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Casseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Sonnabend, 25. Oktober 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 273

Fernsprecher 951 und 952.

Kl­

einen wuchtigen

Bändchen im Knopfloch,

0 Prä

Durchzieher" über der linken Wange:

sentiert er sich als der Typ des Gentleman, des Uten Korps-Lmdenten. der selbst aus der An-

13, 116.

bote ifts- sten

Staatsanwaltschaft Frankfurt ein Strafverfah­ren eingeleitet worden. In einer in Frankfurt stattgehabten Versammlung am sechsundzwan- zigsten September soll die Beschuldigte zum Ungehorsam gegen die Gesetze auf­gefordert haben.

darauf bezüglichen Verhandlungen zwischen England und Deutschland gediehen sind. Be­reits gelegentlich der Reise Lord Haldanes nach Berlin wurde die afrikanische Frage leb­haft erörtert und es ist leicht möglich, daß Eng­land als Dank für die Anerkennung des englischen Einflusses in Persien die Insel Sansibar und die Walfischbai an Deutschland» abtritt.

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Dt, Hantlet Dleuefteti Nachrichten erlchetnen wöchentlich iechrmal imB »war ad en» 3. Der DbonnemeniSpretS beträgt monatlich 50 Pfg. bet tretet Zustellung in» HauS. Bestellungen werden i«der,eU non der GetchästSitelle oder den Boten entgegenqenommen Druckerei. Bet lag und RedaMon: SchlachthoMraße 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur oon 7 diS 8 Uhr abends Sprechstunden der AuStuntt Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bi» R Uhr abends Berliner Bertretuna: SW, Friedrtchktr 16, Delepbon: Ami Morttzplatz 12684

klagebank stramme Selbstzucht übt und mit kei­ner Geste, keinem Wimperzncken verrät, was in ihm arbeitet, was ibn bewegt und erregt. Seine Antworten auf die Fragen des Vorsitzenden sind knapp, bestimmt, klar, und der alte Justiz­rat Gordon, der seine Verteidigung führt, kann sich über den Klienten nicht beklagen. Bei den Beteuerungen seines Schicksalgenossen Brandt hastet zuweilen ein slücht'ger Schatten über seiner Stirn, die Finger trommeln sekun­denlang, wie von stark bekämpfter Erregung un­bewußt belebt, auf der schmalen Brüstungs­platte der Anklagebank, und der Blick scheint durch die hohen Fenster des Gerichtssaales in irgendeinen stillen Vergangenheit-Winkel zu wandern, dott Erinnerungen weckend, Reminis­zenzen konzentrierend. Man hat das unbe­stimmte Empfinden: Dieser Mann schärft seine Waffen für den beginnenden Entschei­dungskampf, und es wird Herrn Chreczinsti nicht leicht werden, Sieger zu bleiben. Etwas abseits von der Zeugenschar sitzt Herr Wilhelm von Metzen, vormals Berliner Filial-Direk­tor des Essener Kanonenkönigs; heut Krupps rücksichtloser Ankläger und Kronzeuge des Staatsanwalts. Auch er in diisterm Schwarz; wie Eceius mit einem Ordensband im Knopf­loch, dann und wann lässig das Einglas ins Auge stemmend. Wilhelm von Metzen war, ehe er Krupps Vertrauensmann wurde, Offi­zier; man sieht's ihm an, und es beschleicht den Zeugen des forensischen Schauspiels ein seltsa­mes Gefühl der Unbehagen-Stimmung ange­sichts der Tatsache, daß der Kampf um die Ehre des Hauses Krupp sich letzten Endes zwi­schen zwei Gegnern abspiclen wird, die an Geist und Energie einander gleichwert scheinen: Eceius und Metzen! Maximilian Brandts fchwarz-umhüllte Armseligkeit verschwindet in Nichts gegenüber der stahlhart zur Wirklichkeit sprechenden Kampf-Entschlossenheit der beiden Heldenrollen-Träger in dieser Tragikomödie der Irrungen und Wirrungen, und aus Wilhelm von Metzens düstrem Blick blitzt der Wille, Alles, selbst das Letzte, zu wagen ...!

