkenntnis erleuchtet, daß eine grundlegende Reform unsres diplomatischen Dien- st e s zwingendes Notwendigkeit-Gebot sei. Sie alle, die nacheinander auf Kanzler- und Mini- sterstjMen saßen, nannten diese Reform dring­lich, unerläßlich und unaufschiebbar, und Alle retteten sich vor drängender Ungeduld in das Versprechen,ehestens" oderdemnächst" an die Lösung des Problems heranzugehen. Indessen: So willig auch der Geist gewesen; die Tat blieb ungeschehen, und der Etat für neunzehn­hundertvierzehn, der den Reichsaufwand für den Grünen Tisch in acht- und neunstelligen Ziffern, sorglich rubriziert und nach Kapiteln ge­ordnet nachweist, sagt ebensowenig von der ver- sprochnen Reform unsrer Diplomatie, von der Verjüngung des Apparats und der Modernisie. rttttfl des Betriebs, wie der vorjährige und vor- vorjährige Haushaltplan. Es ist, als fürchte man den Götterfluch, wenn eines Frevlers Hand mutwillig ans Götzenbild deutscher Diploma­tenwelt zu tasten wage, als zittre man vor einer Katastrophe, wenn der Besen der neuen Zeit säubernd und reinigend den Tempel der Staatskunst" entweihe. Daß unser diplomati­scher Betrieb in Organisation, Arbcits- und Verkehrs-Methode durch und durch fossil ist, daß er den Anforderungen der Gegenwart bei weitem nicht genügt, und durch die unverstän­dige Art der Ergänzung des personalen Apparats die besten und leistungsfähigsten Köpfe von der Nutzbarmachung ihrer Intelli­genz im Dienst des Vaterlands ausschließt: All Das sind Tatsachen, die selbst kein Kanzler und Minister mehr bestreitet, die der Regierung in jedem Jahre aufs neue ins Gewissen geru­fen werden und die immer wieder, wenn im Reichshaus über das deutsche Ausland-Geschäft geplaudert wird, die Entrüstung der Tribunen wecken. Seit Jahren; geschehen aber ist noch immer nichts!

Man weiß, wo des Nebels Wurzel sitzt: Die Diplomaten-Laufbahn ist ein Privilegium für die Angehörigen eines eng-umgrcnzten Kreises, die nach gellender Tradition durch Name oder Besitz Anspruch darauf erheben dürfen, dem Vaterland ihre (in manchen Fällen wirklich rein sagenhafte) Kraft zu widmen. Die Kar­riere erfordert nicht nur weitreichendeVerbin­dungen" und einflußreiche Protektion; sie ver­langt vor allen Dingen große persönliche Mit­tel, denn der Beruf des Diplomaten heischt Repräsentation", und Repräsentation kostet Geld. Man darf also sagen, daß unsre Diplo­matie unmittelbar auf eine aristokratisch-pluto- kratische Grundlage gestellt ist, und daß sie ihren Nachwuchs aus Kreisen bezieht, deren Energie weder durch den Zwang zum persön­lichen Streben noch durch die Notwendigkeit des Erwerbs gestählt ist. Die gewaltsame Tren­nung zwischen Diplomatie und Konsular-Dienst ist die schroffste Ausprägung der aristokratisch- plutokratischen Tendenz unsres diplomatischen Betriebs, denn die Leute am Grünen Tisch, die (trotz Oxenstierna)an der Weltgeschichte Web­stuhl" sitzen, lehnen es ab, mit den weiter in die profane Welt" vorgeschobnen Konsulat-Beam­ten unmittelbar in. Zusammenhang gebracht zu werden. Wohin Tas führt, hat die Geschichte unsrer Ausland-Politik im letzten Vierteljahr­hunderi sehr anschaulich erwiesen: Wir haben Mißerfolg auf Mißerfolg gehäuft, haben uns aus den Plötzlichkeit, und UeberraschungStagen des Zickzack-Kurses in die müde Stille der Politik friedlichen Zusckauens hinübergeretter und haben eS erlebt, daß des Erdrunds Karten- flizze abgeändert wurde, ohne das die Korrek­toren es auch nur der Mühe wert erachteten, unfern Beifall oder unfern Protest zu hören. In London saß jahrelang ein alter Mann im deutschen Boflchafts-Haus, den man in der Downing strcet wie einen tatentwöhnten Greis behandelte; bim Weißen Haus in Washington

bewährte Herr Speck von Sternburg sich als Tennis-Spieler und Reitlehrer der Töchter Theddys, und in den Tagen des Balkanbrands weilte der neuernannte Balkanmann Wangen­heim wochenlang auf Korfu, während in den Balkanbergen sich das Gewölk zur Katastrophe ballte. ,

