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Casseler Neueste MMm

Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Sonnabend, 8. November 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 285

Fernsprecher 951 und 952.

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SchweigtZhrIribimnl? Steine Welsen - Interpellation im Reichs- tag; von Rechts bis Links: »Schweigen ♦♦♦!*

Wie un» an» paelarnentarischen Kreisen mttgeteilt wird, wird die nationaNiberale ReiichStagSsraktio« HSchstwadrscheinlich keine Interpellation wegen der braunschweig­ischen Dhronsolge tot Reichstage einbringen. Auch die Konservativen uud da« Zentrum interpelliere« wegen dieser Frage nicht. Die Meinungen bei den Freisinnigen sind noch ge­teilt. Die Sozialdemokratie hiilt sich von dynastische» Interpellationen grundsiiylich fern, obwohl «ine definitive Entscheidung über die Frage erst to den Fraktionen gefüllt wird, deutet doch manches daraus hin, die An­gelegenheit nicht to einer Interpellation», de batte zu besprechen, sondern erst Ansang Dezember bet der erste« StatSlesung zu strei­fen, bei welcher Gelegenheit 6mm auch der Reichs. Kanzler das Wort ergreife« kann. Drr deutsche Reichstag will also schwei­ßen, will die Ereignisse, die im letzten Drittel der parlamentarischen Sommerpause Wirklich­keit geworden, in heldischer Duldsamkeit hin­nehmen, ohne nur zu -fragen, wie's kam und wie's geschah, und spürt nur die leise Gewis- senL-Regung, beim harmlosen Plätschern der Etat-Redeflut den Herrn Kanzler der Ordnung halber daran zu erinnern, daß derweil im Braunschweiger Land ein Thronwechsel stattgefunden. Wer über die Sanftmut der Tri­bunen lächelt, tut Sünde am Männerstolz vor Ministerstühlen, kennt nicht des Deutschen Reichstags reizvolle Psyche und vergißt, daß das Redehaus Paul Wallots am Berliner Kö­nigsplatz keine Walstatt Waffen - klirrender Kämpfe, sondern ein Sonnentempel süßer Ein­tracht ist, in dem der Groll nur dann ausschäumi, wenn auf irgend ein Prinzip-Atom der Tau­tröpfchen realer Wirllichkeit gefallen. Der Reichstag wird schweigen, und wenn man über, denkt, wie unsichtbar-winzig die Rolle gewesen, die dem volk-erwählten Parlament, der von der Verfassung dem Kronenträger koordinierten Vertretung der nationalen Gesamtheit, in dem Götter-Schauspiel der Welfen-Frage zugewiesen ward, dann mag man sagen: Es ist weiser, daß Ihr schweigt, Ihr Tribunen! Der Reichs­tag ist in der Vorbereitung, in der Behandlung und in der Regelung der braunschweigischen Thronrechts-Ordnung weder befragt, noch ge­hört, noch überhaupt beachtet worden; man hat ihn einfach als nicht vorhanden betrachtet, und der Bundesrat, der vom Willen Preußens beherrscht wird, konnte infolgedessen ohne wei­teres eine Entscheidung treffen, die schließlich doch auch fürs Volk einiges Interesse hat. Preußen ist der BundeSrat, und der Bundes­rat ist Preußen: Wo aber (darf man fragen) war der Reichstag, die Vertretung der na­tionale« Gemeinschaft?

