Nr. 283. — 8. Snfjrfltmfi.
Kasseler Neueste Nachrichten
Donnerstag, 6. November 1918.
Hofsgelände von Münchehof bedeckt den Raum eines der größeren von ihnen. Bei Obervellmar ward die Ahna erreicht, und mit ihrem Ausbau wäre die Verbindung zur Fulda geschaffen. Dann standen stärkere Wasserläufe zur Verfügung. Fulda, Edder und Schwalm konnten benutzt werden, nur machten die Wehre, Sandbänke und Aalfänge (Dämme, im Winkel mit der Strömung verlausend, in deren äußerste Spitze die Aalreuse gesetzt ward; deren letzte Vertreter noch bis zum Jahre 1895 in der unteren Fulda bei der „Grauen Katze" bestanden) die Arbeit schwierig, denn für die Gerechtsamen mußte Ablösung eintreten oder die Dämme mußten umgangen, die Mühlwehre mit Schleusen eingerichtet und alle Brücken von geringerer Höhe als Zugbrücken eingerichtet werden. Zwischen Treysa und Kirchhain begannen wieder größere Schwierigkeiten, und die Rhein-Weser- Wasserscheide, die uns heute das wechselnde Tempo der Eisenbahn deutlich kündet, mußte wieder mittelst Teichen und einem umfangreichen Schleusenshstem überschritten werden. Aus dem Wieratale mußte man etwa 300 Fuß emporsteigen, um jenseits sich wieder in das Wohratal zu senken. Dann eröffnete die Wohra freundlichere Perspektiven, die Ohm brachte noch bessere Wasserstandsverhält- nifse, und mit der Lahn war wieder ein größerer Flußlauf erreicht, der fast offen bis zum Rhein dalag.
Die technischen Schwierigkeiten, die sich aus der Benutzung all der kleinen Wasseradern und Läuse ergeben mußten, unterschätzte man. Dazu kam dann noch im Zuge der Ohm die Durchschneidung des kurmainzi- schen Amtes Amöneburg, und wenn auch längst die Rivalität von Kurmainz und Hessen verschwunden war, so war es doch immerhin möglich, daß Zölle oder schikanöse Handhabung der Wassfrstandsverhältnisse (dies um so mehr, als mehrere Mühlen zu umgehen waren) hindernd wirkten. Aber wohl in erster Linie die technischen Schwierigkeiten waren es, die den Plan nur langsam in die Wirklichkeit treten liehen und nach dem Tode des Landgrafen Karl auch das Werk ins Stocken brachten. War er doch so ganz ein Fürst seiner Zeit, unternehmungsfroh, großzügig und vor keinen Schwierigkeiten zurückschreckend. Wie er, oft fast allein, die Wacht am Rhein gegen den „Sonnenkönig" gehalten, wie er selbst, und neben ihm feine Söhne, Hessens Fahnen gegen Franzosen, Spanier und Türken, gegen alle diese Reichsfeinde, voranschritt, so rang er auch zähe um den künstlerischen und gewerblichen Fortschritt des Hessenlandes. Wie zähe zum Beispiel auch mußte allein der Boden Carlshafens dem trügerischen Sumpfe der Die- melmündung, den die Anwohner „uf dem Meere" nannten, abgerungen werden. Daß dieser Plan eines ersten Mittelland-Kanals eben Plan blieb, ist nicht Earls Schuld, es war ein Projett, z u g r o ß für ihn und seine Zeit, aber auch ihm gilt das Römerwort: Magnurn vo= luisse magmun! (Großes gewollt zu haben, ist groß!)
Sie Kornwalzen rollen...!
Zehnter Tag im Brandt-Eecius-Prozetz.
(Bericht unsers Korrespondenten.)
Berlin, 5. November.
