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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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SLuMmcr 280.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 2. November 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Mustrie-Magnaten.

Hinter den Kulissen des zweiten Krupp-Pro- zsffes; Thyssen als KruppsThronfolger"?

Von

Dr. jur. Fritz Auer.

Der stark-beanspruchle, von allen Seiten kri­tisch beargwöhnte Kronzeuge im zweiten Krupp- Prozeß, Herr Wilhelm von Metzen, Krupp- Direktor außer Diensten, ist an einem der hitzig­sten Verhandlungstage in Alt-Moabit gefragt worden, ob es richtig sei, daß er dem Großin- Lxstriellen August Thyssen gegenüber die Firma Krupp außerordentlich hemnterge- setzt und verleumdet habe, und zwar in einer Weise, daß Herr Thyssen sagte:Lassen Sie pnich damit in Ruhe, ich will davon nichts wis­sen.^ Herr Metzen wollte sich an derartige Aeußerungen nicht mehr erinnern und das Ge­richt behielt sich vor, über die Ladung des Herrn August Thyssen als Zeugen zu beschließen. Sollte es wirklich zu dieser interessanten Zeugenschast kommen, so müßte sich die Oeffent- lichkeit auf neue außerordentliche Sen­sationen gefaßt machen. Jedenfalls erführe sie dann endlich, was und wer hinter den ganzen Krupp-Prrzessen steht. Jeder auch nur halbwegs Eingeweihte weiß, daß Thyssen senior seit Jahren der präsumtive T h r o n s o l- ger und Gegenspieler der Kruppschen Stahlmacht ist. Am liebsten möchte Thyssen die ganze niederrheinische Montan-Jndustrie zu ei­nem großen Trust zusammenbrrngen. Stahlver- vand und Kohlrnsyndikat zu einem Koloß zusammen zu schweißen, der an den finanziellen Wolkenkratzer des amerikanischen Milliarden- stahltrrrsts heranreicht: Das ist schon lange die LieblingSidee und das Steckenpferd des Indu­strie-Magnaten an der Ruhr. Auf dem Weg zu solchen Zielen liegt indessen ein Riesenblock, den nur ein Titan aus dem Weg räumen kann: Die Firma Krupp! Thyssen begann seine Anstrengungen damit, daß er den Uebergang zur Fabrikation von Kriegsmaterial erwog: Kriegsschiffe, Panzerplatten und Kanonen in Kruppscher Güte, aber mit Preisunterbietung herzustellen: Das war der Plan.

Thyssen selbst leitete Verhandlungen ein in der Absicht, eine Werst für Kriegsschiffe zu bauen. Der Großherzog von Oldenburg und der jetzige Staatssekretär des Reichsmarineamts, Herr von Tirpitz, ließen sich auf diese Verhand­lungen ein. Aber der kluge und übervorsichrige Thyssen verlangte ganz ungewohnte Sicherhei­ten, ehe er überhaupt den Beginn eines An­fangs zu machen bereit wäre. Er soll sogar ge­fordert haben, daß der Deutsche Kaiser und König von Preußen sich an dem großen Un­ternehmen mit der heimlichen Spitze gegen Krupp beteiligen müsse. An diesem Ver­langen scheiterten natürlich die Verhandlungen. Aber August Thyssen gab keine Ruhe: Er schick­te nun auf eigne Faust seine Agenten aus, um mit der deutschen Militärmacht Fühlung zu gewinnen und seine Panzerplatten anzubieten. Die Agenten kehrten indessen ohne Bestellun­gen, ja o h n e,ede Hoffnung auf eine eingehen­dere Prüfung der offerierten Ware zurück. War die Regierung mit der Ware nicht zufrieden, 6/ber spielten andere Umstände mit? Einem gut­informierten Berliner Montagblatt blieb es Vorbehalten, wenigstens andeutungswet- s e darauf hinzuweisen, daß die Firma Thyssen -rnc Ueberzeugung gekommen ist, die Konkurrenz Krupps habe gegen sie gearbeitet und ihre Panzerplatten - Anfänge im Keim erstickt. Thyssen sammelte sorgfältig sein Material und übergab es . . . dem Reichstagsabgeordne­ten Matthias Erzberger! Erzbergers Be­kanntschaft hatte ihm sein Sohn, mit dem der alte Thyssen bekanntlich zeitweise in friedlichen Beziehungen lebte, vermittelt. Es soll ein Bries vorliegen, in dem Thyssen senior dem Sohn für die Vermittlung der Bekanntschaft des Herrn Erzberger dankt die der Firmain der Pan­zerplattenfrage von höchstem Wert gewesen sei."

