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Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
Dienstag, 21. Oktober 1913
3. Jahrgang.
Nummer 269
Fernsprecher 951 und 952.
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zu
I«
F. H.
War einmal ...!
des Kronprinzen Mitteilungen von allein aus Nück-
Paroslau, General Hugo Meixner von Zweistammen zu seinem Nachfolger ernannt werden solle. General von Meixner sei bereits seines Divifionsamtes enthoben worden, um sich in die Geschäfte des Generalstabs einarbeiten zu können. Eine Bestätigung der Nachricht steht noch aus.
Aalkan-Kriegsgesvenfter?
Ultimatum Oesterreichs an Serbien!
haben, nach Berlin zurück.
Die plötzliche Rückkehr nach Berlin erfolgte (nach unterrichteter Seite) nicht
JnserttonSvretse: Die sechSgespalten- gelte für einheimische Geschäfte 15 Pfg.. für au3. wärttge Inserate 25 Pf, Reklamezelle für einheimische SeschLfte 43 Pf, für auswärtige Geschäfte M Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark vro Tausend berechnet. Wegen Ihrer Sichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung sind di« Lasseier Neuesten Nachrichten ein vorzüglicher Jnserktonrorgan. Geschäftsstelle: kölnisch^ Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16. Televhon: Amt Morttzvlatz 12884.
Der Schluß der Feiern.
Leipzig, 20 Oktober. (Bericht itnfe« res Korrespondenten.) Im Gewandhause fand gestern abend um sechs Uhr Königliche Prunktasel statt. Der Taselschmuck stammte aus dem sächsischen Kronschatz, dieser bekannten Sammlung wundervoller und kostbarer Geräte und Schmuckstücke. Sein Wert! wird auf etwa vier Millionen Mark beziffert. Den einzigen Toast des Abends brachte der König von Sachsen aus. Darin führte er aus: Vereint sind wir zu einem Fest deS
Die Casseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Der rlbonnementspretS beträgt monatlich 60 Pfg. bet freier Zustellung intz Haus Bestellungen werden feberjeU non der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion: Schlachthofftratze 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur oon 7 bis 8 Uhr abends Sprechstunden der Auskunft • Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bi« R Uhr abend» Berliner Vertretung: SW, Friedrichftr 16, Telephon: Amt Morttzpla» 12684.
Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, antreten. Am Sonnabend vormittag kommt der Kaiser nach Wien und reist am Abend wieder nach Berlin zurück. Die Ankunft des Kaisers ist amMontag nachmittag gegen zwei Uhr zu erwarten.
Kaiser und Kronprinz.
Unterredung zwischen Vater und Sohn.
(Privat-Telegram m.)
Berlin, 20. Oktober.
Der Kaiser war in der Sonnabend Nacht aus Leipzig in Potsdam, der Kronprinz qestern morgen aus seinem Jagdrevier Hovfreben in Berlin eingetroffen, einige Tage früher, als ursprünglich bestimmt war. Mittags fuhr der Kronprinz ins Neue Palais zum Kaiser und blieb dort eine halbe Stunde, dann kehrte er. ohne an der Frühstückstafel teilgenommen zu
sicht auf den in den nächsten Tagen stattfindenden Geburtstag der Kaiserin, sondern aus die Entwicklung der braunschweigischen Thronfolge-Frage. Der plötzliche Abbruch des Herbstaufenthalts des Kronprinzen sei erfolgt, weil er im Gegensatz zu einzelnen Pressemeldungen durch mündlichen Gedankenaustausch dem Kaiser zu erkennen geben wollte, daß er die bekannte Ausbeutung seines Schreibens an den Reichskanzler keineswegs billigt. Von unterrichteter Seite wird erneut mit allem Nachdruck versichert, daß der Kronprinz der Veröffentlichung seines Briefes fernstehe und die Auffassung verurteile, als habe er durch sein Schreiben an den Reichskanzler in die innere Politik des Reiches eingreifen wollen.
Der Kronprinz ist am Sonnabend abend von München nach Berlin gereist, wo er am Sonntag früh eintraf. Ursprünglich wollte er noch einige Tage in Hopfreben bleiben. Der Kaiserliche Generaladjutant von Gontard hatte sich Sonnabend nach München begeben und war von dort aus dem Kronprinzenpaar entgegengereist. Charakteristisch ist jedenfalls, daß das offiziöse Depeschen-Bureau über die Reise des Kronprinzenpaares bisher nichts berichtet hat.
Oesterreichs: „Entweder... oder"!
