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Nummer 291

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 15. November 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Rovember-Mmmmg. Kritische Rückblicke auf die Politik der Woche: Haber«, Balkanfriede und Zuanschikai, von

Dr. jur. Georg Schippmann.

Ein Land konnte sich bis zum heutigen Tage in den Reichsverband nicht mit jener or­ganischen Notwendigkeit einfügen die allein eine harmonische Entfaltung der Kräfte gewährlei­stet: E lsa ß - L oth r in g en. Gründe volks- pshchologischer und historischer Art sind die trei­benden Kräfte. Und aus diesem Zustand, der Vielen, beklagenswert erscheint, erwächst ein Verhältnis der Reizbarkeit und der gegenseiti­gen Spannung, das leider wieder und wieder (mit allzuknrzen Unterbrechungen) peinliche Zwischenfälle heraufbeschwört. So sehr der Vorfall in der Garnisonstadt Zabern als die vereinzelte Entgleisung eines jungen Offiziers zu bedauern ist, so darf doch andererseits nicht vergeflen werden, daß das dauernde Verhalten der einheimischen Bevölkerung hinreichend Veranlassung dazu gegeben hat. Eine antideutsche Gesinnung macht sich im Westen in gewissen Kreisen nicht nur jenseits der Grenze unangenehm bemerkbar, und sie macht sich in den Reichslanden in einem geradezu feindlichen Verhalten gegenüber der Armee Lust. Die Heeres-Angehörigen der dortigen Garnisoiren wissen genügend davon zu erzäh­len. Um jede Reibung möglichst zu vermeiden, ist seitens der Behörden bereits eine Langmut herrschend geworden, die vielleicht nicht zuletzt das Wachstum der undeutschen Elemente gefördert hat. Solange Leute wie Wetterls und seine Freunde nicht nur ungehindert ihr zersetzendes Wesen treiben können, sondern auch einen Beifall finden, der immer noch viel­stimmig genug ist, solange müssen sich die ehr­lichen deutschen Elsässer und Lothringer sagen, daß beklagenswerte Vorkommnisse nicht zuletzt ihre Ursachen auf deutscher Seite haben. Ein Beleidigungsprozeß, der soeben in erster Instanz vor dem Kolmarer Schöffengericht ent­schieden worden ist, hat wiederum in seinen be­gleitenden Umständen zur Genüge bewiesen, daß ein nationaler Friede von den Französ- lingen und ihrer deutschen Anhängerschaft nicht zu erwarten ist, und diese Erkenntnis sollte hinreichender Anlaß zu einer (endlichen) Kursänderung der Reichspolitik gegen­über dem Reichsland sein.

*

Der Völkerfriede am Balkan.

Der politische Horizont klärt sich weiterhin aus. Der Friedensschluß zwischen den beiden letzten noch offiziell verfeindeten Balkan­staaten, )er Türkei und Griechenland, ist end­gültig unterzeichnet worden. Und damit ist im­merhin der Wille der Balkanier zu einer Aus­schaltung der Feindseligkeiten für die nächste Zeit wenigstens bewiesen. Freilich ist am Goldnen Horn der schwerwiegendste Punkt (die Inselstage) nicht zur Entscheidung gekommen. Die Großmächte haben sich bekanntlich die Re­gelung dieser Frage Vorbehalten, und so sind alle Möglichkeiten von weitergreifenden Kon­flikten in Europa nach wie vor vorhanden, da besonders Italien seine diesbezüglichen In­teressen mit aller Energie und mit allen Folgen zu vertreten scheint. Das Bemerkenswerte die­ses Friedens ist der Einfluß Rumäniens. König Carols Land fühlt wohl immer noch die einst auf sich genommene Pflicht, für die Sicherung der Ruhe auf dem Balkan Sorge zu tragen und stäftig für ihre Herbeiführung mit­zuwirken. Und so ist auch gegenwärtig das Zu­standekommen des Friedens durch Rumäniens Unterstützrmg in besonderer Weise beschleunigt worden. Man darf die tiefere Bedeutung dieses Umstandes allerdings nicht aus dem Auge lassen. Die rumänistL-ariechisch-serbische Eintente, von der König Konstantin gesprochen hat, und die zweifellos die nächstliegenden In­teressen dieser drei Staaten am zweckdienlichsten umschließen würde, mag wohl der nächste Schritt Rumäniens sein. Diesem Verbände, der sich heutiger Beurteilung nach von den Zie­len der in Bukarest geplanten Balkansödera­tion weit genug entfernt, wird vielleicht über kurz und lang ein anderer Bund gegenüber- stehen, der Türken und Bulgaren eint. Der unglückliche Coburger steht seinen Herrscher­thron wanken, und das einzige Mittel, ihn zu stützen, scheint die Austechterhaltung des Re­vanchegedankens zu sein. Diesem Gedanken soll auch der Bund zwischen Türken und Bulgaren dienen. Hoffnung macht selig: Und Zar Ferdi­nand hat seinen Kaisertraum, dem här­testen Schicksal stotzend, noch nicht begraben!

