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Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Sonntag, 16. November 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 292

Fernsprecher 951 und 952.

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Wladimir Kokowzew.

Der russische Premier - Minister in Ber­lin; Wladimir Kokowzew beim Kaiser, von

Dr. Kurt Ulhnann.

«Ein Prtt>at-Lelrgrm»m aus Berlin d«. richtet uns: Wie jetzt festfteht, sind für den Besuch des russischen -Premier - Ministers Kokowzew in Berlin vier Lage (von Mon­tag bis Donnerstag) in AuSficht genommen. Am Mittwoch wird Kokowzew vom Kaiser in Audienz empfangen, nachdem am Lag« vor. Per Konferenzen zwischen dem Reichskanz­ler nnd dem russischen Staatsmann stattge- funden haben «erde». Auch mit dem Staats« fekretiir des Auswärtigen Amtes wird Herr Kokowzew eine Unterredung haben.

Wladimir Kokowzew, der russische Mi- nisterpräsident, wird in der kommenden Woche mehrere Tage in der deutschen Reichshauptstadt weilen und (wie es heitzt) auch vom deutschen Kaiser empfangen werden. Kokowzew, der er vorgezogen hat, di« Kiewer Prozeß.Wochen im Ausland zu verbringen, und daher aus Ge­wissensnöten einen längeren Erholungsurlaub autrat, ist bereits seit einiger Zeit wieder so­weit hergestellt, daß er einen anstrengenden und bedeutungsvollen Besuch in der Seinestadt un­ternehmen konnte. Russen-Minister reisen gern zu ihrem persönlichen Vergnügen durch Euro­pas Hauptstädte, und wenn bei dieser Tour politische Ergebnisse ab fallen, so ist das nur doppelt erfreulich. Das Angenehme verbindet sich mit dem Nützlichen, und man macht Politik sozusagen ohne Verbindlichkeit. An der Seine gibt er immer einen wundervollen Empfang; allerdings mögen ihn Rußlands Diplomaten nicht ohne alle Beklemmung entgegennehmen, denn in der dritten Republik ist man entweder zu indiskret und erzählt laut, mit bedeutsamen Blicken nach Osten, was man im Zarenreich nur heimlich zu denken wagt, oder aber Paris zieht in heller Begeisterung Schlüsse, die keines­wegs den Russen nach dem Geschmack liegen. So muß denn immer die Dementier- und Be- richttqungsmaschine in eifrige Tätigkeit treten, ohne daß dadurch indessen allzu viel gutgemacht werden könnte. Wie man heute erfährt, haben diestrategischen Dahnen" Kokowzews nur finanztechnischen Charakter. Der Mini­sterpräsident pries mit warmen Tönen die wei­tere wirtschaftliche Erschließung des westlichen Zarenreichs, und dank ähnlicher Vorfälle weiß man, daß auf solche Weise der harte Boden beackert werden soll, auf dem Weizen französi­scher Eisenbahn-Anleihen demnächst erblühen wird.

Daß Kokowzews diesjährige Erholungs­fahrt nur von den friedlichsten Absichten getragen wird, geht ohne weiteres aus dem verhältnismäßig langen Berliner Aufenthalt hervor. An der Spree steht man gegenwärtig unter dem Zeichen des kleinastatischen Bahn­baus, und so werden sich -Gesprächsthemen sehr leicht ergeben, die auch das besondre Interesse des russischen Staatsmannes erregen dürsten. Der Vertreter der Hohen Pforte, Dschawid Bei. ist immer noch mit den Vorarbeiten zur Lösung der Bagdadbahnfrage beschäftigt. Seine Ver­handlungen mit dem Auswärtigen Amt sollen sich daran erst anschlietzen, und so kommt denn Kokowzew grade zur rechten Zeit nach der Berliner Wilhelmstraße, um noch in manchen Punkten Aussprache und Aufklärung zu ermöglichen. Unter diesen Umständen geht man kaum in der Annahme fehl, daß es sich in Berlin (soweit überhaupt die hohe Politik in Frage kommt) um weitere Ausgleiche in der Bagdadbahn-Angelegenheit handeln wird, und daß persische und armenische Fragen besprochen werden sollen. Bekanntlich neigt man an der Newa zu der Anschauung, daß deutscherseits den russischen Bestrebungen, die sich in erster Linie auf den Einfluß in Arme­nien erstrecken, entgegengetreten werden könnte, obwohl man sich nicht verhehlt, daß die deutsche Orientpolitil sich jetzt vornehmlich auf das Ge­biet der Bagdadbahn beschränken will, wie denn auch das deutsche Kapital durch das Bagdad- Unternehmen soweit festgelegt ist, daß sich außerhalb dieser weilergreifende Pläne von selbst verbieten müssen.