Wien, 20. Oktober. (P r i v at - Telegramm.) Von unterrichteter Seite wird mitgeteilt, Oesterreich-Ungarn habe in Belgrad keinen Zweifel darüber gelassen, daß nach Ablauf von acht Tagen, das ist am acht- undzwanzigsten Oktober, mittags ein Uhr, kein serbischer Soldat mehr jenseits der durch die Londoner Botschafterkonferenz festgesetzten serbisch-albanischen Grenze stehen dürfe. Wie verlautet, sollen, falls Serbien dieser Aufforderung nicht rechtzeitig nachkommt, die diplomatischen Beziehungen abgebrochen werden.
bischer Truppen aus Albanien verlangt. Läßt Serbien dieses Ultimatum unberücksichtigt, dann erscheint ein Konflikt unabwendbar und die Lage würde sich in diesem Fall sehr kritisch gestalten, denn nach diesem Schritt gibt es für Oesterreich kein Zurück mehr und die möglichen Konsequenzen des Vorgehens der Wiener Regierung liegen also klar zu Tage. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: E r- füllung der Forderung Oesterreichs oder ... Krieg! Wir verzeichnen folgende Drahtmeldung aus Wien:
Der österreichisch-ungarische Geschossträger in Belgrad hat am Sonnabend an die serbische Regierung im Namen derösterreichisch-ungarischenNegierung dieAnfforderunggerichtctchenserbischen Truppen binnen acht Tagen den Befehl znm Rückzug aus Albanien zu geben. Na cheiner anderen Meldung soll der österreichische Geschäftsträger den Auftrag erhalten haben, „der serbischen Regierung die Mitteilung zu machen, daß Oesterreich-Ungarn die Räumung des von serbischen Truppen besetzten albanischen Gebietes binnen acht Tagen v e r - lang t*. Selbst wenn das österreichische Ultimatum nicht diese schärfere Fassung haben sollte, hat die Lage mit dem neuen Schritt Oesterreichs in Belgrad jedenfalls eine Verschärfung erfahren, und auch den Freunden Serbiens wird es schwer fallen, Oesterreich von einer weiteren Verfolgung seiner Forderung abzuhalten, die die Billigung D eutsch- lauds und .Italiens findet. Denn diese Forderung stützt sich auf das Londoner Protokoll über die albanische Grenzfrage, das alle Mächte unterzeichnet haben.
Die Stimmung in Belgrad.
Belgrad, 20. Oktober. (Privat - Telegramm.) Mit Rücksicht auf den ernsten Charakter der österreichischen Demarche wird in politischen Kreisen der Ansicht Ausdruck gegeben, daß Serbien der Forderung Oester- reich-UngarnS entsprechen werde, da es eine weitere Verschärfung der Grenzfragen nicht wünsche. In den offiziellen Kreisen beobachtet man tiefstes Schweigen über die Demarche, die der österreichische Geschäftsträger am Sonnabend unternommen hat, doch verhehlt man sich nicht, daß die Lage außerordent- l i ch kritisch ist.
Der Friede Europas gefährdet?
Paris, 20. Oktober. (Privat-Tele- gramm.) Das Echo de Paris kommentiert die Lage auf dem Balkan und das österreichischungarische Ultimatum an Serbien und sagt: Wenn Ocsterreich-Nugarn darauf besteht, eine Gewaltpolitik zu betreiben, und wenn es hierbei auf dem eingenommenen Wege weitergeht, so würde der Friede Euro paö gefährdet. Eine Gewalt fordert die andere heraus und cs wäre unausbleiblich, daß dies zu einem furchtbaren Zusammenstoß führen müßte. Auch die übrigen Morgen blätter äußern sich in sehr ernst gehaltenen Artikeln.
Scheidet Sesterreichs Moltte doch?
Hötzendorffs Rücktritt zum Jahresende.
Wien, 20. Oktober. (Privat-Tele- gramm.) Eine in Personalfragen zeitweilig gut unterrichtete ungarische Korrespondenz behauptet, daß Generalstabschef Freiherr Konrad von Hötzendorff nach dem ersten Januar zurücktreten werde und daß der Kommandant der Jnfanterietruppendivfion in
Oesterreich-Ungarn scheint entschlossen . fein, seine Forderungen Serbien gegenüber aufs Nachdrücklichste zu vertreten. Am Sonnabend bereits ist der von der Wiener Regierung angekündigte neue Schritt der Donau-Monarchie erfolgt und Serbien ein formelles Ultimatum gestellt worden, in dem Oesterreich binnen acht Tagen die Z urü ck z i eh un g s er-
Leipziger Nachklange. Nach der Völkerschlacht-Feier; „Das Denkmal fürs Volk"; die fehlende Kaiserrede.
