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Echeler Neueste RDichtm

Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

3. Jahrgang

Dienstag, 18. November 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 293

Fernsprecher 951 und 952.

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Köpfeuüd Silhouetten.

Bismarck über seine Zeitgenoffen: Fürsten, Politiker. Diplomaten «nd Staatsmänner.

Hermann H o f m a n n, der Jahrzehnte hin­durch am Redaktionstisch der Hamburger Nach­richten saß (und grade in jener Zeit die po­litische Redaktion des Blattes leitete, in der Bismarcks G e i st als Mahner, Kritiker und Richter sich in den Spalten der Hamburger Nachrichten regte), hat jüngst seine Erinnerun­gen aus dieser vielbewegten Periode deutscher Reichs-Vergangenheit veröffentlicht (Fürst Bismarck von 1890 bis 1898"), und Manches, das uns der hellblickende und scharfsinnige Publizisten diesen Reminiszenzen erzählt, läßt erkennen, wie bestimmt und klar, wirklichkeit­treu und unbeirrbar der große Kanzler seine Zeit, seine Freunde und seine Gegner erkannt und erfaßt. Wir haben vor einigen Tagen un­ter der UeberschriftAls Bismarck ging" einige Proben aus Hofmanns Sammelwerk veröffent­licht, die unS den in des SachfenwaldS Stille verbannten Kanzler als hoch über dem Ge­strüpp politischer Intrigen' stehenden, weit- übers Schwadenmeer der Niederungen hin­ausragenden Giganten offenbaren, als den mit dem Schicksal Versöhnten, der von hoher Re­signations-Warte aus das Kampfgewirr zu fei­lten Füßen überschaut und den Groll gegen Schicksal und Undank stark gemeistert hat. In­teressanter noch als diese Dokumente vergang­ner Unruh-Zeit sind indessen die Aphorismen, Charakteristiken und Urteile Bismarcks über zeitgenössische Persönlichkeiten, deren schlagende Drastik und scharf-ausgeprägte physologische Erfassung den großen Kanzler als im Umgang mit Menschen zur Erkenntnis er- zognen Meister der Menschen-Schätzung zeigen. Einige Proben mögen's beweisen:

Der Großherzog von Bade«.

Seine Königliche Hoheit hat bei meiner Entlassung die Hand stark im Spiele ge­habt imd mehr als einmal dem Kaiser vorge­stellt, wie notwendig -es sei, daß er sich von mit trenne. Er hat es mir wohl nie recht vergessen können, daß ich mich seinerzeit der Er­füllung der von ihm gehegten elsaß-loth­ringischen Wünsche versagt habe. Und bei meinem Druck auf die Schweiz (Wohlge- muthaffäre, Niederlassungsvertrag) hat er be­fürchtet. daß ihm seine badischen Fensterschei­ben von der benachbarten Schweiz aus einge­worfen werden könnten. Sonst habe ich ihm meines Wissens keinen Anlaß gegeben, Partei gegen mich zu ergreifen, namentlich nicht in der Weise, wie eS geschehen zu sein scheint."

Dio Großherzogin von Weimar.

Als im März 1897 die Großherzogin von Weimar starb, gab der Fürst seinem herzlichen Bedauern über diesen Todesfall Ausdruck. Er hielt die Verstorbene für eine sehr be­deutende Frau und fügte hinzu, daß sie ihm eine gnädige Gesinnung, ähnlich wie ihr Gemahl und der Prinzregent von Bayern, durch alle Zeit hindurch bewahrt habe. Auch nach dem Berliner Interdikt von 1892 habe sie sich nicht von ihm abgewandt. So viel Klugheit. Umsicht und Wohltätigkeit hätten sich selten bei einer Fürstin auf dem Throne vereint gefun- den. Bemerkenswert id auch, daß sich die Großherzogin, obwohl von Geburt und nach Erziehung Ausländerin, stets als dent- s ch e Fürstin gefühlt habe, trotzdem Weimar ein sehr viel kleinerer Hof als der holländische fei und ihr Vaterland lange Zeit hindurch an­gesehener gewesen sei als das damals zerrissene Deutschland.

Johan« Albrecht vo» Mecklenburg.

