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CMerNeueste Nachrichten

Caffeler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 296.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 22. November 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Reichstags-Präludium. Wiederbeginn der parlamentarische« Ver- handlnugen; die Parteie« und der Kanzler.

Sie uns ans Berlin depeschiert wird, stehe« anlSplich der «rnpP.Afsäre nicht nur von sozialdernokrattscher Seite, sonder» auch von bürgerliche« Parteie» Interpol. latio»ea tot Reichstag zu erwarte» unb es verlautet in «»terrichteten Kreisen, datz die Regierung die Besprechung dieser Juterpel- lattoneu zum Anlatz nehmen werde, das zwi­schen dem Reich und der Firma Krupp be­stehende DerhSltni« in allen Einzelheiten klar,«legen. ES wird sogar der Plan erwogen, in der Form einer Denkschrift di» Krupp'sche A«gelegenheit zu behandel».

Nun rüsten mählich sich die Kämpen. Am fünfundzwanzigsten Novembertag offnen sich im Wallothaus am Berliner Königsplatz die Portale für die einziehende Schar der Volkerwählten, und in den weiten Sälen und Hallen, in denen wochenlang besen-gerüstete Scheuerfrauen emsig ihres Amtes gewaltet, wird wieder der Kamps der Geister toben, wird der Rede Bächlein munter plätschern und der hitzige Krieg urn's Prinzip Opfer über Opfer heischen. Man weiß: Die Winter-Arbeit wird kein Kinderspiel sein! In den Monden, die dem Parlament zum Sommerschlaf befchie- den, hat sich so vieles ereignet, gewandelt und vorbereitet, daß schon die Erörterung dieser Vergangenheit-Tatsachen die knapp-bemeffne Zeit des Reichstags völlig ausfüllen würde, wollte man ernstlich darüber zu Gericht sitzen. Da es indessen (wie männiglich bekannt) un­fruchtbar ist, über geschehene Dinge zu grübeln, und da auch in der Politik das schöne Wört­chen gilt:Glücklich ist, wer vergißt ...!, so ist das gesetzgeberische Arbeits-Pensum des Parlaments so reichlich bemessen, daß zu Rand­bemerkungen über die reichsgeschichtliche Chro­nik der letzten fünf Monde nicht mehr viel Zeit verbleibt. Man wird sich über Krupp und Brandt, über Eccius und Metzen unterhalten, wird ein weniges über Braunfchweig plaudern und vielleicht auch Herrn Wladimir Kokowzew noch einige Aufmerksamkeit widmen, da der Berliner Besuch des Zaren-Ministers noch in frischer Erinnerung ist und in offiziösen Blät- terspatten uns in erfreulicher Ausführlichkeit erzählt wird, wie traut und innig der Herr Kanzler mit dem Kollegen vom Newastrand die schwebenden Fragen- des internationalen Ge­schäfts erörtert: Grund genug, dem Schicksal Dank zu wissen?

Was wir vom Winterparlament zu erwar­ten haben, hat soeben Herr Ernst Basser- mann, der Stratege nationalliberaler Poli­tik, in einem Artikel erzählt, der unter der (etwas weit-ausholenden) UeberschristDie Weltlage beim Wiederzusammentritt des Reichstags- die auswärtige Politik in den Vordergrund der vom Reichstag als dring­lich zu erörternden Fragen stellt und um die eben erst verwirklichte deutsche Wehrver­stärkung den Pflichtenkreis nationaler Zu­kunft-Arbeit gruppiert. Herr Bassermann, des­sen sonnenheller Optimismus gelegentlich von den Wolkenschleiern banger Sorge verdüstert wird, malt das Gespenst neuer Kriegsgefahr an die Kinowand nationalliberal-öffentlicher Meinung, erkennt in den Rüstung-Verstärkun­gen unsrer östlichen und westlichen Nachbarn die drohende Verschiebung des kontinentalen Macht-Gleichgewichts und schift Regierung und Reichstag, daß sie erst im letzten Moment dem Pflichtgebot deutscher Wehrkraft-Stärkung Rech­nung getragen. Man liest Ernst Bassermanns Argumentation mit dem Gefühl instinktivem Unbehagens, spürt in ihr den Odem neuen Rüstungfiebers und gewinnt den Ein­druck, daß Herr Bassermann gewissermaßen als Prophet neuer Heeres-Forderungen über dieWeltlage- orakelt. Warum? Wer's erlebt, wird's sehen! Daß der nationalliberale Führer den Irrgarten unsrer auswärtigen Politik dem Deutschen Reichstag als Ar- beits- und Energie-Pflanzstätte zuweist, ist übrigens neu, eigenartig und befremdlich, denn unter fünf Kanzlern (von Bismarck bis Beth- mann) hat das Reichsparlament grade in den Fragen der auswärtigen Politik die am wenigsten erfreuliche Rolle gespielt, und ernsthafte Ausland-Politik ist heut im Kup­pelbau Paul Wallots s o selten wie ein Schnee­glöckchen im November.