*

Der Fuchs im Fernen Osten.

Iuanschikai, der Präsident und Diktator der Riesen-Republik China, der eine große An­

zahl von Parlamentsmitgliedern und Senato­ren auf die Proskriptionsliste setzte, hat wieder einmal gezeigt, daß China noch nicht so weit ist, um im europäischen Sinne parlamen­tarisch regiert werden zu können. Die alte Erfahrung, daß einem Volk, das noch vor we­nigen Jahren politisch unreif war, eine Ver­fassung nicht ohne weiteres aufoktroyiert wer­den kann, hat sich hier wieder einmal bestätigt. Wir erleben in der Umwälzung des staatlichen Organismus, der sich seit einigen Jahren in China vollzieht und mit der Revolution gegen den althergebrachten Absolutismus einfetzte, eine Bewegung von welthistorischer Bedeutung. Wir sind aber auch Zeugen all der mannigfachen Gärungen, die die R ü ck b i l d u n g dieses bro­delnden Durcheinanders in einem normalen Zustand mit sich bringt. In erster Linie waren es Finanznöte. Das Parlament, das erst seit kurzem existiert, wollte die geplante Fünf- Mächte-Anleihe nicht genehmigen. Es sträubte sich auch, die Vollmacht zu verschiedenen ande­ren Verträgen mit dem Ausland zu geben. Iuanschikai. der in seiner jungen Würde als Präsident kaum erst staatsrechtlich anerkannt ist, zeigt, daß man China noch lange nicht zu einem parlamentarisch regierten Land zählen darf, wenn auch die äußeren Formen einer Verfas­sung vorhanden sind. Es beweist aber auch, daß Iuanschikai seine Leute genau kennt. Sonst könnte er es nicht wagen, mit einem Staatsstreich einer mächtigen Partei den Gar­aus zu machen, er, der Gewaltpläne stets ver­worfen und verurteilt. Der Schlag gegen die Opposition ist ihm gelungen; ob's ihm gelingt, den andern Feinden, die China spähend um­lauern, in derselben Weise zu begegnen, ist eine Frage, die für China und für Iuanschikai viel­leicht das Schicksal bedeutet. Und Schicksal- Fragen pflegen nicht durch papierne Erlasse und diktatorische Staatsstreich-Gelüste gelöst zu werden.

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Das sterbende Parlament.

Rach dem Staatsstreich Iuanschikais.

Der Getyaltstreich des Diktators und Präsi­denten von China, Iuanschikai, gegen die Oppositions-Partei zeigt bereits seine Folgen: Das chinesische Parlament scheint von der Bildfläche zu verschwinden, und Iuanschikai er­lebt nun den Triumph, nicht nur die Opposition im Parlament, sondern das Parlament über­haupt beseitigt zu haben. Der Präsident regiert unumschränkt, und der Despotie der Mandschus, die die Revolution beseitigte, ist die Despotie Iuanschikais gefolgt, die nicht minder schwer auf Land und Volk lastet. Wir erhalten folgenden Drahtbericht:

Das Ende des Chinesen-Parlaments.

(Privat-Telegram m.)

Peking, 14. November.