Beurlaubt! Erfteule sich wohlverdienter Feri en- Ruhe, während in der Werfftatt des Reichsgeschäfts alle Eisen hell im Feuer glühten; war zur Untätigkeit verdammt, während im reichspolitischen Betrieb der Berli­ner Wilhelmstraße wochenlang alle Maschinen unter Volldampf leuchion, und kommt, wenn das letzte Blatt vom Baum gefallen, zum Redehaus heim wie ein Wandrer, der im Nebel sich ver­irrt. Der Sturm Bassermann'scher und andrer Entrüstung, der in den Frühherbst-Tagen durch den Blätterwald raste und sogar in der Kanz­ler-Residenz leises Unbehagen weckte, ist mäh- lig in sanftem Säuseln erstorben; in Saarbriik- ken hat Herr Ernst Bassermann im Kreis der Lieben noch einmal feierlich erklärt, daß die nationalliberale Partei jede Verantwortung für den jähen Wandel der Szenerie int Bild des Welfenlöwen ablehne und die Last der Sorge einzig und allein des Kanzlers schmale Achsel drücke; im übrigen aber: liebet allen Wipfeln Ruh'. . .! Wie männlich-wuchtig, wie stark und kuhnliöh klang's, als ein paar Wo­chen vorher die tm Berliner Rathaus ver­sammelten märkischen Paladine des nationale« Liberalismus laut und hallend wider die gro­teske Eiertanz-Politik des Kanzlers in der Welfenftage protestierten und die in gllrend Drachengift verwandelte Milch bassermännisch- frommer Denkungsart in einer kochenden Flut von Zorn und Groll auffchäumen ließen!Es kann vor Rächt leicht anders werden, als es am frühen Morgen war": Man zieht Entrüstung nicht auf Flaschen wie perlenden Rüdesheimer oder Rieslinger Schloßberg, und die blanke No­vember-Sonne, die Ernst Augusts herzoglichen Einzugstag überstrahlt, scheint das Eis, das die Herzen der um Bassermann Gescharten tu- gendsam umpanzert hielt, ins rinnende Früh­lings-Bächlein wässriger Sentimentalität ver­wandelt zu haben. Und da das am grünen Holz geschah: Kann 's da am dürren (am Stam­me Hehdebrand's und Spahn's) anders fein?

Der RAchemg schweigt also! Schön; mag er schweigen: Die Geschichte wird einst umso deutlicher und vernehmlicher reden! Daß das Parlament der Nation nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hat, der Regie­rung zu sagen, w i e seltsam Fundament und Konstruktion der bundesratlichen Welfen-Apo- theose dem ernst-prüsenden Auge erscheinen, be­darf nicht erst des Beweises, nachdem soeben das Organ der Braunschweigischen Staatsregie­rung durch Veröffentlichung amtlicher Doku­mente festgestellt, daß bereits unmittelbar nach dem tragischen Ende des Prinzen Georg Wilhelm von Cumberland, des Erstgebornen und Thronanwärters im Hause Braunschweig- Lüneburg (der bekanntlich vor zwei Jah­ren das Opfer eines Automobil-Unfalls wur­de) die Braunschweigische Staatsregierung in Berlin dringliche Vorstellungen zur defini­tiven Regelung der braunschweigischen Thronfolge erhoben hat. Die staatsrechtliche Sachlage war damals genau die gleiche wie heut, mit dem Unterschied nur, daß in jenen Tagen noch kein Ernsthafter an die Möglichkeit dachte, Ernst- August von Cumberland werde des Deutschen Kaisers Tochter freien. Stand nun damals (und darum hcmdelt's sich) der Kanzler des Reichs schon auf dem gleichen Standpunkt, den er in den Oktobertagen dieses Jahrs im Bundesrat mit rühmlicher Entschie­denheit vertreten: Auf dem Standpunkt näm­lich, daß der Thronbesteigung des Cumberlän- ders in Braunschweig Hindernisse nicht mehr im Wege ständen, die der Thronübernahme ent­gegenstehenden Bundesrats-Beschlüsse also der natürlichen Voraussetzung ermangelten? ^der hat erst der »Friede von Karlsruhe" und das Versöhnungsfest der L i e b e in der Vorstel- lungswelt des Kanzellars die Erkenntnis zum Leben gerufen, daß dem Zollern-Aar vom Wel­fenlöwen nicht mehr Kampf drohe? Diese Frage und die ihr ziemende Antwort sind die unverrückbaren Richtlinien der historisch- kritischen Wertung der Bethmann-Politik in der Welfenftage, sind Maßstab und Wert­messer geschichtlicher Ethik, und wenn selbst des Deutschen Reiches Vierhundertmäimer-Parla- ment kein Interesse für die Frage haß» ob fein Wort bei Entscheidungen von reichs-geschichtli- cher Bedeutung gehört zu werden verdient oder nicht: Für die andre Frage (in deren We­sensbild sich die Psychologie der Aera Beth- tnann Hollweg in naturgetreuer Wirklichkeit spiegelt) sollte das Kollegium der Tribunen immerhin einiges Verständnis offenbaren! Denn in dieser Frage und ihrer Beantwor­tung wurzelt das Rätsel-Geheimnis: Wer er­leuchtete den Geist des Kanzlers zum Sühne- opfer der alles versöhnenden Liebe ...? F. H.