Erzberger unterstützte jedenfalls die Be­schwerden der Firma Thyssen contra Krupp an den zuständigen Regierungsstellen, wagte aber nicht (wohl aus parteipolitischen Gründen) eine öffentliche Kampagne, sondern schob das Mate- rial gegen Krupp an die Sozialdemokratie wei­ter, die den Abgeordneten Liebknecht mit der Enthüllung betraute. So kam die Sache vor den Reichstag und in den Gerichtssaal. Würde man noch mehr Mappen öffnen und noch mehr Briefe verlesen, als schon geschehen, so könnte die Oeffentlichkeit vielleicht schärfer hinter die Kulissen blicken. Vielleicht käme dann auch das VerhälMis der Firma Krupp zu der feit d.eizehn Jahren neben ihr bestehenden zweiten vrivaten Kanonenfabrik (der Firma

E h r ha r d t in Düsseldorf) zur Sprache. Schon ist von der Frankfurter Zeitung die Vermurung ausgesprochen worden, daß die Firma Krupp durch den Erwerb von Aktien der Firma Ehr­hardt diese ihre neue Konkurrenz heimlich zu beherrschen und niederzuhalten sucht. Krupp Hai auf diesen Vorwurf bis jetzt nicht geantwor­tet, und in einem politisch auf einem ganz an­dern Boden wie die Frankfurter Zeitung stehen­den Blatte (in der Kreuzzeitung) war zu lesen: Soll Ehrhardt denn ganz umsonst gearbei­tet haben, soll dies das Ende eines unserer be­deutendsten Industriellen, eines unserer hervor­ragendsten Männer sein, die Deutschland her­vorgebracht hat?" Man sieht: Mit Partei­politik hat die Frage nichts zu tun, denn: Kritik am Monopol der Firma Krupp ist noch lange kein Verrat am Vaterland! Und die par­lamentarische Kommission des Reichstags zur Untersuchung der Verhältnisse in der Rüstungs­industrie erfüllt ihre Ausgabe nur dann voll­ständig, wenn sie hinter diese eigentlichen Geheimnisse der Krupp-Prozesse dringt, im wohlverstandnen Interesse des deutschen Volkes und zum Nutzen und Frommen der Steuerzahler ...!

Set Kaiser und Thieme.

Eine Zufall-Komödie der Irrungen?

Die Ablehnung des Roten Adlerordens vierter Klasse durch den Völkerschlachtdenkmal- Schöpfer Geheimrat Clemens Thieme in Leipzig, die in der Oeffentlichkeit so viel Staub aufgewirbelt hat. dürft« doch noch zu einem versöhnlichen Ende kommen. Daß die Affäre lediglich auf bürokratischen Schematismus zu- rückzusühren ist, haben wir bereits dargelegt, und es scheint nun, daß diese Schwerfälligkeit des Systems, die so peinliche Wirkungen er­zeugt hat. ausgeglichen werden soll durch einen Akt kaiserlicher Genugtuung für das Opfer des Schematismus, den Geheime« Hofrat Thieme. Wir erhalten dazu von authentisch­orientierter Seite folgende Mitteilungen:

Die Vorgeschichte der Affäre.

(Von unserem W. L.-Mitarbeiter.)

Berlin, 1. November.