Zweifellos hat die deutsche Regie­rung bezüglich Armeniens ihre ganz be­stimmte eigne Auffassung, die von der der Triple-Entente abweicht. Wenn man in der Berliner Wilhelmstraße mit unbeugsamer Zä­higkeit an dieser Auffassung festhält, die auch vor wenigen Wochen dem russtfchen Aüsland- Minister Ssasanow gegenüber bei seinem kur­zen Berliner Aufenthalt vertreten worden ist, so entspringt eine solche Politik weitschauenden Erwägungen. Deutschland war bißher immer noch die k r ä s t i g st e Hemmung, die die Ausrollung der so gesährlichen armenischen Frage ersolgreich verhindert hat, und es ist willens, diese Taktik mit Nachdruck sortzusetzen. solange die Umstände noch so liegen, wie sie

heutigentags das türkische Kleinasien - aufzeigt. Im übrigen aber ist die gegenwärtige Politik Europas von einer befriedigenden Glätte. Trotzdem ein Mangel an Zündstoffen keines­wegs eingetreten ist, sind diese doch so Wohl geborgen, daß man zumindest einem sorg e n- losen Winter entgegensetzen kann. Dem­entsprechend werden auch die Unterhaltungen zwischen dem russischen und den deutschen Diplomaten die Ueberwindung mancher Krise, die Einmütigkeit der Gesinnung und den ehr­lichsten Verständigungswillen der Großmächte konstatieren. Herr Kokowzew wird mit Be- dauem von den freundlichen Empfängen seiner Erholungsreise in sein Vaterland zurückkehren^ wo ihn schwarze Sorgen die Hülle und Fülle erwarten. Rußland steht wieder einmal vor schwierigen Zeiten, darüber gibt sich niemand Täuschungen hin. Es wird ein letztes Aufflackern kommen, um zu retten, was die be- rühmten Oktobertage brachten, und was lang­sam Stück für Stück ins Dunkel zurückfiel. Daß Kokowzew der Mann sein wird, mit fester Faust Ordnung zu schassen, schien schon seit langem manchem fraglich . . .!

Hochwasser im Men.

Regen und Schnee in SüddeutschlandI

Wie die Fulda führt auch die Mosel seit zwei Tagen Hochwasser. Während dieser Zeit ist die Mosel um drei Meter gestiegen und überflutet die Ufer. Die Schiffahrt mutzte ein­gestellt werden. Auch der Oberrhein steigt andauernd, da ihm aus den Alpen große Was- sermengen zufließen. Der Neckar ist stellen­weise über seine Ufer getreten. Wir erhalten folgende Draht-Meldung:

Die November-Hochflut.

(Privat-Telegramm.) Karlsruhe, 15. November.

Nach kurzer Unterbrechung haben gestern die Niederschläge in ganz Südwest­deutschland erneut eingesetzt. Seit den Frei­tag-Morgenstunden gehen wieder st a r k e R e- genfälle in Baden, Württemberg und El­saß nieder. Die Bergbäche sind weiter ange- fchwollen und überfluten vielfach die niedrig gelegenen Nferdämme, streckenweise auch die Felder und Wiesen, wobei namentlich die Wintersaat leidet. Der O b e'r r h r i n steigt gleichfalls andauernd, da die Flüsse und Bäche im Blpcngebiet ihm viel Wasser zu­führen. Das Donautal ist teilweise überflutet, ebenso ist der Neckar verschie­dentlich ausgetreten. Er überflutet bei Mann­heim das Vorland, so dass die Neckarschiflahrt eingestellt werden mußte. Bei Göppingen richtete das Hochwasser der Filz an den Ufer­mauerbauten größeren Schaden an, die Ver­schalungen wurde losgerissen und fortge- /schwemmt Die Dreisam bei Freiburg ist über dir Ufer getreten und überflutet bei dem Nimburiipr Bahnhof den Damm, so daß die Züge stellenweise nicht passieren können. Ebenso steigt das Wasser der Murg, die be­reits die niedrig gelegenen Stellen bei Plit­tersdorf unter Wasser gesetzt hat. Im hohen Schwarzwald, sowie auf den Kämmen der Vogesen hat heftiges Schneegestö­ber eingesetzt, und die Berge zeigen sich bis 1200 Meter herab im Winterkleide. Hoch­wassergefahr besteht auch im Elsaß, wo verschiedene Flüsse, so die Fecht und die Jll, ausgetreten sind. Die Jll hat übrigens die Ortschaft Jllhäusern teilweise u n t e r W a s - fer gesetzt. Manche Ortschaften sind so bedroht, daß ein Nacht-Sicherheitsdienst ein­gerichtet wurde. In den letzten vierund­zwanzig Stunden ist der Oberrhein durch­schnittlich um sechzig Zentimeter gestiegen.