Braunschweig an den Kanzler.

(Privat-Telegram m.)

Braunschweig, 7. November.

Das Organ der braunschweigischen Staats­regierung. die Braunschweigischen Anzeigen, veröffentlichen soeben das Schreiben, das die braunschweigische Regierung am elften Oktober dieses Jahres an den Reichskanzler ge­richtet hat. In diesem Schreiben wird der Nachweis erbracht, daß die braunschweigische Regierung schon seit dem plötzlichen Tode des Prinzen Georg Wilhelm, des ältesten Sohnes des Herzogs von Cumberland, der bei einem Automobilunglück umkam, Schritte un­ternommen hat, damit die Thronfolge geregelt werde. In dem Schreiben vom elften Oktober heißt es bann weiter:

Es ist völlig ausgeschlossen, daß jemals im Herzogtum Braunschweig Be­strebungen einen Stützpunkt finden können und werden, die sich in ihren Endzielen gegen die Reichsverfassung und den Bestand der preussischen Monarchie richten würden. Nahezu dreißig Jahre hat das Her­zogtum um des Reiches willen in Unge­wissheit seiner Zukunft leben müssen. Wir dürfen jetzt das feste Vertrauen hegen, der Bundesrat werde den geänderten Verhält­nissen Rechnung tragen und unserem berech­tigten Wunsch auf Wahrung unserer Selb­ständigkeit unter einem Fürsten aus dem angestammte» Herrscherhause nunmehr nicht länger die endliche Erfüllung versage,!.

Ferner erfährt man aus dem Schreiben, daß in einer Unterredung, die bald nach dem Tode des Prinzen Georg Wilhelm von Cum­berland der braunschweigische Staatsminister mit dem Reichskanzler hatte, der Minister die Anschauung seiner Regierung vertrat, daß der Thronbesteigung der Welfen in Braunschweig Hindernisse nicht mehr entgegenssänden. Daß trotzdem damals irgendwelche Schritte der Berliner Regierung nicht erfolgten, ist be­kannt; ebenso bekannt aber auch, daß gleich im Anschluß an die Hochzeitsfeier in Berlin die Neuordnung der Thronfolge-Frage in die We­

ge geleitet wurde. Das Schreiben vom elften Oktober an den Kanzler ist also in mehr als einer Hinsicht interessant.

KornwalM-gntrrmeW.

Die KruPp.Kanonen in Belgien.

Am Schluß der Mttwoch-Verhcmdlung des Krupp-Prozesses kündigte (wie wir berichtet haben) der Oberstaatsanwalt an, daß er zu Freitag noch einen to eiteren Zeugen, den Major a. D. Wangemann, geladen habe. Veranlassung hierzu bot, tote mitgeteilt wird, ein in einem eigenhändig ge­schriebenen Briefe des Direktors Eceius an Herrn von Metzen am dreizehnten März 1910 enthaltener Passus:Ich möchte demnächst nach Berlin kommen auch zwecks Erledigung des Falles Wangemann." Major Wangemann, der früher bei der Artillerie-Prüfungskommis­sion tätig war, soll, so wird behauptet, gegen ein Monatsgehalt von 400 Mark für die Firma Krupp tätig gewesen sein. In­zwischen hat sich Herr van Metzen inter­viewen lassen. Es wird uns darüber be­richtet:

Belgien «nd die Krupp-Kanonen.

(Privat-Telegram m.)

Brüssel, 7. November.

Die hiesige Zeitung Soir veröffentlicht ein Interview mit Herrn vonMetzen, in dem dieser sagte: Er könne nur wiederholen, was er bereits vor Gericht gesagt habe. Er habe die Firma Krupp in Brüssel drei Jahre lang vertreten, aber er habe weder in Brüssel, noch in anderen Ländern jemals den Versuch gemacht, Beamte zu bestechen. Die Meldung belgischer Blätter. Krupp habe für zwei Millionen Mark mehr Aufträge erhalten als eine französische Firma, sei dahin richtig zu stellen, dass die belgische Militärkommis- sion die Geschütze beider Firmen geprüft und die Krupp-Geschütze als besser wie die französischen Geschütze befunden habe. Er sei gewiss kein Freund der Firma Krupp, aber das müsse er sagen, dass in Belgien alles reell zugegangen sei. Im Falle eines Krieges werde es sich schon zeigen, dass die Krupp-Geschütze den ftan- züsischen überlegen seien. Metzen erklärte dann wörtlich:Vielleicht ist es in anderen Ländern nicht so ehrlich hergegan­gen. Sagen wir. die ehrliche Abwicklung in Belgien fei ein Zuf all gewesen, dann war es ebe« ein besonders glücklicher Zufall ...!"