Da es nicht üblich ist, daß der Kaiser von den zuständigen Ministerien über Zurück­weisung von ihm verliehener Orden benach­richtigt wird, hat der Kaiser auch erst durch die Zeitungen von der Zurückweisung des dem Geheimrat Thieme verliehene« Ordens erfahren. Es ist sicher, daß der Kai­ser von der öffentlichen Behandlung der peinliche« Affäre wenig erbaut ist: Sicher aber ist auch, daß Geheimrat Thieme in absehbarer Zeit eine höhere preu­ßische Auszeichnung erhalte« wird, denn hinter der Verleihung des Rote« Adler- ordrns vierter Klasse an Thieme stand kein persönlicher Einfluß des Kai­sers. Wenn sich der Kaiser auf Reisen und zu Festlichkeiten begibt, haben die zuständige« Ministerien Anweisung. eine Liste der aus- zuzeichnendc« Persönlichkeiten aufzustellen, und diese Liste wird vom Kaiser in der Regel ohne Prüfung gutgeheißcn. Nur bei Persönlichkeiten und Anlässen, die ihn be­sonders interessieren, trifft der Kaiser s e l b st Bestimmungen über Ordensver­leihungen. Das war bei der Leipziger Feier aber nicht der Fall, da Geheimrat Thieme dem Kaiser bisher nicht bekannt, und der Kaiser über die Vorgeschichte des Leipziger Denkmals und die ungeheure« Schwierigkei­ten, mit denen seine Entstehung verknüpft war, und deren Ueberwindung vor allen Din­gen Thiemes Energie zu verdanke« war, naturgemäß wenig orientiert war. Als der Kaiser bei dex Einweihungsseier Thieme kennen lernte und bei der Besichtigung des inneren Teiles des Denkmals von Thieme geführt wurde, der ihm die Grundgedanken (die ebenfalls von Thieme stammen) erklärte, fesselte die Persönlichkeit Thiemes den Kai- fer in steigendem Maße und er hat sich dann lange und herzlich mit Thieme unterhalten. In diesem Augenblick war schon die Verleihung des Roten Adlerordens vierter Klaffe eine läng st vollzogene Tatsache, an der zunächst nichts zu ändern war. Aber die Revision wird folgen.

Die hier geschilderte Vorgeschichte des Fal­les, di« (wie gesagt) von authentisch in­formierter Seite stammt, zeigt, wie wenig Fühlungnahme und innerer Zusammenhang zwischen dem Schema F und der tatsächlichen Wirklichkeit besteht. Weil der Kaiser de« Schöpfer des Völkerschlacht-Denkmals nicht näher kennt, über sein Werk vielleicht nur zufällig in allgemeinen Umrissen orientiert ist, glaubt die Ordens-Kommiflion. das Verdienst des Mannes mit dem Roten Adler u n t« r st e r Stufekrönen" zu müssen, und erst das laut

hallende Echo im Bereich öffentlicher Meinung erinnert die Maßgeblich:«« daran, daß Clemens Thieme keine Dutzend-Arbeit geleistet, sondern eine vaterländisch-nationale Tat vollbracht hat.

Abschied von Braunschweig.

Die Abreise des Regenten-Paares.

In Braunschweig fand gestern im Land­schaftsgebäude zu Ehren des Herzog-Regenten­paares ein F e st m a h l statt. Der Landtags­präsident, Landesdirektor Krüger-Wolfenbüttel, hielt eine Ansprache, die in ein Hoch auf das Regentenpaar ausklang, worauf der Herzog­regent erwiderte. Während des Festmahls wurde dem Herzogregenten als Abschieds­geschenk des Landtags eine Nachbildung des Brunnens auf dem Hagenmarkt mit dem Stand- bilde Heinrichs des Löwen aus schwerem getrie­benem Silber überreicht.

Die Abreise des Regenten

und feiner Gemahlin erfolgte gestern nachmit­tag bei prächtigem Herbstwetter. Alle öffent­lichen und privaten Gebäude hatten zimi Ab­schied reich geflaggt. Vom Schlosse bis zum Haqenmarkr bildete die Garnison, wei­terhin die Bürgerschulen, Innungen, Vereine und so weiter Spalier. Am Bahnhof erwies eine Kompagnie des Infanterieregiments mit Fahnen und Musik die militärischen Ehren. Der Herzogregent schritt die Front ab und nahm den Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie entgegen. Nach herzlicher Verabschiedung er­folgte um halb fünf Uhr die Abreise nach Willigrad, wo abends dte Ankunft stattsand.