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Sansibar für ZeutWand?

Deutsch-englische Afrika-Geschäfte.

Die Londoner Daily mail meldet heute: Zn politischen Kreisen verlautet- daß England die Insel Sansibar an Deutschland abtreten werde und zwar in ttrrzer Zeit. Deutschland werde dafürTnaland anderweitig entschädigen.

In Uebereinstimmung mit dieser Meldung wird uns aus Paris depeschiert: In politi­schen Kreisen erhält sich das Gerücht, daß sei­tens Englands Sansibar und die Wal- s i s ch b a i an Deutschland abgetreten werden sollen. Es ist noch nicht bekannt, wie weit die

gnfertton«pretfe: Die fed)«gefpaltene Zelle tut einheimische Beschatte 15 'Ufg.. für aus. roärttge Inserate 25 Pt, Reklainezetle für einheimische Geschäfte 40 "Bf, für auswärtige Gefchäfte 60 Ps. Einfache Beilagen für »le Gesamtauflage werben mit 5 Mark pro laufen» be­rechnet. Wegen Ihrer sichten Kerbtettung in »er Resisen» uns Der Umgebung sind sie Lasseier Neuesten Nachrichten ein oorzügiiche» JnsertlouSorgan. GeschäNSUelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friebrichftraße 16, Telephon: Amt Morihplah 12584.

Kaiser Wilhelm in Konopischt.

Wien, 24. Oktober. (Draht - Mel« d n n g.) Der Deutsche Kaiser traf ge­stern nachmittag um 5.40 Ubr in Beneschau ein, wo er vom Erzherzog Franz Ferdinand und der Herzogin von Hohenberg begrüßt wur­de. Im Automobil wurde darauf die Fahrt nach dem Schlosse Konopischt angetteten, wo dem Kaiser die Gäste des Erzherzogs vorge­stellt wurden. Abends um acht Uhr fand im Schlosse zu Konopischt große Tafel statt. Heute beginnen die Jagden aus Rebhühner und Fasanen.

auch acht. i u. der

3t.

Lin- ge- an eler

Rosa LmMburg urr'er Anklage.

Wegen Aufforderung zum Ungehorsam.

Frankfurt a. M., 24. Ottober. (Pri­vat - Telegramm.) Gegen die bekannte Sozialistin Rosa Luxemburg p ( ie die Frankfurter Vollsstimme erfährt) von. der

Momentbilder.

Der neue Kornwalzen-Prozetz vor den Rich­ter« vo« Moabit: Brandt und Eceius; von Fritz Steinheim.

Ein «Privat - Telegramm meldet uns an« Berti«: Der neue«raPp-Prozetz dürfte erst am Freitag ober Sonnabend beendet werden, da die Zeugenvernehmung und die Befra. gung der Sachverständigen einen breite« Raum der Derhandlunge» ei«nehmen. Brandt und Cccta» haben durch ihre Derteidiger zahlreiche neue Beweisanträge stellen lassen, denen das Gericht, um de« Sachverhalt «ach Möglichkeit zu ftärett, voraussichtlich Folge geben wird. Weitere DeweiSanträge find in Vorbereitung.