Die Krupp-Affäre wird übrigens in den nächsten Tagen auch im belgischen Parla­ment erörtert werden. Die Erklärungen des Oberstaatsanwalts und des Zeugen van Met­zen im Krupp-Prozeß, daß nichts Unfaires bei dem Verkauf Kruppscher Kanonen in Belgien vor gekommen sei, haben nämlich in den Krei­sen der liberalen und sozialistischen Parlamen­tarier nicht den gewünschten Erfolg gehabt. Man betrachtet nach wie vor die erfolgten Ka- nonen-Derkäufe mit dem größten Miß­trauen, dies um so mehr, als der Kriegs­minister de Brockeville schon im Januar, als er über die gleiche Angelegenheit interpelliert wurde, kategorisch erklärte, er werde die Schul­digen und Fahrlässigen streng bestrafen. Am nächsten Dienstag soll die Angelegenheit in der Kammer erörtert werden.

Strafanträge im Krupp-Prozeß.

(Privat-Telegramm.)

Berlin- 7. November.

In der heutigen Verhandlung des Krupp- Prozesses nahm nach Schluss der Beweis­aufnahme der Staatsanwalt das Wort zu sei­nem Plaidover. Er wies dem Angeklagten E c c i u s gegenüber darauf hin, dass er nach Paragraph 264 des Strafgesetz-Buches unter dem Gesichtspunkte der Mittäterschaft an der Bestechung oerureitt werden müsse. Ter Staatsanwalt beantragte, gegen beide Ange­klagte hinsichtlich der Beurteilung der Dchuld- frage gemeinsame Gesichspunkte anzuwenden und ihre Schuld gleichmässig zu sühnen. Er stellte deshalb den Antrag, beide Ange­klagte zu je fünf Monaten Gefäng­nis zu verurteilen und dem Angeklagten Brandt die erlittene Untersuchungshaft in Anrechnung zu bringen. Das Urteil steht heute abend zu erwarten.

Der neueste Spionage-Prozeß.

Markowski, Wroblewaski uud Wollmann.

Leipzig, 7 November. (Privat-Te- I e « r a m m.) Wegen versuchten Verrats mi­litärischer Geheimnisse stehen heute vor dem vereinigten zweiten und dritten Straffenat des Reichsgerichts in Leipzg der Kaufmann Czed- lato Markowski aus Thorn, der Kaufmann Wladislaw Wroblewaski aus Warschau und der Handlungsgehilfe Leo Wollmann aus Warschau. Tie drei Angeklagten haben

im Februar dieses Jahres versucht, sich in den Besitz eines Gewehrschlosses neuesten Modells zu setzen und es zur Kenntnis einer fremden Macht zu bringen. Das Verbrechen ist nicht zur Ausführung gekommen Nach Verle­sung des Eröffnungsbeschlusses wurde die Oef- fentlichkeit ausgeschlossen.

IerFiirstderManier.

Prinz zu Wied und seine Gemahlinr Das« neue Fürstenpaar von Albanien; persöiff liche uud unpersönliche Erinnerungen, von

Paul Lindenberg.