MS Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg (der spätere Regent von Braun­schweig) den Fürsten im Jahre 1897 in Fried- richsruh besucht hatte, sprach sich der Fürst sehr anerkennend über ihn aus, wie er über­haupt für daS ganze Mecklenburgische Haus viel Sympathie hegte. Er äußerte, der Herzog Johann Albrecht fei ein tüchtiger, ehren­hafter, überzeugungs- und pflichtgetreuer Mann: er gemahne ihn in vielen Stücken, ip der Sprechweife und in der ganzen Art, sich zu geben, an feinen verstorbenen Vater. Auch dem in Cannes dahingeschiedeney Großherzog spen­dete der Fürst bei dieser Gelegenheit Lob, wie die Mecklenburger überhaupt geschickte und liebenswürdige Fürsten feien.

Finanzminister von Miquel.

Er ist ein f e h r b e f ä h i g t e r K op f, da­bei liebenswürdig und von großer Beredsam­keit, außerdem biegsam. Auffällig war mir an ihm, wie gut er stets mit dem Zentrum fer­tig zu werden wußte. Sobald Miquel auftrat, beruhigten sich die erregten Gemüter dieser Par­tei ersichtlich sofort. Es war. als ob man Oel auf ein stürmifch bewegtes Gewässer ausgegof- fen hätte. Manche glaubten von ihm, daß er nicht bloß mit dem Zentrum auf gutem Fuße stehe, fondern fogar Verbindungen mit dem Orden Jefu habe. Mir persönlich ist darüber nichts bekannt.. Aus welchem Loche er

als Finanzminister (zu dem er gerade ernannt worden war) herauskommen wird, mutz a b ge­wartet werden."

Exzellenz Ludwig Windthorst.

Er war und blieb ein politischer Gift­mischer, freilich ein geschickter. Gänzlich un­verständlich ist mir die Verherrlichung, die ihm be seinem Ableben auch von nationaler Seite in einer Tonart zuteil geworden ist, als ob in ihm ein Vater des Vaterlandes dahingeschieden sei. Wenn der Strahl der kaiserlichen Gnade, der aus Windthorst fiel, hinreichen konnte, die Auffassung weiter Kreise derart zu beeinflussen, daß sie in Windthorst nicht mehr einen Gegner des nationalen deutschen Kaiser­reiches mit protestantischer Spitze sahen, fondern einen Freund und eine Stütze desselben, so be­weist das, wie außerordentlich die Krone seit dreißig Jahren an Autorität gewonnen hat. Im Jahre 1862 würde alle persönliche Auszeichnung eines Mannes wie Windthorst nicht imstande gewesen sein, mehr aus ihm zu machen, als in ihr steckte, oder einen, wenn auch nur vorübergehenden, Umschwung des öffent­lichen Urteils über ihn hervorzurufen."

Bismarck war, wie alle großen Seelen, im Hassen ebenso stark wie im Lieben, und dieser Grundzug seines Charafters offenbart sich auch in den, Porträt-Sftzzen, in denen er seine Zeit­genossen zeichnet. Friedrich von Baden war niemals Bismarcks Freund; Bismarck erkannte, fühlte und empfand Das, empfands auch in den Tagen, als er in des Ruhmes Zenith stand und sein Wille unumschränkt das Reich regierte. Als nach dem Schicksaljahr 1888 der stille, aber umso erbittertere Kampf zwischen dem Willen des jungen Kaisers und der Autorität des eher­nen Kanzlers begann, war dieStimme aus Karlsruhe" eine der lautesten Rufer im Streit, und es ist bezeichnend für die damals am Werk gewesnen Einflüsse, daß Bismarck noch an sei­nes Lebens Feierabend mit Groll und Bittec- keit von dem fürstlichen Gegner sprach, der un­ter drei Kaisern nicht müde geworden, Bis­marcks Werk und Pläne zu erschweren. Was der Kanzler über Miquel sagt, enthält in markigen Strichen Alles, was über daspo­litische Chamaeleon" im preußischen Finanz­ministerium zu sagen ist: Tüchtig, befähigt, klug, umsichtig, aber ... biegsam; biegsam wie ein Rohr im Winde. Biegsam, und drum nicht ver- läßlich. Die Biegsamkeit hat sich gerächt, und Miquels Abschied wurde zur Tragödie mini­sterieller Geschmeidigkeit, Historisch-charakte­ristisch ist das Urteil des Kanzlers über Windt­horst, den Antipoden des leitenden Staats­manns. Noch ehe die letzte Woge des Kultur­kampfs facht verschäumte, wurden zwischen Bis­marck und Windthorst Versöhnungs-Verhand­lungen angebahnt; die Gegner erstrebten eine Verständigung, und tatsächlich hat denn auch Windthorst damals dem Kanzler Entgegenkom­men versprochen und erwiesen. Im Urteil Bis­marcks konnte diese Tatsache allerdings keines Gedankens Hauch umwandeln: Für den Kanz­ler blieb Windthorst derGiftmischer"; mochte er auch noch so oft die Kunst dieses Giftmischers" sich dienstbar gemacht haben!

