Einzelbild herunterladen
 

C Mer Neuestk MchMen

Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

Die Lästerer Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der aboimetnenlBptet« beträgt monatlich *0 Pfg. bei sreier Zustellung tu» Hau«. Bestellungen werde» sederzett von der Seschünrftelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und RedaMon: Schlachthosftraß« 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 81/, bi« 8 Uhr. abend«. Sprechstunden der Auskunft - Stelle: Jede» Mittwoch und Freitag von 6*/, bt« 8 Uhr abend«. Berliner Vertretung: SW. Friedrichstr 16, Telephon: Ami Moritzplah 12584

Jnsertion-preise: Die sech«gelpaltene Zeil« für einheimische Dtfchclft- 15 Psg., sur au«, wärtige Inserate 25 Pf. Reklame,eile für einheimisch« «elchLfte 40 Pf. für auswärtige ««schäft, M Pf. Einfach« Beilagen für die Befamtouflage werben mit 5 Mark pro Laufend be­rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden, und der Umgebung stnd ~ e Lasteler Neuesten Nachrichten ei» vorzügliche« JnfertionSorga». «eschästritelle: «öln Straße 5. Berliner Vertretung: SW., griedrichsiraß« 16, Telephon: Amt Moritzplatz 1

Nummer 284.

Fernsprecher 951 und 953.

Freitag, 7. November 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Kampf um Frauen-

Die Frauenbewegung in England: Eine Schicksalfrage für Englands Politik, von Fritz Steinheim.

England, die Heimat des extremen Frauen» recht-Kampfes, hat nicht nur die eigenartigsten Erscheinungen der auf den Kampf gestimmten Frauenbewegung hervorgebracht, son» dern seine um Wahlrecht und politische Privi- legien mit allen Mitteln wildester Leidenschaft ringenden Frauen haben durch die alle Bande frommer Scheu rücksichtlos durchbrechende Form deS Kampfes einen Typ ringender Weiblichkeit geschaffen, von dem sich wirklich nicht sagen läßt, daß er dem zwanzigste« Jahr­hundert zur Ehre gereicht. Wer England kennt und mit den unbeschränkten Freiheiten des öffentlichen Lebens auf englischer Erde vertraut ist, wird allerdings eher geneigt sein, im Wesen des englischen Suffragettentums einen Ausfluß exaltierter Emanzipation-Regungen, denn eine im Jntellett des englischen Frauen­tums wurzelnde Sitten» und Rechte-Revolu- tion zu erblicken, deren Voraussetzungen im ganzen Tatbereich der Suffragetten-Bewegung fehlen. In England selbst beurteilt man den auf die Straße getragenen Kampf der Suffra» getten sehr kühl und ohne tiefergehendes Inter­esse als ein politisches Krankheitsmerk­mal unsrer an Abnormitäten und Degenera­tions-Symptomen ohnehin reichen Zeit, und darauf ist es Wohl auch zurückzuführen, daß in der öffentlichen Meinung des Jnselreichs die im Suffragettentum sich offenbarende starke Leidenschafts-Kraft immer noch ach­tungsvolle Schätzung erfährt, trotzdem die M e- t h o d e des Kampfes zu schärfstem Widerspruch herausfordert. Man kann diese eigentümliche Erscheinung vielleicht in dem Sinne deuten, daß die Idee der politischen Frauenbewe­gung in der öffentlichen Meinung Englands längst sichern Wurzelboden gefunden hat und daß ihre praktische Nutzanwendung die üble, jede Leidenschaftregung sich dienstbar machende Art ihrer Propagierung gehindert wird.