Hat der Reichstag auch nur in einer ein­zigen Frage internationaler Politik seinem Willen (oder sagen wir besser: Seinen Wün­schen) Geltung zu verschaffen gewußt? Hat er im Maroflo- und Balkan-Spiel nicht völlig ver­sagt, und besaß er je (in den Tagen bei Zickzack- Kurs-Groteske) die Entschlußkraft, die Richt­linie« deutscher Reichspolitik nach den Maßen seiner Gewissens-Erkenntnis zu formen? Nie! Die auswärtige Politik ist das Privi- Xffiium der Regierung, das heißt: .Sie wird

bestimmt vom Willen der Krone, und die dem Parlament und der Nation verantwortlichen Minister sind die Organe dieses Willens. Hat in den hitzigsten Tagen der Marokko-Krise, als unser Kähnchen gen Agadir dampfte, auch nur ein Hilfs-Kanzlist der Wilhelmstraße den Reichstag befragt, wie in seiner Vorstellung Kiderlen-Waechters afrikanischer Schwaben­streich sich male? Oder hat, als bei der Hof­jagd in Springe Franz Ferdinand von Oester­reich vom Deutschen Kaiser das schroffeRein!" aus die Balkanabenteuer-Frage vernahm, ein Kanzler oder Minister das vom Volk erwählte Parlament um Rat, oder auch nur um Mei- nungs-Aeußerung gebeten? Nie! Es ist also wohl auch nur ein kleiner Scherz des Herrn Bassermann, wenn er dem Reichstag empfiehlt, sich mit Ernst und Eifer um die Lösung des Zirkelquadratur-Problems deutscher Ausland- Politik zu mühen: Fruchtloser Idealismus! Im übrigen gibt's ja auch Dinge, die dem Interesse des neugestärkt zum Werk erschei­nenden Parlaments noch etwas näher lie­gen als die Rüstungfieber-Svmptome der Pa­riser, Londoner und Petersburger Staats­mannschaft, und diese Fragen lassen sich leicht aufzählen: Krupp und Braunschweig! An ihnen sollte der Reichstag seine Kraft und seine Energie erproben, denn hier han- delt's sich um Dinge, die tief hineingreifen in unser öffentlich-rechtliches und politisch-dyna­stisches Leben, und der Reichstag hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, diesen Vor­gängen die aus der Bedeutung der Sach­lage sich ergebende Aufmerksamkeit zuzuwem- den...! F. H.

Der neue Heeres-ELat.

84 Millionen Mark mehr als im Vorjahr! (Privat-Telegramm.) .Berlin, 21. November.

Der neue HeereS-Etat, der dem Reichstag unmittelbar nach seinem Zusammen­tritt am 25. November zugehen wird, fordert im ganzen bei den fortdauernden Ausgaben für daS preußische Heer vierundachtzig Millionen Mark gegen das Vor­jahr mehr. Unter anderem sind an fort­dauernden Ausgaben eingestellt: Verstärkung des Kadettenkorps um sechzig Stellen (zum er­sten April 1914), Verstärkung der Unteroffizier- schule Weilburg (ersten Oktober 1914), Ver­stärkung deS Festimgsbau Personals, Verstär­kung des Kriegsministeriums, Verstärkung des Personals der Intendanturen. Dieses Personal war bereits 1913 anqefordert, vom Reichstage aber abgelehitt worden. Weiter Verstärkungen aus Anlaß der Hceresvorlagen 1911 und 1912: Errichtung eines Nemonte-Depots (ersten Juli 1914). Als neue Maßnahmen zum ersten April 1914: Errichtung eines Presse-Referats in der Ministerial-Abteilnng des Kriegsministeri­ums.

Kronprinz Boris Flucht?