Am letzten Mittwoch fand hier eine Ver­sammlung der beiden Häuser des chinesischen Parlaments statt. Es waren aber im Ganzen nur neunzig Mitglieder erschie­nen. Nach einigen unwesentlichen Diskussi­onen und gegenseitigen Anschuldigungen wurde die Veröffentlichung einer Erklärung genehmigt, in der es heißt, daß das Parla­ment alles getan habe, um die Session fort­setzen zu können. Ta dies aber unmöglich sei und kein beschlußfähiges Haus ziffammen- zubringen sei, könne keine weitere Ta- gesordnung veröffentlicht werden, und das Haus werde bis Dienstag vertagt. Das heißt, daß damit Chinas erstes Parlament svng- und klanglos zu Grabe getragen wurde.

Daß die Gewaltpolitik Iuanschikais dazu fuhren muß, den eben erst notdürftig gedämpf­ten A u f r u h r im Lande aufs neue heraufzube- fchwören, liegt auf der Hand, ebenso, daß durch das Vorgehen des Präsidenten eine Lage ge­schaffen wird, die die schwersten G e f a h - ien in sich birgt. Aus Tientsin wird uns denn auch telegraphisch berichtet: Ein Mann namens C u h, der sich als Sekretär des Prä­sidenten ausgab, wurde hier verhaftet. Er hatte einen scharf geladenen Revolver bei sich und gab an, daß er die Absicht habe, den Präsi- o en ' < n Iuanscdika . zu ermorden Offenbar handelt es sich um eine Verschwö­rung gegen den Präsidenten, deren E.nzelhci- ten noch nicht bekannt sind.

Neue Attentate in Indien.

Kalkutta, 14. November. (Privat- Telegramm.) Ein Brief, der an eine hohe Persönlichkeit gerichtet war, explo­dierte gestern auf dem Postbüro während des Sortierens der Briefschaften. Der Postbeamte wurde schwer verletzt. Zwei weitere Brie­fe. von denen der eine an einen Staats­mann, der andere cm einen Engländ er adressiert waren, wurden in das Laboratorium zur Untersuchung gesandt. Beim Oeffnen der Briefes an den Engländer explodierte dieser

und der Chef des Laboratoriums wurde schwer verletzt. Sein ganzes Gesicht ist völlig ver­brannt. Der Absender der verhängnisvollen Briese ist noch nicht ermittelt.

8ft Huerta entflohen?

Am Vorabend des Kriegs in Amerika.

Wie wir schon mitgeteilt haben, hat der me­xikanische Präsident Huerta vas Ultimatum der Regierung der Vereinigten Staaten einfach unbeantwortet gelassen, glatt ignorieri und damit zu erkennen gegeben, daß er sich aus den Kriegsdrohungen der Union nichts macht. Was seitens der Vereinigten Staaten nun ge­schehen wird, steht noch nicht fest, zumal die Sachlage dadurch eine völlige Verschiebung er­fahren hat, daß Huerta angeblich aus der Hauptstadt Mexiko entflohen sein soll. Die Meldung darüber ist zwar noch nicht bestätigt, klingt aber nicht unwahrscheinlich. Wir erhal­ten darüber folgende Draht-Meldungen:

Newhork, 14. November-

In Mexiko-City geht das bestimmte Ge­rücht, daß Präsident Huerta aus Mexiko entflohen sei. Eine Anzahl dem Präsi­denten nahestehender Persönlichkeiten sucht ihn bereits feit vorgestern, ohne auch nur die ge­ringste Spur bisher gefunden zu haben. Die ganze mexikanische Situation dreht sich um das Verschwinden Huertas, das hier allerdings wenig Glauben findet, da es bekannt ist, daß Huerta niemals ein festes Tagesprogramm beobachtet hat und man in­folgedessen immer noch damit rechnen muß, daß er aus irgend einem Winkel bald wieder austauchen wird.

Mexiko, 14. November.

Der französische Kreuzer .Conde" wird am Sonnabend in Beraeruz erwartet. Das amerikanischeGeschWader liegt vor dem Hafen. Im Hafen selbst liegt nur ein amerikanisches Panzerschiff und ein amerika­nischer Kreuzer. Die amerikanischen Marine­soldaten sind eine alltägliche Erscheinung in der Stadt. In allen Cafshäusern und Re­staurants sind sie zu finden. Die Einwohner beachten sie gar nicht mehr. Sie scheinen Fa­talisten zu fein und denken, was kommen soll, kommt doch. Der deutsche Kreuzer Bremen" befindet sich an der Seite des amerikanischen Panzerschiffes.