In der Dienstag-Verhandlung des Krupp- Prozesses (über die wir bereits telegraphisch berichteten) gab der Untersuchungsrichter Land- gerichtsrar Wetzel, der das Ermittlungsverfahren geleitet, eine längere Erklärung ab, in der in erster Linie die Mitteilung interessant ist. daß gegen zwei Beamte des Reicksmarineamts gegenwärtig noch Ermittelungen schw e b en, daß aber die Untersuchung bisher nicht abgeschlossen sei. Ein Verrat militärischer Geheimnisse ebenso wie die
Frage der Bestechung dürfte ausgeschlossen erscheinen, sodaß sich die Untersuchung nur auf disziplinarischem Gebiet bewegen werde. Der Oberstaatsanwalt bemettte hierzu, daß die Untersuchung zwar noch im Gange sei, daß sich aber bisher nichts ergeben habe, was zu der Einleitung eines Strafverfahrens hätte Anlaß geben können. Da hierauf der Inhalt weiterer Kornwalzen erörtert wurde, mußte die Oeffentlichkeit der Verhandlung neuerdings auf längere Zeit ausgeschlossen werden. Nachdem die Oeffentlichkeit wieder hergestellt war. gab der Zeuge von Metzen gleichfalls eine Erklärung ab, in der er dagegen Verwahrung einlegt, daß man ihn mit den dem
Abgeordneter Dr. Liebknecht
in die Hand gespielten Kornwalzen in Verbindung bringe. Weiter bekundet der Zeuge, daß der Angeklagte Brandt sich wiederholt in seinem Privatkontor, in welchem auch der Ge- heimschrank mit den Abschriften der „Kornwal- zen" stand, aufgehalten habe, ab und zu sogar in Gesellschaft von Bekannten aus den: Militürftande, von denen er zweifellos Nachrichten bezog. Brandt soll sogar einmal vergessen haben, den Geheimschrank, der während der Abwesenheit des Zeugen von ihm offen gelassen worden war, wieder zuzusperren, was von einem bedenklichen Mangel an Vorsicht zeuge. Gegen die Annahme, daß etwa aus dem vielleicht offen stehenden Schrank die Abschriften der .Kornwalzen" von einem Die b entwendet worden seien, wird dadurch widerlegt, daß in dem Bries an den Abgeordneten Liebknecht ausdrücklich hervorgehoben wird, daß die Kornwalzen sich in einem Schrank im Zimmer des Herrn von Dewitz befinden. Der Zeuge, Krupp-Direktor von Dewitz, bemerkt hierzu, daß es sich nicht um einen eigentlichen Geheimschrank, sondern um einen ganz gew ä hnlichen Büroschrank gehandelt habe und daß er selbst Herrn von Metzen wahrscheinlich gesagt habe, daß die .Kornwalzen" dort aufbewahrt würden. Diese letztere Aussage hält der Zeuge auch auf eine wiederholte
Frage des Verteidigers
Löwenstein aufrecht, der seinerseits erklärt, für ihn scheine der Verdacht bis zur äußersten Möglichkeit als gegeben, daß der Zeuge von Metzen mit den dem Abgeordneten Liebknecht übersandten Kornwalzen in einer mehr oder weniger engen Verbindung stehe. Sehr auffällig müsse es auch erscheinen, daß in dem Brief an den Abgeordneten Liebknecht verschiedene Ausdrücke, die sich in Briesen Metzens an die Firma Krupp finden, wörtlich wiederkehren. Der Vorsitzende stellt hierzu jedoch fest, daß von einer wörtlichen Ueberein- stimmung nicht gut gesprochen werden könne. Der Zeuge von Metzen verwahrt sich entschieden dagegen, in irgend welcher Verbindung mit dem Abgeordneten Liebknecht zu stehen oder gestanden zu haben, und meint, er müsse von einem ganz kopflosen Rachebedürfnisse getrieben worden sein, wenn er dem Abgeordne- ien Liebknecht ein Material übergeben hätte, an dessen Geheimhaltung ihm um deswillen alles gelegen sein mußte, weil es wertlos wurde, sobald es der Oeffentlichkeit bekannt war.
Sie Politik Des Tages.
Gespenster an der Seine.
(Privat-Telegram m.)
Paris, 5. November.
Das Echo de Paris gibt heute eine Meldung des Express de Geneve wieder, demzufolge in Genf Deutschland ein großes Spionagebureau unterhalten habe. Angehörige dieses Bureaus waren höhere deutsche Offiziere, die ständig in Gons
lebten. Weiter gab der Untersuchungsrichter, der die Untersuchung der Millionenschwindr- leien D e p.r r d u s s i n s betreibt, der Polizei Anordnung, eine Haussuchung bei dem Leiter der Flugzeugfabrik Deperdussins vorzunehmen, da dieser in dem Verdacht steht, Pläne von Flugzeugen und Zeichnungen von Konst r ukti o ns t eilen nach Deutschland gebracht zu haben. Es wurden eine große Anzahl Dokumente und Briefe von der Polizei beschlagnahmt und dem Untersuchungsrichter übergeben.