Als im Spätherbst neunzehnhundertacht Fürst Bernhard Bülow die volk-erregende Pein- lichkeit der Daily Telegraf-9(ffäre durch die düstre Apotheose deS siebzehnten Novembertags zu dämpfen versuchte, war er entschlossen, mit den Kümmerlichkeiten unsrer Diplomatie, die auch dieS üble Intermezzo verschuldet, recht­schaffen aufzuräumen. Bülow, der selbst lange genug am Grünen Tisch gesessen, wußte aus eigner Erfahrung, wo die Schwächen des Sy­stems wurzelten, und vielleicht wäre es ihm auch gelungen, die Reform zu verwirflichen, wenn es ihm vergönnt gewesen, die Nachwehen des siebzehnten November länger zu überdauern. Später hat dann Alfred von Kiderlen-Waechter, der auch aus der Diplomaten-Schule ins Reichsamt stieg, den von Bülow propagierten Gedanken einer diplomatischen Reform in den Einzelheiten weiter auszubauen versucht. Das war zu der Zeit als deszweiten Bismarck" Stern noch leuchtend zur Höhe stieg; später, als (nach Agadir) der Glanz verblich und der wackre Schwabe in müde Resignation versank, mag er nicht mehr die Spannkraft besessen haben, die Wälle der Tradition kämpfend niederzuringen. Und Herr von Jagow? Et ist kein Mann des Kampfs, kein nach Taten und Siegen Drängen­der, und wenn die Verwirklichung des Ver­sprechens, das seit Chlodwig Hohenlohes Kanz­lertagen ein jeder Kanzler und ein jeder Staatssekretär im Auswärtigen Amt feierlich wiederholt, seiner Initiative überlassen bleibt, wird die Geduld sich für lange Prü­fung-Dauer zu wappnen haben. Was vom Reichstag zu erhoffen ist, wissen wir aus reichlicher Erfahrung: Es werden Resolutionen beschlossen, vielleicht sogar stramme Interpel­lationen gewagt weiden; es werden donnernde Reden durch die Weite des Saales im Hause Wallots hallen, und in der Ministerbank wird sich (vielleicht) eine Exzellenz erheben, und dem Parlament erzählen, daßdie Vorarbeiten rü­stig weiterschreiten". Zu welchem Ziel, zu welchem Ende, zu welchem Erfolg: Wer weiß es? Neunzehnhundertvierzehn wird jeden­falls nichts geschehen, und derweil . . . wer­den wir zwölf Monde älter . . .1 F. H.

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Graf Bernstorff und der Kanzler.

(Von unserm politischen Mitarbeiter.)

Berlin, 25. November.

Nach Berichten amerikanischer Blätter soll der deutsche Botschafter Graf Bernstorfs während seiner Anwesenheit in Berlin mit dem Reichskanzler eine Unterredung gehabt haben, die angeblich zu einer sehr erregten Auseinandersetzung zwischen den bei­den Staatsmännern führte. Der Botschafter, der (wie es heißt) über die von ihm dem Kauz- ler zugeschriebene Vereitelung seiner Bemü­hungen zur Herbeiführung einer offiziellen Be­teiligung des Deuffchen Reichs an der San Franzisko-Weltausstellung aufs tiefste ver­stimmt sei, hätte nach diesem Konflitt mit dem Kanzler eine Berücksichtigung seiner Wunsche und Ansichten bezüglich des neuen B otsch as­te r p a l a i s in Washington aus das Energisch- ste verlangt und sich dieserhalb geradeswegs an den K a i s e r s e l b st gewandt. Das Ergebnis des kaiserlichen Eingreifens sei dann jene be­kannte, die deutsche Künstlerwelt allgemein er­regende Ablehnung des in öffentlichem Wettbe­werb deutscher Architekten erlangten Preisge­krönten Entwurfs des Professors Möhring für das neue Botschaftspalais gewesen und die Entscheidung des Kaisers sei eine direkte Folge jenes Konflikts des Boffchasters Gra­fen Bernstorfs mit dem Kanzler. Wie ich hierzu aus sicherer Quelle erfahre, sind alle diese Mit­teilungen falsck und unbegründet. Eine Besprechung zwischen den beiden Diplomaten bat zwar stattgefunden, hat aber keinerlei Meinungsverschiedenheiten, son­dern im Gegenteil völligeUebereinstim- m u n g in allen streitigen Fragen erkennen lav fett.