Ein weiteres Privat-Telegramm aus Mexiko berichtet uns: Das Ultimatum an Huerta hat der amerikanische Spezialge- sandte Lind vorgestern früh in aller Form durch den amerikanischen Geschäftsträger über­reichen lassen. Die diplomatischen Beziehungen sind nun, nachdem Huerta die Aufforderung!, den Zusammentritt des neuen Kongresses zu verhindern, unbeachtet gelassen hat, tatsächlich abgebrochen. Siebzig amerikanische An­gestellte einer Oelsabnk verließen gestern die Stadt Mexiko, um sich nach den Vereinigten Staaten zu begeben.

Bestätigung der Flucht Huertas?

Washington, 14. November. (Privat- Telegramm.) Gestern abend erklärte Prä­sident Wilson den ihn auffuchenden Presse­vertretern. er habe unerwartet ermutigende Nachrichten aus Mexiko erhalten. In später Abendstunde aab dann der Präsident be­kannt, daß in zwölfter Stunde sich in der An­gelegenheit der Abdankung Huertas etwas er­eignet habe, das die Situation günstiger ge­stallen dürfte. Mehr zu sagen, lehnte Wilson aber ab. Man nimmt indessen an, daß in Washington die Bestätigung der Nachricht über die Flucht Huertas eingetroffen ist.

Rebellen-Augriffe auf die Eisenbahn.

New York, 14. November. (Privat- Telegramm.) Eine Depesche aus Mexiko besagt daß die Rebellen in den letzten Tagen versuchten, die Eisenbahn-Verbindun­gen zwischen Mexiko und Beraeruz anzugrei­fen. Ein transatlantischer Zug wurde hundert Meilen südlich von Mexiko von Rebellen ange­halten. Das Zugpersonal wurde mißhandelt und das ganze Geld des Zuges (es handelt sich um fast eine Million Pesos) ließen die Räuber mit sich gehen. Das Geld war für die Regierung und für die Compagnie bestimmt Den Passagieren wurden sodann'.ntliche Schmucksachen und Geldbörsen abgenommen.

Das Mlde einer Prinzen Ehe.

Ehescheidung in Schwedens Königshaus.

Stockholm, 14. November. (Privattele­gramm.) Prinz Wilhelm von Schwe­den soll die Absicht haben, sich von seiner Ge­mahlin Maria scheiden zu lassen. Das Ge­rücht tauchte bereits vor zwei Monaten auf, als die Prinzessin mit ihrem Vater nach Paris reifte. Damals schon hieß es, daß sie nicht mehr nach Stockholm zurückkehren werde. Nun wer­den diese Mitteilungen bestätigt. Prinz Wil­

helm von Schweden, Herzog von Söderman- land, ist der zweite, neunundzwanzig Jahre alte Sohn des Königs Gustav; feine Ge­mahlin ist die Großfürstin Maria Pawlowna von Rußland, eine Tochter des Großfürsten Paul Alexandrowitsch. Unfthnmigteiten zwi­schen den Ehegatten sollen die Ursache der Tren­nung sein.

Ludwig der Bayer.

Nach den Münchener Krönungs-Feste«; ein Charakterbild des Bayern-Königs, von Dr. Colin Roß.

- TaS Gelöbnis, das König Ludwig von Bah- ern am Tage der KöntgS-Krönung abgelegt, hat im ganzen Baycrnland begeisterten Widerhall gefunden. 68 offenbart scharf und deutlich die Persönlich- lei t s - A r t des neuen Königs, in dessen Charakter- bild Viererlei! und Treue, Schlichtheit und lern- deutsche Art dis hervorstechendsten Linien darstellen. Zm neuesten Heft der illustrierten Münchener Wochen- schriftZ e i t i m B i I d" entwirft der Chefredakteur, Tr. C o l i n 91 o 8, vom Banernkönig und von den Borgängen beim Regierungs-Wechsel ein charakte­ristisch interessantes Bild. Die Redaktion.