Der Einzug des Herzogs

Ernst August mft der Herzogin findet am Montag statt. Das amtliche Programm für den Einzug des Herzogs Ernst August und der Herzogin V i k t o r i a L u t s e in die braunschweigischen Lande hat jetzt seine end­gültige Festsetzung erfahren. Die A b r e i s e von Rathenow nach Braunschweig erfolgt am Montag, den dritten November, vormittags zehn Uhr. Der Sonderzuq wird über Stendal, Oebisfelde und Schandelah geleitet. Zur fei­erlichen Begrüßung an der braunschweigisch- preußifchen Landesgrenze werden in Völpke die Mitglieder des braunschweigischen Staatsministeriums und des Hof­staats das junge Herzogspaar erwarten. Die Fahrt des Herzogspaares durch die Stra­ßen der Stadt erfolgt in einem sechsspännigen Prunkwagen. Auf dem Friedrich Wilhelmplatz findet die Begrüßung durch die städtischen Behörden statt. Die Ankunft im herzoglichen Schlosse erfolgt um zwei Uhr. Im Thronsaal wird sodann im Beisein der Mitglieder des Staatsministeriums die Thronrede verle­sen, in der (tote angenommen wird) der junge Herzog nochmals alle diejenigen Verspre­chungen berühren dürste, die er hinsichtlich der Verfassungstreue und der Wahrung des Reichs- gedankens abgegeben hat.

Braunschweigs Herzog als Oberst.

Das heutige MilitärwochenKatt bringt fol­gende Mitteilung: Herzog Ernst August von Braunschweig und Lüneburg, Königliche Hoheit, bisher Rittmeister und Eskadronchef im Husaren-Regiment von Zieten, Branden­burgisches Nr. III, ist aus Anlaß seines Re­gierungsantrittes zum Obersten & la suite des erwähnten Regiments ernannt. Derselbe wird außerdem an der Spitze und in den Listen des Braunschweigischen Infanterie-Re­giments Nr. 92 und des Braunschweigischen Husaren-Regiments Nr. 17, deren Uniform er anlegt, geführt.

*

Der erste Erlaß.

Eine Kundgebung des neuen Herzogs.

(Prival-Telegramm.)

Braunschweig, 1. November.

Eine Sonderausgabe der amtlichen Brann- schweigischen Anzeigen veröffentlich soeben den nachfolgenden Erlaß:Von Gottes Gnaden Ernst August. Wir, Ernst August, Herzog von Braunschweig-Lüneburg, königlicher Prinz von Großbritannien und Irland tu« hiermit kund und zu wissen: Nachdem die Hinderniffe, die seit dem Ableben des hochseligen Herzogs Wil­helm der Ausübung der Regierung des Herzog­tums seitens des Berechtigte« aus dem fürstli­chen Gesamthause Braunschweig-Lüneburg sich entgegenstellten, durch Gottes gnädige Fügung in beglückender Weise beseitigt sind, haben wir die uns durch hochherzigen Verzicht unseres in» nigst geliebten, durchlauchtigsten Vaters, des Herzogs Ernst August, Königliche Hoheit, ange­fallene Regierung des Herzogtums mit dem heutige« Tage angetreten. Wir ver­sichern bei unferm fürstlichen Wort, daß wir die Landesverfassung in allen ihren Be­stimmungen beobachten, auftecht erhalten und

beschützen wollen. Als deutscher Fürst werde« wir stets i« unerschütterlicher Treue zum Reich und seinem erhabenen Oberhaupte stehen, und hn Vehrältnis zu unfern hohen Verbündete« alle Zeit unsere Ver- Pflichtungen erfüllen, die uns durch die Reichsverfassung und die ihr zu­grunde liegenden Bündnis-Verträge auferlegt sind!"

Ludwig der Bayer.

Die Proklamation Ludwigs des Dritten alck König; eine Charakteristik des Königs.

Wt« «ns aus München berichtet wird, ist (da die Vorlage über di« Aufhebung der Regentschaft am Dienstag in der ersten Rom» mer und ebenso in der zweiten Kammer er­ledigt werden dürft«) für Mittwoch die Pro­klamation, die Beendigung der Regentschaft und di« Annahme der Königswiird« durch den Prinzregenten Ludwig zu erwarten. Voraus­sichtlich am gleichen Tage wird dem Landtag das wiffenschastliche Gutachten Über di« Un- Heilbarkeit König Ottos vorgelegt werden.