Aber nicht nur in Süddeutschland, sondern auch in Ost- Frankreich besieht Hochwasser- Gefahr. Wie uns ein Telegramm aus P a r i s meldet, ist die Lage in der Gegend zwischen Cbarollcs. Ehalon für Saone, Cbalon sur Mar­ne und Dole besonders bedrohlich. Zahlreiche Dörfer stehen vollkommen unter Was­ser Bei Marngy wurden zwei Bauern samt ihren Wagen fortgeschwemmt und er­tranken. Seit Donnerstag gebt ununterbrochen Regen nieder und die Hochwasser-Gefahr wird stündlich größer.

Neuer Zchneesturm in Amerika.

Drei Schiffe tm Sturm untergegangen.

Chicago, 15. November. (Privattele 0io mm.) Ein zweiter Schnee st urm. der ebenso heftig war, wie der Blizzard zu Beginn der Woche, fegte in der vergangenen Nacht über den Huron-See. Drei Schiffe, denen es gelungen war, vor dem ersten Sturm in einem Hifen Schutz zu suchen, wurden von dem Orkan aus hoher See überrascht. Alle drei Schiffe sind untergegangen. Man glaubt, daß bte

Mannschaft verloren ist, da es unmög­lich war, den Schiffbrüchigen Hilfe zu bringen. Die Zahl der Menschen, die bei dem Schnee­sturm der letzten Woche ums Leben gekommen sind, wird auf rund dreihundert geschätzt.

Sie Spione vom Maß.

Drei Jahre Zuchthaus für Cruy.

Wie wir schon telegraphisch berichteten, ver­handelte das Reichsgericht in Leipzig ge­stern gegen den am 28. März 1878 in Mühlhau­sen im Elsaß geborenen und dort wohnhaften Chauffeur und Mechaniker L e o C r u y und den am 26 April 1881 geborenen, gleichfalls von dort stammenden, aber in Forbach wohnhaften Handlungsgehilfen Aloys Claer wegen Verrats militärischer Geheimnisse. Claer war nickf erschienen, da er noch auf seinen Geisteszu­stand untersucht werden soll. Gegen Crutz wurde deshalb allein verhandelt. Den Vorsitz führte Senatspräsident Dr. Menge. Ankläger war Reichsanwalt Dr. Schweigger. Als Sachver­ständige waren Major Freiherr von Gall vom preußischen Kriegsministerium und Polizeirat Bauer-Straßburg geladen worden. Cruy hat schon mehrfache Vorstrafen erlitten. Im Jahre 1909 mußte er seine Stelle bei einem Fabrikan­ten in Mühlhausen aufgeben. Von diesem Zeit­punkte an hat er nur vorübergehend Stellun­gen bekleidet. Er ist im Ausland e, so auch in der Schweiz und England, gewesen. Nach seinen Angaben mußte er aus seinen Stellungen immer wieder scheiden, weil ihm sein Lohn we­gen einer Alimentationsforderung gepfändet wurde. Wie der Vorsitzende feststellte, ist er auch wegen Trunksucht entlassen worden. Cruv war jetzt angeklagt, daß er im April die­ses Jahres in Mühlhausen sich eine geheim zu haltende Schrift, und zwar ein A u s r ü - stungs - Nachweisungsverzeichnis über die Munition für Festungsgeschütze vom 10. Mai 1905 verschafft habe, um es an eine auswärtige Macht abzugebcn. Die Beweisauf­nahme fand in nichtöffentlicher Sitzung statt.

Das Urteil gegen Cruy lautete auf drei Jahre Zuchthaus, fünf Jahre Ehren­rechtsverlust und Stellung unter Polizei- mifsicht. Auf die Freiheitsstrafe werden vier Monate der Untersuchungshaft ange­rechnet. Cruy nahm das Urteil ruhig auf.