Durchs graue Gemäuer von Alt-Moa- b it wogt ein Leben und Hasten, wie man's r nur in den Tagen der Eulenburg-Tragikomödie : und der Metternich-Burleske sah. In den- stern Gängen, in deren Wölbungen jeder Schritt wie Grabesstimme widerhallt, drängen sich Neugierige. Juristen und Amtleute in bun- ; tem Wirrwarr; Anwälte im Talar, Gerichts- . diener, schwer mit Aktenbündeln beladen, bah­nen sich kämpfend einen Weg durch die zum Knäuel gestaute Menge, und an der Eingangs­tür zum Verhandlungssaal der elften Straf- kammer wacht ein mattialisch aussehender Cer- - derus über Ruhe und Ordnung. Man mertt an allen Anzeichen und Begleit-Erscheinungen: Ein »großer Tag" drinnen im dämmerigen Tempel der Themis! Im Verhandlungssaal das Bild buntbewegten Lebens, fiebernder Neugier und emsigen Treibens draußen in Hallen und Gängen in kleinern Maßen, zusam- mengedrängt in die Enge eines bescheidnen Raums, dessen Zuhörer-Abteilung kaum sür hundert »Märtyrer" der Sensationslust aus­reicht. Aber man bringt das Opser, in erdrük- ckender, lüft- und atemraubender Menschen-An- sammlung stundenlang auszuharren, während W überm Tribunal die Langeweile gähnt, gern, denn die Kornwalzen kitzeln die Nerven, und von Herrn Maximilian Brandt, der re­gungslos in der Anklagebank dem Schicksal ent­gegenbangt, wird erzählt, daß er entschlossen sei, Alles zu wagen, um Ehre und Freiheit zu retten.Alles!": Flüstert ein Mann mit einem Ordensbändchen im Knopfloch dem Nach- | bar zu, und Beider Blicke streifen mit einem | leisen Aufblitzen von Schadenfreude den Direk­tor E c c i u s, der neben Herrn Brandt auf der Sünderbank sitzt. Nicht dicht an den Korn- walzen-Mann herangerückt, sondern weit ab­seits; so weit der enge Raum des braungebeiz­ten Schicksalkäfigs es gestaltet.

Der Vorsitzende beherrscht die Situation. Herr C a r st e n s ist kein Jurist der Schule von ehegestern; er kennt Leben, Welt und Menschen, sieht dem Wesen der Dinge auf den Grund und müht sich, der Themis objektiv empfin- : dender Priester zu sein. Am Anklägertisch sitzen r zwei Vertreter staatlich-öffentlicher Gerechttg- keit: Oberstaatsanwalt Chreczinski mit einem Assistenten. Altenberge türmen sich auf ihren Pulten, und dann und wann blättert der Vettreter der öffentlichen Anklage ungeduldig in ' einem wuchtigen Faszikel, wenn Herr Brandt k beteuert, nie mit Wissen seiner Unschuld Reine : angetastet zu haben, oder wenn er, versonnen in die Weite blickend, das Auge gegen die blanke Ottobersonne mit der Hand schützend, er­klärt, daß seine Erinnerung versage und der M Vergangenheit Dunkel seinen Blick beenge. Rechtsanwalt Löwenstein neigt sich dann, . raschem Impuls folgend, zu seinem Klienten; ein paar Flüsterworte, dem Nächsten kaum ver- nehmbar, und Herr Brandl läßl sich wieder | nieder auf die harte Sünderbank, die seines Schicksals Basis und Fundament bedeutet. Er H sieht grau und vergrämt aus; in dem schwar­zen Gehrockanzug, den er an Gerichtsstelle trägt, macht er den Eindruck eines müden, schwachen Greises; nur die welken Hände, die die Brü- I stung der Anklagebank umklammern, zittern tote in inn'rer Erregung, und durch die Stimme klingt, wenn der Angeklagte auf eine'Frage des Vorsitzenden antwortet, die Vibration der Angst und der Verzweiflung. Man fühlt Mitleid mit L dem Geb rechnen, dessen physische Kümmerlich- kett von langen, schweren Kämpfen zeugt, und man glaubt ihm. wenn er (zum zwanzigsten Mal) den Richtern beteuert, er habe sichnichts dabei gedacht", als er den Herren Tilian und | Genossen Freundschafts- und Liebesdienste er­wies, und dafür funkelnagelneue Kornwalzen eintauschte, deren im Essener Zentralbureau st- die Ungeduld harrte.

