Reminiszenzen.
Berliner Hof-Erinnerrrrrge« ans dem Schicksalsjahr achtzehnhundertachtundachtzig, von
Prinzessin Feodorowna Urussoff.
Ungemein Interessante unb reiche Er» innerringen aus dem Schilksaksiahre 1888, in dem Deutschland drei Kaiser sah, »erössentlicht im neuesten Sefte der Dublin Review Prinzessin Urussoff, ein Mit. glied der bekannten russischen HochadelS- und Diplomatenfamilie, die in dem gedachten Jahre am Berliner Kose als intime Zengin den dort sich damals vollziehenden Begeben, heiten beigewohnt hat. Die Prinzessin war, wie diese Erinnerungen zeigen, eine aufmerk. ferne Beobachterin von eigener Auffassung, die selbst den HSchsten Herrschaften gegen. «6er ihre SelbstSndigkeit zu behaupten wnhte. Die Aufzeichnungen beginnen mit dem Begräbnis des alten Kaisers. Prinz Wilhelm (so schreibt die Prinzessin) ging allein hinter dem Sarge, hocherhobenen Hauptes, her. Er gehört nicht zu den Wesen, die von Kummer gebeugt werden. Sein Schritt war fest und militärisch, als ob er auf der Parade sich befände. Diese Haltung wurde von vielen kritisiert, doch hörte ich von drei Personen, die beim Tode seines Großvaters zugegen gewesen waren, daß er sich nach dessen Ende in einen Armstuhl geworfen und wie ein Kind geweint habe. . . Die Kaiserin ist wundervoll. Sie ist immer stark und zeigt nie eine Schwäche. Sie vergißt nie, welch schweren Teil sie zu tragen hat. Vor ihrem Gatten ist sie immer mutig und tapfer. Sie verbietet alle weichen Regungen und hält alles, was sie weich machen könnte, und alle Anspielungen auf den Zustand des Kaisers, von sich fern. Das ist sehr schwer für die Kinder, namentlich für den Kronprinzen, der viel Herz hat und sehr ausdrucksvoll ist. Immer von nebensächlichen Sachen zu sprechen, ist sehr schwer. Dieses Verhältnis regt den Kronprinzen in einem solchen Grade auf, daß, wenn er bei seinen Eltern ist, er immer bleicher und bleicher wird. Schließlich wird er, wie seine Frau sich ausdrückt, „ganz grün". Die Kaiserin läßt ihn nie mit seinem Vater allein. Die Lharakterunterschiede zwischen Mutter und Sohn wirken natürlich auf ihre gegeuseitigen Beziehungen zurück. Goltz, der Generaladjutant Kaiser Wilhelms des Ersten, erzählte uns, daß der Kronprinz bei seiner Ankunft in San Remo von seiner Mutter sehr kalt empfangen worden sei; sie habe ihn
nicht einmal umarmt.
Gerade jetzt scheint die Situation besonders gespannt zu sein, denn die Gräfin Brockdorff, die Oberhofmeistcrin der Kronprinzessin, konnte sich nicht enthalten, zu weinen. Die Kronprinzessin selbst nimmt alles mit der größten Ruhe auf. Wenn jemand sein Erstaunen darüber ausdrückt, so sagt sie in großer Schlichtheit: „Wilhelm liebt keine aufgeregten Frauen." Als wir die Prinzessin Amalie von Schleswig-Holstein die Tante der Kronprinzessin, besuchten, kam eine Dienerin vom Hofe und brachte „von der Frau Kronprinzessin" eine Flasche Milch und eine Schachtel englischer Biskuits. Diese große Einfachheit des Hofes frappierte mich. Der Kronprinz liebt es nicht, daß die Prinzessin Amalie regelmäßig nach Pau in Südfrankreich geht. Unterm zwanzigsten April schreibt Prinzessin Urussoff folgendes Gespräch auf: „Wo war Bismarck im Jahre 1847 ? (fragte ich Goltz) und was tat er damals?" „Er war auf dem Lande (antwortete Goltz) und kam jeweils nur für wenige Tage nach Berlin. Er wohnte dann bei mir. Das einzige Gepäck, das er mitbrachte, war eine Z a b n b tt r st e. Damals war er noch jung und bescheiden. Niemand hätte es voraussehen können, was er eines Ta- geS werden würde..Der Verlobungsplan deS Prinzen von Battenberg wird lebhaft besprochen. Es ist der Kampf eines Mannes gegen zwei Frauen: Mutter und Tochter. Der Kronprinz sagte mir mit liebenswürdiger und gewinnender Freiheit: „Prinz Battenberg ist
ein unmögliches Individuum.
