Weler NMte MWtm
Casseler Abendzeitung
Sie linfieler üieueflen Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der AbonnemenlSprei» beträgt monatlirb 50 Psg. bet freier fiuflellung in« Han«. Bestellungen werden jederzeit von der GefchäftSflelle oder den Boten ent --»genommen. Druckerei, Verlag und üiebattion: Schlachthosstraße 28/30. Sprechstunden der . coattton nur von «>/, bi« «Uhr. abend«. Sprechstunden der Auskunft - Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6*/« bi» 8 Uhr abend«. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstr 16, Telephon: Ami Mori«platz 12584
Hessische Abendzeitung
JnsertionSpreise: Die sechSgespaltene Zeile für einheimische Geschäfte 15 Pfg, für au«, roärttge Inserate 25 Pf, Reklame,eile für einheimische Sefchäfte 40 Pf, für auswärtige Geschäfte 60 Ps. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Taufend be. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Refldenz und der Umgebung sind die Lafseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» JnsertlonSorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: BW, Friedrichstraße 16. Telephon: Amt Moritzplatz 12584.
Nummer 291 ♦
Fernsprecher 951 und 952.
Sonnabend, 15. November 1913.
Fernsprecher 951 und 952.
3. Jahrgang.
Rovember-Mmmmg. Kritische Rückblicke auf die Politik der Woche: Haber«, Balkanfriede und Zuanschikai, von
Dr. jur. Georg Schippmann.
Ein Land konnte sich bis zum heutigen Tage in den Reichsverband nicht mit jener organischen Notwendigkeit einfügen die allein eine harmonische Entfaltung der Kräfte gewährleistet: E lsa ß - L oth r in g en. Gründe volks- pshchologischer und historischer Art sind die treibenden Kräfte. Und aus diesem Zustand, der Vielen, beklagenswert erscheint, erwächst ein Verhältnis der Reizbarkeit und der gegenseitigen Spannung, das leider wieder und wieder (mit allzuknrzen Unterbrechungen) peinliche Zwischenfälle heraufbeschwört. So sehr der Vorfall in der Garnisonstadt Zabern als die vereinzelte Entgleisung eines jungen Offiziers zu bedauern ist, so darf doch andererseits nicht vergeflen werden, daß das dauernde Verhalten der einheimischen Bevölkerung hinreichend Veranlassung dazu gegeben hat. Eine antideutsche Gesinnung macht sich im Westen in gewissen Kreisen nicht nur jenseits der Grenze unangenehm bemerkbar, und sie macht sich in den Reichslanden in einem geradezu feindlichen Verhalten gegenüber der Armee Lust. Die Heeres-Angehörigen der dortigen Garnisoiren wissen genügend davon zu erzählen. Um jede Reibung möglichst zu vermeiden, ist seitens der Behörden bereits eine Langmut herrschend geworden, die vielleicht nicht zuletzt das Wachstum der undeutschen Elemente gefördert hat. Solange Leute wie Wetterls und seine Freunde nicht nur ungehindert ihr zersetzendes Wesen treiben können, sondern auch einen Beifall finden, der immer noch vielstimmig genug ist, solange müssen sich die ehrlichen deutschen Elsässer und Lothringer sagen, daß beklagenswerte Vorkommnisse nicht zuletzt ihre Ursachen auf deutscher Seite haben. Ein Beleidigungsprozeß, der soeben in erster Instanz vor dem Kolmarer Schöffengericht entschieden worden ist, hat wiederum in seinen begleitenden Umständen zur Genüge bewiesen, daß ein nationaler Friede von den Französ- lingen und ihrer deutschen Anhängerschaft nicht zu erwarten ist, und diese Erkenntnis sollte hinreichender Anlaß zu einer (endlichen) Kursänderung der Reichspolitik gegenüber dem Reichsland sein.
*
Der Völkerfriede am Balkan.
