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Caffeler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 276.

Fernsprecher NI und 952.

Mittwoch, 29. Oktober 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Der Welsen-Thron.

Die Regelung der Braunschweigischen Thronfrage: Einstimmige Annahme des Preußischen Antrags im Bundesrat; der Antrag der preußischen Negierung; der Abschied von Rathenow; Einzug in Braunschweig am dritten November.

ßrnft August.

Braunschweigs neuer Herzog; das Porträt eines Fürsten; des Kaisers Schwiegersohn.

Wie unfl au« Dra »»schweig depeschiert wird, dürfte sich der Einzug de« jungen Ker- zogspaare« zu einer großen allgemeinen LandeSfeier gestalten. Die Arbeiten zur Ausschmückung der Stadt find bereits in vollem Sange. Auch im Lande selbst find große Festlichkeiten geplant. Seber das Ein­treffen de« SerzogSpaareS find bi» zur Stunde endgültige Dispositionen noch nicht getroffen.

Man nenne Das, das sich soeben in der Werkstatt deutschen Retchsgeschicks ereig­net, Zusall-Fügung oder Treppenwitz der Welt- geschichte, Komödie der Irrungen oder Apo­theose siegender Liebe; Eins steht fest: Der Akt­schluß bedeutet für den Empfindungsbereich deutschen National-Bewußiseins eine Erleichte­rung, und das Echo des Bundesrats-Beschlusses vom siebenundzwanzigsten Oktober wird im leis entschwindenden Hauch befreienden Aufat­mens versöhnlicher Verhallen, als selbst der Kanzler es geahnt. Das Braunschweiger Rät­selspiel-Potpourri belastete seit Wochen und Monden das Volksgewissen wie schmerzender Albdruck, und man fühlte aus allen Regungen öffentlicher Meinung jene Stimmung instinkti­ven Unbehagens, die immer dann sich ein­stellt, wenn die Schwüle der politischen Atmo­sphäre zur gewaltsamen Entladung drängt. Die Entladung ist nun erfolgt: Herr von Beth- mann Hollweg triumphiert, das Welfenaug' glänzt aus in Freude und verhaltnem Leid, und in des November jungen Tagen wird durchs Tor der Welfen-Residenz Ernst August von Braunschweig und Lüneburg als des Ländchens »angestammter" Herzog seinen Einzug halten. Heinrich von Treitschke schrieb einst, als Braunschweigs letzter Herzog vom Thron ins Grab sank, dem Welfenfürsten die Worte aus den Sarkophag: »Der welfischen Erde letzte Scholle!" Treitschke war kein Prophet, denn die Scholle wölfischer Erde, die er einst mit dem toten Herzog in Grabestiefen entschwinden sah, ist zum Fundament neuer Welfen Zu- k u n f t geworden und Ernst Augusts Herrschaft- Uebernahme im Land der Väter bedeutet die verfasiungsmäßige Festigung und Sicherung die­ser Zukunft-Entwicklung. Als man neunzehn­hundertzwölf schrieb, wäre selbst den Kühnsten die leiseste Andeutung von Möglichkeiten dieser uferlosen Unbegrenztheit als Verbrechen am Heiligen Geist ehrwürdigster Traditionen er­schienen: Auf dem Umweg über Herzens-Ro­mantik' und Liebes-Glück ist Wirklichkeit gewor­den, was wirklichkeit-e n t r ü ck t schien, und die Geschichte deutschen Reichs-Schicksals wird den Enkeln einst (mit Fragezeichen und Gedanken­strichen) erzählen, wie's kam, daß die Lieb: zur Revolutionärin und die Romantik zur Um­stürzlerin wurde. Qui vivra verra!

