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Weler Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 282.

Fernsprecher 951 und 952.

Mittwoch, 5. November 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Referendar Knobloch.

Freispruch im Frankfurter Totschlags-Pro­zeß; der TLter geisteskrank und entmündigt!

Zn feinem Plaidover im Unobloch.Pro» zeh führte der Staatsanwalt anSrFürchten Sie nicht, meine Herren Geschworenen, Latz der Angeklagte, wenn er für nnfchnldig'erklSrt wird, weiteres Unheil anrichten kann und wieder auf Menschen loSgelasfen wird. Das wird anf keinen Fall geschehen. In diesem Saal befinden fich Polizeibeamte, die dafür forgen werden, daß der Angeklagte, fall« ein Freispruch erfolgt, den Saal nicht ato freier Mann verläßt!" Knobloch ist nach dem Frei­spruch in SicherungShaft genommen worden.

Der Forstreferendar und Hauptmann der Landwehr von Knobloch ist vom Gericht der Geschworenen in Frankfurt an der Oder als n i ch t s ch u l d i g erkannt und demgemäß von der Anklage, einen harmlosen Menschen er» schoflen und ein Leben vernichtet zu haben, freigesprochen worden. Daß der Mann auf der Anklagebank ein Kranker war, offenbar­te die Beweisaufnahme in Dutzenden von un­trüglichen charakteristischen Merkmalen; daß er für die Tat, die einen Nebenmenschen der Toll­heit eines Erregung-MomentS opferte, straf­rechtlich nicht verantwortlich zu machen war, ergab sich aus dieser Erkennis von selbst als logische und gesetzlich-gewollte Folgerung. Man wird also vom Spruch der Richter von Frank­furt nicht befremdet sein dürfen, mag auch das natürliche Gerechtigkeits-Empfinden sich noch so schroff und scharf gegen den Mann wenden, der mit einem Menschenleben wie mit einer Fliege gespielt, und der, als er sein Opfer niederge­streckt, ruhig seines Weges ging wie Einer, der ziemender Pflicht genügt. Die Beweisaufnahme im Prozeß gegen den Urheber des Dramas von Frankfurt an der Oder hat Momentbilder auf der Szene erscheinen lasten, die Einen Gruseln machen und unwillkürlich die Frage über die Lippen drängen, ob wir im zwanzigsten oder im elften Jahrhundert leben. Der Forstreferen- dar Knobloch geht im Staatsrock, die Lenden umgürtet mtt dem Hirschsang-Schwert, zum Spediteur, der seine Möbel aufbewahrt, in der Brusttasche den achtfach geladnen Browning mit stahlgepanzerter Munition. Wird wild, weil er beim Eintreffen niemandzum Emp­fang" vorfindet und sieht, als bald darauf der Buchhalter Hedrich erscheint und sich gegen den Ton des Zürnenden verwahrt, in dem Harm­losen eine Gefahr für Ehre, Leib und Leben des höhern Staatsbeamten und Offiziers". Zwei Schüsse: Und ... das Drama ist geschehen!

Vor den Richtern erklärt der Mann, der ein Menschenleben vernichtet, er habe sich bedroht gefühlt,bedroht in Ehre und Leben", undda er die Absicht gehabt habe, wieder^ms Heer ein« zutreten, habe er der Möglichkeit und Gefahr vorbeugen müssen, als Offizier niederge- schlagen zu werden!" So spricht Einer, der krank, für seine Handlungen gesetzlich unverant­wortlich und als Bürger ohne Selbstbestim­mungsrecht ist; der entmündigt Werden müßte, weil er nicht in der Lage, seine Angelegenhei­ten selbst zu führen und der d e n n o ch, trotz sei­ner nun offenbar gewordnen Unzurechnungs­fähigkeit, Jahre hindurch als Offizier und Be­amter wirken konnte. Wie das denkbar, mög­lich und zulässig gewesen, entzieht sich dem Ur­teil der Oessentlichkeit; wenn man indessen (aus den Zeugen-Aussagen im Frankfurter Tot­schlags-Prozeß) hört, daß der Leutnant Knob­loch schon einmal (im Aerger über den Lärm eines Fuhrwerk-Betriebs) blindlings zum Fenster hinaus geknallt", um die Ruhe­störer zu scheuchen; wenn man hört, daß er ei­nen armen Lumpensammler, der vor des Leut­nants Fenster sein armseliges Gewerbe ausge­übt, mit der Reitpeitsche in der Hand vertrie­ben,um Ruhe zu haben"; wenn weiter be­kannt wird, daß der Mann sogar seinen eignen Rechtsbeistand drangsalierte, und die ganze menschliche Gesellschaft als eine Bande von Feinden und Verfolgern beargwöhnte, dann muß man doch fragen: Bedurfte es erst der Menschen - Tragödie in Frankfurt an der Oder und des forensischen Schau­spiels im Tempel der Themis, um zu der Feststellung zu gelangen, daß dieser Geist z e r- rüttet und schon der Leutnant Knobloch ein gefährlicher Kranker war, dessen Einschlie­ßung in einem Irrenhaus sich als Pflichtgebot von selbst ergab? Das, was vor Jah­ren schon hätte geschehen müssen, wird jetzt ge­tan: Der Mörder des Buchhalters Hedrich ver­tauscht das Untersuchungsgefängnis mit der Irrenanstalt, nachdem seine Gemeingefährlich­keit gerichtlich festgestellt worden ist!