Seine Politik ist Frauenpolitik, auf Intrigen gegründet. Es ist unglaublich, daß dieses kleine Atom eines Prinzen beinahe zwei Großmächte, wie Deutschland und Rußland. hintereinander gebracht hat." Dann dachte er und wiederholte: „Ja, ja, und es bedurfte eines großen Arztes, wie unseres Kanzlers, um Europa von den Mikroben zu be- freiett, die es angesteckt hatten ..." Wenn Bismarck von seinem zukünftigen Herrscher un- terstützt wird, hat er es leicht. Wir sahen ihn, als er an diesem Tage das Schloß in Char- lottenburg verlassen Hat. Das Volk begrüßte ihn. Er machte einen ungeheuren Eindruck. Er ist ein derartiger Koloß, daß er vom ersten Augenblick an schon durch seine bloße Größe imponiert. Seine Gestalt ist so mächtig, daß sie überlebensgroß erscheint, wie die Giganten Michelangelos. Graf Perponcher erzählt, daß der Kaiser jetzt so schnell und unleserlich schreibe, daß man es nur mit der größten Schwierigkeit entziffern könne. Gelegentlich fei es unmöglich, die Schrift zu lefcn. Er könne oft nur durch die Bewegung feiner Lippen verstanden werden. Am ftinfundzwmi- zigsten April verzeichnet die Prinzessin Urussoff: „Wir haben soeben die Königin Viktoria zu
sammen mit der Kaiserin in einem offenen Wagen einfahren gesehen. Die Berliner, die tn großen Scharen herbeigeströmt waren, begrüßten die beiden Fürstlichkeiten herzlich. Um aber einen Begriff von wirklicher Popularität zu erhalten, mußte matt gesehen haben, wie der Kronprinz, der kurz darauf vorbei kam, empfangen und begrüßt wurde. Der Kronprinz hat den Ausdruck eines Mannes, der eine Mission zu erfüllen hat. Er ist
die Verkörperung der Strenge,
derIugend und der H o f f n u n g. Er wird jeden Tag aufs neue begrüßt, als ob er soeben einen Sieg gewonnen hätte. Die Lust ist von Erregung und Begeisterung erschüttert. Siebenundzwanzigsten April: Heute waren wir im Atelier des Bildhauers Begas. Wir sahen den Riesenbrunnen, den er für Berlin ausarbeitet. Ueber diesen Brunnen fand ein interessantes Gespräch zwischen ihm und dem Kronprinzen statt. Dieser wünschte, daß der Brunnen in Granit und Bronze ausgeführt werde. Begas versicherte, daß dies unmöglich sei. Aber der Kronprinz wollte ihm nicht glauben. Er liebt keine Widersprü- ch e, denn der Kronprinz ist ein richtiger A u - tokrat in seiner äußeren Unbeugsamkeil. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit der Worte, die er im letzten Winter an mich gerichtet hat. Er meinte damals, der Zar von Rußland sei wegen seiner Macht zu beneiden; es müsse wundervoll sein, ohne ein Parlament zu regieren, ohne Hindernisse, ohne von allen Seiten gehemmt zu werden. In seinem jungen, energischen, männlichen Gesichte glänzte ein Wille auf, der stark genug schien, sich zu allen Zeiten und überall durchzuketzen. Sehr anmutig ist die Charakteristik. die die Prinzessin von den Beziehungen der jetzigen Kaiserin, damaligen Kronprinzessin, zu ihrem Gatten gibt. Ihr Einfluß (so sagt sie) gleicht einem bescheidenen Tropfen, der beständig auf diefelbe Stelle fällt und fo doch eilte Höhlung in den Stein gräbt ...!