Sie Tragödie der Bulgaren.

Enthüllungen des Ministers Ghenadiew.

Sofia, 25. November. (Privat - Te­legramm.) In einer Wahlrede in Widdin hat der bulgarische Minister des Aeußcrn Ghenadiew gestern erklärt, daS Kabinett Ge- schow habe seinerzeit (vor dem zweiten Bal­kankrieg) ein BüudniS mit Serbien und Griechenland gegen die Türkei abgeschlsl- fen, ohne für den Krieg irgendwelche Borberei- tungen zu treffen. 50000 Mar.n seien gegen drei Wacken hindurch »hue Gewebre aeblieben.

Im kritischen Augenblick, als die Rumänen be­reits vor den Toren Sofias standen, sei die frühere Regierung desertiert und habe feige f l ü ch te n wollen.

Und immer noch: Zabern!

Eine offiziöse Kundgabe zur Affäre.

Die in Metz erscheinende Lothringer Zeitung veröffentlicht soeben «inen von ihrem Straß­burger Mitarbeiter gezeichneten zweifelsohne hoch offiziösen Artikel über Zabern, der, in geheimnisvolles Dunkel gehüllt, noch Ver­schiedenes erraten läßt, was bisher nicht ein­mal anaedeutet wurde. Der Kern der Aus­lassungen ist die Behauptung, daß ein Regi­mentskamerad des Herrn von Forstner den Blättern, die sich aegen das Verhalten der verschiedenen milttärischen Stellen wandten, die Unterlagen für ibr publizistisches Vorgehen geliefert habe. In dem Artikel heißt es:

Wir haben gewichtigen Grund zu der Annahme, daß die Redakteure mehrerer Blätter, die glaubten zu schieben, selbst geschoben wurde«. Die Persönlichkeit des Gewährsmannes der Blätter, die dem Of­fizierskorps des Regiments Nr. 99 nahesteht, und sein Interesse an den Vor­gängen im Regiment ist bekannt. Das Motiv seiner Handlungsweise dürfte zu­nächst in persönlichen Verhältnis­sen zu such,e» sein; hierzu kommt ein krank­hafter Hang zur Lüge und Intrige. An den ganzen Auslässen desElsässers" in­teressiert uns nur das Schriftstück derRe­kruten". Wir wollen dessen Echtheit vorläufig noch nicht anzweifeln, sondern nur die Frage stellen: Wie kam da« Schriftstück zustande und auf welche Weise wurde es der Oeffent- lichkeit zugänglich? Sollte hier nicht einerseits der blinde Gehorsam eines Sol­daten vor seinem Vorgesetzten und der Uni­form eine Rolle spielen? ES wird vielleicht der seltene Fall eintreten, daß

derFall Zabern" (ursprünglich ein Fall, wie wir ihn in be­stimmten Zwischenräume« in Elsatz-Lothrin- gen häufiger erleben können) dazu führt, daß Maßnahmen, die im Interesse der Landes­verteidigung liegen, aber in Friedens- zeitcn wohl kaum Verwendung finden, ge­troffen werden. Das ist aber möglicherweise nicht die letzte Konsequenz, welche die Bölkerverhetzung zeitigen wird. Aus dem heutigen Artikel desElsässer", überschrie, ben:Abdankung der Staatsautorität in Elsaß-Lothringen", imeressiert uns nur ein Satz: «Die Aschermittwoch-Parade hat uns zur Genüge bewiesen, daß die oberste Kommandoftelle auch wirklich schießen kann. Ein zweites Mal im selben Jahre braucht uns dasselbe Armeekorps einen sol- chcn Nachweis nicht mehr zu liefern!"Du sprichst ei« großes Wort gelassen aus!" möch­ten wir demGlföffer" zurufen. Wer weiß, ob nicht in mancher Beziehung zwischen dem Fall Wolter und dem Fall Za- bern eine Sehnlichkeit besteht . . .!