Der politische Horizont klärt sich weiterhin aus. Der Friedensschluß zwischen den beiden letzten noch offiziell verfeindeten Balkanstaaten, )er Türkei und Griechenland, ist endgültig unterzeichnet worden. Und damit ist immerhin der Wille der Balkanier zu einer Ausschaltung der Feindseligkeiten für die nächste Zeit wenigstens bewiesen. Freilich ist am Goldnen Horn der schwerwiegendste Punkt (die Inselstage) nicht zur Entscheidung gekommen. Die Großmächte haben sich bekanntlich die Regelung dieser Frage Vorbehalten, und so sind alle Möglichkeiten von weitergreifenden Konflikten in Europa nach wie vor vorhanden, da besonders Italien seine diesbezüglichen Interessen mit aller Energie und mit allen Folgen zu vertreten scheint. Das Bemerkenswerte dieses Friedens ist der Einfluß Rumäniens. König Carols Land fühlt wohl immer noch die einst auf sich genommene Pflicht, für die Sicherung der Ruhe auf dem Balkan Sorge zu tragen und stäftig für ihre Herbeiführung mitzuwirken. Und so ist auch gegenwärtig das Zustandekommen des Friedens durch Rumäniens Unterstützrmg in besonderer Weise beschleunigt worden. Man darf die tiefere Bedeutung dieses Umstandes allerdings nicht aus dem Auge lassen. Die rumänistL-ariechisch-serbische Eintente, von der König Konstantin gesprochen hat, und die zweifellos die nächstliegenden Interessen dieser drei Staaten am zweckdienlichsten umschließen würde, mag wohl der nächste Schritt Rumäniens sein. Diesem Verbände, der sich heutiger Beurteilung nach von den Zielen der in Bukarest geplanten Balkansöderation weit genug entfernt, wird vielleicht über kurz und lang ein anderer Bund gegenüber- stehen, der Türken und Bulgaren eint. Der unglückliche Coburger steht seinen Herrscherthron wanken, und das einzige Mittel, ihn zu stützen, scheint die Austechterhaltung des Revanchegedankens zu sein. Diesem Gedanken soll auch der Bund zwischen Türken und Bulgaren dienen. Hoffnung macht selig: Und Zar Ferdinand hat seinen Kaisertraum, dem härtesten Schicksal stotzend, noch nicht begraben!
*
Der Fuchs im Fernen Osten.
Iuanschikai, der Präsident und Diktator der Riesen-Republik China, der eine große An
zahl von Parlamentsmitgliedern und Senatoren auf die Proskriptionsliste setzte, hat wieder einmal gezeigt, daß China noch nicht so weit ist, um im europäischen Sinne parlamentarisch regiert werden zu können. Die alte Erfahrung, daß einem Volk, das noch vor wenigen Jahren politisch unreif war, eine Verfassung nicht ohne weiteres aufoktroyiert werden kann, hat sich hier wieder einmal bestätigt. Wir erleben in der Umwälzung des staatlichen Organismus, der sich seit einigen Jahren in China vollzieht und mit der Revolution gegen den althergebrachten Absolutismus einfetzte, eine Bewegung von welthistorischer Bedeutung. Wir sind aber auch Zeugen all der mannigfachen Gärungen, die die R ü ck b i l d u n g dieses brodelnden Durcheinanders in einem normalen Zustand mit sich bringt. In erster Linie waren es Finanznöte. Das Parlament, das erst seit kurzem existiert, wollte die geplante Fünf- Mächte-Anleihe nicht genehmigen. Es sträubte sich auch, die Vollmacht zu verschiedenen anderen Verträgen mit dem Ausland zu geben. Iuanschikai. der in seiner jungen Würde als Präsident kaum erst staatsrechtlich anerkannt ist, zeigt, daß man China noch lange nicht zu einem parlamentarisch regierten Land zählen darf, wenn auch die äußeren Formen einer Verfassung vorhanden sind. Es beweist aber auch, daß Iuanschikai seine Leute genau kennt. Sonst könnte er es nicht wagen, mit einem Staatsstreich einer mächtigen Partei den Garaus zu machen, er, der Gewaltpläne stets verworfen und verurteilt. Der Schlag gegen die Opposition ist ihm gelungen; ob's ihm gelingt, den andern Feinden, die China spähend umlauern, in derselben Weise zu begegnen, ist eine Frage, die für China und für Iuanschikai vielleicht das Schicksal bedeutet. Und Schicksal- Fragen pflegen nicht durch papierne Erlasse und diktatorische Staatsstreich-Gelüste gelöst zu werden.
* e
Das sterbende Parlament.
Rach dem Staatsstreich Iuanschikais.