Ernst August von Cumberland, der nun nicht allein durch die Visitenkarte, son­dern auch durch den Willen des Bundesrats als Herzog von Braunschweig legitimiert ist, tritt in den Kreis deutsch-fürstlicher Bund­genoffenschaft als sympathischer Typ ritterlicher Männlichkeit, deren Licht-Effekte in dem mon- belangen Kampf um Braunschweigs Thron eher gewonnen denn verloren haben. Ein junger Mann voll Kraft und Temperament, abhold je­ner Limonaden-Weichlichkeit, die heut die Sim- plizissimus-Kritik in ätzender Lauge ertränkt, klar und fest in Wollen und Handeln, korrekt und untadlig in Haltung und Mannszucht, unbe­rührt vom Fanfaren-Geschmetter byzantinischer Stimmungsmache, aufrecht und stolz, schlicht und einfach, mannhaft und treu: Der Sohn seines Vaters, der über dem Glück vom Zollern- haus nie beigeff en, was die Treue zum eig­nen Stamm dem greisen Mann gebot! Man mag über die Welfenftage als staatsrechtliches Prinzip denken wie man will: Als Persön­lichkeiten heben sich die Gestalten der bei­den Welfen (Vater und Sohn) weit hinaus über den Dunstkreis der Kabalen und In­trigen, in dem der Kampf entbrannt, und weder auf dem ergrauten Senior des Hauses noch auf dem Sohn des Cumberländers lastet der leiseste Argwohn-Hauch nationalen Empfindens. Nicht die Cumberländer sind's gewesen, die das deut­sche Gewissen in Erregung gepeitscht: Die Re­gierung war's, die durch die Schwächlich­keit, Unklarheit und Unbeständigkeit chrer Poli­tik in der Welfenftage den Protest der Nation herausforderie, und die Regierung ist's auch, die die Verantwortung trägt für den Schritt, den am siebenundzwanzigsten Oftober der Bundesrat unterm Machtdruck Preußens ge­tan. Das Braunschweiger Land wird seinen Herzog beim Einzug in Heinrichs des Löwen

Es war vorauszusehen, und was gestern geschehen, ist nur die Bestätigung Dessen, das wir dieser Tage in unferm Leitartikel: Wie's kommen wird" vorausgesagt: Der Bun­desrat hat gestern den vom Ministerpräsidenten von Bethmann Hollweg unterzeichneten An­trag, dem Tochtermann des Deutschen Kaisers den Thron von Braunschweig zuzu­sprechen, mit Stimmen-Einheit angenommen, und am dritten Novembertag wird Ernst August mit seiner jungen Gattin in die Welfen- Residenz seinen Einzug halten. Braunschweig hat einen Herzog und der Welfensohn hat einen Thron: Das ist, in wenig Worten dar- gestellt. der vorläufige Effekt der Aktion; was diesem Effett einmals an Wirkungen (er- freulicken und unerfreulichen) herauswachsen wird, bleibt in Geduld und Ruhe abzuwarten und wird einst, wenn die Geschichte zur Kritik ruft, dem fünften Kanzler ins Schuld- oder Siegkonto geschrieben werden. Denn: Theobald von Bethmann Hollwegs Name ist's, den das Schicksal mit der feierlichen Apotheose des Welf- und Zollern-Krieges untrennbar ver- knüvst. Ob als Sieger oder Besiegter, wird die Zukunft lehren. Das freudige Er­eignis des endlichen Aktschlusses in der brgun- schweigischen Tragikomödie wurde in den Nach- mittagstunden des siebenundzwanzigsten Okto­bertags durch folgende o f f i z i ö f e Kund­machung gefeiert:

Berlin, 28. Oktober.

Nachdem in der heutigen Plenar- fitzunq des Bundesrats der Vertre­ter der Herzoglich Braunschweig - Eilne» buraischen Regierung, Staatsminister Hartwieg, unter Vorlegung der Ver- zichtsnrkunde davon Mitteilung gemacht hatte, daß Seine Königliche Hoheit der Herzog von Cumberland auf den Thron von Braunschweig ver­zichtet habe, beschloß der Bundesrat einstimmig, dem Antrag Preußens wegen der Thronfolge zuzustimmcn.