Zur Begründung des Urteils wird aus- aefnbrt: Der Angeklagte steht seit Januar 1909 in dem Verdachte, mit dem französischen Rachrichtenbureau in Verbindung zu stehen. Er hat auch zugegeben, daß er Spio­nageaufträge erhalten hat, er will sie aber abgelebnt haben Dem entgegen machte er sich im Jabre 1913 wieder dadurch verdächtig, daß er sich rühmte, verschiedene geheime Gegenstände dem französischen Nachrichtenbureau geliefert und dafür namhafte Geldbeträae er« ballen zu haben. Mit dem Auftrag, ihm ge­heime Sachen zu verschaffen, wandte er sich an einen Bekannten, der im Einverständnis mit der Polizei sich den Anschein gab, als wolle er dar­auf eingehen. Es kam zu wiederholten Reisen nach Belfort und zu Konferenzen des An­geklagten mit Angestellten des französischen Nachrichtenbureaus. Nach der fünften Reise war der Angeflagte im Besitz einer deutschen militärischen Druckschrift, die, wie er wußte, im Interesse der Landesverteidiaung ae- beim zu halten war. Um diese dem französi­schen Nachrichtendienst zu überbringen, begab er sich mit ihr nach dem Bahnbofe in Mülhausen, löste eine Fahrkarte nach Belfort, durchschritt die Bahnsteigsperre und wurde hier vor dem Besteigen des Zuges von der Polizei ver­haftet, wodurch er an der Ausführung sei­nes Planes verhindert wurde. Dies? Tatsachen, die von dem Angeklagten im we'entlichen zuge­geben worden sind, enthalten den Tatbestand des versuchten Verbrechens gegen das Svio- nagegeietz. Bei der Strafausmessung ist dem Angeklagten zugute gerechnet worden, daß er von Anfang an geständig gewesen ist.

*

Die Sensation von Stockholm.

Stockholm. 15. November. (Privat­telegramm.) Die hiesigen Blätter bringen immer neue Enthüllungen in der Eheschei­dungs-Affäre des Prinzen Wil­helm von Schweden, die es fast zur Gewiß­heit macken, daß die Gattin des Prinzen, die russische Großfürstin Maria Pawlowna, in die jüngst in Stockholm aufgedeckten russischen Spionage-Umtriebe verwickelt gewesen ist, und in der Affäre sogar eine hervorragende Rolle gespielt hat. Man erwariet für die näch sten Tage eine offizielle Erklärung des Hofes zu den sensationellen Mitteilungen der Presse, die die Prinzessin aus das schwerste be­lasten.

Die neueste Auto-Katastrophe.

Leber hundert verletzte Passagiere.

Nizza, 15. November. (Privat - Te­legramm.) Ein Automobil - Ausflugs­wagen, der voll besetzt war, stieß gestern abend mit einem elektrischen Straßenbahn- zuge, bestehend aus drei Wagen, zusammen.

Fünf Personen wurden schwer verwun- d e t und mußten sofort ins Hospital gebracht werden. Die Zahl der leichter Verwundeten beträgt über hundert. Tote sind glückli- cherweise nicht zu beflogen. Das Automobil wurde vollständig zertrümmert und der Stra- ßenbahnzug wurde schwer beschädigt. Die Straße war zwei Stunden hindurch für den Verkehr gesperrt.

Aus Hessens alter Zeit. Valentin Mnhly und die Schlacht bei Riebelsdorf am 15. November 1640, von

Heinrich Velsbadi-Cassel.

In der breiten Schwalmebene, die sich süd­östlich der Bahnlinie Cassel-Frankfurt bei Treysa ausbreitet, liegt die alte Festung Z ie- gen ha in, deren breite Gräben noch von bet Stärke des kleinen Restes zeugen, das bis heute sprichwörtlich geblieben ist in Hessen:Fest wie Ziegenhain". Von Landgraf Philipp park besestigt, berühmt durch Heinz von Lüden, so lag sie da auf der Grenzscheide von Ober- und Niederhessen, ein Bollwerk gegen jeden Hessen kreuzenden Feind. Um ein Ereignis aber hat die Sage ihre Ranken gesponnen, so daß es erst vieler Mühe bedurfte, um die histo­rische Wahrheit festzustellen: In jeder Form aber ist derTag von Riebelsdors" ein E h r e n- t a g für die Bürgerschaft der alten Feste. Schon über zwei Jahrzehnte hatte der Krieg Deutsch­land durchtobt, hatte namentlich in Hessen das Karjahr 1637 entsetzliche Spuren gezogen, da Wälzte sich eine neue Wetterwolke im Spät- el640 gegen die uneingenommene Feste