Der Staatsanwalt im Knobloch-Prozeß hat das richtige Wort gefunden,-als er zum Schluß seines Plaidoyers davon sprach, daß der An- aetlaate nicht wieder »auf die Menichtzr.it

losgelassen werden dürfe". Daß diese Er­kenntnis so spät gekommen, ist das Bedauer­lichste an der ganzen Affäre, denn wäre sie früher wirksam geworden, dann würde uns vermutlich das Drama von Frankfurt erspart geblieben fein. Leider sind die Handhaben, die das geltende Gesetz zur Unschädlichmachung ge- meingesährlich-geisteskranker Verbrecher bietet, unzulänglich, und eine Garantie für den Er­folg etwaiger Maßnahmen ist nicht gegeben. Man wird sich noch der Affäre des berüch­tigten Prinzen Urenberg erinnern, der vom Gericht ebenfalls als gemeingefährlich-krank er­kannt und einer Irren-Anstalt überwissen wurde. Vom Irrenhaus kam der entartete Sproß eines alten Hauses in ein Sanatorium, und aus dem Sanatorium fand der Sün­der den Weg zurück in die goldne Freiheit: Sein Zustand, einst gemeingefährlich, hatte sich inzwischen derart gebessert, daß er (um mit dem Staatsanwalt von Frankfurt zu re­den) wiederauf die Menschheit losgelassen werden konnte". Daß Ps braune Mensch­heit war, die er dann heimsuchte, ist imgrunde nur eine Couleur-Frage. Vielleicht erholt sich auch der an gefährlich-krankhafter Ueberspan- nung desEhr- und Standesgefühls" int höch­sten Grade leidende Forstreferendar und Land­wehr-Hauptmann Knobloch in absehbarer Zeit in der Stille des Irrenhauses so weit, daß er wieder ohne Wärter den Pfad zurück ins Leben beschreiten kann, und wenn dann inzwi­schen das geplante Waffen-Verbot im deutschen Vaterland Wirklichkeit geworden ist, wird er entweder den Browning zu Hause lassen, oder sich ... einen Waffenschein erbitten! Das Ur­teil ist nun gesprochen, und an Geschehenem läßt sich nichts ändern; beklagenswert bleibt indessen trotz allem, daß auch dieser Ritter der Pistole, der den Browning als unerläßlichen Schirmer seiner Ehre erachtete, auf seinen We­gen durchs vielbewegte Dasein nicht einmal einem Manne mit Muskeln und Fäusten begegnet ist, der ihm handgreiflich und nach­drücklichst klargemacht, wie resolute Leute sich dem Standesdünkel- und Ehrgefühl-Irrsinn degenerierterHerrenmenschen" gegenüber zu verhalten pflegen ...! F. H.

Kruft Augusts Thronrede.

Der Herzog an die Abgeordneten.