Stumm, fast gleichgültig, sitzt Herr Eceius in der Anklagebank. In Haltung und Kleidung korrekt und tadellos, wie Brandt in feierlich- M ernstes Schwarz gekleidet, mit einem diskreten

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Brandt, der Harrnlose<

Dor erste Tag des neuen Krupp-Prozefies. (Bericht unsers Korrespondenten.)

Verlin, 24. Oktober.

Der gestrige erste Verhandlungslag im neuen Krupp-Prozeß (über dessen Beginn wir bereits telegraphisch berichteten) wurde durch die Vernehmung des Angeklagten Brandt in Anspruch genommen. Die Aussage des An­geklagten deckt sich im wesentlichen mit seiner Aussage in dem Prozeß vor dem Kriegsgericht der Kommandantur. Er bekundet, daß er ur­sprünglich Feuerwerker gewesen und dann bei der Firma Krupp eingetreten sei. Er wurde zunächst beim Preisbildungsbüro in Essen be­schäftigt und sodann auf vielfaches Drängen des Berliner Repräsentanten Herrn von Schütz zu dessen Unterstützung nach Berlin versetzt. Hier bestand seine Haupttätigkeit darin. Ge­heimberichte zu erlangen. Er setzte sich da­her mit den verschiedenen "Militärpersonen, die im ersten Krupp-Prozeß angeklagt waren, den damaligen Feuerwerkern und Oberfeuerwerkern Tilian, Schleuder, Hinst, Schmidt und Dröse, in Verbinduna. Diese gaben dem Angeklagten auf dessen Ersuchen unter Verletzung ihrer Dienstpflicht Mitteilunaen über die Verdingungen; hauptsächlich über Liefe­rungstermine: der Zeuge Pfeiffer lieferte dem Angeklagten Brandt einmal sogar

einen vollftändiqen Etatsanszug.

Der Angeklagte gibt all das als richtig zu, er bestreitet indes, daß er gewußt habe, daß die Zeugen ibm das Material unter Verletzung ihrer Dienstpflicht gegeben haben. Richtig sei wohl, daß er militärische Geheimnisse erfahren habe, vor Krupp gebe es aber einfach keine militärischen Geheimnisse. er habe viel große- r e Geheimnisse auf artilleristischem Gebiet er- sabren. als durch die Feuerwerker, und bei ibm seien diese Geheimnisse auch gut aufgehoben ge­wesen. Es sei richtig, daß er den Feuerwerkern Vorteile getoftbrte, indem er mit ihnen auf sei­ne Kosten Restaurants besucht und ihnen Dar­lehen gegeben habe, einzelnen auch bare Geld­geschenke. doch habe er dies nur ebenso freund­schaftlich getan, wie ibm die Nachrichten von den Zeugen freundschaftlich übergehen wurden. Er habe nicht die Absicht der Bestechung ge­habt. Die Darlehen seien zudem sämtlich zu- rückgeaablt worden. Die Nachrichten, die er von den Zeugen erhielt, habe er ,u vertraulichen Berichten, den soaenanntenKornwalzen" ver­arbeitet, durch diese sei das Reich aber nie­mals geschädigt worden.

König Luftiks Ende.

König Jeromes Glück u. Ende; zur hundert» sten Wiederkehr der Flucht aus Cassel» vo»

Edmund H. Friedrich.