Der Getyaltstreich des Diktators und Präsidenten von China, Iuanschikai, gegen die Oppositions-Partei zeigt bereits seine Folgen: Das chinesische Parlament scheint von der Bildfläche zu verschwinden, und Iuanschikai erlebt nun den Triumph, nicht nur die Opposition im Parlament, sondern das Parlament überhaupt beseitigt zu haben. Der Präsident regiert unumschränkt, und der Despotie der Mandschus, die die Revolution beseitigte, ist die Despotie Iuanschikais gefolgt, die nicht minder schwer auf Land und Volk lastet. Wir erhalten folgenden Drahtbericht:
Das Ende des Chinesen-Parlaments.
(Privat-Telegram m.)
Peking, 14. November.
Am letzten Mittwoch fand hier eine Versammlung der beiden Häuser des chinesischen Parlaments statt. Es waren aber im Ganzen nur neunzig Mitglieder erschienen. Nach einigen unwesentlichen Diskussionen und gegenseitigen Anschuldigungen wurde die Veröffentlichung einer Erklärung genehmigt, in der es heißt, daß das Parlament alles getan habe, um die Session fortsetzen zu können. Ta dies aber unmöglich sei und kein beschlußfähiges Haus ziffammen- zubringen sei, könne keine weitere Ta- gesordnung veröffentlicht werden, und das Haus werde bis Dienstag vertagt. Das heißt, daß damit Chinas erstes Parlament svng- und klanglos zu Grabe getragen wurde.
Daß die Gewaltpolitik Iuanschikais dazu fuhren muß, den eben erst notdürftig gedämpften A u f r u h r im Lande aufs neue heraufzube- fchwören, liegt auf der Hand, ebenso, daß durch das Vorgehen des Präsidenten eine Lage geschaffen wird, die die schwersten G e f a h - ien in sich birgt. Aus Tientsin wird uns denn auch telegraphisch berichtet: Ein Mann namens C u h, der sich als Sekretär des Präsidenten ausgab, wurde hier verhaftet. Er hatte einen scharf geladenen Revolver bei sich und gab an, daß er die Absicht habe, den Präsi- o en ' < n Iuanscdika . zu ermorden Offenbar handelt es sich um eine Verschwörung gegen den Präsidenten, deren E.nzelhci- ten noch nicht bekannt sind.
Neue Attentate in Indien.
Kalkutta, 14. November. (Privat- Telegramm.) Ein Brief, der an eine hohe Persönlichkeit gerichtet war, explodierte gestern auf dem Postbüro während des Sortierens der Briefschaften. Der Postbeamte wurde schwer verletzt. Zwei weitere Briefe. von denen der eine an einen Staatsmann, der andere cm einen Engländ er adressiert waren, wurden in das Laboratorium zur Untersuchung gesandt. Beim Oeffnen der Briefes an den Engländer explodierte dieser
und der Chef des Laboratoriums wurde schwer verletzt. Sein ganzes Gesicht ist völlig verbrannt. Der Absender der verhängnisvollen Briese ist noch nicht ermittelt.
8ft Huerta entflohen?
Am Vorabend des Kriegs in Amerika.
Wie wir schon mitgeteilt haben, hat der mexikanische Präsident Huerta vas Ultimatum der Regierung der Vereinigten Staaten einfach unbeantwortet gelassen, glatt ignorieri und damit zu erkennen gegeben, daß er sich aus den Kriegsdrohungen der Union nichts macht. Was seitens der Vereinigten Staaten nun geschehen wird, steht noch nicht fest, zumal die Sachlage dadurch eine völlige Verschiebung erfahren hat, daß Huerta angeblich aus der Hauptstadt Mexiko entflohen sein soll. Die Meldung darüber ist zwar noch nicht bestätigt, klingt aber nicht unwahrscheinlich. Wir erhalten darüber folgende Draht-Meldungen:
Newhork, 14. November-
In Mexiko-City geht das bestimmte Gerücht, daß Präsident Huerta aus Mexiko entflohen sei. Eine Anzahl dem Präsidenten nahestehender Persönlichkeiten sucht ihn bereits feit vorgestern, ohne auch nur die geringste Spur bisher gefunden zu haben. Die ganze mexikanische Situation dreht sich um das Verschwinden Huertas, das hier allerdings wenig Glauben findet, da es bekannt ist, daß Huerta niemals ein festes Tagesprogramm beobachtet hat und man infolgedessen immer noch damit rechnen muß, daß er aus irgend einem Winkel bald wieder austauchen wird.
Mexiko, 14. November.