Es muß der preußischen Siaaisregie- runa überlassen bleiben, die volle Verantwor- ttmg für den Wandel ihrer Politik in der Wel- fenfrgge zu übernehmen. Und wir alle hoffen und wünfchen, daß ihr diese Verantwortung zu tragen von Braunschweig ans erleich­tert werden wird. Niemand zweifelt an der Ritterlichkeit der Gesinnung des jungen Her­zogs. Wer aber den Charakter der hannover- fchen Wekfenvartei kennt, weiß, daß es ihm nicht leicht gemacht werden wird, die Hoffnun­gen zu erfüllen, die von den Verantwortlichen Stellen in feine Befprechungen gesetzt werden und die nun, da der Einzugstäg in Braun­schweig naht, von der gesamten Ration als Gewissensfraaen erkannt werden. Ernst August von Brgunschweig und Lüneburg zieht in die Residenz seiner Väter ein als der Schwie­gersohn des Deutschen Kaisers, als Sproß des Welsenbauses und als ans die Reichsversassuna verpflichteter Bundesftirst Und er wird seiner Pflicht itmfo eher gerecht zu werden vermögen, wenn er sich auf Braunfchweigs Thron weder als des Kaisers Tochtermann, noch als des Welfen-Heinrich Enkel, sondern lediglich als deutscher Bundesfürst betrachtet!

Die Entscheidung im Bundesrat.

lDericht nufer? Korrespondenten.)

Berlin, 28. Oktober.

Tie gestrige Sitzung des Bundesrats, die sich mit der Regelung der braunschweigischen Frage zu befassen hatte, dauerte gegen eine Stunde. Wie zuverlässig verlautet, wurde der preußische Antrag nicht erst, wie es sonst üblich ist, einem Ausschuß überwiesen, sondern sofort vom Plenum beraten. Eine kom­missarische Beratung hielt man, da ja in den letzten Tagen und Woche» zwischen den ein­zelnen Bundesregierungen direkt verhandelt worden ist, nicht mehr für nötig. Die Abstim­mung ergab die einstimmige Annahme der preußische» Anträge. Tie Norddeutsche Allge­meine Zeitung veröffentlichte abends den Wort­laut des preußischen Antrages beim Bundesrat in Sache» der braunschweigischen Thronfolge. Der Antrag geht aus von den Ereignissen, die zu den bekanitten frühere» Befchlüssen des Bundesrats geführt habe», und bemerkt dann, daß durch eine Kette von Ereignisse» die Beziehungen des braunschweigifch-lünebur- gischen Hauses zu Preuße» derart verändert worden feie», daß eine Nachprüfung der Ange­legenheit geboten erscheine. Der Antrag nimmt dann Bezug auf den als Offizier geleisteten

Cid des Prinzen, w der nach feiner schriftlichen Erklärung Mleich das Verspreche» enthalte, daß er nichts und nichts unterstützen werde, was daraus gerichtet

sei, de» derzeitige» Besitzstand Preußens zu verändern. An dieses Verspreche» erachte sich der Prinz für immer gebunden, d» es eine Verpflichtung enthalte, die sich für einen deutschen Bundesfürsten von selbst ergebe. Unter diesen Umstände» könne nicht mehr be­hauptet werden, daß der Herzog von Cumber­land und sein Haus sich zum Bundesstaat Preu­ßen in einem Verhältnis befänden, das dem verfassungsmäßigen Friede» unter den Bundes­gliedern widerstreite. Hiernach sei es auch aus­geschlossen, daß durch die Uebernahme der Re­gierung Braunschweigs durch den Prinze» Ernst August die Welfenpartei eine mit dem inneren Friede» und der Sicherheit des Reiches nicht verftäglichen Unterstiitzung er­fahre» würde. Die preußische Regierung fei daher der Ueberzeugung, daß die Vorausfetzun­gen, auf denen die Beschlüsse des Bundesrats beruhen, weggefallen feie», und beantrage daher, zu beschließe», daß die Regierung des Prinzen Ernst August in Braunschweig im Hin­blick auf die inzwifchen eingetretene Verände­rung der Sach- und Rechtslage mit de» Grund­prinzipien der Reichsverfassmtg vereinbar fei.

*

Der Bundesrat und Braunschweig.

(Privat-Telegrarnrn.) Braunschweig, 28. Oktober.

Die außerordentliche Landesversammlung wurde gestern nachmittag um halb vier Uhr im Sitzungssaale des Landschaftlichen Hauses er­öffnet. Minister Rakau hielt zu Beginn eine Eröffnungsansprache, in der er den Abgeord­neten den WMommenAgruß des Herzog-Re­genten entbot und dann den Abgeordneten mit« teilte, daß ein Telegramm des Staatsministers Hartwieg, des braunschweigischen Bevollmäch­tigten beim Bundesrat, eingegingen sei. das folgenden Wortlaut habe:

Der Bundesrat hat soeben in seiner außer­ordentliche» Plenarsitzung in der braun­schweigischen Thronfolgefrage gegenüber dem Anftage Preußens einstimmig be­schlossen. die Ueberzeugung der verbündeten Regierungen dabi» auszusvrechen. daß die Regierung des Prinzen Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, in Braunschweig tm Hinblick auf die inzwischen eingetretene Veränderung der Sach- und Rechtslage, mit den Grundprinzipien der Bundesverträge und der deuffchen ReichS- verfassung nunmehr vereinbar fein würde.