(Von unserm ständigen Mitarbeiter.)
Leipzig, 20. Oktober
Dieses Wogen und Drängen der Menge durch die Stadt: Es war eine zweite Völker- schlacht. Das war nicht mehr die nüchterne Kaufmannsstadt, in der man einherschritt: Es war ein Leipzig, das sich selber verloren hatte, um ein Abglanz der stolzen Stimmung ganz- Deutschlands zu werden! Und nie hatte unser Volk für seine Stimmungen einen so erhabenen und ergreifenden Ausdruck gefunden, wie ihn das Leipziger Völkerschlacht-Denkmal darbot. Ein großer Gedanke und eine große Form klingen hier gewaltig zusammen und dieses Denkmal ist wirklich ein Denkmal fürs Volk. Kein Stein, kein Medaillon ist etwa irgend einer besonderen Persönlichkeit jener Zeit gewidmet, keiner her Fürsten und Heerführer jener Tage findet sich auf dem Denkmal wieder: Das ganze ist nur ein Sinnbild der Erhebung des Volks für das Volk! Man wird nun, da das große Fest vorüber, doch einiges davon zu erzählen haben, welcher Schwierigkeiten gerade dieser volkstümliche Zug des Denkmals seinen Erbauern, die mit opfervoller Treue an diesem Grundgedanken festhielten. bereitet bat. Glanzvoll war das Bild der Denkmalsweihe. Die weiten Flächen vor dem Denkmal, die naheliegenden Ufer des Sees, in dem es sich spiegelt, waren besetzt von den Bannerträgern der Deutschen Studentenschaft, von den Repräsentanten der
deutschen Kriegervereine,
von den Abgesandten der deutschen Innungen, von Uniformen und Festgewändern . . . das ganze deutsche Volk war's. Und als von den Zinnen des Denkmals Wagners Gralrittermarsch erklang, der die einziehenden Fürsten, mit dem Kaiser an der Spitze, begrüßte, da stand man vor einem neuen Erlebnis. Es muß leider gesagt werden, daß dann die Regie der Feier versagte. Formschön war die Rede Clemens Thiemes, herzlich die Antwort des Sachsenkönigs, feierlich der Choralgesang: Und doch fehlte den vielen Tausenden von Deutschen, die sich in dieser Stunde als Brüder fühlten, noch ein Ausdruck der vaterländischen Erhebung dieses Tages. Man hatte ihn vom Kaiser erhofft. Uher der Kaiser sprach diesmal nicht. Er stand ernst und stumm im Kreise der Feiernden. Er blieb auch im Hintergrund des Fürstenzeltes, als die Eilboten ankamen, die bekanntlich eine Adresse zu überreichen hatten, in deren Text ausdrücklich zu lesen stand, daß sie in die Hände Wilhelms des Zweiten gelegt werden sollte. Aber der Kaiser trat nicht hervor, um die Läufer zu empfangen. Da rettete der Regisseur des höfischen Teils der Feier, der Generalintendant her Dresdner Hoftheater. Graf Seebad), hie Situation, indem er den
König von Sachsen
veranlaßte, auch diesen Teil des Programms zu übernehmen. Und wenn die anwesenden Vertreter der deutschen Turnerschaft gehofft hatten, daß sie der Kaiser mit einigen Worten begrüßen würde (offenbar war her Empfang der Eilhoten überhaupt als Bafis einer Kai- serr ede gedacht), so freuten sie sich dann sicher nicht weniger über die herzlichen Scherzworte, mit denen sie der Sachsenkönig begrüßte. Man meint, die Zepvelin-Katastrophe habe die Stimmung des Kaisers verdüstert, man könnte aber doch auch meinen, daß ein Wort davon auch in der feierlichen Stunde am Völkerschlacht-Denkmal doppelt dankbare Herzen gefunden hätte. Aber die Feststimmung, die von der Seite nicht gehoben wurde, von der man es erwartet hatte, hob die Menge der Feiernden selbst im Laufe des Tages. Als sich der Abend niedersenkte, tauchte er die ganze Stadt in ein Flammenmeer. Selbst die entlegensten Seitenstraßen hatten illuminiert, und die Freudenfeuer bestrahlten Massen und Mengen, denen der schöne Tag doch noch zu einem Erlebnis geworden war. Wie der achtzehnte Oktober 1813 unvergessen ist, wird auch bet achtzehnte Oktober 1913 unvergessen bleiben: Ein Lichtblick in einer Zeit her Sorgen und! Enttäuschungen ...! Kurt Weisse.