Am sechsundzwanzigsten Oktober . 1813, genau vor hundert Jahren, war's, als I«- röme, durch Napoleons Gnade König von Westfalen, in eiliger Flucht seine Residenzstadt Cassel verließ, ein Ritter von der traurigen Gestalt, dessen Schicksal nicht einer gewissen abenteuerlichen Romantik entbehrt. Hierony­mus Bonaparte, als jüngerer Bruder Napo- leons am fünfzehnten November 1784 in Ajac­cio auf Korsika geboren, diente als Marineoffi­zier im Mittelmeer, später in Westindien und heiratete, durch das Schicksal nach Amerika ver­schlagen, in Baltimore eine Kaufmannstochter, Elisabeth Patterson, von der er sich jedoch auf Befehl feines Bruders bald trennte. In Frankreich zum französischen Prinzen ohne Sukzessionsrecht ernannt, besetzte er 1806 mit Hilfe Vandammes im Krieg gegen Preußen die Provinz Schlesien. Nachdem er sich mit der Prinzessin Katharina von Württem- berg, der Tochter König Friedrichs des Er­sten vermählt hatte, erhielt er nach dem Til­siter Frieden von seinem Bruder das sogenann­teKönigreich Westfalen" zwischen Elbe und Rhein, (das aus dem Herzogtum Braunschweig, dem Kurfürstentum Hessen, den Fürstentümern Halberstadt, Magdeburg, Verden, Paderborn, Minden, Osnabrück und später aus einem Teil Hannovers gebildet war und zweieinhalb Millionen Einwohner umfaß­te.) Während seine Beamten die Verwaltung ganz nach französischem Muster einrichteten, er­gab sich der damals erst dreiundzwanzigjährige Fürst, gutmütig, aber leichtsinnig und charaktcr- los, in seiner Residenzstadt Cassel ganz der Verschwendungs- u. Vergnügungs­sucht, die das Land an den Rand des Ab­grundes brachte. Von den fünfundzwanzig Mil. lionen des Staatsbudgets verbrauchte er für seine Person allein fünf Millionen, also ein ganzes Fünftel, wobei er seine Günstlinge uns Maitressen mit Geschenken überhäufte. Den Freuden der Tafel, den Zerstreuungen des The, aters, der Bälle und Karnevale, besonders aber seiner zahlreichen, stets wechselnden Liebschaf­ten, war seine ganze Zeit, all sein Sinnen und Trachten gewidmet. Um

die Regierung des Landes kümmerte er sich nicht im geringsten, ja, er fand in den sechs Jahren seiner Herrschaft nicht ein­mal Zeit, das Deutsche zu lernen, und Napo­leon betrachtete ihn nur als politische L-t r o h- puppe. Nach eignem Belieben gab der All­gewaltige demZaunkönig" Minister, Polizei und Beamte, er machte unbeschränkten Gebrauch von dessen Hilfsmitteln und Truppen, er über­wachte ihn durch feile Aaenten in seinem öf­fentlichen wie sogar in seinem geheimsten Pri­vatleben: er tadelte ihn häufig auf das schärf­ste und ließ ihn oft genug seine kaiserliche Un­gnade fühlen. Gelegentlich benutzte er ihn als eine Art von militärischer Attrappe. So hatte Jsröme während des österreichischen Krieges die Sachsen und die Preußen zu beobachten und 1812 führte er den rechten Flügel der gro­ßen Armee mit fast 90 000 Mann, wurde aber bald wegen seiner Lässigkeit, die zum Teil die Tragik drs russischen Feldzuges verschuldete, nach seinem Casseler Elvsium zu- rückaeschickt. Die Leipziger Völkerschlacht wurde auch ihm zum Verhängnis: Acht Tage lang verhehlte seine Regierung die Niederlage dem Volke, ja, der amtliche Moniteur brachte so­gar am Abend des zweimtdzwanzigsten Oktober einen erlogenen Bericht über einen vollkommenen Sieg des bierten Armee­korps unter dem General Bertrand! Als sich aber das Unglück nicht mehr vertuschen ließ, als die Bevölkerung den Respett, den Gehorsam und vor allem die Zahlung der Steuern ver- toeiaerte, da ließ der Schattenkönig aus den Schlössern alle nur irgendwie wertvollen Gegen­stände wegschaffen, auf eine Menge von Wagen verpacken und schleunigst über die Grenze brin­gen. Noch am Abend des sechsundzwanzigsten Oktober brachte der Casseler Moniteur die er­götzlicheBekanntmachung":Der König findet sich durch den Drang der Umstände veranlaßt, sich aus seiner Stadt zu entfernen, boflt aber, seine guten Untertanen würden sich mit der bis­herigen Ruhe und Eraebenheit betragen". Am siebenundzwanzigsten Ottober hatten

die französischen Truppe«

allesamt Cassel verlassen und um drei Ubr nachmittags war kein Franzose mehr in der Stadt. DerZaunkönig" selbst hatte be­reits in der Frühe des sechsundzwanzigsten v,.