Dem Volk war Ludwig von Bayern längst rechtmäßiger König geworden, wenn es auch Prinz-Regent zu ihm sagte, und es grüßt ihn herzlich und treu als König im Purpur, wenn es ihm vielleicht auch sonderbar erschei­nen mag, daß dieser sympathische, einfache, be­scheidene Mann, der das bequeme Zivil nur ungern mit dem prunkenden militärischen Rock vertauscht, jetzt eine Krone trägt, die noch mit dem Glanz und Schimmer der romantischen, prachtliebenden bayerischen Ludwige umwoben ist. Nein von dieser Romantik ist nichts im dritten Ludwig. Er ist ein durchaus moderner Mensch. Er ist Nationalökonom, Landwirt, Techniker, Gewerbetreibender, er steht allen die­sen Berufen näher als romantischen Neigun­gen und Ideen, und das Land fährt gut dabei. Nachdem der erste und der zweite Ludwig die Stadt München mit prächtigen Straßen und das Land mit Schlössern geschmückt haben, ist es ein Glück für das wirtschaftlich von der Statur be­nachteiligte Bayern, dem Kohlen und Erze seh- len, und das sich an die Grenze des Reiches schmiegt, daß sein König sich das wirtschaft­lich e W o h l des Landes zur Aufgabe Gemacht hat, daß et sich für alle landwirtschaftlichen, ge­werblichen und industriellen Fragen interessiert, Auf der Landwirtschaftlichen Ausstellung besich­tigt er mit Sachkunde die neuesten Maschinen und Apparate. Ost erscheint er unvermutet zu einem Vortragsabend des Polytechnischen Ver­eins, um ein Thema zu hören, das ihn interes­siert. Er sitzt bann recht prunklos bei einem Glas Bier und hört aufmerksam langen, oft recht speziellen Vorträgen über gewerbliche und wirtschaftliche Fragen zu und verfolgt mit In­teresse die sich daran schließenden

Debatte« und Diskussionen.

Die großen, zukunstsschweren Fragen des Lan­des aber, die Ausnützung seiner Wasserkräfte und der Ausbau seiner Wasserstraßen, finben in ihm den eifrigsten und verständnisvollsten Förderer. Nun, wo die Glocken klingen, die Geschütze donnern die Menge in den bunt­bewimpelten Straßen ihren neuen König begrüßt, sind die langwierigen, mühseligen Ver­handlungen vergessen, die der Königsprokla­mation vorangingen, die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die zu überwinden, die staatsrecht­lichen Bedenken, die zu widerlegen waren. Habemus regem! Man könnte meinen, - nie wurde mit reinerer Freude eine Thronbestei­gung gefeiert, als diese, wo nicht der Gedanke an einen Dahingeschiedenen das Fest trübt. Man hätte es können, wenn der Schleier, der über dem Dasein eines unglücklichen Kö­nigs hing, nicht beiseite gerissen worben wäre, wenn uns nicht jäh bie Erinnerung daran ins Gedächtnis gerufen wurde, daß in dem ein­samen, mauerumgebenen und postenbewachten Wald schlosse noch" immer ein Mann lebt, der königlichen Rang hat, und noch immer den Titel König von Bayern" führt. Staatsrechtlich, verfassungsmäßig war es wohl nötig, die Ver­fassungsänderung und Königsproklamation, durch bie ein König abgesetzt wurde, mit Doku­menten zu belegen. Tie ärztlichen Gutachten mußten vorgelegt toes^y nach denen auch wirk­lich keine Aussicht beucT*. daß sich je der Zu­stand des geisteskranken Königs ändern könnte. Aber war es wirklich nötig, Vertreter der beiden Kammern des Landtages in das stille Fürstenrieder Schloß zu entsenden, damit sie sich durch eigenen Augenschein von der

Anheilbarkeit des kranke« Königs überzeugen? Sind nicht diese beiden Männer erschauert bis ins Mark, als sie da im wattegepolsterten Königsgemach der kranken Majestät gegenüberstanden, die sich scheu vor ihnen an bie Wand drückte, mit stumpfem, irrem Ausbruck, lallend und im Kreis« trottend wie ein gefangener Tier? Duckten sie sich nicht in Jä6em Schuldbewußtsein, als der Kranke in aufflammendem Zorn nach den unwillkomme­nen Besuchern das schwere Metallgeschirr seines Eßtisches warf? Und mußte diese Nachricht mit allen schrecklichen Einzelheiten wirklich so­fort in der Presse veröffentlicht werden? Man kann sich frei wissen von jedem Glauben an Gottesgnadentum und byzantinifches Emp-