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Heimkehr von der Kaiserfahrt.
Offiziöser Epilog zur Kaiserfahrt.
Der Deutsche Kaiser hat gestern dem greisen Kaiser Franz Josef, von Konopischt kommend, in Schönbrunn einen Besuch abge- flattet. Die Ankunft in Penzing erfolgte um elf Uhr vormittags. Kaiser Franz Josef, der trotz des unfreundlichen und nebligen Wetters es sich nicht nehmen ließ, Kaiser Wilhelm persönlich zu begrüßen, empfing fernen Gast auf dem Bahnhofe auf das Herzlichste. Dann begaben sich die beiden Monarchen im geschlossenen Wagen nach Schöllbrunn. Abends um neun Uhr erfolgte die Abreise Kaiser Wilhelms nach Potsdam. Ueber die Kaisertage in
Konopischt und Schönbrunn
bringt die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung folgende Auslassungen: Die Anwesenheit Kaiser Wilhelms auf österreichischem Boden hat in der Presse unserer Bundesgenossen lebhafte Kundgebungen siir das zwischen Tenffchland und Oesterreich bestehende Treuverhältnis und für den während der Balkanwirren neu bewährten Dreibund hervorgerufen. Diese Stimmen finden bei uns freudigen Widerhall, verbunden mit warmem Dank für die unterem Kaiser in Oesterreich von neuem erwiesene Gastfreundschaft. Durch das feste Zusammenstehen der Dreibundmächte in Einzelfragen der Balkanpolitik, das noch vor kurzem abermals erprobt worden ist, wird der allgemeinen europäischen Friedenspolitik kein Abbruch getan. Tas durch alle Wechselfälle der Orieiftkrise glücklich hindurch gesteuerte Einvernehmen zwifchen den Großmächten ist Gegenstand unauSgefetz- ter Pftege. Wertvoll hierfür war der Besuch des Kaiserlich russischen Ministers des Aeuße- ren, Herrn Ssasanow. in Berlin und fein Verkehr mit deutschen Staatsmännern, wobei die auf der diplomatischen Tagesordnung stehenden Fragen eingehend, mit Offenheit und unter befriedigenden Eindrücken alle durchgesprochen worden sind. Die offiziöse Kundgabe der Berliner Wilbelm- straße bedeutet, wenn sie den wirklichen T a t» fachen gerecht wird, die Neubesiegelung der deuffch-österreichischen Freundschaft, deren Fundamente durch die Vorgänge der letzten zehn Monde ernstlich erschüttert schienen. Man gewinnt den Eindruck, daß in Wien die Erkenntnis des Werts der deutschen Nibelungentreue allen Versuchungen von englischer Seite, Oesterreich-Ungarn aus der deutsch-österreichischen Bundgemeinschaft herauszulocken, siegreich widerstanden hat und daß man im Donauland entschlossen ist, durch kleinliche Verärgerungen nicht die großen Ziele der Dreibund-Politik verkümmern zu lassen.
Die Wahlen in Italien.
Regierungs-Sieg auf der ganzen Linie!