Während in den skandinavischen Ländern, in denen die Fr.au viel später sich zur Erstrebung politischer Rechte regte als in England, das Frauenwahlrecht längst Wirklichkeit geworden ist, während selbst in Finnland und in Böh­men die moderne Frauenbewegung zu sichtba­ren Erfolgen geschritten, ist der englische Frau­enkampf heut (nach jahrelanger, an Intensität und Leidenschaftlichkeit fast unerreichter Krast- aufwendung) dem Ziel seines Strebens nicht nur nicht näher gekommen, sondern hat den Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit sogar noch erheblich vergrößert. Es darf damit als erwiesen gelten, daß die politische Frauen­bewegung zwar eine Kampf-Organisation sein kann (weil sie Rechte erstrebt, die ihr als Ziel und Ideal vorschweben), daß sie auf der andern Seite aber nur bann Aussicht auf Erfolg hat, wenn ihre Bestrebungen von der Sympathie der nationalen Gesamthe.it getragen wer­den und sich nicht (wie in England) allen ethi­schen und ästhetischen Traditionen wild entge­genstemmen. Dann schließlich soll doch die Evolution und nicht die Revolution den Weg zum Ziel bahnen! Umso überrraschender kommt uns aus London die Kunde, daß wegen der Frauenfrage im englischen Kabinett der Ausbruch einer Krise droht. Das Ministe­rium Asquith hat (man kann das nicht ver­schweigen) in der Behandlung der politischen Frauenfrage von Anfang an eine wenig glückli­che Hand gezeigt: Es hat nicht nur nicht ver­standen, das Suffragettentum zu bannen und die üblen Auswüchse des von ihm geführten Kampfs zu beseitigen, sondern es hat durch of- fenbare Verständnislosigkeit gegen- über den berechtigten Forderungen der Frauen, bewegung die Regierung in den Verdacht reak- rlonärer Verknöcherung gebracht und damit den Suffragetten-Exzessen gewissermaßen Märtyrer. Ruhm geworben.

Der Erste," der dies erkannte, war Sir E d - ward Grey, der eigentliche staatsmännisch- produktive Kopf im Kabinett Asquith, d.er sich nicht damit begnügt hat, die fanatisierten Stimmrechts - Frauen dem Polizeirichter zu überantworten, sondern bemüht war, die Ur­sachen und treibenden Kräfte der Bewe- gung bis zum Wurzelboden festzustellen. Sir Edward Grey hat mit den Führerinnen der englischen Frauenbewegung im letzten Herbst wiederholt eingehend über die Möglichkeiten eines Kompromisses zwischen Regierung und Frauenpartei konferiert, und das Ergebnis dieser Verhandlungen war die Ankündigung Greys, daß di« Regierung in die (damals hitzig ItmtaUtiu) Wahlresorm-Bill eine Klausel aus­

nehmen werde, die gewissen Gruppen von Frau­en das Stimmrecht sichern werde. Pre- miermiuister Asquith, der der Frauenbewegung stets als schroffer Gegner gegenübergestanden, erklärte damals, daß er unter keinen Umständen im Amte bleiben werde, wenn den Frauen durch Gewährung des Stimmrechts ein Einfluß auf Politik und Regierung zuerkannt werden sollte. Nun ist zwar im e r st e n Ansturm der Frauen, kampf gegen Asquith und die Tradition der Verneinung politischer Frauenrechte abgeschla­gen worden und die Wahlrechts-Bill ohne die von Grey versprochne Eventual-Klausel geblie­ben, aber grade dieser Mißerfolg hat die Frauenbewegung zur höchsten Energie-Leistung im neuen Kampf ums alte Ziel angespornt, und wir hören denn auch, daß neben Edward Grey unterdessen selbst Lloyd George, der Schatz­kanzler Englands und einer der Einflußreich- sten im Kabinett Asquith, sich zu der Erkenntnis durchgerungen hat, durch Gewährung klug ab­gewogner politischer Rechte der fanatisch vor- drängenden Frauenbewegung die drohende Spitze zu nehmen. Wie Grey ist auch George kein schwärmerischer Bewundrer des Straßen­kampfs der Suffragetten, aber er hat erkannt, daß die Ursachen der politischen Frauenbewe- gung in der sozialen Struktur unsrer Zeit wurzeln und müht sich, dieser Tatsache Rechnung zu tragen. Welche Konsequenzen sich aus den dabei erkennbar gewordnen Gegen­sätzen im Kabinett ergeben werden, läßt sich im Augenblick noch nicht absehen. Eins indes­sen ist sicher: Der Kampf der Frauen und der Kampf um die Frau hat in England die Be­deutung einer politischen Schicksalsrage erlangt, und man darf gespannt darauf sein, welche Antwort England dieser Frage finden wird. . .!

Sie Politik der Liebe.

Heirats-Pläne und Herzen-Cnttäuschung.