Set Skandal von Men.

Die künstliche Entvölkerung Oesterreichs.

Der durch einen Zufall aufgedeckte Skandal der Canadian Pacific in Wien nimmt immer größere Dimensionen an und in die Affäre wer­den immer weitere amtliche Kreise, bis hinauf zu den höchsten Stellen, hineingezogen. Das Treiben der Canadian Pacific hat die Donau-Monarchie feit Jahren eines großen Teils der wehrpflichtigen und wehrfähigen Ju­gend beraubt und man steht angesichts der Tat­sache. daß dieses Treiben Jahre hindurch u n - entdeckt fortgesetzt werden konnte, vor einem unlösbaren Rätsel, lieber die Affäre selbst er­halten wir folgende Draht-Berichte:

Sensationen über Sensationen!

(Privat-Telegram m.)

Wien- 24. Oktober.

Es steht jetzt fest, daß Oesterreich-Ungarn durch das Treiben der Auswanderungsgesell­schaften sozusagen systematisch seiner fungenMänner beraubt wurde. Es steht aber noch nicht fest, ob die Canada-Paci- fir-Gesellschast die g r ö ß t e dieser Gesellschaf­ten ist, die mit der russischen Regie­rung in Verbindung steht. Fest steht dage­gen, daß die parlamentarische Untersuchung des Auswandererflandals bereits jetzt über­raschende Ergebnisse gezeitigt hat. Der Unter­suchungsausschuß der Budgetkommission hatte zunächst zu prüfen, ob die staatliche Subven­tion der Schiffahrtsgesellschaft Austto-Ame- rika erhöht werden sollte. Bei dieser Gele­genheit erörterte man auch die Eanada Pari- sic-Afföre und eS stellte sich dabei heraus, daß nicht nur die

Agenten der Eanada-Paeifie sondern auch der A u st r o - A m e r i I a < ($e= selkschast unter der Mithilfe des christlich­sozialen Barons von Weichs-Glon (der einst im Handelsministerium Weiskirchner saß und jetzt in Diensten dieser Gesellschaft steht) eine verbrecherische Tätigkeit aUSgeübt haben. Wie gestern der ScktionS- chef im Handelsministerium Redl anSsaat. hat Baron Weicbs-Glon seinerzeit als Refe­rent des Handelsministeriums die Austro- Amerika-Gesellschaft bewogen, den Trans­port von Auswanderern nach verseuch­ten Gegenden Brasiliens aufzuneh­men. Diese Anffordermig hat er an die Ge­sellschaft nicht amtlich, aber in einer Weise gerichtet, daß sie amtlich erscheinen mußte. Darauf betrieb die Gesellschaft umfangreiche Auswanderungs-Geschäfte nach Brasilien. Ein weiteres Privat - Telegramm aus Wien berichtet uns: Gestern abend gab der Landesverteidiaungsminister von Geor­gi einen Bericht über die Gestellungspflichti­gen, die in den letzten Jahren sich der Militär­pflicht mit Hilfe der Schiffahrtsgesellschaften durch Auswanderung entzögen haben. Die Zahl dieser Gestellunaspflichtigen betrug in den Fahren 1901 bis 1912 in Oesterreich allein 90 bis 118 000 Mann; noch höher sind die Ziffern in Ungarn, wo in einem einzigen Jahre etwa 125 000 Gestellungspflichtige auswanderten.