Rom, 27. Oftober. (Privat-Tele- «ramm.) Die Resultate der gestrigen Neuwahlen lagen erst, da die Anzahl der zu
wählenden Abgeordneten und der Wähler sehr groß war, gegen Mitternacht vor. Wie erwartet wurde, hat die Regierung eine ungeheure Mehrheit. Giolitti, der Vielgewandte, hat trotz der vielen Analphabeten gesiegt. Die Liberalen behalten so ziemlich ihren biherigen Besitzstand. Die Wahlen sind im allgemeinen ruhig verlaufen. Nur in Ruvo (Provinz Bari) kam es zu Ausschreitungen. Ein vierzehnjähriger Knabe wurde durch Revolverschüsse getötet.
Welfenkviel-Fortsetzimg.
Herr von Dethmann und die Cumberländer.
Zur Erledigung der braunschweigischen Thronfolge wird einer offiziösen Korrespondenz aus Braunschweig mitgeteilt, daß Prinz Ernst August eine ausdrückliche Verzichtleistung auf Hannover mit der Begründung abgelehnt habe, daß eine solche Erklärung von ihm als Demütigung aufgefaßt werden müsse. Die von ihm angebotenen Garantien (Anerkennung der Reichs- Verfassung) müßten genügen, zumal Preußen auf dem Standpunkt stände, daß ein Königreich Hannover feit fiebenundvierzig Jahren nicht mehr bestehe, eine Verzichtleistung auf die Krone Hannovers also staatsrechtlich nicht zulässig wäre. Bei den Verhandlungen hat das Welfenhaus wiederholt auf preußische Widersprüche aufmerksam gemacht und durch zähes Festhalten an feiner Auffassung hat es ihr zum Siege verhalfen. Diese Auffassung haben die Welfen bereits vor der Hochzeit mit der Kaffertochter vertreten und kein Hehl daraus gemacht, daß die Hochzeit daran nichts ändern könne, sondern vielmehr zeigen müsse, daß die Welsen einer Versöhnung geneigt seien, wenn diese unter ehrenvollen Bedingungen erfolge. Die verantwortlichen Stellen der Reichsregierung mögen allerdings gehofft haben, den starren Welfensinn noch umzustimmen, sie sind aber allmählich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die
««gebotenen Garantie« ausreichen, und daß ein loyaler Herzog, dem man Zugeständnisse macht, wertvoller fei als ein gedemü- tigter Welfe, zumal die Welfenagiiation durch den ausdrücklichen Verzicht nicht ans der Welt geschafft werden würde, sondern sich gegen den neuen Herzog wenden würde. Der neue Herzog hat aber zu erkennen gegeben, daß er kein Förderer der Welfenagitaiion sein werde. Diese Agitation wird unter den gegebenen Verhältnissen allmählich einschlafen. Wenn die preußische Regierung glaubt, mit dieser Erklärung, kurz bevor die Tatsachen ihrer Vollendung entgegenaehen, das Volk beruhigen zu können, so dürste sie sich sehr täuschen. Denn aus der ganzen Darstellung geht doch das Eine mit großer Deutlichkeit hervor: Daß in dem langen Ringen mit dem -starren Weffen- sinn" Herr von Betbmann Hollweg kläglich unterlegen ist. Dafür tröstet man sich nun damit, daß der Prinz Ernst August „zu erkennen" gegeben babe, daß er kein Förderer der Welfenagiiation fein werde, und stützt darauf ohne weiteres die Hoffnung, daß diese Agitation bald abflauen werde. Hätten die Herren am grünen Tisch eine Ahnung davon, wie es damit wirklich ausstebt. dann wären sie anderer Meinung, aber ... Fühlung mit dem Volk: Das ist für die uns Regierenden, in der Vorstellung der „gottgewollten Abhängigkeiten" Verharrenden ein undenkbarer und unfaßbarer Begriff!
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Eine Warnung an die Negierung.
(Privat-Telegram m.)
Q3erlt«, 27. Oftober.