Anläßlich der Meldung von der bevorstehen- den Verlobung der Prinzessin Olga, der Tochter des Herzogs von Cumberland, mit dem Erbgroßherzog von Mecklenburg- Strelitz wird daran erinnert, daß die Prinzessin Olga, die jüngste Tochter des greisen Herzogs von Cumberland und Schwägerin der jungen Herzogin von Braunschweig-Lünevurg, seiner­zeit auch in den Heiratsplänen des deutschen Kaiserhauses eine wichtige Rolle gespielt hat. Von unterrichteter Seite wird uns dazu geschrieben:

Beide Verlobte, Prinzessin Olga und ihr Bräutigam, sind gelegentlich auch mit Mit­gliedern unseres Kaiserhauses in Ver­bindung gebracht worden. Wie man sich er­innern wird, verlautete vor einigen Jahren in bestimmtester Form, daß der Erbgroßher­zog von Mecklenburg-Strelitz als Gemahl der inzwischen mit dem Herzog von Braun­schweig verheirateten Kaisertochter be­stimmt sei. Nach anderen Gerüchten sollte eine Verlobung der Prinzessin Olga mit dem Prinzen Adalbert, dem dritten Sohne des Kaisers, beabsichtigt gewesen sein. Diesen Gerüchten kam auch tat­sächlich eine gewisse Bedeutung zu, denn an­läßlich der Verlobung der Prinzessin Viktoria Luise mit dem Prinzen Ernst August in Karlsruhe wurde auch Prinz Adalbert der Schwester des Bräutigams nicht ohne Absicht vorgestellt. Dieser Verlobungsplan darf nun­mehr als endgültig aufgegeben gelten, was in der Umgebung des Prinzen umso mehr bedauert wird, als Prinz Adalben sich nicht zum ersten Male in dieser Bezie­hung in seinen Erwartungen getäuscht gesehen hat. Bekanntlich hat seinerzeit «in ähnliches Heiratsprojekt vielfach die Oeffent» lichkeit beschäftigt, bei dem außer dem Prin­zen Adalbett der Name der Großfürstin Olga, der ältesten Tochter des russischen Kaiserpaares vielfach genannt wurde. Zieht man ferner in Betracht, daß auch schon in früheren Jahren wiederholt der Versuch ge­macht worden ist, den Prinzen Adalbett zu verheiraten, so scheint die Auffassung nicht un­berechtigt zu sein, daß der dritte Sohu unseres Kaiserpaares in den Regungen des Herzens wenig vom Glück begünstigt zu sein scheint. Daß vor Jahren auch einmal der Plan bestand, den Kronprinzen Wilhelm eine Ver­bindung mit der Tochter des Welsenhauses, der Prinzessin Olga, eingehen zu lassen, verdient in diesem Zusammenhang ebenfalls erwähnt zu werden. *

Der Kaiser und Kiew.

Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung veröffentlicht folgende Feststellung: Nach Meldungen deuffcher Blätter in Peters­burg will die Nowoje Wremja wissen, daß Kaiser Wilhelm einem lehr angesehenen

Russen gesagt habe, er glaub« an solche rituellen Verbreche«, wie das Kiewer. Auch in Deuffchland habe es einen Fall von einem solch fanatischen Verbrechen gegeben, aber aus politische« Gründen sei die Sache vertuscht worden. Die Erzählung des russischen Blattes wurde in der deutschen Presse sofott zurückgewiesen. Wir wolle» noch ausdrücklich feststellen, daß die angeblichen kai­serliche« Aeutzerungen erfunden sind."

övAherbft im Reichstag.

Die Entscheidung über die Handelsverträge.

Drei Wochen noch trennen uns von der Er­öffnung des Reichsparlaments, aber schon wer- den die Waffen für die künftigen Kämpfe geschliffen, und die Partei-Strategen berechnen die Chancen ihrer Parteien in der neuen Parlaments-Saison. Wie das Bild sich im einzelnen gestalten wird, ist darum be- sonders wichtig zu wissen, weil es auch maß­gebend sein wird für die Gestaltung der neuen Zolltarife und Handelsverträge, die als die wichtigsten der nächsten Aufgaben unserer Politik der Erledigung harren.

Die Mehrheit der Linken.

(Von unferm parlamentarischen Mitarbeiter.) Berlin, 6. November.