Drohbriefe an Bulgariens Kronprinzen.

Während König Ferdinand von Bul­garien außer Landes weilt (er war im An­fang der Woche in Koburg und begibt sich jetzt nach dem Schwefelkurort Baden bei Wien, um eine Schwefelbadkur gegen fein Gichtleiden zu gebrauchen), kommt aus Sofia die über­raschende Kunde, daß auck der Kronprinz Boris Bulgarien fluchtartig verlassen und sich ins Ausland begeben habe. Wir er­halten darüber folgende Meldung:

Sofia, 21. November.

In der bulgarischen Oeffenttichkeit hat die Nachricht, daß der Thronfolger Boris aus Sofia geflüchtet fei, große Be­wegung hervorgerufen. Diese Nachricht haben alle Sofioter Blätter veröffentlicht, doch ist sie bis heute noch nicht demen­tiert worden. Ter Thronfolger soll des­halb Bulgarien verlassen haben, weil er täglich Drohbriefe erhalten hat. Bekanntlich gingen vor einigen Tagen Nach­richten durch die Presse, nach denen König Ferdinand von Bulgarien unterm Druck Rußlands sich entschlossen haben sollte, dem Thron zugunsten des Kronprinzen Boris zu entsagen. Diese Gerüchte wurden zwar von der bulgarischen Gesandtschaft in Berlin ent­schieden dementiert, erhielten aber aus Sofia indirekt ihre Bestätigung. Vielleicht ist nun auch die angebliche Kronprinzen-Flucht mit tiefen Plänen in Zusammenhang zu bringen

Sawow, derVerräter Bulgariens".

Sofia, 21. November. (Privat-Te­legramm.) Nach seiner Rückkehr aus Kon­stantinopel hat der bulgarische Delegierte, Ge­neral Sawow, mehrere anonyme Briefe erhalten. In den Briefen wird er aufgefor­dert, sich den Gerichten zu stellen, da er der Verräter Bulgariens jet General

Sawow hat die Briefe der Polizei zugeschickt, die jedoch weder den Schreiber ermitteln noch die weitere Zusendung anonymer Briefe hat verhindern können.

Sie Hochwasser Gefahr.

Schwere Hochwasser-Schäden im Süden!

Wie uns Depeschen aus Karlsruhe mel­den, halten in Süddeutschland die R e g e n s ä l. le noch weiter an, sodaß die Hochwasser­gefahr fortdauett. Rhein und Neckar steigen neuerdings. Der Rhein insbesondere erhält große Wasserzufuhr von den Gebirgsbächen des Alpenlandes. Der Neckar überflutet vielfach die Ufer. Hochwasser fühtt ferner die Enz bei Pforzheim. Bei Kleinlaufenburg und Rhein­felden sind die Uferdämme überflutet; bei Göp-, pingen fühtt der Fils Hochwasser und richtet er­heblichen Schaden an.

Zwischen Botenheim und Brackenheim ist der Verkehr schwer gefährdet, da alle Wege überschwemmt sind. Biele Mühlen stehen still. Das Jagsttal ist größtenteils über­flutet, ebenso das Vorbachtal. Bei Wangen zerstötte ein orkanartiger Sturm Drahtleitun- gen und entwurzelte Bäume. Rechtsseitig der Bahnlinie Appenweier-Sttaßburg steht das Wasser fünfzehn Zentimeter hoch. Die Fluren erleiden vielfach Schaden. Schwere Hochwasser­gefahr besteht auch im Elsaß. Die Jll üder- flutet weite Strecken. In Jllhäuscrn sind vie­le Keller mit Wasser gefüllt. Das gesamte Niedtal ist überschwemmt. Die Sanner über­flutete teilweise Kedingen und setzte die dor­tige Kirche unter Wasser. Die Kreisstraße nach Elsingen ist vom Verkehr abgeschnitten, ebenso zahlreiche Bauerngehöfle und Ortschaften.

Auch die Wupper führt Hochwasser und ist in beft Niederungen weit über die Ufer getreten. Die Talsperren im oberbergischen Land ha­ben gewaltige Wassermengen zurückgehalten. Da der Regen noch sottdauert, droht eine schwere Hochwasser-Katastrophe. Im Ruhrgebiet stehen ebenfalls weite Landstrecken unter Wasser und der Verkehr zwischen den verschiedenen Or­ten ist wegen der Hochwasser-Gefahr unterbro­chen. Der durch die Hochflut entstandene Scha­den beziffert sich allein im Ruhrgebiet auf Hunderttaufende von Mark.