Seit siebenundzwanzig Jahren hat jetzt Bayern zum ersten Male wieder einen wirk­lichen, regierenden, nicht nur einen nominellen König. Auf Ludwig den Zweiten folgt Lud­wig der Dritte: Die Namen sind die glei­chen, aber die Persönlichkeiten des schwärmerischen, romantischen Schloßherrn von Linderhos und des schlichtbürgerlichen neuen Bavernkönigs sind von Grund aus verschieden. König Ludwig ist Zivilist vom Scheitel bis zur Sohle. In Uniform hat man ihn nicht ost gesehen, und wenn er als Vertreter seines Va­ters die seltsame Parade über die Münchener Garnison abnahm, wo die Schweren Reiter mit dem riesigen Pallasch int Arm stolz zu Fuß dahermarschierten, so sah man ihm an, daß er höhere Güter kennt, als seinen Rang als Feldmarschall. Ein Kriegsheld war Lud­wig der Dritte nie, und er wird es nie sein. Und da der damalige Prinz selbst herzlich dar­über gelacht hat, mag in diesem Zusammen­hang an die famose Karrikatur von Gul- bransson int Simplizisstmus erinnert werden; jene Darstellung des Prinzen inmitten der Schiedsrichter bei einem Kriegsmanöver war nicht schlimmer übertrieben, als eine künstle­rische Karrikatur Übertreiben darf und muß. ätt Ludwig dem Bayer gehört die goldene rille, der schwarz« Gehrock und der Zylinder. Denn er ist recht eigentlich ein Stadt­mensch, wiewohl er zur Sommerszeit auf seinen Gütern sitzt und im Herbste auf die Jagd geht. Er könnte auf die Anregungen, die ihm die Stadt, vor allem die Landeshaupt­stadt, bietet, nicht verzichten. In München sieht man ihn täglich stundenlang in den Geschäfts­straßen der Altstadt: Ohne Geheimpolizisten, ohne Adjutanten. Mit seiner stolzen und ehe­dem sehr schönen Gatttn oder mit einer seiner zahlreichen Töchter am Arm promeniert er lastgsam und gemächlich durch das Menschen­gewühl, bewachtet die Auslagen und spricht gute Bekannte an. Wird er

erkannt und gegrüßt,

so erwidert er jeden Gruß mit einer fabelhaf­ten Höflichkett, Wie man sie bei älteren bayeri- schen Verwaltungsbeamten noch anttifst. Un­ermüdlich aber ist er in der Besichtigung aller neuen kommerziellen und industriel­len Unternehmungen. Ist irgendwo ein neuer Betrieb eröffnet, sei es nun eine Schuhfabrik ober ein Warenhaus, oder eine Hunde- und Kaninchen-Zucht-Ausstellung: Ein paar Tage darauf fährt Prinz Ludwig vor und sieht sich alles vom Keller bis zum Speicher gruiwlich an, stellt an seine Führer, wie auch an Ange­stellte des Betriebes die schwierigsten, knifflig­sten Fragen und spricht am Schluß sehr auf­richtig Anerkennung oder krittsche Bedenken aus. Zu den Männern der Wissenschaft hat König Ludwig schon als Prinz seit icher gute und mehr als korrekte" Beziehungen ge­sucht. Höchst selten bat er bei einer Festsitzung der Akademie der Wissenschaften gefehlt, aber mit mindestens dem gleichen Eifer ist er in unglaublich viele Vorträge aller möglichen Vereine und Gesellschaften gegangen. Interessierte ihn das Thema eines Vortrages in der Orientalischen Gesellschaft oder in einem wissenschaftlichen Studentenverein, so sagte er sich an, setzte stch mit seinem Hofmarschall an den Vorstandstisch und hörte bei einerHal­ben Bier" aufmerksam zu; wenn er aber feine Erwartungen getäuscht sah, so konnte er recht deutlich zeigen, daß er sich langweilte oder är­gerte. Mehr noch als zu den Geisteswissen­schaften zieht es Dr. Ing. Ludwig zu den Te ch- nikern. In seiner Vorliebe für die Technik berührt er sich auch mit Wilhelm dem Zweiten, dem er ja sonst nicht gerade ähnlich ist. Die Koryphäen der technischen

Wissenschaft und Praxis

btttet er mit besonderer Vorliebe zu sich, weil sein klarer Sinn ganz aufs Praktische gerichtet ist, weil er mit offenen Augen in die moderne Welt steht und sich freut über Das, was die Technik in wenig Dezennien den Men­schen zuliebe alles geleistet hat- In dieser per­sönlichen Neigung zu den Technikern liegt auch der Grund dafür, daß Ludwig bet Dritte den