F. St.

November Stimmungen.

Die Norddeutsche über das Balkanproblem.

Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zei­tung widmet in ihren Wochen-Rückblicken den neuesten Ereignissen am Balkan besondere Aufmerksamkeit. Sie schreibt: Dank dem von allen Großmächten bekundeten Interesse an einem befriedigenden Ausgang der grie­chisch-türkischen Verhandlungen in Wien und namentlich dank einem leisen, aber wirksa­men Eingreifen Rumäniens wurde der F r i e « densschluß zwischen der Pforte und Grie­chenland unter Dach gebracht.

Damit ist ein weiterer Schritt zur Festi - gungder Orientfrage vollzogen. Die wegen der Abgrenzung Süd-Albaniens und wegen der Jnselfrage noch bestehenden Schwierigkeiten lassen sich zweifellos auch auf einem ftiedlichcn Wege beseitigen. Unter die­sem Gesichtspunkt ist es zu begrüßen, daß der russische Ministerpräsident Kokowzew während der nächsten Tage nach Abschluß sei­nes Pariser Aufenthaltes in Berlin verwei­len will. In der Aussprache des russischen Gastes mit Kaiser Wilhelm und seinen Rat­gebern werden sich die günstigen Ein­drücke noch verstärken, die bei dem kürzli­chen- Besuch SasanowS für das fernere ein­trägliche Zusammenwirken der Groß­mächte in den noch ungelösten Fragen der Orient - Politik hier geweckt wurden.

Ein Privattelegramm aus Sofia berichtet uns: In einer Versammlung der Re­gierungspartei verlas gestern vor dicht gefüll­tem Saale Minisierpräsident Radoslawow das Re-ierungsptogramm für die be­

absichtigten wirtschaftlichen und kulturellen Re- formen. Fissanzminister Tondscheff erklärte, die Regierung werde bemüht fein, die erschütterte Finanzlage des Landes durch Steuerrefor­men wieder aufzurichten und zu sichern.

Am Borabend der Krieges?

Präsident Huerta weicht nicht zurück!

Die letzten Telegramme aus Mexiko lassen die Situation ernster als je erscheinen. Prä­sident Huerta weigert sich entschieden, nachzugeben. Dadurch wird nicht allein ein Ein­schreiten der Vereinigten Staaten wieder in den Bereich der Wahrscheinlichkeit gerückt, son- bent auch die Gefahr eines Pöbelaufftandes mit fremdenfeindlichen Begleiterscheinungen. Allerdings brachte die Norddeutsche Allgemeine Zeitung noch am Sonnabend in ihrer Wochen­rundschau allerlei friedliche Randbernerftrngen zum amerikanischen Konffikt, aber die Wirklich­keit pflegt sich bekanntlich um offiziöse Kalkula­tionen wenig zu kümmern. Die neuesten Depe­schen melden:

Ei»e Erklärung des Präsidenten. (Draht-Meldung.)

Mexiko, 17. November.

Wie offiziell bekanntgegeben wird, hat Präsident Huerta am Sonnabend erffört: Ich werde von meinem Posten nicht weichen, sondern wie bisher fortfahren, mein Bestes zu tun, um die Ruhe des Lan- des flcherzustellen und mein Versprechen zu erfüllen, das ich bei dessen Uebernahme gege­ben habe." Huerta gab zu, die Verhältnisse könnten sich derart entwickeln, daß die Aus­länder in unmittelbare Gefahr kä­men, und er fügte hinzu, daß er in diesem Falle alles tun werde, um sie zu schützen. ES sei wahr, daß der Pöbel sich erheben könnte, aber er werde nicht zögern, die strengsten Maßnahmen anzuwenden, um die Ord­nung wiederherzustellen und die Schuldigen zu bestrafen. Unter allen Umständen sei er entschlossen, sein Pazifizierungsprogramm durchzuführen. Der englische Gesandte Gar­den teilte allen Engländern durch die Konsu­late ein Communique mit, daS der amerika­nische Sondergesandte Lind an Huerta gerich­tet hatte und forderte sie auf, sich bereitzu h alt en, auf die erste Mitteilung hin sich an besser gesichette Orte zu begeben. Diejenigen, . die weiter entfernt feien, sollen sich in großen Zentren sammeln,, von wo aus sie sich leich­ter zu retten vermöchten. Garden versicherte, den amerikanischen Geschäftsträger der engli- schen Unterstützung bei der Haltung deS Prä­sidenten Wilson gegenüber Mexiko und Huerta.

