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Nummer 295. Fernsprecher 951 und 952. Freitag, 21. November 1913. Fernsprecher 951 und 952. 3. Zahrgcmg.

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F. H.

waltsam gelöst wurden.

sieben tot geborgen. Man vermutet, daß auch die noch in der Ttefe befindlichen Arbeiter Opfer der Katastrophe geworden sind. Bei einer Explosion in den Kohlenbergwerren von B u r - ningham in den Vereinigten Staaten wur­den gestern achtzig Bergleute getötet.

enden der Kronprinz Georg und Prinz Frie­drich Christian das 21. Lebenswahr. Aus diesem Anlaß sind ihnen aus der Staatskasse Etablie­rungsbeiträge von 77 000 Mark und 31000 Mark zu zahlen, außerdem sind ihnen Apana­gen zu gewähren, die sich für den Kronprinzen auf 92500 Mark und für seinen Bruder auf 61666 Mark belaufen.

Mttelrbachs Millionen.

Wittelsbacher Bermögens-Verhältnisse.

lieber die Vermögens - Verhältnif- se im bayrischen Königshaus ist an, läßlich der beantragten Erhöhung der Zivilliste des Königs Ludwig eine lebhafte Debatte ent­brannt, und es dürste im Zusammenhang damit die Tatsache interesiieren, daß der neue König neben den Erträgnissen aus seinen Gütern und denen seiner Gemahlin, die in Ungarn liegen, allein auf die Zivilliste angewiesen ist. Die 200 000 Mark Zinsen aus dem Familienft. deikommiß König Ludwigs des Ersten, die er bisher bezogen hat, sind auf den Kronprinzen übergegangen, der mit seinen 393 000 Mark neue Apanage sich annähernd auf 600 000 Mark Jah­reseinkommen zu stehen kommt, während er durch den Wegfall von 60 000 Mark Leibrente, die seine verstorbene Gemahlin aus derGesamt- apr-rage des herzoglichen Hauses gehabt hat, dem Prinzessin Rupprecht angehörte, wie durch den Verlust des Gehalts als kommandierender General nach seiner Ernennung zum Generalin­spekteur ohne fundiertes Einkommen gewesen ist. Die Ausgaben Mr die Hofverwaltung sind von 2 300000 Mark im Laufe der Zeit auf 4265 000 Mark angewachsen, ohne daß die Zi­villiste größere Mittel erhalten hätte. Notwen­dige Reparaturen an den königlichen Bauten mußten unterbleiben, während die wirklich vor­genommenen lange Zeit oder noch gar nicht be­zahlt worden sind. Seit 1902 ist der für den Kö­nig Otto in der Zivilliste vorgesehene Urtterhal- tungsbeitrag

nicht mehr bezahlt worden, während die Zivilliste selbst Zuschüsse aus der Rente des Königs Otto wie aus dem Privat­vermögen des Prinz-Regenten Luitpold, ja so­gar seiner Schwester, der Herzogin von Mode­na. erhalten hat. Während der letzten Jahre der alten Regentschaft war das Defizit der Hofverwaltung weit geringer, als es im ersten Jahre der neuen Regentschaft, bezie- hungsweife des neuen Königtums mit 300 000 Mark jetzt ist. Der König hat auch mit seiner Thronbesteigung seinen dritten Anteil mit 57 000 Mark an der Stammapanage seines Vaters ver­loren, die sich mit 171 000 Mk. auf den Prinzen Leopold als Sohn und den Prinzen Heinrich als Enkel des verstorbenen Regenten forigeerbt hat. Aus der Fondskafle des Königs Otto fal­len dem Hofe jährlich 100 000 Mark fort. Für die königliche Sammlung muß der neue König 35 000 Mark aufwenden, 40 000 Mark beträgt bis auf weiteres der Aufwand für B-solduiig und Pensionen des Hofetats, 125 000 Mark ko­stet der Haushalt mehr, kurz: Von der borge« (ebenen Erhöhung der Zivilliste um 1168 000 Mark geben im ganzen 700 000 Mark, sodaß der neue König jetzt um 231000 Mark schlechter gestellt ist, denn als Prinz-Regent, ganz abge- feben von der künftigen Steigerung, die die Ko­sten des Hof- und Haushalts noch erfahren werden.

Die Zivilliste im Finanz-Ausschuß.