Das neue Fürstentum, das»aus den Mrren des letzten Balkankrieges hervorgegan­gen, hat nun endlich, nach langem Hin und Her und manch' verworrenem diplomatischen Ränke­spiel hinter den Kulissen der Weltereignisse, seinen Fürsten erhalten, einen Fürsten und eine Fürstin aus deutschem Geblüt. Prinz Wil­helm zu Wied, der unter dem Dutzend von Bewerbern um die neue Fürstenkrone schon seit langem als geeignetster und erfolgreichster be­trachtet wurde, bat die Wahl angenommen, in dem Pflichtgefühl, als treuer deutscher Mann seine Schuldigkeit zu tun, und in der lieber« zeugung. dem geplagten Lande Ruhe und Frie­den zn bringen. Sicherlich ein bedeutsames ge­schichtliches Ereignis, denn aus Europas Staa­tengebilde wird sich kaum noch ein ganz neues Reich mit einem neuen Herrscher gestalten las­sen. Deshalb ist auch die Persönlichkeit des neuen Fürsten von erheblicher Bedeutung, wird es doch in erster Linie von ihm, seiner Geschick­lichkeit, seiner Energie, seinem ganzen Wesen und Sichgeben abhängen, welchen Rang Alba­nien unter den übrigen Staaten einnehmen und welche Kulturfortschritte es machen wird. Prinz Wilhelm zu Wied, der am 26. März 1876 in Neuwied geboren wurde, begann schon früh die militärische Laufbahn und zwar im Regiment Gardes du Corps in Potsdam. Die Erziehung des Prinzen war eine sehr sorgfältige und liebe­volle. was für Die keiner Erwähnung bedarf, die den geraden, echt deutsch denkenden und handelnden Fürsten Wilhelm zu Wied mit sei­nem reichen Geistes- und Innenleben und dessen zarte, feinsinnige, stets rücksichtsvolle, nur den Ihren lebende Gemahlin Marie, eine geborene Prinzessin der Niederlande, erkannt haben. Schlicht und ruhig ging's

in der fürstlichen Familie

zu; die drei Söhne, deren mittelster Prinz Wilhelm ist, wurden von jung auf an Einfachheit gewöhnt; der Vater, der sich als Generalstabsoffizier im deuffch - französischen Kriege das Eiserne Kreuz erster Klasse erwor­ben, überwachte den Unterricht und legte neben der geistigen Ausbildung großen Wert auf eine körperliche. Der fürstliche Marstall verfügte über edle Tiere, früh schon saßen die Prinzen fest im Sattel und begleiteten den Vater auf lan­gen und anstrengenden Ritten. In Potsdam wußte sich Prinz Wilhelm schnell einzuleben und erfreute sich bald großer Beliebtheit bei Kame­raden und Untergebenen. Aber auch außerhalb der militärischen Kreise erwarb er sich durch fein offenes, freimütiges Wesen, seine ungekünstelte Liebenswürdigkeit, sein bescheidenes und doch männliches Auftreten, seine von sachlicher Ueberlegung zeugenden Ansichten über wichtige politische wie soziale Fragen und seinen auf mancherlei weiten Reisen geschärften Blick warme Sympathien, die sich ihm in reichem Maße gelegentlich seiner am SO. November 1906 vollzogenen Vermählung mit der Prinzessin Sophie von Schönburg-Walden­burg zeigten. Der junge Hausstand und die sehr retten gesellschaftlichen Verpflichtungen in Potsdam und Berlin, verbunden mit anstren­gendem Dienst int Regiment, hielten den Prin­zen nicht von den Vorbereitungen für das Exa­men zur Kriegsakademie ab. das er glänzend bestand. Nach dreijährigem Aufenthalt in Ber­lin kehrte

der Prinz zn Wied

zu seinem Regiment zurück, jedoch nur vorübergehend, denn alsbald erfolgte sei­ne Berufung als Hauptmann in den Gro­ßen Generalstab und zwar in eine der kniffligsten" Abteilungen desselben, jene der Eisenbahnen und des Verkehrs - WesenS. Da sich die prinzliche Familie in Potsdam eine Villa eingerichtet, mußte der Prinz jeden Morgen nach Berlin fahren, und es ward ost spät bis zur Rückkehr, denn imroten Kasten" am Berliner Königsplatz kennt man keinerlei Rücksichtnahme auf die dort tätigen Offiziere, mögen sie fürstlicher Abstammung sein und mögen sie auch eine holde Gattin und ein rei­zendes Töchterlein (denn dem Paare war am 19. Februar 1909 ein Töchterchen, Marie Eleo­nore, beschert worden) zu Haus haben. Dort aber brannte auf dem Arbeitstische des Haus­herrn noch oft die Lampe bis in die Nacht hinein oder auch bis zum frühen Morgen, das vorgeschriebene Arbeitspensum mußte erledigt werden. Auch beim Generalstabe schnitt Prinz Wilhelm sehr gut ab. Nach mehrjährigem Kom- mando kehrte er dann wieder zur Truppe zu­rück und trat in das dritte Garde-Ulanen-Regi- ment in Potsdam ein. In seiner Gemahlin, der am 21. Mai 1885 geborenen Prinzessin Sophie von Schönburg-Waldenburg, hatte Prinz Wilhelm eine liebliche und warmherzige