Seit Bismarck in des Sachsenwalds Stille entschwand, ist in der Reichspolitik kein Schritt erfolgt, der s o schroff, f o rücksichtslos und s o unvermittelt wichtige und verfassungsrechtlich unverrückbare Grundsätze opfert und ins feste Gefüge politischer Traditionen eine derartige Lücke reißt, wie die Aktion des Kanzlers zugunsten des Kaiser-Schwiegersohns, und wenn Herr von Bethmann Hollweg am Abend des feierlichen Einzugs des jungen Paars in Braunschweigs Hauptstadt das Telegramm erhält, das ihm die Wirklichkeit-Krönung seiner Staatsmann-Sehnsucht meldet, dann darf er sich, die Brust geschwellt von Stolz und das Herz erfüllt von Glück und Zuversicht, sagen, daß er, der fünfte Kanzler, Bismarck und Bülow besiegt unb feinen gedankenstrich-losen Namen unvergänglich in Deutschlands Geschichte eingegraben! Der Ruhm der Welsentat wird, zum süßen Idyll geeint mit dem Gemsbock-Telegramm an Bayerns Prinz- regenten. seiner Kanzlerschaft den Stempel der Unsterblichkeit aufdrücken, und die Enkel noch werden bewundernd aufschauen zu dem ragenden Manne, her’S vermocht. Otto von Bismarcks eherne Spuren aus den Blättern deutscher Reichs-Geschichte auszutilgen. Was ist der Bundesrat, was sind Reichstag und Landes- Parlament gegenüber dem Eisen-Willen dieses Mannes, was Kronprinzen-Briefe und nationale Gewissens-Sorge angesichts der unbeugsamen Tat-Energie dieses ins Heldentum gestrafften Kanzlers, der Ludwig dem Bayer ehrfurchtsvollst und alleruntertänigst für einen Gemsbock dankt, den ihm Allerhöchste Gnade vor den Büchsenlauf treiben ließ, und her mit derselben Ehrfurcht und Untertänigkeit das Werk vollbringt, das Fundament staatsrechtlicher Reichs-Organisation umzumörteln! Und Das ist's, das zum Weinen stimmen könnte: Daß zwischen dem Gemsbock in den Bayern-Alpen unb dem Braunschweiger Wel- fenthron ein gewisser Ideen- und Stimmuugs- .Zusammenhang (nicht im Wesen der Tinge, sondern im Entwickeln unb Werden der Ereignisse und Begleit-Erscheinun- gen) besteht, dessen Genesis in all ihren Reizen dem Auge einst sichtbar werden wird, wenn die Geschichte der Kanzlerschaft Bethmann Hollwegs mit den Worten beginnen darf: „Es
Die Kmserfahrt nach Wien.
Politik in den Wäldern von Konopifcht.
Berlin. 20. Oktober. (Privat - Telegram m.) Der Kaiser wird am Donnerstag abend Berlin verlassen und die Reise nach Konopischt zur Jagd beim österreichischen
Wie s kommen wird.
Dor der Welfen-Apotheose; dynastische und Reichsspolitik; wo bleibt der Bundesrat?
Wie uns aus Berlin berichtet wird, hat die dort zu einer Besprechung versammelte nationalliberale Landtags • Fraktion zur braunschweigischen Thronfolgerfrage eine Entschlietzung angenommen, in der sie ihr Bedauern über die Stellungnahme der preutzischen Regiersung ausspricht. Die braunschweigische Thronfolge-Angelegenheit, ihre Vorgeschichte und Behandlung wird sowohl im Landtag als auch im Reichstag bald nach Zusammentritt zur Sprache gebracht werden.