Wie uns aus München berichtet wird, hat der Finanz-Ausschuß der Abgeordnetenkammer am Sonnabend die geforderte Erhöhung der Zivilliste mit zehn gegen drei Stim­men bei zwei Stimm-Enthaltungen ange­nommen. Bei der Beratung der Vorlage stellte der Abgeordnete Dr. Müller-Meiningen einen wichtigen Antrag für das Plenum in Aussicht. Nach ihm sollen Abstriche in Höhe von 5- bis 600 000 Mark gefordert werden Dr. Müller-Meiningen erklärte in einer scharfen Kritik der Aufstellung der Zivilliste, daß manche Einnahmen zu niedrig angegeben seien. Besonders ging feine Kritik gegen die Ver­waltung de« Vermögens König OttoS. In der Att, wie sich die Familie zu der Frage stelle, wahre sie Nicht das Noblesse oblige.

Das Wort vompolitischen Irrenhaus Europa" erinnert lebhaft an einen andern Ausspruch, den in den Tagen der Marokko- Debatte im englischen Unterhaus Sir Ed­ward Grey getan. Grey sprach damals von einerAlkohol-Politik", die die Köpfe verwirre, die Hirne umneble und Winzigkeiten ins Unge­heure vergrößre. Kokowzew hat vielleicht das Gleiche sagen wollen, denn sein Hinweis auf dienervösen Krisen, an denen Europa leide", berührt denselben Punkt, den Edward Grey vor zwei Jahren zum Anlaß feiner Kri­tik an derAlkohol-Politik" nahm. Daß der ruffische Premierminister mit feinem schroffen Ausspruch nicht unrecht hat und daß sein Hin­weis auf die Nervosität der internationalen Politik Wirklichkeit-Erscheinungen trifft, haben die erregung-durchzitterten Tage der letztjähri­gen Balkankrise bewiesen, deren wilde Wellen­schläge selbst in Deutschland das Wirtschafts­leben auss schwerste beunruhigten und das Heer der Sparer in Sorge um die Zinsgro- schen peitschten. ®aM hat uns in diesen Tagen erst ein am Webstuhl der Weltgeschichte Sitzen­der, ein zünftiger Diplomat und einflußreicher Staatsmann, verstchett, daß während der gan­zen Krisenzeit, als Europa widerhallte von Kriegsgesckrei und Kampsgedröhn, der Friede unter den Großmächten nichteineSeknst- de lang ernstlich bedroht gewesen sei. Es waren dienervösen Krisen", die die Hochspan­nung der Erregung hervorriefen, die das inter­nationale Wirtschaftsleben lähmten u.Milliarden an Werten vernichteten. Europa wird von H Y- ft e r i e heimgesucht und Wladimir Kokowzews Vergleich mit dempolitischen Irrenhaus" ist vielle'cht ein wenig hart, aber er trifft zweifel­los das. Richtige, denn ein Rückblick auf die Krisenmonde zeigt uns Wirrungen und Irrun­gen, die nur dort möglich sind, wo alle Hem­mungen der Vernunft und der Erkenntnis ge-

Europäische Hysterie?

Eine Unterredung mit Premierminister Ko­kowzew: Europa ei« apolitisches Irrenhaus?«

Der russische Ministerpräsident Kokowzew mit Gemahlin ist heute vormittag von Berlin nach Petersburg abgereift. Zur Verabschied, ung waren am Dahnhose erschienen- Der SleichStanzler, SnterstaatSsekretSr Zim­mermann und der russische Botschafter mit dem gesamten Personal der Botschaft. Gestern abend hatte liokowzew dem Reichskanzler einen längere« Abschieds-B esuch abgeftattet.

Wladimir Kokowzew, des Zarenlands Premier- und Finanzminister, der einige Tage in Berlin geweilt und vor feiner Abreise noch zur Frühstückstafel beim Kaiserpaar geladen war, hat während seines Aufenthalts an der Spree einen Vertreter der Presse empfangen und ihm erzählt, wie er die zurzeit aktuellen Fragen der internationalen Politik beurteilt. Herr Kokowzew hat bei dieser Gelegenheit Mancherlei geplaudert, das unserm etwas westlicher" gestimmten Empfinden fremd und sonderbar Hingt, das aber immerhin doch ver- flärt wird von jenem Sonnenschein ungetrüb­ten Optimismus, der das Charakteristi­kum russischer Staatskunst ist. Wichtiger in­dessen als alle Propheten-Worte über Zukunft und Zukunft-Möglichkeiten, die der leitende Staatsmann des Zarenreichs gesprochen, darf Dasjenige gelten, das Wladimir Kokow­zew als Kritiker der europäischen Groß­macht-Politik im Hinblick auf die Balkan- Krise der letzten beiden Jahre gesagt, denn hier ofsenbatt sich deutlich und bewußt die Tendenz der russischen Balkanpoli­tik in der Zeit der europäischen Krise, und wer zwischen den Zeilen zu lesen ver­steht, wird aus den schroffen Worten Kokow­zews über daseuropäisch-politische Irren­haus" mehr heraushören, als im Plauderton vor den Ohren eines Horchers erzählt werden dürste. Wladimir Kokowzew hält Europa den Spiegel vors Auge, und das Bild, das Europa aus dem Glas entgegengrinst, ist (wenn man so sagen darf) eine grimmige Ka­rikatur der europäischen Politik. Hören wir:

