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Casseler Neueste Nachrichten

Caffeler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 267

Sonnabend, 18. Oktober 1913

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

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Later und Sohn.

Raffet, Kanzlet und Thronfolger; Gegensätze und Verstimmungen in der Welfenfrage r Zn unseren gestrige« Abend-Depeschen tonn- ten wir bereit» die osfiziSse Bestätigung der Rachritttt «»teilen, datz ficf> der Kronprinz in einem Schreiben an den Reichskanzler in der braunschweigischen Frage auf die Seite Derer gestellt hat, die gegen eine unklare Lösung der braunschweigischen Frage ihren Protest angemeldet habe«. Die offiziöse Nord­deutsche Allgemeine Zeitung schreibt dazu: Die Leipziger Neuesten Nachrichten bringen Mit­teilungen über ei» Schreibe» de» Kron­prinzen a« den Reichskanzler in der draunschweigifchen Dhronfolgefrage. Wie wir höre«, hat in dieser Angelegenheit eine Kor» despondenz zwischen dem Kronprinzen und dem Reichskanzler stctttgesundeu, bei der der Kron. Prinz seine» Bedenken gegen die Thron, besteigung des Prinzen Ernst August ohne ausdrücklichen Derzicht auf Sannovor AusdruS gegeben hat. Der Reichskanzler hat in feiner Antwort unter genauer Schilderung des Sachverhaltes die Gründe dargelegt, die für die preutzifche Regierung matzgebend find.

Die Geschichte ist einigermaßen peinlich, be- : fremdet von der Maas bis zur Memel und ~ wird (vermutlich) noch einige, nicht minder er- - regende Nachwirkungen haben. Während der Kaiser in Bonn am Rhein mit seinem alten g Bademeister Wilhelm Busch Studenten-Erinne- M, " tungen auffrischt, wird bekannt, daß der deutsche Kronprinz in der Welfenfrage einen Schritt getan hat, der auf einige Zeit hinauf die po­litischen Federn in Tätigkeit setzen dürste. Die Regierung, in der Erkenntnis, baß sich die Sache auch diesmal beim besten Willen nicht U. verschweigen und vertuschen läßt, gibt offen Alles zu: Der Kronprinz hat dem Reichskanz- ler in einem (wie es scheint) recht impul­siven Schreiben seine Bedenken gegen die fc- neue Welfenpolitik seines Vaters geäußert, und Herr von Bethmann Hollweg hat in einer Er- widerung, so gut er's in kritischer Lage ver­mochte, den jetzigen Standpunkt der preußischen Regierung gerechtfertigt. Es ist das vierte Mal, daß der Kronprinz in Angelegenheiten von öffentlichem politischen Jntereffe mit auf- söhenerregender Entschiedenheit und Selbstän­digkeit eingreist. Das erste Mal war es die Affäre Eulenburg, die ihn auf den Plan rief. Erinnert man sich-noch der Vorgänge am zwei- tm und dritten Mai 1907? Da unterhielten sich in Potsdam zwei Offiziere des Gardekorps auf offner Straße ziemlich laut über Mari- milian Harde ns Arstkel bezüglich der Lie­benberger Tafelrunde. Der Kronprinz, der sich in der Nähe befand und einen Teil des Ge­sprächs angehört haste, ersuchte die Offiziere um nähere Misteilungen. Am solgenben Tage forderte der Kronprinz den Generaladjutanten des Kaisers, Hülsen-Haeseler, aus, dem Träger der Krone über die Angelegenheit Vortrag zu halten.