Das Schicksal eines Forschers.
Im letzten Jahre unternahm ein deutscher Gelehtter, Professor H a n t s ch, eine Forschungsreise nach den nördlichen Eisregionen. Die Expedition nahm ihren Ausgang von der Missionsstation der Blacklandinseln. Seitdem hat man nichts mehr von dem kühnen Forscher gehört. Nunmehr kommt die Trauerkunde, daß Hantsch in der Wildnis der Eiszone gestorben ist. Ein Privattelegramm meldet uns darüber:
Der Missionar Greensfield, der zur Mission unter den Esttmos auf den Blacklandinseln weilte, ist nach London zurückgekehrt und berichtet, daß Hantsch gestorben ist. Hein Gesundheitszustand war dem Aufenthalt in den nördlichen Regionen nicht günstig. In seinen Begleitung befand sich eine kleine Gruppe Eskimos, die alles taten, um ihm die Reise zu erleichtern. Als er tot war, gaben sie ihm ein christliches Begräbnis und errichteten auf seinem einsamen Grabe einen Neinen Steinhügel mit einer Inschrift. Ein weiteres Privattelegramm besagt, daß Missionar Greensfield die letzten Aufzeichnungen des Forschers Hantsch und die bei dem Toten vorgefundenen wissenschaftlichen Instrumente mit nach Europa gebracht hat. Sie werden durch Vermittlung der deutschen Botschaft demnächst nach Berlin weitergegeben werden. Erst dann wird es möglich fein, Aufschluß über die letzten Schicksale des Forschers zu erhalten.
Blanguet zu stützen, sondern daß lediglich der Schutz der deutschen Staatsangehörigen in hinreichender Weise ausgeübt werden wird.
Politischer Tagesbericht.
Der König der Belgier in Deutschland. Der in Hamburg eingetroffene König der Belgier begab sich gestern mittag an Bord des Hapag-Dampfers „Amerika", um dort ein Frühstück einzunehmen. Hieraus suhr der König zur Besichtigung von Hagenbecks Tierpark, wo er den ganzen Nachmittag zubrachte. Heute früh hat sich der König nach Lüneburg begeben, um sein dortiges Dragoner-Regiment zu besichtigen.
Lerno und Caffelmann geadelt? Aus München wird uns depeschiert: Der Führer des bayrischen Zentrums, Landgerichtsdirettor Lerno, wird nach der Königs-Prottamation den Orden der chayrischen Krone erhalten und durch besondere Verfügung in den persönli. eben Adel erhoben werden. Genau dieselbe Auszeichnung, also mit der Erhebung in den A d e l st a n d, wird auch der Führer der bayrischen Liberalen, Casselmann, erhalten.
Oesterreichische Flotten-Demonstration ff* gen Griechenland? Pariser Blätter veröffentlichen Depeschen aus Wien, in denen gesagr wird, daß Oesterreich-Ungarn die Absicht habe, eine ft arte Flotte nach den griechischen Gewässern zu entsenden. Diese Flottenentsendung stehe mit den Vaorstellungen in Zusammenhang, die Oesterreich und Italien in der albanischen Frage in Athen erhoben haben.
Die Tragödie eines Arbeiterführers. (Sir Privat - Telegramm meldet uns aus London: In Kingstown fand gestern die Beisetzung des Vorsitzenden des englischen Transportarbeiterverbandes, James P Y r n e, statt, der im Gefängnis die Nahrungsaufnahme verweigerte und an den Folgen gestorben ist. Pyrne war während der Dubliner Arbeiterkrawalle verhaftet worden und sein Prozeß sollte demnächst stattfinden, aber voi« ersten Tage seiner Haft an verweigerte er jede Nahrungsaufnahme.
Die mexikanische Sphhnx.
Wie aus Washington gemeldet wurde. sollte der amerikanische Gesandte in Mexiko am Sonntag dem Präsidenten Huerta ein Ultimatum überreicht haben, in dem Präsident Wilson verlangt, daß Huerta sofort abdanken solle. Gleichzeitig werde gefordert, daß der Vizepräsident Blanguet nicht Huertas Nachfolger werden dürfe. Dienstag fpät abends wurde allerdings aus Washington gemeldet, Bryan habe erklärt, es sei k e i n U l t i m a t u m an Mexiko gesandt worden, aber man ist trotzdem der Ansicht, daß Präsident Wilson eine Kandidatur des Rebellen-Generals Carranza befürworten wird.