Im Festsaal des Herzoglichen Schlosses zu Braunschweig hat gestern nach dem Einzug der neue Herzog seine erste Thronrede ver­lesen, die ein beachtenswertes Bekenntnis des jungen Cumberläuder Fürsten über seine Auf­fassung von der Regentenpflicht darstellt. Ohne Ueberschwang,' klar und bestimmt hat Ernst August gesagt, was er als seine Aufgabe er­kannt, und diese Ouvertüre der neuen Aera in Braunschweig darf drum im deutschen Vater­land ein frohes Echo Wecken. In der Thron­rede heißt es unter anderm:

Mit Dank gegen Gott, der aus tief­stem Herzen kommt, begrüße ich zugleich na­mens der Herzogin, meiner Gemahlin, Sie, meine Herren heute hier in meinem Residenz­schloß. Die mich beseelenden Gefühle habe ich bereits in dem Patent, mittels deffe» ich die Regierung angetreten habe, ausgespro­chen. Den Jubel der Bevölkerung bei unse­rem Einzüge in das Land und in die Rest denz betrachten wir als ein "sichtbares Zeichen der Liebe und des Vertrauens, das uns die gesamte Einwohnerschaft des Lan­des entgegenbringt. Es wird mein ständiges Bestreben fein, die Regierung so zu führen, daß feder, ohne Unterschied der Per- s o n, die Ueberzeugung gewinnen wird, tatkräftige Fürsorge für das Ge- deihen des Landes und das Glück der Braunschweiger sei der Leit­stern alles meines Handelns und Tuns. Dazu, meine Herren, bedarf ich insbesondere Ihres vollen Vertrauens und Ihrer treuen Mitarbeit, wie Sie solche auch meinen Vorgängern in der Regierung alle­zeit erwiesen habe und um die auch ich bitte.

Wie uns ein Privat-Telegramm aus Braunschweig berichtet, gab der Herzog ge­stern nachmittag den Landtagsabgeordneten und höchsten Beamten ein Diner, an dem etwa hun­dert Personen teilnahmen. Um halb acht Uhr abends sand in dem glänzend geschmückten Hof­theater die angesagte Festvorstellung statt. Der Kaiser hat das Herzogspaar durch den preu­ßischen Gesandten am Braunschweiger Hof an­läßlich des gestrigen Einzuges herzlich beglück­wünschen lassen.

K'önigsproklcnnation in Bayern.

München, 4. November. (P rivat-Te- l e g r a m m.) Wie nunmehr feststeht, wird die feierliche Proklamation des Prinzregenten Ludwig zum König v» Bayer« und die

Eidesleistung des neuen Königs auf die Verfas­sung am kommenden Freitag, dem achten November, im Königlichen Restdenzschloß stattfinden. Zu dem feierlichen Akt sind die Hof- und Staatsämter sowie die Mitglieder des Landtags und Reichsrats eingeladen worden, außerdem die hohen kirchlichen Behörden Bay­erns.

Sie Türken-Missjon.

Generalleutnant Liman von Sanders.

Generalleutnant Liman von Sanders, der Kommandeur der XXII. Division in Cassel,, hat nunmehr, (wie uns ein Privattelegramm aus Berlin meldet) die Berusung als Chef der nach der Türkei gehenden deutschen Militärmis- ston angenommen. Es wird deshalb in­teressieren, auf Grund authentischer Mitteilun­gen von maßgebender Stelle einen Bericht über die zukünftigen Aufgaben der deutschen Jnstruktionsoffiziere in der türkischen Armee zu erhalten. Es wird uns darüber von zuverläs­sig orientierter Seite geschrieben:

Von Golh bis Liman.

(Von unferm militärischen Mitarbeiter.) Berlin- 4. November.

Die wesentliche Neuerung, durch die sich die Tätigkeit der deutschen Offiziere in der Tür­kei grundsätzlich von ihrer srüheren Betätigung unterscheiden wird, besteht darin, daß die Offi­ziere nicht mehr den Dingen machtlos gegen­überstehen werden, da ihnen die ganze Arbeits­leistung des Dienstes übertragen werden wird. Vor dem Krieg hatten die deutschen Offiziere mit der eigentlichen Ausbildung der Truppen nichts zu tun. Sie mußten sich lediglich auf den Unterricht beschränken, hatten aber im übrigen keinerlei dienstlichen Einfluß, so­daß Erfolg ober Mißerfolg ihrer Wirksamkeit immer von den türkischen Vorgesetzten der von ihnen unterrichteten Truppen abhing. Es war allerdings in den letzten vier Jahren schon manches besser geworden. Unter Abdul Hamid war die Tätigkeit der deutschen Offiziere so gut wie überflüssig. Es sollte niemand etwas lernen, da der Sultan von den Fortschritten der Armee für sich Gefahren erwartete. Erst nach dem Thronwechsel bestand für die deutschen Of­fiziere die Möglichkeit einer erfolgreichen Tä­tigkeit. Aber auch in dieser Zeit sind sie durch Wirren aller Art und durch Kriege