Der Sturm auf der Nordsee.

Cuxhaven, 21. November. (Privat-Te­legramm.) Das Sturmwetter ist hier er­neut und schwerer zum Ausbruch gekommen. Der gesamte ausgehende Schiffsverkehr stockt. Dampfer und Segler liegen hier schutzsuchend im Hafen. Die norwegische BarkSverre' ist in der Nordsee leck geschlagen und mit zerris­senen Segeln hier eingeschleppt. Der norwegi­sche SchonerBertha" ist auf der Fahrt nach Falmouth bei großer See leck geworden und im sinkenden Zustand ebenfalls nach «»rhaven ge­schleppt worden. Vor der Elbe treibt ein ent» mastetes, steuerloses Segelschiff ohne Mannschaft. Siegen hoher See ist vorläufig eine Verbindung mit dem Wrack unmöglich.

Schiffbrüchig im Kanal.

Deutsche Seeleute als Retter.

(Privat-Telegramm.)

London, 21. November-

Ein englischer Kapitän erzählt, wie er von seiner Mannschaft im Stich gelassen, vier Ta- ge allein im Sturm mit seinem Schiff tm Aermelkanal trieb und schließlich von einem deutschen Dampfer gerettet wurde. Auz der Ausreise nach Süd-Amerika traf der Heine englische SchleppdampferManna" gleich nach der Abfahrt von Dover schlechtes Wetter im Ka­nal an. Der Kapitän hatte von Anfang an über Unbotmäßigkeit seiner Leute zu klagen und als er ihnen den Befehl gab, die Takelage des Rettungsbootes in Ordnung zu bringen, ließen sich die Leute zu seinem Entsetzen in das Boot hinab und stießen vom Dampfer ab, ohne ihn aufzunehmen. Bald darauf ging das Kesselfeuer aus. Der Kapitän blieb vier T a- ge unb Nächte ununterbrochen am Steuer, ohne Nahrung zu sich zu nehmen. Viele Schiffe kamen vorbei, ohne feine Notsig­nale zu beobachten. Endlich nahm sich der deutsche DampferRu tz" des treibenden Fahrzeugs und feines aufs äußerste erschöpften Kapitäns an. Die Mannsckiaft des deutschen Schiffes pflegte den Kapitän aufs beste nnv weigerte sich, von dem dankbaren Mann, der sich für die Lebensrettung erkenntlich zeigen wollte, Geldgeschenke anzunehmen.

Die Erkrankung des Kaisers.

Leichte Erkältung; einige Tage Schonung!

SerIin, 21. November. (Privat-Te­legramm.) Ein heute früh ausgegebener o f- fiziöser Bericht meldtt über die Er­krankung des Kaisers:Seine Majestät Hy- Kaiser istinfolgeeiner leichten ErkLl-

tuug genötigt, sich einige Tage zu schonen!" Wie dazu verlautet, leidet der Kaiser zurzeit an einem starken Schnupfen, der ihn zwingt, daS Zimmer zu hüten. Er hält sich aber außer Bett auf. Grund zu irgend einer Beunruhigung liegt nicht vor. Die Reisedispofitionen des Kai­sers sind infolge der Erkrankung des Monarchen bis auf weiteres sämtlich aufgehoben. Der Kaiser verweilt längere Zeit in Potsdam.

Wie ich Wagner sah. Erinnerungen an den Meister von Bay­reuth; Persönliches und Anpersönliches, von

Felix Weingartner.