. Der weimarische Oberst Rosen, der mit anderen protestantischen Truppen den Som­mer über bei Wildungen gestanden, muhte der Uebermacht der Kaiserlichen weichen und zog sich mit etwa 700 Panzerreitern unter die Ka­nonen von Ziegenhain zurück. Streifzüge in die Umgegend brachten ihm kleine Erfolge, aber von zwei Seiten wandten sich Anfang Novem­ber zwei kaiserliche Korps gegen ihn: Feldmar­schall-Leutnant von Breda und sein Gene­ralwachtmeister Gil de Hase, ein getaufter Jude, zogen mit 3000 Panzerreitern über Als­feld und Neukirchen heran, und schon am 13. November wurden beider Parteien Posten bei Niedergrenzebach handgemein; Breda mußte zurück bis Neukirchen. Der zweite kaiserliche Haufe unter Mercv d'Argenteau nahte mit 1500 Reitern, acht Geschützen und 2000 Fuß­soldaten über Kirchhain und Neustadt. Da ent­schloß sich Rosen, der selbst inzwischen noch Ver­stärkungen empfangen, und nun über 2200 Rei­ter, 200 Fußgänger und Bürgerschützen aus Ziegenhain nebst zwei Geschützen verfügte, zur Schlacht, ehe beide Korps sich vereinigt. Und nun erzählt die Sage, daß vor dem Tage der Hauptmann der Bürgerschützen Valentin Muhly sich

nach Riebelsdorf geschlichen, angeblich, um Vieh zu kaufen, und im Quar­tiere sich den feindlichen General angesehen, wie er, etwas angezecht, mit Kreide vor sich auf den Tisch geschrieben:Heute in Bornhausens Haus (sein Quartiergeber), morgen in Weich- haus". Weichhavs war die nur leicht befestigte Vorstadt von Ziegenhain, die noch heute, zum Unterschied von derFestung", den alten Na­men führt Andern Tages im Treffen trug dann Muhly ibm seine Kugel an, und durch den Armschlitz seiner Rüstung getroffen, stürzte der stolze Führer der Kaiserlichen zusammen, wäh­rend die Seinen, der Führung beraubt, in wil­der Flucht davonliefen. Bredas Leichnam ward nach Ziegenhain gebracht, dort vor dem alten Brauhause, wo heute das Rathaus in Weich- Haus steht, auf einen Stein niedergelegt, den er mit seinen sieben Fuß Körperlänge gerade ausgefüllt. Sein Schwert wird noch heute im Rathause in Ziegenhain gezeigt. Die Stätte aber, von der aus Muhly den glücklichen Schuß abgegeben, bezeichnet eine Säule rechts der Straße Ziegenhain-Neukirchen, während etwa 150 Schritt davon links der Straße ein Obelisk den angeblichen Stand Bredas bezeichnen soll. Wahres und Falsches hat sich, wie in jeder Sage, so auch in dieser, gemischt. Bleiben wir aber einmal int Bilde, wie es sich aus den ver­schiedenen Untersuchungen ergibt. Nachdem Ro­sen am Abend des vierzehnten November klar seine Lage übersehen konnte, ging er so weit vor. daß" seine Mannschaften in dem Struth­walde, nur durch eine kleine Viertelstunde von den an der Steina ausgestellten kaiserlichen Vor­posten getrennt war. Das kleine Häuflein Fuß­volk bildete mit den Geschützen den Rückhalt, sobald jedoch die Hauptmasse zum Angriff über­ging, kam es mehr und mehr aus den linken Flügel zu stehen. Oberst Müller mit seinen 800 Reitern hatte den Auftrag, zwischen Rosen und der Infanterie durch den Riebelsdorfer Hute- wald hindurch in die rechte Flanke Bredas zu stoßen. Alles ging nach Wunsch. Im ersten Morgengrauen des fünfzehnten November stürzte sich Rosen mit dem ersten Treffen im Galopp auf

dir Vorhut Bredas, warf sie zurück, stieß aber dann auf der Höhe auf stärkere Massen Kaiserlicher und mußte erst sein zweites Treffen abwarten, das i"-essen bald herankam. Nun ging der Angriff mit