in ihrer Wirksamkeit behindert worden. Wirklichen Erfolg konnte also nur das im letzten Fahre vor dem Kriege Geleistete haben. Und es zeigte sich denn auch, wie n ü tz - lich die deutschen Instruktions-Offiziere da ge­wirkt hatten, wo man ihnen nicht gar zu viele Fesseln anlegte. Die Truppen, die im letzten Jahr von deutschen Offizieren ausgebildet wor­den waren, haben in glänzender Weise ge­kämpft, und der Erfolg hat den maßgebenden Stellen in der Türkei unverkennbar gezeigt, wie nützlich das deutsche System bei richtiger Anwendung sei» muß. Man beabsichtigt des­halb, den neuen Instrukteuren auf den Posten, auf die man sie stellt, die selbständige Leitung des Dienstes zu übertragen, um die Armee im deutschen Sinne und nach deutschem Muster auszubilden. Die türkischen Dienst­stellen werden sich einen Einfluß auf den Dienst nur soweit Vorbehalten, wie es notwendig ist, und den deutschen Instrukteuren freie Hand zu allen notwendigen Reformen lassen. Ueber die Zahl der Offiziere, die nach der Türkei gehen sollen, sind noch keine Festsetzungen ge­troffen worden, es ist aber sicher, daß sie aus- reichen wixd, der türkischen Regierung die Er­reichung ihrer Absichten zu gewährleisten.

Exzellenz Limans Abreise von Caffel.

Gestern abend reiste Generalleutnant Li­man von Sanders mit dem Schnellzug nach Berlin ab, um im Kriegsministerium und im Auswärtigen Amt Rücksprache über feine Berufung nach der Türkei zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit wird Exzellenz Liman von Sanders auch vom Kaiser empfangen werden. Der Termin der Abreise des Generals von Cassel nach der Türkei ist zwar noch nicht festgesetzt: eS gilt aber (wie wir von unterrich­teter Seite erfahren) als wahrscheinlich, daß die Abreise im Lause der nächsten Woche erfolgen wird.

Wieder eine Gruben-Katastrophe!

Vier Opfer einer verbotene« Anfahrt.

Langendreer (Westfalen), 4. November. (Privat - Telegramm.) Äuf der Zeche Bruch st raße ereignete sich heute früh ein schweres Grubenunglück. Bier Berg­leute stürzten beim Besteigen eines Bremsber­ges diesen hinab. Zwei der Bergleute waren sofort tot, die beiden anderen wurden le- benSgefährlich verletzt. Der Unglücks- fall ist auf eigenes Verschulden der Berglentr

zurückzuführen, weil sie den Bremsberg verbots­widrig zur Anfahrt bestiegen hatten.

Am Berliner Hof.

Intimes vom Hof des alte« Kaisers; Bil­der ans dem Hof Mitte« vo« einst, vo«

Prinzessin RadziwilL

Im Herbste de« JahreS 1873 tarn bte Prinzessin Radziwill nach Berlin. Eie traf den Berliner Hof in einer Art UebergangSznstand; das deutsche Kaisertum war noch jung, und der alle, schlichte, preußische KönigShos stand mitten in der Aufgabe, sich den größeren und glänzenderen An­forderungen anzupassen, die die neue Würde an ihn stellte. Die Prinzessin Radziwtll konnte diesen Um» gestaltungsprozeß auS nächster Nähe beobachten da sie bei Hofe verkehrte und selbst zu den inttmsten Beranstaltungen der Hofgesellschaft Zutritt fand. _ dm Ganzen ging es zu jener Zeit am deut­schen Kaiserhof sehr einfach zu, was aber nicht ausschloß, daß man bei gegebenen Gelegenheiten dort Glanz und Großartigkeit Wohl zu entfalten verstand. Bei den Hofbällen begegnete man freilich nicht dem unerhörten Luxus wie in St Petersburg, dafür war man aber auch nicht dem unordentlichen Gedränge ausgesetzt, das dort anzutreffen war. Bei den Berliner Festen herrschte immer ein Zug der Würde. Die kaiserlichen Wagen fielen durch ihre tadellose und gepflegte Haltung besonders auf. Die Dusel bei Hose war reichlich, aber freilich nicht besonders gewählt. Kaiser Wil­helm der Erste war ein st a r k e r E s s e r, aber kein Feinschmecker; er bevorzugte gewisse schwere Gerichte, wie Hummer, Eier in grünem Käse, Gänseleberpastete, sodann auch Wild von jeder Art. Er trank saft ausschließlich mous- fierenden Mosel, den man eigens für ihn aus Mainz kommen ließ; im übrigen aber war der Weinkeller des Berliner Hofes, wie ihn dies Prinzessin Radziwill damals kennen lernte, ganz ausgezeichnet und reich mit hervorragen­den Marken besetzt. Der Eindruck der Hofhal­tung im ganzen war mehr der des Hauses eines reichen Privatmannes, als des glanz, vollen Palastes und Lebens eines großen Herr­schers, aber dafür fühlte man sich am Hofe Wil- Helms des Ersten schnell zuhause und gleichsam in der Familie. Die Prinzessin gibt eine in­teressante und ungeschminkte Schilderung von den intimeren