Aus N ew y o r k wird uns in einem P r i- vat-Telegramm berichtet: Die Einnah­me der Grenzstadt Juarrez durch den mexi- kaniscken Rebellengeneral Villa erfolgte nach sechsstündigem Straßenkampf. Die Verluste der Konstitutionalisten werden als gering bezeich­net, während die Verluste der mexikanischen Bundestruppen unter General Castro bedeu­tend sein sollen. General Castro U?.6.ülLr d j e Grenzeauf amerikanisches Gebiet, vcun- mehr befindet sich der ganze Norden Merikos in den Händen der Konstitutionalisten als de­ren provisorischer Präsident der General C a r - r a n z a gilt. General Villa Plant ein Vorgehen auf die Hauptstadt Meriko, um Huerta zur A b- dankung zu zwingen.

Die Gefahr der Lage.

Mexiko, 17. November, (ißrttiat Ze­le g r a nt m.) Die Lage ist bis aufs Aeußerst gespannt. Die Gattin des ftanzöstschen Gesandten hat sich gestern nach Veracruz bege­ben. Die Leiter der Cowdrays Oil Company sind angewiesen worden, alle Frauen und Kinder, und auch die Männer, die es verlan­gen, nach Veracruz zu senden. Nach einem Te­legramm aus El Pasow haben die mexikani­schen Rebellen begonnen, die bei der Einnahme von Juarrez gefangen genommenen Bundes- Soldatenzu erschießen. Ein Teil der Rebellen sammelt sich um Orizaba. Durch die Einnahme dieser Stadt würde der Bahnverkehr mit der Küste völlig unterbrochen werden.

Die Ehescheidung im Königshaus.

Die Schuld liegt auf beiden Seite«.

(Privat-Telegram m.)

Stockholm, 17. November.

In der Ehefcheidungsfache des Prinzen Wilhelm von Schweden wird heute bekannt, daß die v ö l l i g e T r e n n u n g der nach schwe­dischem wie russischem Ritus aeschloffenen Ehe nun sicher ist, nachdem von russischer Seite die Zustimmung dazu gegeben wurde. Zur Regelung der finanziellen Auseinandersetzungen reist der bekannte Stockholmer Jurist K ö r s n e x dem­nächst nach Petersburg, lieber di« Gründe

der Scheidung verlautet, daß die Schuld auf beide« Seiten des prinzliche« Paares zu suchen sei, doch habe man den Eindruck, daß hauptsächlich die Prinzessin wiederholt durch ein wenig standesgemäßes Auftreten Rücksichten außer acht gelassen habe, die ihre Stellung geboten.

Richard Sehmrl.

Richard Dehmel als Dichter und Mensch t Zu seinem SV.Geburtstag am 18. November, von

Dr. Albert Dresdner.

Richard DehrnelS ganze PerfönltchkeU trägt daS Gepräge einer entschiedenen Ortgtnalttät. Ta» gilt nicht nur für den Dichter: DaS gilt auch für den Menschen und für fein Leben, Man möchte wün­schen, daß Dehmel sich einmal zu einer ausführ­lichen Seibstbtographie entschlösse: bisher liegen dazu nur Ansätze in verstreuten Mitteilungen und Aeutze» rungen vor, die Dehmel zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Gelegenheiten über sich und die Sefchtchte seines Lebens und Schaffens gemacht hat Aber auch hierin findet stch bereit» viel An. ziehende» und für Richard Dehmel LharaNeristlscheS.

