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Casseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
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Nummer 270
Mittwoch, 22. Oktober 1913
Fernsprecher 951 und 952.
3. Jahrgang.
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Oesterreich verletzend, daß während der Leipziger Festtage des hervorragenden Anteils Oesterreichs an der Völkerschlacht nicht gedacht wurde. Die sächsische Regierung hätte rechtzeitig diese Taktlosigkeit verhindern sollen, die in Oesterreich mit großem Bedauern vermerkt worden sei.
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Katastrophen nicht die Paffagierluftschiffe D rutschen Luftschiffahrts-Akti engesellschast trafen, sondern immer Schiffe des Heeres der Marine. Darin liegt
der Schlüffe! zur ErklSrumgr
Kronprinz Wilhelm sich der väterlichen Autorität unterworfen, hat anerkannt, daß dem Thronfolger „keinerlei amtliche Mitwirkung an den Staatsgeschäften zukommt- und daß demgemäß sein Eingriff ins Getriebe der Staats- nmschine ein Verstoß gegen die im Zollernhans geltenden Traditionen gewesen. Das war in den Tagen, als in der Reichstag-Hofloge der Danziger Totenkopf-Husar dem Doktor Ernst, von Hevdebrandt applaudierte, der damals mit der Poliftk des fünften Kanzlers wie der Künder der Nemesis ins Gericht ging. An der Abendtafel im Kaiserfchloß triumphiert« Theobald von Bethnrann Hollweg; Kronprinz Wilhelm gelobte Schweigen und selbstverleugnende Zurückhaltung, und der Draht zwischen Berlin und Langfuhr ward stumm. Aber auch der fetzt an des Zollernthrons Stufe Stehende ist nicht zum Märtyrer geboren: Das Temperament. das schon'den Großvater in den Kampf gedrängt, rief auch ibn wieder auf den Plan, und wie Kronprinz Friedrich Wilhelm in der preußischen Konfliktszeit zum Sprachrohr der nationalen Gesamtheit wurde, als er dem rücksichtslos vordrängenden Ministerpräsidenten von Bismarck den harten Vorwurf der Rechte-Dergewaltigung entgegenschleuderte, so ist Kronprinz Wilbelm der Prediger des nationalen Gewiffens geworden, als er dem Kanzler und Ministerpräsidenten in Preußen offenbarte, daß Bethmann Hollwegs Politik in der Welfenfrage des Fundaments deutscher Reck-^s- und Gerechtigkeits-Erkenntnis ermangle. Im Potsdamer Neuen Palais haben am dritten Oktober-Sonntag Vater und Sohn sich Äug' in Auge gegenübergestanden, und der Kronprinzenbrief aus Hopfreben (vom siebzehnten Oktober) läßt ahnen, was in jener Stunde verhandelt worden. Wenn des fünften Kanzlers Memoiren einst erscheinen, wird uns Herr von Bethmann Hollweg vielleicht das Gleiche erzählen können, das sein großer Wegbahner uns aus einst'gen Sturm- und Kampfestagen
Noch immer Kriegs-Gefahr?
Konstantinopel, 21. Oktober. (Privat- Telegramm.) Die Komplikationen, die zwischen Oesterreich-Ungarn und-Serbien über die albanische Frage ausgebrochen waren, haben die Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch genommen. Die Preffe hebt hervor, daß Griechenland nunmehr bedeutend isoliert und dadurch auch verpflichtet sei, sich den Wünschen der Türkei zu fügen. Da jedoch die Frage der Inseln zurückgestellt und die Frage der Nationalitäten zwischen der Türkei und Griechenland erledigt ist, so glaubt man, daß die Türkei irgend einen anderen Grund bervorsuchen würde, einen Krieg zu beginnen. Wenn auch hunderttausend Mann der mobilisierten Truppen entlasten worden sind, so sind doch immerhin noch dreihunderttausend Mann unter den Fahnen geblieben
3nfertton8prelfe: Sie fechSgespaltene Zeile für Unheimliche »efchüfte 15 Pfg.. für aui. wattige Inserats 25 <3!, Reklamezelle für einheimische Geschäfte S0 Pf, für auswärtige Geschäfte 00 Ps. Einfache Beilagen Mr die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Taufend berechnet Wegen Ihrer dichten Berbreitung In der Residenz und der Umgebung sind dl« Scffeter Neuesten Nachrichten ein vorzüglicher gnfertlonäorgan. Geschäftsstelle: Kölnisch* Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16. Telephon: Amt Morltzplatz 12584.