Nach Telegrammen aus Veracruz fand am Montag zwischen dem amerikanischen Sondergesandten Lind und den französischen, deutschen und russischen Gesandten eine längere Konferenz statt, in der die Diplomaten zu dem angeblichen Ultimatum Stellung nahmen. Das offizielle Mexiko zweifelt nicht mehr daran, daß Washington die Sache der Aufrührer unterstützt u. fördert. Heber die Stellungnahme der deutschen Regierung zur amerikanisch-mexikanischen Frage wird uns aus Berlin berichtet, daß Deutschland inkeinerWeise Rücksichten auf die Politik Englands nehmen werde. Die deutsche Regierung behalte sich vor, lediglich so zu handeln, wie die deutschen Interessen es ihr vorschreiben. Diese Politik bedeutet, daß Deutschland n i ch t g e w i l l t ist, die gegenwärtigen merikanischen Machthaber Huerta und
Sos Neueste aus staffel.
Von dsr Straßenbahn überfahren.
Heute morgen dreiviertel sechs Uhr wurde au der Ecke Friedrichsplatz und obere Königstraße der Bäckermeister Henkel von hier von einem Montagewagen der Straßenbahn überfahren. Dem Verunglückten wurde ein Bein ab getrennt. Ter Schwerverletzte wurde nach dem Landttankenhause ge- bracht, wo er bald darauf verstarb. An der Ecke Friedrichsplatz und obere Kö- nigstraße ereignete sich heute morgen ein schwerer Unglücksfall. Ein mit zwei Pferden bespannter Oberleitungswagen der Großen Casseler Straßenbahn kam die obere Königstraße heraufgefahren. Im selben Moment kam der Bäckermeister Henkel, Holländischestraße 25, mit einem Brötchenkorb die Opernstraße herunter. Der Bäckermeister sah bei der herrschenden nebligen Dunkelheit die an dem Wagen hängende Letter nicht und wollte in dem Glauben, der Wagen sei bereits vorüber, die Gleise überschreiten. Er wurde von der Leiter erfaßt, unter den Wagen geschleudert, und die Räder des Wagens gingen ihm über beide Beine Das rechte Bein wurde vollständig abgeschntt- ten, während er am anderen Beine und am Kopfe leichtere Verletzungen davontrug. Brand- direktor Bliesener, der mit der alarmierten
Die Weifen und mir.
Der Einzug des Herzogs Ernst August: Ein historisch-politischer Festbericht, von
Dr. Richard Breithaupt.
Zu dem Abschluß des großen Ereignisses der inneren deutschen Politik, das schon wochenlang seine Schatten in ost vergrößertem Maßstabe vorauswarf, dem Einzug des Herzogs Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg und der Herzogin Viktoria Luise, war ich bereits am Sonntag abend in der alten Welsenstadl eingetroffen. Hat für uns Hessen- Casseler das Fest doch feinte besondere Bedeutung. Nicht soll heute daran erinnert werden. wie in grauen Zeiten durch die Unbedachtsamkeit und Ränkesucht einiger Casseler Bürger unsere Vaterstadt Gefahr lief, zu einem kleinen braunschweigischen Provinzialnest herabge- drückl und ihres Charakters als Haupt- und Residenzstadt für alle Zetten entkleidet zu werden: Das hat ja das lebensvolle Festspiel des Kunstmalers von Franken in dekorativen Farben mit durchaus erlaubter dichterischer Freiheit auch Denen gezeigt, denen die Geheimnisse der Casseler Geschichte selbst in ihren Umrissen unbekannt waren. Von diesem dunklen Grunde heben sich Lichtpuntte braun- s ch w e i g i s ch - h e s s i f ch e r B ez i e h u n g e n ab: Vor allen Dingen jene dem großen Preu- ßenkönig alliierte Armee (aus hessischen, eng- lichen, braunschweigischen und hannoverischen Truppenkörpern bestehend), die, anfänglich unter dem Befehl des Lieblingssohnes des Königs Georg II. von England stand, später unter dem des Herzogs Ferdinand von Biaun- fdjweig, des besten der Heerführer des Königs Friedrich von Preußen, zweimal Cassel belagerte, das von den französischen Marschällen Graf Broglie und Soubise verteidigt wurde.