Der Bürgermeister von Zabern hat ge­stern eine Bekanntmachung erlassen, in der es heißt:Da die öffentliche Meinung, in Zabern immer noch in hohem Grade erregt ist, richte ich erneut an die Bürgerschaft die inständige und dringende Bitte, sich nicht zu unbe­dachten Schritten hinreißen zu lassen und unter allen Umständen die größte Ru­he zu bewahren. Vor allen Dingen muß ich dringend vor Ansammlungen auf der Straße abraten, die leicht wieder zu größeren Aufläu­fen und zu Ausschreitungen führen und die strengsten Maßregeln der Behör- den veranlassen tonnten, Maßregeln, deren Folgen für die ganze Stadt verhäng­nisvoll wären."

Weitere Soldaten-Derhaftungen.

Straßburg, 25. November. (Privat- Telegramm.) In der Z aberner Affäre sind gestern neue Verhaftungen vorge­nommen worden. An Stelle der in Zabern ver­hafteten, aber wieder freigelassenen Rekruten sind jetzt eine Anzahl Soldaten verhaftet wor­den, die aus Anlaß der letzten Vorkommnisse von Zabern nach Straßburg versetzt worden sind. In St. Denis haben sich gestern fünf junge Elsässer, die aus Zabern gebürtig sind, bei dem dortigen Militärkommissariat gemeldet und den Wunsch ausgesprochen, indieFremden- l e g i o n einzutreten. Sie wurden nach Epina abgeschickt, um dort eingefleidet zu werden.

Zar Befinden KMr Wilhelms.

Die Erkältung des Kaisers behoben!

Berlin, 25. November. (Privat - Tele­gramm.) Die Erkältung, die den Kaiser mix mehrtägigen Schonung zwang, ist soweit be­

hoben, daß die für Ende des Monats angesetz­ten Jagdreisen unternommen werden tön. nen. Der Kaiser reist morgen in Begleitung der Kaiserin nach Primkenau zum Besuch des Herzogs Ernst Günther von Schleswig- Holstein.

Ernst Ludwig v on H effen.

Znm fünfundvierzigsten Geburtstag deS Grotzherzogs von Hessen: 25. November, von

Dr. Hermann Butte.

Nennt man heute die besten und wirkungs- reichsten unter den deutschen Fürsten, ja unter den führenden Männern Deutschlands über­haupt. dann wird auch Ern st Ludwig von Hessen genannt und es ziemt sich deshalb, daß auch bei uns, in der C a s s e l s ch e n Hälfte des ganzen Hessenlandes, der Geburtstag dieses Mannes, des Oberhaupts des hessischen Herr- scherhauses Brabant, nicht vergessen werde. Großherzog Ernst Ludwig hat sich in den nun einundzwanzig Jahren seiner Regierung unter den deutschen Bundesfürsten einen besonderen, scharf umrissenen Platz geschaffen. Das, was heute, im neuen Deutschen Reiche, die Aufgabe der Bundesfürsten und ihrer Führer sein muß, bat Ernst Ludwig in einer besonders konsequen­ten Weise ergriffen und aufs glücklichste ent­wickelt, eben weil es mit dem Kern seiner eige­nen Persönlichkeit zusammentraf. Nicht mehr die äußere Politik und Diplomatie, wie früherhin. auch nicht das Militärwesen kann heute mehr die Aufgabe unserer Bundesstaaten bedeuten; hier ist heute das R eich für sie ein« getreten oder wird es, ebenso wie auf dem ge­samten Verkehrsgebiete, in Post, Telegraphie. Eisenbahn, in geschichtlich absehbarer Zeit völlig tun. Aber der Aus- und Aufbau unserer gesam­ten inneren deutschen Kultur ist ihre Aufgabe! Ein mächtiges Deutsches Reich (und darüber hinaus ein Bund aller germanischen Staaten) möge sorgen, daß dem Deutschtum po­litisch und wirtschaftlich seine Stellung auf dem Erdenrund gewahrt und gefestigt werde. Den Bundesstaaten aber kommt es zu, dieser großen deutschen Erpanston das Kulturmaterial zu lie­fern, das hinausgetragen werden soll in die Welt. Hier im Innern soll in Industrie und Kunstgewerbe, in Wissenschaft und Bildungswe­sen dem deutschen Volke der Reichtum und die Ueberlegenheit immer neu wieder geschaffen werden, durch die es draußen im Konkurrenz­kampf siegen kann, unb dazu soll aus der