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besteht nicht aus sechzig Millionen, sondern nui aus achtundvierzig Millionen Mark und wird von dem preußischen Finanzministerium verwaltet, das diese Millionen in das preußische Staatsschuldbuch hat eintragen laffen. Die Auszahlung -dieses gewaltigen Fonds, der das Fideikommiß des Hauses Braunschweig-Lüneburg bildet, an den Herzog von Cumberland ist von der Krone Preußens bisher nicht beabsichtigt gewesen und kann nur durcheinneues Gesetz unter Mitwirkung der beiden Häuser des Landtages geschehen. Das tatsächliche Vermögen des Herzogs von Cumberland beziffert Martin auf hundertsechzehn Millionen Mark.
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Serbien erfüllt Oesterreichs Forderung!
Wie uns aus Wien depeschiert wird, darf der neueste österreichisch-serbische Zwischenfall als erledigt gelten. Im Laufe des gestrigen Abends wurde der österreichische Gesandte in Belgrad, Storck, von der serbischen Regierung verständigt, daß Serbien seine Truppen aus Albanien innerhalb der von Oesterreich gestellten Frist zurückziehen werde. Zugleich erschien gestern nachmittag der serbische Gesandte in Wien, Iwanowitsch, in derselben Angelegenheit im Auswärtigen Amt imb gab die Erflärung ab, daß seine Regierung die Zirkularnote an die Mächte, in der sie die Notwendigkeit der Besetzung strategischer Punkte begründet, zurückziehe. Es verlautet, daß die rasche Anerkennung des österreichischen Stand- vnnftes durch Serbien den Ratschlägen der russischen Gesandten in Belgrad mit zuzu- schreiben sei. Es liegen über die Entschließung Serbiens folgende Draht-Meldungen vor:
Belgrad, 21. Oktober.
Der Entschluß, den österreichischen Forderungen rrachzngeben,wurde in einer Ministerialfitzung gefaßt. Trotzdem von oppositioneller Seite gegen den Beschluß der Regierung agitiert wird, ist der Entschluß der Negierung allgemein mit Befriedigung ausgenommen worden.
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auffällig, daß die sämtlichen letzten Zeppelin-
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Man spannt die Forderungen zn hoch! Gewiß soll die Erprobung und Verwendung von Luftschiffen, die der Landesverteidigung dienen sollen, eine weiteigehende feilt, als die dem Gelderwerb dienende Passagier- luftschiffaürt sein darf. Aber man sollte hier Grenzen sehen! Der Untergang des L II ist ganz offensichtlich durch einen schlimmen Konstruktionsfehler verschuldet worden, aber (und das ist das Wichtige und zugleich Beruhigende) nicht durch einen Fehler des Zeppelin- Systems, sondern gerade dieses einen neuen Luftschiffes, das (wie von maßgebender Seite mitgeteilt wird) nur auf den Wunsch der Marineverwaltung, unter schweren Bedenken der Zepp elinwerst, mit so erheblichen Abweichungen vom normalen Typ gebaut wurde. Die Verlegung des Laufganges in den Luftschifskörper zwecks größerer Annäherung der Gondeln ist keine von der Werst gewollte, in der normalen Entwicklung liegende Fortschrittsphase, sondern die Erfüllung eines amtlichen Wunsches! Der noch unerprobte Lustschifftyp wurde nun nicht langsam auf seine Leistungsfähigkeit ge- prüft, sondern man begann ihn sofort (d i e s e l. b e Erscheinung wie beim Unglück des L I vor Helgoland, bei dem die Frage der praktischen Hochseeverwertung in schlechtem Wetter noch offen war) gleichsam kriegsmäßig zuerst r o b e n. Gerade hier war dieser Fehler aber noch schlimmer als beim L I. Wer die Aufltie- ge von Reichs- und Privatlustschiffen verfolgt hat, konnte in der Handhabung der Schiffe ganz augenfällige Unterschiede beobachten. Die militärischen Führer sind „forscher" und führen ihre Schiffe mit weit weniger Rücksicht. So wurde auch der vollgefüllte und dazu eine Stunde lang von der Sonne bestrahlte neue L II im vollen Sonnenschein sofort auf kurze Distanz in dreihundert Meter Höhe emporgebracht, wodurch die übermäßig nahen Gondeln sich direkt in einer Atmospäre abgeblasenen Wasserstoffgases befanden. Da konnte, wenn das Gasgemisch das „richtige" war, allerdings der geringste Fui^ke zur
Wien, 21. Oktober.'