Aus dieser Belagerung und den Einnahmen Ws den von böswilligen und unbelehrbaren Geschichtsfälschern bespöttelten Sribsidien-Ver- trügen, die unsere großen Landgrafen Wilhelm der Achte und Friedrich der Zweite mit England und dem welfischen Haus eng verbanden, wuchs iene8 von der Umwallung freie Frideri- oianische Cassel empor, dessen zauberhafter (leider geschwundenen) Schönheit wir heute noch mit stiller Wehmut gedenken. Und einige Jahr- Kirnte Wer berufene ein anderer welsischer
Herzog die Geschicke unseres Landes, der Herzog von Braunschweig-Oels mit seiner schwarzen Totenkopf-Schar, neben dem Reichs- fieiherrn vom Stein das Haupt der Freiheitsbewegung gegen die französische Fremdherrschaft, jene einzigartige Erscheinung in der Ge- schichte: Ein Fürst aus altem Geschlecht an der Spitze von Freischärlern, die den Gedanken der Befreiung im Volk wacherhielten, unausgesetzt den Aufmarsch der großen Armee lähmten und Jeromes blendendes Königtum frühzeitig in Frage stellten.
Als der Dörnberg sch e Aufstand an der Knallhütte bei Cassel niedergeschlagen war, flüchteten zürn Braunschweiger Herzog die besten und lautersten der Rädelsführer und Parteigänger dieses infolge Plaudersucht eines Fants und Eifersucht eines Strebers und Ränkeschmieds mißlungenen groß-angelegten Befreiungsversuchs, darunter Dörnberg selbst, der Staatsadvokat Schwarzenberg und der Sousinspektor Berner, und nahmen an dem berühmten Zuge des „schwarzen Herzogs", der später bei Quattebas den Heldentod starb, quer durch Deutschland zur Nordsee teil. Doch genug von diesen Rückerinnerungen. Als politisches Ereignis ersten Ranges muß des Welsenherzogs Einzug allen Deutsche» klar vor Augen stehen. Bedeutet er doch dieAussöh - nu n g der früher verbündeten und vielfach verwandten Häuser des alten welfischen Germani- satoren-Gefchlechts und des Hohenzollem'schcn Reichsbegründer-Geschlechts und damit eine nicht abzuschätzende Erhöhung des deutschen Prestiges in der auswärtigen Politik. War doch der jetzt in der Wurzel niedergebrochene Zwist stets ein wesentlicher, fast entscheidender Faktor in der Rechnung und den dunklen Schleickmanövern unserer spähenden Feinde vom russischen Generalstab und anderer „Austeiler" Deutschlands. Man kann dem treuen Volk Braunschweigs und den zahlreich herbeigeeilten Welfen Hannovers gerade unter Be- rücksichttgung der großen historisch-politischen Gesichlspunkte ihre Freude über die Gestaltung dieser Wandlung nachfühlen.
Roch liegt die alte Welsenftadt mit ihren gothischen Fenstern, prunkvollen Renaissance- Höfen und schauenden Türmen im Morgengrauen und rüstet sich langsam zum festlichen Tag. Am Bahnhof geht es lebhaft zu. Braunschweigische Landesvereine kommen an. blonde
Wclfenjünglinge aus dem Hannoverschen verschwinden schmerzlich mit dem nächsten Zuge, weil Werkstatt oder Kontorschemel zu neuer Arbeit rufen. Gleich am Bahnhof befindet sich das Empfangsbaldachiir. dessen Eckpilaster mit diskreten aelbcn Blumen verkleidet sind. Daun gebt es weiter in der üblichen Guirlandierung bis rum Reftdenzschlotz. Etwas so hervorragend Schönes, wie im tausendjährigen Cassel die in eine mittelalterliche Feststraße gewandelte obere Königstraße nebst Königsplatz bot. ließ sich bei der Kürze der Zeit in der Welfenstadt nicht schaffen. Es ging alles „Hals über Kops". Zahlreich findet sich an dcn Straßenkreuzungen das welsische Pferd in ge- brungenerer, schwererer Form als sein hannoverisches Original, und man raunt sich zu: „Das ist das neue braunschweigische Pferd!"