Das charakteristischste Moment der neuen Parlaments-Session ist die Tatsache, daß die Linke die Mehrheit hat. Sie zählt zur­zeit 203 Mitglieder, die sich rekrutieren aus 111 Sozialdemokraten, 47 Nationalliberalen, 44 Fortschrittlern und 1 Dänen. Da die Mehrhett 199 Stimmen beträgt, verfügt die Linke also über eine Majorität von vier Stirn» m e n. Damit sind aber die Bataillone der Lin­ken noch nicht erschöpft, denn in vielen Fragen (insbesondere bei Verfassungs- und sozialpolitt- schen Problemen) wird sie meistens auf eine Verstärkung seitens der etwa dreißig Stimmen der Polen, Elsässer und Welfen rechnen können. Die Rechte hat zusammen 194 Stimmen. Diese Oerteilen sich mit zusammen 66 auf Kon­servative und Reichspattei, mit 90 auf das Zentrum und mit 34 auf Elsässer, Welfen und bayrische Bauernbündler, sowie die beiden Rechtsnattonalliberalen Dr. Becker und Frei­herr von Heyl und die Grafen Oppersdorf und Posadowsky, die keiner Frattion angehören, aber immer mit der Rechten stimmen. Natür­lich bedeuten diese 194 Abgeordneten

keine feste Koalition, insbesondere wehren sie sich gegen die Behaup- iunfl, daß sie zusammen den .schwarzblauen Block" darstellen. Ebenso bilde» ja die 203 Stimmen der Linken keine feste Einheit. Ins­besondere hat die Linke überhaupt nur die Majorität, wenn sie bestimmt mit den Nationalliberalen rechnen kann. Und natürlich gibt es eine Menge Fragen, in denen die Itattonalliberalen nach ihrem Patteigro- qramm sich auf die rechte Seite schlagen. An­dererseits kann sich auch der Besitzstand der Rechten noch mehr verkleinern, wenn beispiels­weise in toiduigen spezialpolnischen Fragen das Zentrum an den demokratischen Grund­sätzen seinem Patteiprogramms festhält. Wie stehl es nun in wirtschaftlicher Hinsicht? Auch hier ist heute schon ein einigermaßen klares Bild möglich. Die Grundfragen heißen: Aufrechterhaltung der jetzigen Wirt­schaftspolitik ober Zollermätziguna, oder Hochschutzzoll? Für den Hochschutzzoll findet sich keine Mehrheit, und nach Lage der Dinge ist deshalb anzunehmen, daß auf wirt­schaftlichem Gebiet alles beim Alten bleiben wird.

*

Die großen nationalen Fragen.

Entscheidend ist für jedes Parlament, ob es eine Mehrheit für die sogenannten .Natio­nalen Fragen- hat. Das kann auch vom Deutschen Reichstag in der kommenden Winter­session behauptet werden. Denn die Rechte hat ja nicht das Privileg auf die alleinige Vertre­tung vaterländischer Interessen. Der gesamte Liberalismus weiß die staatserhaltenden Not- wendigkeiien ebenso zu würdigen, und so darf man denn hoffen, daß grade in denjeniqen Fragen, in denen Interessen der nationalen Gesamtheit auf dem Spiel stehen, der Reichs­tag, unbekümmert um Parteigeg«ffätze. seine Pflicht tun Wirb.

Sie Katastrophe von Melun.

Fünfzig Opfer des Unglücks.

P a r i s, 6. November. (Privat-Telegramm.1 Die Todesopfer beS Eisenbahnunglücks bei Melun dürften wohl die Zahl fünfzig errei­chen. Noch ist cS nicht gelungen, alle un.er den Trümmern liegenden Leiche« zu bergen. Unter andere» sind bis jetzt noch nicht die Leichen zweier Lioner Universitätsvrofeffo-

ren gefunden. Tie Postbeamten, die mit dem Leben davonkame», holten unter den Trüm­mern zahlreiche Postpakete, Wertpapiere, Edel­steine, Schmucksachen und ganze Bündel von Banknoten hervor.

Das Kössigs-Zrama.

Der Besuch beim geisteskranke» König Otto von Bayer«; der Gefangene von Fürstenried.