Der französische Kreuzer .Conde" wird am Sonnabend in Beraeruz erwartet. Das amerikanischeGeschWader liegt vor dem Hafen. Im Hafen selbst liegt nur ein amerikanisches Panzerschiff und ein amerikanischer Kreuzer. Die amerikanischen Marinesoldaten sind eine alltägliche Erscheinung in der Stadt. In allen Cafshäusern und Restaurants sind sie zu finden. Die Einwohner beachten sie gar nicht mehr. Sie scheinen Fatalisten zu fein und denken, was kommen soll, kommt doch. Der deutsche Kreuzer „Bremen" befindet sich an der Seite des amerikanischen Panzerschiffes.
Ein weiteres Privat-Telegramm aus Mexiko berichtet uns: Das Ultimatum an Huerta hat der amerikanische Spezialge- sandte Lind vorgestern früh in aller Form durch den amerikanischen Geschäftsträger überreichen lassen. Die diplomatischen Beziehungen sind nun, nachdem Huerta die Aufforderung!, den Zusammentritt des neuen Kongresses zu verhindern, unbeachtet gelassen hat, tatsächlich abgebrochen. Siebzig amerikanische Angestellte einer Oelsabnk verließen gestern die Stadt Mexiko, um sich nach den Vereinigten Staaten zu begeben.
Bestätigung der Flucht Huertas?
Washington, 14. November. (Privat- Telegramm.) Gestern abend erklärte Präsident Wilson den ihn auffuchenden Pressevertretern. er habe unerwartet ermutigende Nachrichten aus Mexiko erhalten. In später Abendstunde aab dann der Präsident bekannt, daß in zwölfter Stunde sich in der Angelegenheit der Abdankung Huertas etwas ereignet habe, das die Situation günstiger gestallen dürfte. Mehr zu sagen, lehnte Wilson aber ab. Man nimmt indessen an, daß in Washington die Bestätigung der Nachricht über die Flucht Huertas eingetroffen ist.
Rebellen-Augriffe auf die Eisenbahn.
New York, 14. November. (Privat- Telegramm.) Eine Depesche aus Mexiko besagt daß die Rebellen in den letzten Tagen versuchten, die Eisenbahn-Verbindungen zwischen Mexiko und Beraeruz anzugreifen. Ein transatlantischer Zug wurde hundert Meilen südlich von Mexiko von Rebellen angehalten. Das Zugpersonal wurde mißhandelt und das ganze Geld des Zuges (es handelt sich um fast eine Million Pesos) ließen die Räuber mit sich gehen. Das Geld war für die Regierung und für die Compagnie bestimmt Den Passagieren wurden sodann sä'.ntliche Schmucksachen und Geldbörsen abgenommen.
Das Mlde einer Prinzen Ehe.
Ehescheidung in Schwedens Königshaus.
Stockholm, 14. November. (Privattelegramm.) Prinz Wilhelm von Schweden soll die Absicht haben, sich von seiner Gemahlin Maria scheiden zu lassen. Das Gerücht tauchte bereits vor zwei Monaten auf, als die Prinzessin mit ihrem Vater nach Paris reifte. Damals schon hieß es, daß sie nicht mehr nach Stockholm zurückkehren werde. Nun werden diese Mitteilungen bestätigt. Prinz Wil
helm von Schweden, Herzog von Söderman- land, ist der zweite, neunundzwanzig Jahre alte Sohn des Königs Gustav; feine Gemahlin ist die Großfürstin Maria Pawlowna von Rußland, eine Tochter des Großfürsten Paul Alexandrowitsch. Unfthnmigteiten zwischen den Ehegatten sollen die Ursache der Trennung sein.
Ludwig der Bayer.
Nach den Münchener Krönungs-Feste«; ein Charakterbild des Bayern-Königs, von Dr. Colin Roß.
- TaS Gelöbnis, das König Ludwig von Bah- ern am Tage der KöntgS-Krönung abgelegt, hat im ganzen Baycrnland begeisterten Widerhall gefunden. 68 offenbart scharf und deutlich die Persönlich- lei t s - A r t des neuen Königs, in dessen Charakter- bild Viererlei! und Treue, Schlichtheit und lern- deutsche Art dis hervorstechendsten Linien darstellen. Zm neuesten Heft der illustrierten Münchener Wochen- schrift „Z e i t i m B i I d" entwirft der Chefredakteur, Tr. C o l i n 91 o 8, vom Banernkönig und von den Borgängen beim Regierungs-Wechsel ein charakteristisch interessantes Bild. Die Redaktion.