Der Minister führte dann aus, die Eiwar- iung dieses Telegramms habe die Einberufung dieses außerordentlichen Landtages veranlaßt. Er gab ferner der hoben Freude und tie­fen Bewegung des Landes über diesen Beschluß Ausdruck. Fn maßgebenden Kreisen Braunschweigs besteht die Absicht, dem scheiden­den Regenten ein Abschiedsgeschenk des Landes zu verehren. Das Geschenk soll eine Nachbildung des Brunnens mit dem Denkmal Heinrichs des Löwen in schwerem, getriebenem Silber sein

Die Stimmung in Braunschweig.

Braunschweig, 28. Oktober. (Privat - Te­legramm.) In allen Kreisen der Bevölke­rung herrscht über den Entschluß des Bundes­rats freudige Stimmung. Jedermann ist befrtebigt, weil nun endlich die Unstimmig­keiten beseitigt sind und zu ertoorten ist, daß in nächster Zeit der Einzug des Herrschers erfol­gen wird. Bislang hat noch keine offi­zielle Stelle sich darüber ausgelassen, wann der Einzugstermin ist. Ein Braun- schweigifches Blatt verbreitete allerdings gestern abend die Mitteilung, daß bereits am Montag, den dritten November der Einzug stattfinden werde. Ob diese Nachricht indessen den Tat­sachen entspricht, läßt sich noch nicht konstatie­ren.

*

Welsenbesuch in Rathenow.

(Draht-Meldung.)

Rathenow, 28. Oktober-

Prinz Ern st August und Gemahlin gaben gestern mittag ein Diner für die Herren vom Offizierkorps des Husaren-Regiments Ziethen. Nachdem die Herren die Villa verlassen, trafen mit dem D-Zuge von Berlin um 2 Uhr 37 Mi­nuten folgende Herren aus Gmunden zu einer Besprechung mit dem Prinzen hier ein: Exzellenz Geheimrat von der Wense, Oberfinanzrat von Kniep und Kammerherr von Scheele. Rach kurzem Aufenthalt kehrten

I die He tim wieder nach Berlin zurück.

Stadt mit Freude, Begeisterung und warmer Anteilnahme begrüßen, wird vielleicht in dem dann restlos Wirflichkeit gewordnen Schicksal-' wandel eines Gerechtigkeit-Willens Erfüllung sehen und voll stolzer Hoffnung den Tag be­jubeln, der in Braunfchweigs Mauern wieder einen Welfensprotz als Zepterträger steht. Es ist das Privilegium der Völker, an Fürstenglück sich selbst beglücken und berauschen zu dürfen, und wenn die Braunschweiger heut in Seligkeit ten schwelgen, wollen wir ihnen den Freuden­tag nicht neiden. Wir Andern, die wir nicht jahrzehntelang umangestammte" Fürstenherr­lichkeit getrauert, stehen dem Ereignis kühler/ nüchterner und wägender gegenüber, und nur ein Gedanke beherrscht die Gemüter: 83t$B dem Frieden von Karlsruhe und der Bundes- Besieglung vorm Trau-Altar das Glück von Braunschweig folgen .. .? F. H.

Wilhelm der Zweite.

Lamprechts Bild von Wilhelm dem Zwei« 1 ten; der Geschichtsschreiber an de» Kaiser.

2tt« fich ju der schönen Feier der Einweihung de« Vvlkerschlachtdenkmal« am Fgb de« Monument« die heroorragendsten Vertreter de« deutschen Leben» zusammenfanden, Fürsten und Heerführer, Politiker und Gelehrte, Alte und Junge, da ist von Vielen: an dieser Stätte ein Mann besonder« vermißt' worden: Karl Lamp recht. Mancher hätte gar gewünscht, den großen Leipziger Historiker, der glänzend« wistenschastliche Gaben mit hohem künst- lerischem Gefühl und wahrem Deutschtum vereint, aus der Rednertribüne zu sehen. Aber Karl Lamp-i recht war nicht gebeten Man sah ihn weit vom Feste einsam auf einer Bank der Leipziger Ausstellung1 al« fernen Zuschauer Die Redaktion.