EchWbrmd auf Met See. Eia englischer Dampfer in Flamme«.

(Privat - Telegramm.)

London, 20. November.

Ein neuer Schiffsbrand, bei dem aber zum Glück alle an Bord Befindlichen gerade rechtzeitig gerettet werden konnten, ereignete sich in der Nacht zum Mittwoch in der Nähe der englifchen Insel Wight. Um ein Uhr wurde in Ventnor an der Südküste der Insel, etwa fünfzehn Meilen, seewärts, ein völlig in Flammen stehendes Schiff gesehen, in dem man später den englischen Handelsdampfer Scotsdyke" erkannte.

Von Ventnor aus alarmierte man nun telephonisch die naheliegenden Häfen, von denen sogleich Schiffe abfuhren. Als erstes war der neue Neber-Dreadnought, der Eiserne Herzog", an der Seite des brennenden Schiffes. Die Hilfe kam, als die auf dem Hinterteil des Schiffes znsammenge- brängte Mannschaft bereits auf das Aeil­st e r st e gefaßt war. DieSeotsdyke" kehrte aus dem Mittelmeer heim. Unter ihrer Fracht waren große Mengen Espartogras, das auf Teck lagerte. Erst nach elf Uhr nachts be­merkte die Wache, daß die Grasballen rauchten. Die Löfchung erroieS sich als unmöglich, aber es war ein Glück, daß die Grasladung nicht im Raume verstaut war, da sonst das Schiff hätte rascher niederbrennen müssen. Alle Passagiere wurden gerettet

Aus Southampton wurde ein großer Schleppdampfer telephonisch herbeigerusen^ Das brennende Schiff befand sich gerade in der Pe­ripherie der Transatlantischen Dampfschis- sahrtslinie Auch andere in der Nähe befind­liche Dampfer eilten von allen Seiten dem brennenden Schiffe zu Hilfe, so daß rechtzeitig alle an Bord Befindlichen gerettet werden konn­ten. DieScotsdyke" ist bis auf die Wasser­linie heruntergebrannt.

Gruben-Katastrop^e« in Amerika.

Rewyork, 20. November. (Privat-Tele­gram m.) Durch eine Explosion auf der Zeche Alabama" in Alton (Alabama) wurden vier­zig Arbeiter verschüttet. Drei wurden bereits mit lebensgefährlichen Verletzungen und

russische Unterstützung zu keiner Zeit rechnen konnte. Der Ministerpräsident sprach weiter sein Bedauern darüber aus, daß auch im aufgeklär­ten Deutschen Reich noch immer so viel Irrtümliches über das juffifdje Leben ge­druckt und geglaubt würde. Die kürzlich er­folgte Begründung der Deutsch-Russi­schen Gesellschaft zum Studium Ruß­lands sei daher zu begrüßen, da zu hoffen sei, daß endlich nach und nach die falsche Vorstel­lungswelt, die vielfach im Deutschen Reich auf Grund verdrehter oder tendenziöser Berichte entstanden ist, einer besseren Kenntnis der ruf« fischen Psyche Weichen werde.

Prinz Eitel Friedrichs Ehe.

In auswärtigen Blättern waren Nachrich­ten verbreitet worden des Inhalts, daß die Ehe des Prinzen Eitel Friedrich, des zweiten Sohnes des Kaisers, mtt der Prinzes­sin Elisabeth, einer Tochter des Großherzogs von Oldenburg, derart zerrüttet fei, daß eine Ehescheidung in Kürze bevorstehe. Diesen Nachrichten wird jetzt von offiziöser Seite das folgende Dementi entgegngesetzt:

Das von einem sächsischen Blatte ver­breitete Gerücht von einer angeblich bevor­stehenden Scheidung der Ehr des Prin­zen Eitel Friedrich von Preußen wird von zuständiger Seite als völlig aus der Luft gegriffen entfchieden dementiert.