Es ist charakteristisch für Richard Dehmel. daß er ausdrücklich seine märkische Ab­stammung betont. Ich bin (schreibt er ein­mal) geborener Märker, nicht Berliner; wir echten Kinder der Marl empfinden Berlin als eine Art fremden Ungetüms inmitten unserer Heimat. Seine Schulzeit am Berliner Sophien-Gymnasium charakterisiert der Dichter in folgenden Sätzen: Ich gehörte immer zu den besten Schülern, war aber den meisten Lehrern wegen meines ungebundenen und manchmal auch Wohl unbändigen Geistes verhaßt. Jteä führte in der Prima zu einem so heftigen Zu­sammenstoß mit dem orthodoxen Direktor, daß meines Bleibens im Bannkreis der Berliner Schulhierarchie nicht länger war; ich ging nach Danzig und machte dort in einem halben Jahre mein Abiturienten-Examen, trotzdem man mich in Berlin hatte anderthalb Jahre zuruckstellen wollen, wegen Unreife. Das Amt des Ver­bandssekretärs deutscher Feuerversich^ rungs-Gesellschaften, das er von 1887 bis 95 inuegehabt hatte, scheint für ihn eine große Qual, aber auch von großer innerer Be- deutung gewesen zu fein. Er schreibt dar- übet: In diesem Amt mit seinem peinlichen Bureaudienst, der mich manchmal der Ver- zweiflung nabe brachte, lernte ich Selbst- deherrschung und gab meine ersten drei Gedicht­bücher heraus. Es ist mir nämlich wie de« Singvögeln ergangen, die meist erst ttn Käfig ihre volle Stimme entwickeln; vor meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahre habe ich nichts gedichtet, was der Rede wert gewesen wäre, und erst vom vierundzwanzigsten ab lernte ich mich alS Künstler züchten. Dann freilich wurde das FreiheitS-Bedürfnis,

das aller Kunst (auch der im Vogelsang) letzi- innerste Triebfeder ist, allmählich wieder statter und stärket, und als ich mir gestehen durste, daß meine künstlerische Wirkungskraft mich dazu berechtigte, gab ich mein bürgerliches Amt nach siebeneinhalbjähtiget Tätigkeit auf, zweiund- dreißig Jahre alt. lieber seine dichterische Ent- Wicklung hat er sich folgendermaßen geäußert: Zum Künstler erwachte ich erst dadurch, daß meine Braut mit eines Tages sagte:Du liebst nut ein Traumbild von mit, Du bist ein Dichter", und noch durch folgende Entdeckung: Ich hatte meine Liebesgedichte zu einer Art Novelle zusammengestellt, mit Zwischengliedern in Prosa, also in ähnlicher Att, wie Dantes Vita nuova. Das war wohl daher gekommen, daß ich damals (1886) ganz und gar unter der Einwirkung klassischer Lektüre dichtete; aber ge- rabe die Dantesche Konfessions-Novelle hatte ich noch nicht gelesen. Nun bekam ich siezu­fällig" in die Hand und wat natürlich nicht we­nig erstaunt, über die Aehnlicheit der Kompo- sitton. Eine Zeitlang schmeichelte ick mir dieiet posthumen Reinkarnation; schließlich aber (ich war inzwischen sechsundzwanzig Jahre alt ge­worden und die jüngste deutsche Bewegung hatte mich ergriffen) schämte ich mich meiner unbewußten Nacktreterei und ... ver­brannte das Manuflript. Daß aber bereits früher schon in Dehmel

starkes dichterisches Lebe« keimte, läßt stch aus einet anderen Aeußerung des Dichters, die wir einer in diesen Tagen bei Fischet in Berlin erscheinenden Schrift von Emil Ludwig entnehmen, ersehen. Mit acht­zehn Jahren (so erzählt Herr Dehmel) kam ich zum ersten Male aus der Fläche der Mark nach dem bergigen Süden. Da sah ich auf dem Kamme Wolken lagern. Das wat mit neu, ich dachte: Hier sind ja so viele Kohlenmeiler. Aber als die'Wolken zu wandern begannen auf dem Stamm: Da fiel mit ein, wie Gott vor dem Volke Israel in einer Wolke einherzog. Davon wat ich erschüttert ... I Wie schwer er mit dem dichterischen Ausdruck gerungen hat, läßt sich aus bet, zwar scherzhaft gemeinten, Aeuße­rung erkennen: Wenn ich noch eine gewisse Leichtigkeit des Ausdrucks hätte, wäre ich ein Genie ersten Ranges. So bin ich eigentlich nut ein geniales Monstrum! Et nannte sich einen Dichter, bet sichmeistens von komplizierten Impulsen anregen läßt, die et bei rhythmisch lebhaftestem Tempo in unvermutet einfachem Zuiammenklang" setzt. Die Unzulänglich-