Karl Lamprecht ist zwar dem Feste fernge­blieben, aber er hat dennoch zu den Geistern, zu den Seelen und zum Empfinden seiner Zeit ge­sprochen: Sein Werk über Kaiser Wil­helm den Zweiten, das kurz vor den Tagen von Leipzig der Oeffentlichkeit übergeben wurde, ist zum Sprachrohr seines Geistes ge­worden. Lamprecht analysiert die Persönlich­keit des Kaisers vom Standpunkt des ernsten Geschichtsforschers aus, ob er aber seinen Zweck: Verständnis für das Wesen deS Kaisers zu verbreiten und die Motive seines Handelns zu erflären, erreichen wird, erscheint recht zweifelhaft, denn ihm ist eine Form eigen, die in ihrem abstrakten Wesen dem Verständ­nis oft die größten Schwierigkeiten entgegen­setzt und zuweilen frappant an Hegelsche Ge­dankensprache erinnert. Der Kaiser ist Lamp­recht eine Doppelnatur, deren eine Seite vor der Jahrhundertwende, deren andere nach diesem Zeitpunkt sich gestaltet hat. ZaheS Festhalten an allgemeinsten politischen Zielen und eine idealistische Auffassung sind nach Lamprecht die Hauptzüge in diesem Porträt­fragment. Er sagt darüber: »Indem der Rai­ter mit zäher Unverbrüchlichkeit fernen, ihm rein persönlich zugeborenen Idealen der inne­ren wie äußeren Politik zustrebt, zeigt er einen weit weniger starken Sinn für die Durchbil­dung der konstanten Mittel, di- zur Verwirkli- chung jener Ideale zu entwickeln und einzustel- len wären. Vielmehr das Ziel stets im Auge, wechselt er rasch in der Wahl der Wege, auf denen feine Erreichung möglich erscheint! und mit dem

Wechsel der Wege

fallen nicht selten alte Beziehungen, Anknüp- hingen und Personen. Es ist der Zug der kai­serlichen Politik, der am ehesten auffällt; in oft unglaublich kurzen Zeiträumen wandel» sich die fekundären Konstellationen, die zu den all­gemeinen und primären Zielen führen sollen; und die außerordentlich entwickelte Assozia­tionsfähigkeit der kaiserlichen Natur, ein echtes Zeichen reizsamer Veranlagung, svr- bert immer neue Kombinationen zuta­ge. Dabei fetten die Ziele rasch verwirklicht werden; und so verbindet sich mit ihnen jene böige Form der Wittensmeinung, jene Im­pulsivität, die den Zeitgenossen ebenfalls als ein Charakterzug des Kaisers gilt . . - Schwer zu erfassen ist, wie Lamprecht den Be­griff des Idealismus versteht:Man kann wohl sagen, der Idealismus sei die Perzeption und das Pathos der Distanz, indem ich den Dingen ferner trete, Distanz von ihnen nehme und'sie in das Allgemeine einordne, beginne ich sie notwendig zu schematifieren, und indem dies nicht leicht ohne gewisse Gefühlsmomente, ja ohne Affekt gefchieht, wird das Schemati­sieren zur gefühlsmäßigen Verallgemeinerung der Welt. Kaiser Wilhelm ist moderner Idea­list: Eben in der subjektiv distanzierenden und im hohen Grade pathetischen Auffassung der Welt besteht ein

Innerstes seiner Persönlichkeit

Sollte er da der Stützung seiner Natur durch geschichtlich gegebene Gebundenheiten (wie sie nach Lamprecht das Mittelalter ausweist) fern- geblieben sein? Keineswegs! Eben in dem Bedürfnis historisch gemütvoller Fundamentie­rung hat er viele Grundzüge des Inhalts sei­nes Idealismus entwickelt. Und nur Der wird sich dem Verständnis dieser merkwürdigen Per» fönlichkeit nähern, der ihr Empfinden, Denken