Graf Hülsen lehnte ab. Sofort machte der Kronprinz seinem Vater von der Unterhaltung r der beiden Potsdamer Offiziere selbst Mistei- t lung. Der Kaffer befahl nun dem Grafen Hül- t sen-Haeseler (als dem Chef des Militärkabi­netts) und dem damaligen Minister des Jn- s nern Theobald von Bethmann Hollweg, ihm Vortrag über diese Dinge zu halten. Nach [ den Vorträgen fiel die gesamte Liebenberger | Tafelrunde in schwerste Ungnade, und der I Kriegsminister von Einem erhielt den Auftrag, I die »räudigen Schafe* aus der Armee zu ent- : fernen. Das zweite (wohl noch in beffrer Er- r innerung stehende) Eingreifen des Kronprinzen . geschah anläßlich der Entlastung des F ü r st e n | Bülow. Das dritte (am besten bekannte) f im November 1911 während der Marokko- I Debatte. Am Tage vor seinem Erscheinen | im Reichstag hatte damals der Kronprinz ein - Telegramm an den Kaffer gerichtet und mit seinen Brüdern zusammen dringend darum ge- ä Beten, Herrn von Bethmann Hollweg wegen seiner Mißerfolge zum Rücktritt zu veranlassen. Wie also damals in Fragen der auswärtigen Politik, so tritt jetzt der Kronprinz als enffchiedner Gegner des Kanzlers . in einer innerpolitisch-dynastischen Frage auf. f Vor zwei Jahren haste er mit dieser Gegner­schaft kein Glück: Noch während der Kanzler S im Reichstag sprach, erhieü er die Einladung zur kaiserlichen Familientafel, zu der auch sein Widersacher, der Kronprinz, zittert wurde. Kronprinz und Kanzler mußten mit den Gläsern anstoßen, der Kronprinz durste am zweiten Marokkotag nicht im Reichstag erscheinen, und das kronprinzliche Marschall­amt mußte öffentlich versichern, daß »der Kai­sersohn und seine Brüder nicht daran dächten, in einer gemeinsamen Aktion gegen den Reichs­kanzler zu politisteieu , ..* Wie wird der f stampf des Thronfolgers gegen den Kanzler diesmal ausfallen? Tas persönliche Ver­hältnis zwischen dem Kaiser und dem Kron- t?iiiuen ist (wie die Eingeweihten wijien) in

letzter Zeit immer weniger intim und familiär geworden. Der mündliche Ver­kehr zwischen Vater und Sohn wurde auf das äußerste beschränkt, und der briefliche Verkehr kühler und seltner.

Im Herbst vorigen Jahres beschwerte sich der Kronprinz brieflich, daß fein Vater nie­mals komme, sein Regiment zu besichtigen und seine militärischen Leistungen zu prüfen; immer komme nur ein General. Auch fällt es neuer­dings sehr auf, daß sich der Kronprinz, wenn et bei seinem Vater eine Vergünstigung durch­setzen will, die mit Geldkosten verbunden ist, nicht mehr an den Kaiser direkt wendet, son­dern den Hausminister um Vermittlung ersuchen läßt. Diese unleugbare Eutstemdung zwischen Vater und Sohn hat sich (wie von sehr gut unterrichteter Seite versichert wird) durch das Vorwort des Kron­prinzen in dem BuchDeutschland in Waffen*, das im Mai dieses Jahres heraus- kam, noch gesteigert. Jene WorteZum Ge- lest*, die in der deutschen Presse ziemlich freundlich aufgenommen wurden, haben am Berliner Hof durchaus keinen Gefallen gefun­den. Der Kaiser hatte den Inhalt der Publi- kaston vor dem Erscheinen nicht kennen gelernt, obwohl das BuchSeiner Majestät dem Kaffer und König ehrfurchtsvoll gewidmet* wurde. Als mgn es dann bei Hofe las, drang die Meinung durch, daß sich die Angriffe des Kronprinzen nicht nur gegen dasungestörte Geldverdienen*, gegendie Sucht nach dem Besitz möglichst großer Geldmittel" richteten, son­dern in allzu deutlicher Sonderpolitik gegen das Friedensshstem seines Va­ters! Diese Friedensvolitik war (so deutete man) zwischen den Zeilen alskaufmännisch" undunidealistisch* wenig respestvoll kritisiert Nun ist es abermals die Friedensvolitik des Kaisers, wenn auch in einer innere Frage, die der Kronvrinz (allerdings mit der Spitze gegen den Kanzler) befehdet. Man mag sich politisch zu der helfen Frage stellen wie man will, man mag gegen das jetzige Vorgehen des Kronpttnzen gewisse staatsrechtliche Bedenken ins Treffen führen: Persönlich unsvm- vathisch ist auch diesmal das Auftreten des Thronfolgers nicht. Und da er nur ausge­sprochen Hai. was alle politisch Unabhängigen denken, so kann man nur wünschen, daß er diesmal mit feiner Thronfolgerpolitik durch­dringen möge ...!