Wie wir schon berichteten, habe« bi« bah- rische» Landtagsabgeordneten Dr. Lass er­mann und Giehrl sich am Dienstag in das Schloß Fürstenried begebe», um sich im Auf­trage der Abgeordnetenkammer von dem Ge­sundheitszustand des König« Otto »u Über­zeugen. Der Besuch, der etwa vierzig Minute» dauerte, überzeugte die Abgeordnete« von bee Unmöglichkeit einer Genesung des kranke» König«. Wie uns ein Privat.Telegramm au« München meldet, bringen bayrische Blätter über den Besuch beim König folgende« Bericht r Die beide» Abgeordnete« werde» vom Hofmarschall Baron Stengel vor de» König geführt. Ei« prächtiger EmpfangSsaal, aber die Wände und Türe» gepolstert wie alle Räume, die dem unglücklichen Kranke» zum Aufenthalt dienen. An der dunkelsten Stelle beS Saales zwischen zwei Fenstern, wohin baS Licht nur spärlich bringt, steht an der gepol­sterten Mauer ein kräftiger, großer Mann, der ohne Unterbrechung drei, vier kleine Schritte hastig vorwärts und dann reic­her zurück trippelt, unaufhörlich, ohne Aussehen an derselben Stelle. Die Hände ge­stikulieren ständig, sie beschreiben Kreise. Die Finger sind fortwährend in Bewegung. Jetzt fährt sich der Kranke an den Kopf, jetzt streckt er die Hand in die Höhe, dabei spricht er fort­während abgerissene, unverständliche Laute, auch Schimpfwort« mischen sich drei«. Offenbar hört er ständig Geräusch, er kämpft mit Wahnvorstellungen, ein Bild, er­schütternd bis ins Mark.Majestät, hier sind die Heere« LandtagSabgeord- neten Giehrl und Dr. Caffelmann, die ihre Aufwartung machen zu dürfen bitten!" So stellt der Hofmarschall die beiden Gäste vor. Sie werden keines Blickes gewürdigt. Der Kranke reagiert mit keinem Wort und kei» nee Bewegung auf die Anrede, sondern fähtt fort mit feinem

ruhelosen Vorwärts und Rückwärts, das ganz automatisch geschieht und von den Gehbewegungen eines Gesunden sich völlig unterscheidet. Noch zweimal versucht der Be­gleiter dem bedauernswerten Manne begreiflich zu machen, daß Besuch anwesend sei, vergeb­lich. Nur abgebrochene, heftige, schwervetständ- lich hervorgestoßene Laute sind die Antwott, Lu!" undBra". Lu, das ist sein Unglück- lieber Bruder, König Ludwig, Bra, der feit langem verstorbene Genera ladjutant von Pranckh, die beide öfter in seiner Wahnwelt auftauchen, anscheinend neben Ba­ron Stengel als einzige Personen, die noch eine Rolle imBewußtsein", wenn man daS so nennen könnte, spielen. Seit zehn Jahren hat man an dem Kranken nichts mehr beobach­ten können, was auch nur im entferntesten an einen sogenannten lichten Augenblick gemahnen könnte. Lange Zeit weilen die Besucher im EmpfangSsaal, ohne daß baS Bild sich ändert. Stunden und halbe Tage lang kann der Kranke nach der Aussage seiner Umgebung an der gleichen Stelle seine engbegrenzten Be­wegungen auSfüheen, ohne sich stören zu las­sen, dabei den Blick ständig auf die gepol­sterte Mauer richtend. Der König ist sehr gealtert, etwas gebeugt, grau ist der Knebelbatt und daS noch ziemlich reichlich« Haar, eingefallen die GestchtSzüge, erloschen und verschleiett daS Auge, das durch seinen Blick schon

die geistige Erkrankung

verrät. Der König nimmt nur unregelmäßig Nahrung zu sich. ES ist mehr ein Ver­schlingen alS ein Essen. In einem Reben- zimmer steht «in Tisch gedeckt, daS Tischtuch mit eisernen Klammern am Tisch befestigt. Trotzdem gelingt eS manchmal dem kräftige» Mann, eS loSzureißen mit allem, waS darauf steht, um eS in eine Ecke zu schleudern. Auch während der Anwesenheit der beiden Ab­geordneten schlüpfte der Kranke, alS et sich un­beobachtet glaubte, rasch in das Eßzimmer, um Tee zu trinken. Plötzlich bemerft der beglei­tende Arzt:Majestät werden un­ruhig", und ersucht die Besucher, sich zu ent­fernen. Bevor sich die beiden umwende«, schleudert der Kranke daS Tablett mit dem dar- ausstehenden massiven Geschirr wuchtig in eine Ecke und unterhält sich dann damit, die einzel­nen Stücke wieder aufrulesen und wieder hin- zuschleudetn. Sind eS die unsichtbaren Feinde seiner Phantasiewelt, gegen die er sich .wehren will? Run besicktmeu die beiden $u»