Kur; vor der Burg Dankwarderode. jenem herrlichen romanischen Denkmal mtttelalter- licker Baukunst, gegenüber hem berühmten Vie- wog'schen Verlag, entdecke ich an dem Hause eines Installateurs die g elb Weiße Fahne, während sonst die blaugelben braunschweigischen mit dem Schwarz-weiß-rot des Reichs lind den rotweißen Stadtfarben wechseln. Am Bahnhof und gegenüber dem Residenzschloß bemerkte ick hier einmal das preußische Schwarz- Weiß. Die blaugelben Vivatbänder (herans- gegeben vom Landesverein für Heimatschutz im Herzogtum Braunschweig) finden schnellen Absatz. Meistens an der Schulter oder um die Brust wie ein Ordensband getragen, künden sie unter anderm folgendes Lied:
Ruft Siltoria! Tie Prinzeß ist da!
Tausendfaches Vivat sie begrüße, unsere Herzogin Viktoria Luise!
Hvhenzollernlind! Güte und Anmut stnd Deine holden, sieggewohnten Waffen Schau/ wie sie Dir neue Siege schaffen: Tie Eroberung macht uns bunt und jung Braunschweig schmückt sich wie zum Paradiese. Jubell: Heil, Viktoria Luise
Die aufgedruck:en Bildnisse des Herzogpaares sind (ebenso wie viele der Ansichtspostkarten) ein Appell an die Geschmacklosigkeit der breiten Masse, und man muß sich oft über die Viel- köpfigkeit des jungen Herzogs wundern. Leider erweisen sich die Vivatbänder nicht von jener historischen Unzerstörbarkeit, die diejenigen unserer Urgroßväter auszeichnete, -nd zeigen bald die deutlichen, nicht abstellbaren Spuren eines vielsädigen Verfalls und chronischer Auf- löslichkett: Jedenfalls lag es also nicht in den
Absichten der aeschäftsiüchtigen Firma Witttng, in den Vivatbändern eine „bleibende historische Urkunde" zu schaffen.
Auch die Keinen, besser geratenen Medaillonsbilder des Herzogpaares mit einem grünen Zweig oder als Garbestern werden gern gekauft und sichtbar getragen von denen, die sich mit biefem Zeichen schmücken. Wandervögel verkaufen Ansichtspostkarten mit dem Bildnis Bes Till Eulenspiegel und den Worten „Heil dem angestammten Herzogshause!" In Zigar- renläben werden „Ernst-August-Zigarren" verkauft und manches andere wird als Beweis monarchistischer Gesinnung gern gesehen und aufgenommen. Leider drängen sich just (gerade wie im tausendjährigen Cassel) Marktschreier mit nicht zur Sache gehörenden Gegenständen und Drehoraelspieler in die frohgestimmte Menge und stören die Festesfreude in fiecher Aufdrinalickkeit. Inzwischen hat sich eine unermeßliche Menschenmenge angesammeli. San« beriüae über Sonderzüge sind aus dem Hannoverschen eingelaufen. Vor dem Baldachin staut sich die Menge, durch Unterfassen eine lebende Mauer bildend, derer auch die berittene Polizei nicht Herr werden kann. Davor steht die braunschweigische Studentenschaft, rechts die Korps und ührigen Verbindungen, links die Burschenschaften. alle im vollen Wichs: Ein farbenprächtiges Bild.
Um 12.37 Uhr trifft das Herzogspaar mit den Ministern ein. Um 12.46 Uhr erreicht der von sechs Schimmeln gezogene Herzogs- Wagen, von Totenkopfhusaren begleitet, den Baldachin. Ter junge Herzog in der kleidsamen Uniform der berühmten (aus Herzogs Friedrich Wilhelm von B raun schw eig-Oels „Schwarzer Schar" hervorgegangenen) Toten- kopf-Husaren macht einen ernsten in sich ge» kehrten Eindruck, während die Herzogin, fehr bleich, mit einem aelbweißen Federditt auf dem Lockenhaupt freudig bewegt sein. Nach einer ermüdend langen Fahrt durch die Stadt strebt der Zug dem Residenzschloß zu. Dort hat eine vieltausendköpfige Menschenmenge den Schloß- Hof und und die angrenzenden Straßen besetzt Diese Menge, die weder vorwärts noch rückwärts kann, läßt sich erst zum Auseinandergehen bewegen, als das Herzogspaar auf dem Balkon erscheint und die Menge begrüßt. So endete der Einzug des Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg in Heinrichs des Löwen altehrwürdige Residenz ...1