Die aus allen Teilen der Provinz stark besuchte Ausschußsitzung der Nationalliberalen Partei der Provinz Brandenburg faßte gestern hier eine Entschließung, wonach sie der Reichstags- und Landtagsfraktion ihren Dank und ihre Anerkenmma für die kräftige Wahrung der nationalistischen und preußikchen Interessen gegenüber dem bedenklichen Nachgeben der Reichsregierung gegen das Welfentum ausfpricht. Die Verantwortung für ein Wiederaufflammen der welfifchen Agitation und die Schädigung weiter preußischer Landesinteressen weife sie allein der Reichs- und Staatsregierung zu.
Kruvv am vierten Tag.
Direktor Hugenüerg als Zeuge.
Berlin, 27. Oftober. (Privat-Te- legramm.) Im Prozeß Brandt-Eceius wurde heute die Zeugenvernehmung fortgesetzt. Zimächst vernommen wurde Direktor H ug ende r g der Firma Krupp. Er schildert die kaufmännische und technische Organisation der Firma. Es sei ihm nicht bekannt gewesen, daß Brandt zu dem Zwecke nach Berlin gesandt worden sei. um Nachrichten zu sammeln, die der Firma nicht offiziell zugingen. Im Juli 1912 erhielt Direktor Müblow von Herrn von Metzen einen Brief, worauf der Genannte nach
Berlin fuhr und Unstimmigkeiten im dortigen Büro feststellte. Brandt habe erftärt, er könne das bisherige Leben nicht länger ertragen, worauf Brandt seines Postens enthoben und die Berichterstattung in der bisherigen Form eingestellt wurde.
Rätsel uö Probleme.
Kapitän Gluuds Unglücks - Ahnungen; Stöffler unb die National-Flngspende;
AuS Aeußerungen de« Kapitäns Oluub (des bet der Katastrophe des L U verunglückten Lustfchisf-Lenker«:, dte erst jetzt bekannt werden, geht hervor, daß tn den Streifen der Zeppeltngesellschast tatsächlich Bedenken gegen dte von der Martne» verwaltung gesorderten Abänderungen deS Normaltyps bestanden, ffib erhalten heute dazu folgende Mitteilungen unseres F. A.-SUtitarbetterS tn Bremen, der Gelegenheit hatte, von beteiligter Seite darüber Authentisches zu erfahren. Bei der Beisetzung des Kapitäns Gluud in Bremen führte Pastor Dr. Beeck an, daß Gluud am Sonntag vor dem Aufstieg mit seiner Frau und seinen Kindern in Friedrichshafen den Gottesdienst besucht hast Ernster und feierlicher als sonst hat er von ihnen Abschied genommen. Wie ich von Personen, die dem Kapitän Gluud nahestanden, erfahre, soll Gluud große Beden- k e n gegen die aufWunsch derMarineverwalMng ausgeführten erheblichen Abweichungen vom Normaltyp gehabt haben. Das geht aus folgenden Aeußerungen hervor: „Ich weiß, daß das Luftschiff so nicht gehen wird!" Wenn das Luftschiff aufsteigt, kommt es zu einer Katastrophe!" Es war dem erfahrenen Luftschiffkapitän also Har, daß die Verlegung des Laufganges in den Luftschiffkörper zwecks größerer Annäherung der Gondeln die Sicherheit des Luftschiffes beeinträchtigen werde. Und
die schreckliche Katastrophe
hat dem Praktiker vollkommen recht gegeben. Trotzdem nahm der unerschrockene Mann an dem Aufstieg teil, obwohl er (wie er ebenfalls noch geäußert hat) wußte, daß dies seine l e tz t e F a h r t sei! Es ist bedauerlich, daß die „forsche" Art der Militärs die Katastrophe noch insofern beschleunigte, als man es unterließ, den neuen Typ nach und nach zu erproben, bedauerlich, da dadurch tüchtige Männer den Tod fanden, ganz abgesehen von dem erheblichen pekuniären Schaden und der Wirkung, die derartige Katastrophen im Auslande ausüben müssen. Die Gestalt des ersten deuffchen Luftschisftapitäns gewinnt durch die bekannt gewordenen Aeußerungen einen geradezu tragisch-heldenhaften Anstrich, denn er ist bewußt seinem sicheren To de entge- gengegangen. Das Dementi der angeblichen Aeußerungen des verunglückten Maschinisten Lasch bleibt dem Obigen gegenüber also gegenstandslos, denn die Tatsache bleibt bestehen, daß man in den Kreisen der Zeppelingesellschaft die Katastrophe vorausgesehen hak.