Ein Privat-Telegramm berichtet uns aus Berlin: Auch in Sachsen wird die Zi- vMste erhöht werden. Im nächsten Jahre voll-

Der russische Ministerpräsident Kokow­zew gewährte am Sonnabend dem Vertreter des Berliner Lokalanzeigers ein Interview, in dem er zunächst die albanische Frage streifte. Die Schwierigketten, die sich ihrer Lö­sung entgegenstellen, seien inzwischen auf dem besten Wege ihrer Beseitigung. Wenn er richtig informiert lei, so sei ein englischer Ver­mittln n g s v o r schla g in der Abgren­zungsfrage bei der internationalen Vermes­sungskommission eingegangen, der vielleicht ge­eignet sei, eine Brücke zwischen den verschie­denen Ansichten und Wünschen herzustellen. Dann dürfte das schwierige Werk in kurzer Zeit zur Zufriedenheit Aller beendigt fein. Von einer Revision der Londoner Beschlüsse, wie sie mehrfach prophezeit ist, sei niemals ernstlich die Rede getoefen. Rußland regte eine solche je­denfalls nicht an. Wie der griechisch-türkische Konflitt noch kürzlich sälschlich bange Befürch­tungen ausgelöst, und schließlich doch zu einer Verständigung geführt hat, sei solches auch in Albanien in kurzer Zeit zu erwarten. Frei- lich, je mehr die Solidarität der Groß­mächte eine glückliche Grundlage für die friedliche Erledigung dieser und ähnlicher Fra­gen abzugeben habe und noch immer abgebe, desto mehr sei es als ein weniger glückliches Unternehmen zu bezeichnen, wenn die eine oder andere Großmacht Neigung zeige, aus diesem gemeinschaftlichen Rahmen herauszutreten, um auf eigne Hand Balkanpolitik zu treiben. Ein solcher Versuch sei nicht nur bedauerlich, weil er nicht mehr ganz mit den Intrusionen der Londoner Beschlüsse sich decke, sondern auch bedenklich, weil er leicht dazu ge­eignet sei, die schwer erzielte Einmütigkeit der Mächte ins Wanken zu bringen. Und darum hatte daS

Vorgehen Oesterreich-Ungarns, dem später auch Italien sich angeschlossen hat, in Rußland nicht auf eine unbedingte Zustim­mung zählen können. Europa leide seit mehr als zwei Jahren an ner» ö f en Krisen, die geeignet seien, die Nervosität der Geschäftswelt ins Ungemeffene zu steigern und Europa in ein politisches Irrenhaus zu vrr- wandeln. Da müßten beim Vorstöße einzel­ner, die nur geeeignet waren, die politische und wirtschaftliche Nervenschwäche zu steigern, tun­lichst vermieden werden, lieber die russisch- österreichischen Beziehungen sagte der Ministerpräsident, sie wären zur Zeit seiner Abreise von Rußland vielfach b e s s e r, als in den vorhergehenden Jahren In Paris speziell feien russisch-österreichische Fragen in der Unter­redung zwischen ihm und dem österreichisch-un­garischen Botschafter berührt worden, die zu einer Klärung zwischen den beiden Monar­chien nicht unwesentlich beitragen würden, vor­ausgesetzt, daß die hierbei abgegebenen loyalen Erklärungen des Grasen Szecsen namens der Regierung gemacht worden seien. Hierbei konnte feftgeftettt werden, daß S e r b i en bei der beab- stchtigten Festsetzung in albanischem Gebiet aus

Bor hundert Zähren.

Die Rückkehr des Kurfürsten «ach Cassel: Eins Erinnerung an de« 2!. November 1813, von

Alfred Joeckel.

Kahl steht der Wflhelmshöher Wald. Der H e r b st bläst mit starken Lungen durch das Geäst und streift die letzten Blätter von den Waldriesen. So recht ein Wetter, um durch alte Burgen zu wandern und ihr geheimes Le­ben und Weben tiefer zu empfinden. Auch un­sere Löwenburg umlagert die Melancholie der Natur, und in ihren Hallen und Gängen scheint unser Schritt noch dumpfer als fönst zu dröh­nen. Kurfürst Wilhelm der Erste schuf sich hier die letzte Ruhestätte Mit mathemati­scher Nüchternheit wurde in jenen Zeiten über bie' Geschicke der Staaten und Völker Europas entschieden; eine sachliche, schlichte Natur offen­barte auch Wilhelm der Erste als Regent; die Begräbnisstätte aber, die er sich in der Löwen­burg erbaute, verrät, daß in seiner Seele bie R o man t i k lebte. Ein Mann, der sich um unser Hessenland viele Verdienste erwarb, der lange Jahre int Exil leben mutzte, ward hier zum ewigen Schlummer gebettet, Als Land­graf Friedrich der Zweite starb, war Cassel eine überaus glanzvolle Residenz. Dieser Fürst hatte die Wälle niederlegen und neue, schöne Plätze und Straßen erstehen lassen, und Cassel (im Zeitalter der Aufklärung) zu einer ange­sehenen Stätte der Kunst und Wissenschaft er­hoben. Sein Nachfolger Wilhelm der Neunte, der spätere Kurfürst Wilhelm der Erste, besei­tigte allen unnötigen Luxus, hob das Lotto, das Glücksspiel auf, schloß