In informierten Kreise» wird bekannt, daß Serbien die Forderung Oesterreichs vorbehaltlos angenommen hat. Da nach serbischer Behauptung die Truppe« nur wenige Kilometer von der Grenze stehen, dürfte die Räumung sehr rasch und ohne Schwierigkeiten erfolge«.
Ein Privattelegramm meldet uns ferner aus Wien: Die nun offiziell vorliegende Erklärung, daß Serbien seine Truppen aus Albanien zürückzichen werde, wird hier keineswegs mit dem Gefühl des Triumphs ausgenommen, nicht nur, weil man an diesem Ergebnis nicht gezweifelt hat, sondern auch, weil man von vornherein es bedauert hat, zu einem energischen Schritt überhaupt gezwungen worden zu sein. Oesterreich-Ungarn hat keinen diplomatischen Sieg erfechten und nicht Serbien demütigen wollen. Es herrscht in Wien aber Genugtuung darüber, daß die neue Affäre nicht wieder Geld und Anstrengungen gekostet hat. Aus Berlin, Rom und Paris wird ebensalls gemeldet, daß die serbische Regierung durch ihre diplomatischen Vertreter habe mitteilen laffen. daß sie sich dem österreichischen Druck fügen und ihre Truppen aus Albanien zurückziehen werde. Damit darf der im ersten Moment so bedrohlich erscheinende Zwischenfall als erledigt gelten.
Rach fü«f Jahrzehnte«.
Fünfzig Jahre später. Fast das gleiche | Bild; nur im Personalen etwas modernisiert, schärfer abgetönt und klarer herausgehoben. i Der Kronprinz fühlt das Bedürfnis, an den die Nation tiefinnerlich bewegenden Fragen nicht v teilnahmlos vorüberzugehen, spürt den Drang, die Probleme der Zeit aus eigner Anschauung ■ kennen zu lernen und der mählich reifenden Ueberzeugung vom Wert oder Unwert der / Dinge Geltung zu verschaffen. Der Enkel gleicht dem Großvater, und wenn Karl Lam- i prccht klar gesehen, gleicht auch Wilhelm der Zweite in der Grundanlage seines Charakters der in Wilhelm dem Ersten verkörperten Persönlichkett, sodaß also Das, das sich eben zugetragen, imgrunde nur eine neue Spiege-
Kein Verzicht auf Hannover?
Im Streit der Meinungen über die Welfen- stage ist die Mitteilmig von Jntereffc, daß Fürst Bülow auf eine Anfrage der Neuen Preußischen Korrespondenz, wie er sich zu der jetzigen Behandlung der Welfenfrage stelle, geantwortet hat, daß er bedauere, den Wunsch, sich zu äußern, nicht erfüllen zu können, da er sich grundsätzlich in aktuellen politischen Fragen Zurückhaltung auferlegen müsse. Die Korrespondenz schließt daraus, daß Fürst Bülow den entgegengesetzten Standpunkt einnehme, wie sein Nachfolger. Inzwischen ist wieder eine offiziöse Kundgebung zur Wcl- fenstage erfolgt:
Die Stimme der Wilhelmstraße.
(Telegramm nnsers Korrespondenten.)
Köln, 21. Oktober-
Die Kölnische Zeitung meldet (offensichtlich offiziös autorisiert) aus Berlin: Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird vom Prinzen Ernst August nicht mehr verlangt werden, als Das, was er bereits in de« von ihm abgegebenen Erklärungen geleistet hat. Er wird bei seiner Thronbesteigung seine bisherigen Erklärungen dem Sinne nach feierlich wiederholen und bestimmt zu verstehen geben, was sich von selbst versteht: Nämlich, daß er ein verfassungstreuer Bundesfürst sein wird. Ein formeller Verzicht auf Hannover wird von ihm nicht abgegeben werden. Daß die Erledigung der braunschweigischen Thronsrage und der Einzug des Welfenprinzen als Herzog von Braunschweig nahe bevorste- hcn, beweist auch folgende Meldung aus Braunschweig, die uns ein Privat - Tele - gramm übermittelt: Beim Staatsminister Hartwig hielt gestern der Ausschuß der braunschweigischen Landesversammlnng eine Sitzung ab und beschloß, die allgemeine Abschiedsfeier zu Ehren des demnächst scheidenden Herzogsregenten Johann Albrecht zu Mecklenburg bereits am achtundzwanzigsten Ottober zu veranstalten.