Es war an einem regnerischen Augustabend des Jahres 1892 in Bayreuth. Zweimal hatte ich bereits den P a r s i f a l gehört, aber Richard Wagner noch nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen. In der ersten Vorstellung, die ich hörte, hatte ich meinen Platz ziemlich weit hinten, gerade vor der Loge, in der Wag­ner den Aufführungen beizuwohnen pflegte. Ich hörte auch ein gedämpftes Sprechen, aber meine Augen konnten in dem verfinsterten Zu­schauerraum nichts wahrnehmen. Nur einmal, in der Szene der Blumenmädchen, hätte ich ein lautesBravo!" und man versicherte mir, daß dies Wagner selbst gewesen sei. Tatsächlich tote, derholte sich dieses laute Bravo, das bett ganzen Zuschauerraum durchhallte, in jeder der folgen- den Vorstellungen an der gleichen Stelle. Wag- ner hielt sich vor dem Publikum ziemlich ver­borgen. Man erzählte, datz er nach den Vor­stellungen das Festspielhaus jedesmal durch ei­ne andere Tür verlasse, um durch Neugierige nicht belästigt zu werden. An diesem regneri­schen Augustabend versicherte uns ein Eingeweih­ter, er wisse ganz genau die Türe, aus der der Meister diesmal den Ausgang wählen werde, und nach der Vorstellung eilten wir denn, eini­ge junge Leute unb ich, zur bezeichneten Stelle. Ein Wägen staub vor der Tür, was uns in der Hoffnung bestärkte, nicht fehlgegangen zu fein. Wir brauchten auch nicht lange zu Watten. Die Tür öffnete sich und ein kleiner Mann im gel­ben Ueberzieher, die Brille vor den Augen, und einen Schlapphut auf dem Kopf, trat heraus, von einem jüngeren Mann begleitet, auf den er mit unverkennbar sächsischem Dialekt eifrig ein« sprach:

Es war Wagner, der Schöpfer der großen Meisterwerke, deren Ruhm damals die Welt zu erfüllen begann, bet in dieser unscheinbaren Gestalt vor mir stand. Der andere war Joseph Rubinstein, der den Klavierauszug desParsifal" bearbeitet hatte. Mit den Worten:Adieu, lieber Rubin­stein, grüßen Sie Ihren Vater!" stieg Wagner in den Wagen ein, der sich alsbald in Gang fetz­ten. Wir folgten eiligen Schritts, doch bald ent» fchwand das schnelle Gefährt im feuchten Dun- fei der Nacht. Die wenigen Augenblicke hatten genügt, die scharfgeschnittenen, charakteristischen Züae Wagners deutlich wahrzunehmen. Ich hatte in Erfahrung gebracht, daß man Einla­dungen zu den allgemeinen Versammlungen in der ^Villa Wahnfried erhielt, wenn man dort seine Karte abgab. Dies tat ich denn auch am nächsten Morgen. Der Diener nokierie meine Adresse und am selben Abend erhielt ich bereits ein gedrucktes Billett. Eigentümlich berührt er mich, wenn ich es heute bewachte und darauf die Wotte lese:Herr und Frau Richard Wagner beehren sich, anzuzeigen, daß sie .... . empfan­gen." Die Tage waren genau angegeben und am nächsten dieser Tage begab ich mich in mei­nem besten Anzug nach der Villa Wahn» 'fried, wo eine glänzende Gesellschaft versam­melt war. Frau Cosima, damals noch eine jugendliche Erscheinung mit üppigem, blon­dem Haar, machte die Honneurs. Die beiden Töchter Wagners waren halbwüchsige Mädchen, S i e gf r i e d ein Knabe von zwölf Jahren.

Franz Liszt war angefommer.;

ich war bereits in Weimar bei ihm gewesen und er erinnerte sich meiner mit einem freund­lichen Gruß und der Frage, wann ich ihn denn wieder besuchen würde. Es war verbreitet, daß Wagner selbst an diesem Abend nicht erscheinen würde, was natürlich eine schmerzliche Enttäu­schung war. Doch es sollte anders kommen! Durch Zufall stand ick am Eingang eines Zim­mers, durch den Liszt soeben hinausgegangen war, als sich die gegenüberliegende Tür öffnete und Wagner herausschoß. Er fiel Liszt mit stürmischen Worten und Bewegungen um den Hals, wobei der Größenunterfchied der beiden Männer einen f beinahe drolligen Eindruck machte. Gleich darauf kam Wagner am Arme von Liszt in den Empfangssaal und mischte sich in anscheinend sehr fröhlicher Stimmung Unter die Menge. Er war im Frack und trug einen Chapeau Claque in der Hand, den er von Zeit zu Zeit zugeflappt auf seinem Kopfe balanzter- te. Ich hatte nun Gelegenheit, ihn genauer zn betrachten. Seine Gestalt war bereits etwas beleibt, aber doch wohl propottioniett trotz ihrer Kleinheit. Hände unb Füße waren nicht groß und auch der Kopf, ttotz seiner ausdrucks­vollen Linien, im richtigen Verhältnis. Die Au­gen waren von wechselnder Farbe; bald tocöXtt