Von Herrn Theobald von Bethmann Hollweg, dem Kanzler im Reich und Präsi- | deuten des preußischen Staatsministeriums, wird uns (nicht im Simplizissimus oder im ? Ulk, sondern in Organen, durch deren Spalten der Geist der Ehrfurcht vor der Staatskunst [ der uns Regierenden weht) erzählt, daß er dem ~ Verweser des Bayernlands, dem aufrecht-ker- K nigen, aller öden Devotion abholden Prinzregenten Ludwig, alleruntertänigsten und ehr- : furchtvollsten Dank gesagt für den Gemsbock, den zu erjagen des Bayern-Regenten aller- höchste Gnade dem Kanzler des Deutschen M- Reicks huldvollst zu gestatten geruhte. Man lächelte, als man's las, in her Erkenntnis viel- V. leicht, daß Männerstolz vor Königsthronen längst ins Märchenland der Heldensage entschwunden. Man lächelte: Und hätte doch Anlaß zum Weinen! Nicht um den Gemsbock, ; den bas Blei des Kanzellars zur Strecke ge» i bracht, auch nicht um den Staatsmann, der E dem Draht die sinnigen Empfindungs-Geheim- ' Nisse seiner Philosophen-Seele anvertraut, sondern um Wichtigeres, Dringlicheres. D er- ‘ selbe Kanzler, der in Ehrfurcht erzittert, wenn Regenten-Freundlichkeit ihm einen Gemsbock vor's Flintenrohr treiben läßt, trägt die Ver- |l antwortung für die dem Aktschluß entgegen« M eilende Friedens-Apotheose in der braunschwei- f gischen Thronfolge-Frage: Er, der Urheber des g (noch den Urenkeln als Dokument einer schwäch- r- lich-verkümmerten Zeit mitleid-wert scheinen- M: den) Telegramms an Ludwigs des Bayern Kö- ~ nigliche Hoheit, e r ist der Träger der „Versöh- £ -mmgs-Politik* zwischen Welf unb Zoller, e r ist's, der die seltsame Schwenkung in Staats- ,. und Reichspolitik ausgeführt, die alle frühem fct Leitsätze und Prinzipien starker Staatsleitung . ausschaltet und nicht nur im Lager der Oppo- F sition, sondern an des Kaiserthrones Stufen W- Zorn und Entrüstung weckt; er ist's auch, der ■ vor den Parlamenten in den Spätherbsttagen p - diese „Politik alles verstehender, alles verzeihen» der unb alles versöhnender Siebe* zu verteidigen haben wird!
Was kommen wird, ist jedem Auge längst ) erkennbar: Preußens Einfluß im Bundesrat M sichert dem Antrag auf Anerkennung der braun» ?- schweigischen Thron-Ansprüche des kaiserlichen |5 i Schwiegersohns von vornherein die Annahme; 1 in den Novembertagen wird Ernst August von t Cumberland mit seiner jungen Frau feierlichen E. Einzug in die Welfen-Restdenz halten, und ein i wenig später wirb Herr von Bethmann Holl- ~ weg, in der Regierungsbank des Parlaments, zur ganzen Größe der Persönlichkeit gereckt, den -- Volkerwählten erzählen, wie's tarn, wie's ge» f schah unb wie's würbe. Das rhetorische Nach- spiel des Intermezzos wird dann (vermutlich) noch ein paar Stunden hindurch die Köpfe er» g glühen lassen, und wenn der Abend sich nieher» L senkt, wird hier und da vielleicht ein Gewissen noch ein Wenig murren. Im übrigen aber: ' Friede! Und der Reichs- unb Königlich Preußische Staatsanzeiger wirb, wenn dem vierten | Erben Bismarcks das Schicksal hold unb die E Götter freundlich, uns nach ein paar Tagen in fcj fetten Lettern kundtun, daß dem Herrn Reichs- ■ kanzler (an dessen Grafenkrone immer noch die Gnomen hämmern) abermals eine Vase aus s. Cadiner Edelton zuteil geworden. Dem Ver- fo bienfte seine Krone unb der Staatsmann-Hel- b bentat das Porzellan: Die Welt wird lieblicher mit jedem Tag! R icht, als ob man dem Wel- sensohn aus Cumberland das Braunsckweiger Dhrönchen der Väter nicht gönnte, oder gar dem - Kanzler den Ruhm eines neuen Talleyrand $ streitig machen wollte: Die ganze Entwicklung des Falles, die Vorgeschichte und | die staatsrechtliche Behandlung der Angelegenheit sinds, die die Zornesader auf den Stirnen schwellen läßt, und dieses Empfinden |' ist's auch, bas bett Kronprinzen bewog, 1 dem leitenden Staatsmann zu sagen, was zu sagen deutsche Pflicht unb deutsches Gewissen geboten. Hat Herr von Bethmann den Brief des Einunddreißigjährigen verstan- jT den, unb hat er sich beeilt, her Kaiserlichen und | königlichen Hoheit alleruntertänigst unb ehrfurchtsvollst zu versichern, daß Gewissen unb Pflicht ihn zum Kampf wider Bundes- kar. Bismarck, Pülow und Volksgemeinschaft
J ttefat!