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Seppelis-Tragödlen.
Nachwort zur L. II-Katastrophe; die Schuld«, frage und das System; Gewiffens-Frage«^
Graf Zeppelin hat den bet der Katastroph de» L II Verunglückten einen Nachruf gewidmet, ia dem e$ heißt: Ich weiß, daß alle Angehörigen des Luftschiffes Zeppelin meinen Schmerz um die Kameraden, die als Opfer ihrer Pflichttreue im Dienste unserer dem Vaterlande geweihten Sache ihr Leben gelaffcn haben, von Herzen teilen, daß fie aber auch mit mir entschlossen find, das Andenken dieser Getreuen am höchsten zu ehren, indem wir doch in unentwegter glaubensfroher Weiter, arbeit noch größere Sicherheit für unsere Luftschiffe schaffen, damit das Todesopfer d-r Ein. zelnen für Viele zur Wahrung des Lebens werde.
Von maßgebender, zuverlässig orten» tierter Seite wird uns im Anschluß an die jüngste ZePPelin-KatastroPhe geschrieben: Die Vernichtung des Marincluftschiffes L II wirst, auf den ersten Blick gesehen, anscheinend alle bisherigen Auffassungen über den Wert und die Sicherheit der Luftschiffe, und besonders der Zeppelinschen, die sich jetzt fast allgemeines Vertrauen erworben hatten, über den Hausen. Man fragt sich: Befanden wir uns bis heute auf einem Irrweg und müssen wir wieder gänzlich neu an fangen? Bei einer ruhigen und objettiven Betrachtung der neue« Sachlage zeigt es sich indessen, daß eine Verurteilung Dessen, das uns bisher viel galt, voreilig wäre, man muß vielmehr vor vorschnellem Urteil dringend warnen: Es ist nicht nötig, umzulernen, denn die Gründe der L II- Katastrophe beginnen sich bereits deutlich zu zei. gen. Man muß auch hier ohne Scheu ehrlich und aufrichtig bekennen: Nicht das System „Zeppelin" ist schuld, nicht auf falschem Wege befinden sich Heer und Marine, wenn sie dieses System bevorzugen, auch die Lustschifftechnik ist auf richtiger Bahn; nur haben wir die Kinderkrankheiten noch nicht über, wunden und (was ausschlaggebend ist) man macht amtlicherseits den Fehler, diesen Gesichtspunkt zu übersehen und den Reichslustschiffen zu viel zuzumuten. Es ist
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Der MMonen-Zchatz der Welfen.
Rudolf Marti« über de« Welfenfonds.
(Privat-Telegramm)
Berlin, 21. Oktober.
Der frühere Regierungsrat RudolfMar- tin stellt der Presse aus dem kommenden „Jahrbuch der Millionäre" eine Darstellung des Vermögens und Einkommens des Wel- fenhauses zur Verfügung. Es heißt darin: lieber den Welfenfonds herrschen in der Oeffentlickkeir vollständig falsche und geradezu abenteuerliche Vorstellungen. Demgegenüber erlläre ich auf das bestimmteste, daß der sogenannte Welfenfonds niemals ausgezahlt worden ist, imb sich noch heute bis auf die letzte Mark in der Hand der Krone Preußens befindet. Ich bin auch in der Lage, zu verraten. wo er sich befindet. Der Welfenfonds
Leipziger Zubeltag-Nachklange.
Z« Oesterreich ist man verstimmt!
(Privat-Telegramm.)
Wien, 21. Oktober.
Die dem Erzherzog-Thronfolger nahestehende Reichspost ervärt, es sei befremdend, daß die Rede des Kammerrats Thieme bei der Feier in Leipzig, die einzige offizielle Festrede neben jener desKönigs von Sachsen, keinerlei Erinnerung daran enthielt, daß ein österreichischer Feldherr die verbündeten Heere als Oberkommandant zum Siege bei Leipzig führte und daß Rußland den größ
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Der Kronprinzenbrisf an den Kanzler; keine Thronfolger-Opposition gegen die Krone.