die prunkvolle Oper, verkaufte die Menagerie, und das Carolinum wurde mit der Landesuniversität verschmolzen. Cassel trug wieder ein schlichtes Gepräge, aber der Bürger fand dennoch sein Brot und bil­ligte viele Beschlüsse des Landgrafen. Der Fürst, der sich in der Löwenburg seine Gruft suchte, empsand gewiß den einundzwan­zig st en November 1813 als den schönsten Tag seines Lebens. An ihm kehrte er, der von der sranzösischen Fremdherrschaft vertriebene, in seine Residenz zurück. Preußen hatte den Kamps gegen Napoleon gewagt, Blüchersche Regimenter zogen durch Cassel. Der Kursürst reifte selbst in das preußische Lager ab und er» wectte dadurch den Argwohn Napoleons, gab diesem hierdurch zum mindesten Gründe in die Hand um sein hartes Vorgehen zu rechffertigen. Der Kurfürst kehrte bald nach Eassel zurück. Neutralität war ihm sowohl von Preußen als von Frankreich zugesichert worden. Jena und Auerstädt sahen die preußischen Fahnen sinken, vom Leipziger Tore her eilten große Scharen von preußischen Flüchtlingen, waffenlose Hau­fen, nach Cassel und weiter ihrer Heimat West­fale« zu. Da rückten am letzten Oktober 1806 französische Truppen unter Mortier über Melsungen heran und lagerten abends, von Cassel aus sichtbar, an der Söhre. Um S Uhr nachts erhielten die Minister die ilung, daß Napoleon die feindliche Hal­tung des Kurfürsten bestrafen und Hefsen militärisch besetzen werde. Ein Wort- bruch mehr. Um halb acht Ubr verließ der Kurfürst am nächsten Morgen die Stadt: Die Besatzung wurde entwaffnet, Cassel stand

««ter sranzSffscher Gewalt.

Die Weltgeschichte nahm ihren Lauf, der acht­zehnte Oktober 1813 zog herauf, das Königreich Westphalen fiel wie ein Kartenhaus zusammen, und am einundzwanzigsten November 1813 lehrte der vertriebene Hessenfürst nach Cassel zurück.Hessen, mit Eurem Namen nenne ich Euch wieder ...!": So begann die Prokla- mat io n, die der Kurfürst am fünften Novem- ber 1813 erließ. Er fand freudige Auf­nahme in Cassel. Daß mit ihm die alte Zeit wieder einkehrte, hat auch Schlosser hart geta­delt. Piderit hingegen schreibt:Er suchte" mit weiser Rücksicht aus die Forderungen der Zeit das durch Erfahrung Erprobte mit dem Neuen zu verschmelzen, die alte und neue Zeit zu ver­söhnen." Tatsächlich geschah manches Gute, und es kamen Vertreter des B a u e r n ft a n des in die Landstände. Dasdurch Erfahrung Erprobte", um mit unserem Casseler Geschichts­schreiber zu reden, war die Privilegien- Wirtschaft. die nach den Befreiungskriegen Überall wieder lebhaft ausblühte. Am zwan­zigsten November erst erfuhr die Casseler Bür­gerschaft, daß am nächsten Tage das Landes­oberhaupt zurückkebren werde. Aber die weni­gen Stunden genügten, um die Häuser und Straßen zu schmücken und Triumphbogen zu er­richten. Und als der Morgen des historischen Tages anbrach, strömte die Menge hinaus zum Leipziger Tor. Markt und Brücke konnten die Menschen, die Kopf an Kopf standen, kaum sas- fen. Lauter Jubel tönte dem Fürsten entge­gen, die Behörden, die Geistlichkeit unb Ehren- ittngfrauen begrüßten ihn, junge Männex