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Geht Stöffler leer aus?
(Draht-Meldungen.)
Berlin, 27. Oktober.
Aus Leipzig kommt die ganz sonderbar Hin« gende Mitteilung, daß die Nationalflugspende sich weigere, Stöffler für seine Flugleistung von 2150 Kilometer den ersten Preis von 100 000 Mark zuzuerkennen. Es soll eingewendet werden, daß der Flieger den Flug nicht in gerader Strecke zurückgelegt habe und die letzten 700 Kilometer durch Pendelflüge gedeckt hat. Als die Ausschreibung der Rationalflugspende für die großen Preise vor etwa einem Vierteljahr erschien, erregte es bei allen Fachleuten und den beteiligten Kreisen b ö ch st e s E r st a u n e n, daß das Kuratorium für den Wettbewerb, bei dem es galt, einen unter günstigen Bedingungen im Hochsommer aufgestellten Weltrekord zu überbieten, ausgerechnet die s ch l e ch t e st c I a b r e s z e i t, die Monate der kürzesten Tage, ausgesucht hatte. Trotz alledem, ist es schon drei Deutschen gelungen, Brindejoncs Flug zu übertreffen. Stöfflers Leistung ist sogar von der ausländischen Presse neidlos als eine große Tat anerkannt worden. Jetzt haben die Herren der Nationalflugspcnde aber einen Anariffspunkt in ihren eigenen Ausschreibungen herausgeholt, der Stöffler eventuell um seinen Sieg bringen könnte.
Das Flugspende-Kuratoriunt gesteht damit also ein, daß es seine Ausschrei, bungen nicht genau genug abgefaßt habe. In den Veröffentlichungen über die 300 000 Mark-Preise heißt es ausdrücklich, daß von dem Bewerber mindestens 500 Kilometer in gerader Richtung zurückgelegt werden müssen. Das hat Stöffler auf seinem Fluge Posen-Mül- btiufen i. E. auch ausgeführt, denn er bat auf seiner Strecke nicht weniger als 1050 Kilometer quer über ganz Deutschland hinweg zurückgelegt. Das Kuratorium aber beanstandet jetzt, daß die letzte-, 700 Kilometer durch Schleisenflüge auf der 250 Kilometer langen Strecke vollendet wurden. In den Ausschreibungen ist jedenfalls an keiner Stelle zu lesen, daß zur Aufstellung eines neuen Rekords und zur Bewerbung um die großen Preise der Flu^
WelMMe Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeftung
3. Jahrgangs
Dienstag, 28. Oktober 1913
Fernsprecher 951 und 952,
Nummer 275
Fernsprecher 951 und 952.
JnsertlonSpretle: Dl- l-chSg-spall-n- Selle für einheimische Geschäfte 15 Vfg., für au«, wärtlge Inserate 25 Vs. Reklame,eile für einheimische Geschäfte 40 Pf. für auswärtige Geschäfte 60 Ps. Einfache Beilagen für Sie Gesamtauflage werden mit «Mark pro Taufend berechnet Wegen ihrer dichten Berdreltung tn der Reädenz und der Umgebung find dl» Casseler Neuesten Nachrichten ein vorzüglicher JnserklonSorgan. Geschäftsstelle Kölnisch^ Straße 5. Berliner Vertretung: SW. Friedrichstraße 16. Telephon: Amt Morltzplatz 12684.
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