Dem Volk war Ludwig von Bayern längst rechtmäßiger König geworden, wenn es auch Prinz-Regent zu ihm sagte, und es grüßt ihn herzlich und treu als König im Purpur, wenn es ihm vielleicht auch sonderbar erscheinen mag, daß dieser sympathische, einfache, bescheidene Mann, der das bequeme Zivil nur ungern mit dem prunkenden militärischen Rock vertauscht, jetzt eine Krone trägt, die noch mit dem Glanz und Schimmer der romantischen, prachtliebenden bayerischen Ludwige umwoben ist. Nein von dieser Romantik ist nichts im dritten Ludwig. Er ist ein durchaus moderner Mensch. Er ist Nationalökonom, Landwirt, Techniker, Gewerbetreibender, er steht allen diesen Berufen näher als romantischen Neigungen und Ideen, und das Land fährt gut dabei. Nachdem der erste und der zweite Ludwig die Stadt München mit prächtigen Straßen und das Land mit Schlössern geschmückt haben, ist es ein Glück für das wirtschaftlich von der Statur benachteiligte Bayern, dem Kohlen und Erze seh- len, und das sich an die Grenze des Reiches schmiegt, daß sein König sich das wirtschaftlich e W o h l des Landes zur Aufgabe Gemacht hat, daß et sich für alle landwirtschaftlichen, gewerblichen und industriellen Fragen interessiert, Auf der Landwirtschaftlichen Ausstellung besichtigt er mit Sachkunde die neuesten Maschinen und Apparate. Ost erscheint er unvermutet zu einem Vortragsabend des Polytechnischen Vereins, um ein Thema zu hören, das ihn interessiert. Er sitzt bann recht prunklos bei einem Glas Bier und hört aufmerksam langen, oft recht speziellen Vorträgen über gewerbliche und wirtschaftliche Fragen zu und verfolgt mit Interesse die sich daran schließenden
Debatte« und Diskussionen.
Die großen, zukunstsschweren Fragen des Landes aber, die Ausnützung seiner Wasserkräfte und der Ausbau seiner Wasserstraßen, finben in ihm den eifrigsten und verständnisvollsten Förderer. Nun, wo die Glocken klingen, die Geschütze donnern die Menge in den buntbewimpelten Straßen ihren neuen König begrüßt, sind die langwierigen, mühseligen Verhandlungen vergessen, die der Königsproklamation vorangingen, die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die zu überwinden, die staatsrechtlichen Bedenken, die zu widerlegen waren. Habemus regem! Man könnte meinen, - nie wurde mit reinerer Freude eine Thronbesteigung gefeiert, als diese, wo nicht der Gedanke an einen Dahingeschiedenen das Fest trübt. Man hätte es können, wenn der Schleier, der über dem Dasein eines unglücklichen Königs hing, nicht beiseite gerissen worben wäre, wenn uns nicht jäh bie Erinnerung daran ins Gedächtnis gerufen wurde, daß in dem einsamen, mauerumgebenen und postenbewachten Wald schlosse noch" immer ein Mann lebt, der königlichen Rang hat, und noch immer den Titel „König von Bayern" führt. Staatsrechtlich, verfassungsmäßig war es wohl nötig, die Verfassungsänderung und Königsproklamation, durch bie ein König abgesetzt wurde, mit Dokumenten zu belegen. Tie ärztlichen Gutachten mußten vorgelegt toes^y nach denen auch wirklich keine Aussicht beucT*. daß sich je der Zustand des geisteskranken Königs ändern könnte. Aber war es wirklich nötig, Vertreter der beiden Kammern des Landtages in das stille Fürstenrieder Schloß zu entsenden, damit sie sich durch eigenen Augenschein von der
Anheilbarkeit des kranke« Königs überzeugen? Sind nicht diese beiden Männer erschauert bis ins Mark, als sie da im wattegepolsterten Königsgemach der kranken Majestät gegenüberstanden, die sich scheu vor ihnen an bie Wand drückte, mit stumpfem, irrem Ausbruck, lallend und im Kreis« trottend wie ein gefangener Tier? Duckten sie sich nicht in Jä6em Schuldbewußtsein, als der Kranke in aufflammendem Zorn nach den unwillkommenen Besuchern das schwere Metallgeschirr seines Eßtisches warf? Und mußte diese Nachricht mit allen schrecklichen Einzelheiten wirklich sofort in der Presse veröffentlicht werden? Man kann sich frei wissen von jedem Glauben an Gottesgnadentum und byzantinifches Emp-