®ie offiziöse Norddeutsche Allgemeine Leitung bringt folgende Kundmachung: Auf das (von uns erwähnte) Schreiben des Reichs- kanzlers an den Kronprinzen tn Sachen der Braunschweigischen Thronfolge hat der Kronprinz in einem Briefe au« Hopf- rebeu vom 17. Oktober sein lebhaftes Bedauern darüber aussesprochen, daß fein Privatbrief an den Reichskanzler öffentlich erwähnt worden ist. Völlig falsch sei di« Auslegung «ine« Testes der Preffe, als stelle er fich In Opposition zum Kaiser. In der Sach- selbst hat der Kronprinz dem Reichskanzler erwidert, day dessen Schreiben für ihn zur Klärung der Angelegenheit wesentlich Seigetragen habe. Bismarck erzählt uns in seinen Memoiren charakteristische Episoden aus dem Wirkungsbereich preußischer Thronfolger-Politik, schildert, wie König Wilhelm der Erste nach der sensationellen Danziger Rathaus-Rede des Kronprinzen Friedrich Wilhelm (vom fünften Suni' 1863) mit eherner Entschlossenheit in der Auffassung beharrte, daß gegen den „Träger der Opposition an des Königsthrons Stufen" mit den schärfsten Mitteln eingeschritten werden müsse, und deutet an, daß es der Geltendmachung des stärksten Einflusses Bismarcffchen Geistes auf den König bedurfte, um den gekrönten Vater von heftigen Schritten gegen de« opposittonellen Sohn abzuhalten. Damals handelte es sich um die reattionären Maßnahmen, unterm Frührot des BiSmarck- schen Regiments, Um die Beschränkung der Preßfreiheit und andre Polizeiatte des Ministerpräsidenten, die der im ttefften Herzensgrund liberale Kronprinz voll Leidenschaft und Temperament bekämpfte. Bismarck blieb Sieger im Kampf: Friedrich Wilhelm, im Danziger Rathaus ein Feuergeist und Apostel neuer Zett, bat den Vater um Enschuldigung und gelobte für die Zukunft Schweigen. Die .Thronfolger-Politik" (wie fie Bismarck nannte) war damit aber nicht beseitigt; im Gegenteil: Sie wurde intensiver und bestimmter, wenn sie auch an der Oberfläche nicht erkennbar war. Es kam zur Auflösung des Abgeordneten-Hauses; Bismarck begann den Kampf deS Einen gegen Alle, und in diesem Kampf offenbarte sich abermals der Thronfolger als schärfster Gegner des Ministerpräsidenten: Friedrich Wilhelm schrieb an Bismarck, daß er ,m der Auflösung des Parlaments «inen Akt ungerechtfertigter Gewalt erblicke und die Politik des Ministerpräsidenten in allen ihren Grundsätzen und Handlungen mißbillige". Neuer Zusammenstoß mit dem Königlichen Vater: Der damals Zweiunddreißigjährige mußte sich vom Träger der Krone eine scharfe Zurechtweisung gefalle« Kissen, und Wllhelm der Erste erklärte seinem Sohn und Erben bündig und enffchie- den, daß er „sich und feine Stellung verkenne und überschätze". Der Kronprinz habe „bei den Staats-Geschäften keinerlei amtliche Mitwirkung"; von einem „Konflikt" könne nicht die Rede sein, denn „die Sorge für Preußen liege allein dem König ob, dem Kronprinzen fehle jeder Beruf und jede Be- rechttgung, einen Kampf gegen den Willen des Königs zu unternehmen". Das war deutlich. Friedrich Wilhelm indessen hat trotzdem seine Auffassung über die Rechte und Pflichten preußischer Thronfolger nicht korrigiert, und durch Bismarcks Memoiren flingt nach jenen Tagen des Sturms und Kampfs noch ost die grimmige Klage über die Oppositton, die ihm grade von derjenigen Seite bereitet wurde, der „der alte Herr" (Wilhelm der Erste) .jeden Beruf und jede Berechtigung" zu einer Politik der eignen Faust abgesprochen hatte. Selbst die tragisch-düstre Apotheose des Schicksaljahrs 1888 hat diese grell aus der Geschichte sich heraushebenden Gegensätze nicht versöhnend zu verklären vermocht.
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