Empfängen am Hofe.

Dazu gehörten vor allem die beinahe täglich bei der Kaiserin Augusta stattfindenden Nach­mittagstees, zu denen nie mehr als zehn bis zwölf Personen eingeladen wurden. Sie fanden int Erdgeschoß des Palais, in jenen Zimmern statt, wo die jetzige Grotzherzogin- Witwe von Baden bei ihren Besuchen regel­mäßig zu wohnen pflegte. Man nannte diese Teestunden die Bonboniere oder auch die Ta= bati6rs. Die Emg.ladenen wurden von einer der Palastdamen oder einer sonstigen Persön­lichkeit der Hofhaltung der Kaiserin empfangen, und der ganze weitere Verlauf spielte sich nach streng festgesetzter Ordnung ab. Die Kaiserin erschien und nahm an einem runden, mit einer roten Samtdecke gedeckten Tische Platz. Einige Gäste, die sie in ihrer Nähe haben wollte, lud sie ein, neben ihr Platz zu nehmen, während die anderen gch nach den Anordnungen des dienst­tuenden Kammerherrn um runde Tische verteil­ten. Sobald alles Platz genommen hatte, wurde der Tee gereicht. Jetzt trat Kaiser Wilhelm ein, und seine erste Bemerkung, ganz erfüllt von der ihn immer kennzeichnen­den, natürlichen Liebenswürdigkeit, war stets die an die ganze Gesellschaft gerichtete Bitte, Platz zu behalten. Die Kaiserin bot ihm selbst den Tee, und des weiteren wurden

während der Teestnnde,

die nicht länger als anderthalb Stunden dau­erte, noch Eis und Butterbrot gereicht, oft auch geröstete Maronen mit Rotwein. Die Unter« Haltung hielt sich ans Allgemeine, und die Kai­serin gab ihre Leitung nie aus der Hand. Ma« sprach im allgemeinen über die Tagesereig­nisse, und ein wenig Stadtklatsch war in der vornehmen Gesellschaft nicht immer un­willkommen. Bei der Kaiserin fanden nach dem Schluffe des Karnevals während der Fastenzeit auch größere Empfänge, die sogenannten Don­nerstagsempfänge, statt, bei den die Höchst­zahl der Eingeladenen 250 Personen Betrug. Ein Teil der Gäste war ständig anwesend, ein anderer aber wechselte. Die Minister, die Fürstlichkeiten, und einige bevorzugte Damen der Hofgesellschaft sah man jeden Donnerstag, dagegen wurden die Gesandten nebst ihren Da­men und Milttärattachees nur alle vierzehn Ta­ge zu den Empfängen eingeladen, die fast immer im kleinen weißen Saale des Kleinen Palais stattfanden. Wa­den Charakter dieser Empfänge angeht, so sagt die Prinzeflin Radziwill von ihnen:Ma« machte da gute Musik und . . . langweilte sich dabei mehr oder weniger königlich." Dte Vortragenden Künstler und selbst die zum Vor­trag gelangenden Stücke waren meist dieselben.' Ein Stammgast unter den Künstlerinnen war Madame Artüt de Padilla, die die Kai­serin Augusta besonders vorzog. Sie ließ sie alle Jahre nach Berlin kommen;

die Kaiserin Angusta

war die einzige, die kein Auge dafür hatte, daß die..trefflich« Äünfüerin mit den Labre«