Vielheit der deutschen Stämme

jeder nach seiner besonderen Art unb Gabe mit­helfen. Wie aber gerabe der Fürstenhof eines Landes dieses Streben nach neuartigem Kultur- schaffen repräsentieren, und wie der Fürst, an­regend und fördernd, ihm gesunde Bahnen wei­sen kann, das zeigt eben in besonderem Maße das Beispiel des Grotzherzogs von Hessen. 1892, dreiundrwanzigjährig, kam Ernst Ludwig zur Regierung. Das Großher­zogtum Hessen, noch nicht die Hälfte des durch Philipps des Großmütigen Erbe bezeich­neten Gebiets, spielte damals im Reichskörper eine sehr stille und bescheidene Rolle. Schon seit Philipps des Großmütigen unglücklicher Tei­lung des Hessenlandes hatte ja von je Hes­sen-Cassel die eigentliche, Philipps großer Politik nachfolgende Rolle gespielt; auf Hessen- Darmstadt fällt seltener einmal der Strahl der großen Geschichte, etwa zur Zeit dergrotzen Landgräfin" Karoline, oder des Musenhofes zur Goethezeit. Ernst Ludwigs Vater, Grotz- herzog Ludwig der Vierte, hatte am deutsch- französischen Kriege 1870/71 als tapferer Heer­führer ruhmvollen Anteil und hat auch vieles zur wirtschaftlichen und kulturellen Hebung sei­nes Landes getan: aber etwas ganz neues, in ganz Deutschland Besonderes und in seiner Art Führendes machte aus Darmstadt doch erst Ernst Ludwig. 1899 rief er Joses Olbrich aus Wien nach Darmstadt, und die- fern ersten (und wohl auch bedeutendsten) bet Darmstädter Künstler" folgten bald Peter Behrens, Christiansen, Albin Mül­ler unb andere Ein neuer Stil entstand, mit dem Grundsatz der Verwerfung alles anfgekleb- ten unb unorgarnischen Zierrats u. mit ber Ent­wicklung ber äußern Form aus dem inner« Zweck des Gegenstandes heraus wurde Ernst gemacht. So entstand wieder, und zumal für die Gegenstände des täglichen Gebrauchs, eine schöne und ausdrucksvolle Formensprache. Heute ist uns diese .Ausdruckskultur" schon ganz ge- läufig geworden: In Baukunst Wohnungsein­richtung, Kunstgewerbe und Kleidung lehrten ste uns zuerst die Darmstädter^ Künstler anwenden. Bald schon machte sich das neue Leben in Darmstadt und von da im ganzen Crotzherzogtum geltend; vom Aufblühen der kunstgewerblichen Schule in Offenbach zum Bei­spiel berichtet jetzt das letzierschienene Heft der ZeitschriftDie Kunst unserer Heimat", und durchs ganze Land, bis in die letzten Dörfer des

Odenwalds unb Vogelsbergs,

grüßen uns heute schon die schönen Schulbau­ten, die netten Wohnhäuser mit hellrotem Dach aus dem Grün und geschmackvoll angebrachtem Farbenschmuck. In entlegenen Dörsem, zum Beispiel in Bermuthshain am Hohen Rods- lovk. blüht beute die alte Holzschnitzerei wie.