Rem Flieger-Kataffrophm.

Der Todessturz zweier Militärflieger.

Mitten in die Begeisterung über die end­liche Erringung des Siegs deutscher Flieger über die französische Herrschaft kommt wieder düstere Trauerkun.de: Der Todessturz des be­kannten Fliegersergeanten Manie und seines Beobachters, Oberleutnant Koch, in der Nähe von Bamberg. Flieaersergeanf Manie war einer der wenigen Fliegerunteroffiziere deren Namen bekannt geworden ist. Vor einiger Zeit hatte er ans dem Flugplatz Leipzig-Lin- denihal einen Unfall erlitten, von dessen Fol­gen er aber genefen war. Wir erhalten fol­gende Privaiielegramme:

Bamberg, 17. Oktober.

Heute früh halb acht Uhr stürzte der Flie­gersergeant Manie mit seinem Beobachter, Oberleutnant Koch, die beide von Berlin ka­men und auf dem Flugplatz Niedernauen- dorf eine Zwischenlandung unternommen hatten, in der Nähe von Kirchlautern ab. Flieger und Beobachter waren sofort tot. Der Doppeldecker wurde vollkommen zer­trümmert. Die Ursache des Absturzes ist un­aufgeklärt. Eine Nnterfuchung wurde sofort eingeleitet

Stettin, 17. Oktober.

In der Nähe der nckermärkischen Stadt Strasburg stürzten gestern nachmittag zwei Lsfiziersslieger mit einem Doppeldecker ab. Der Führer, Oberleutnant Schröder, wurde ziemlich schwer verletzt Er wurde von dem Beobachtungsoffizier, der mit leichteren Verletzungen davonkam, nach dem Stettiner Garnisonlazarett überfuhrt. Die Verletzun­gen des Oberleutnants Schröder sind jedoch nicht lebensgefährlich. Der Apparat wurde vollständig zertrümmert.

Der Todessturz des Sergeant Manie teuft die Aufmerksamkeit wieder einmal auf un­sere Fliegerunteroffiziere, die im Stilleren tä­tig sind, aber aus den Militärflugplätzen bereits glänzende Leistungen vollbracht haben, die je­doch begreiflichertoeifcauS militärischen Gründen wenig bekannt werden. Sergeant Manie war einer der ersten und zugleich der befä- higsten deuffchen Fliegerunteroffiziere. Mit Oberleutnant Koch ist ein hervorragend be­gabter Beobachtnngsoffizier aus den Reihen der deutschen Wilitärflieger gerissen w.oxdeg.

imd die deutsche Miliiär-Aviattk bellagt den Verlust eines ihrer besten und hoffnungsvoll­sten Mitglieder.

Bitt Luftschiff vernichte«

Angliicksfahrt des Luftschiffs L EL

Die letzten Tage standen im Zeichen der Katastrophen, und Katastrophen sind's auch, die der «estrige und heutige Tag gebracht Wir berichten nebenstehend über zwei neue schwere Flieger-Unfälle, die deutsche Piloten betroffen haben. Wett furchtbarer aber ist die Katastrophe, die sich heute früh dicht beim Flugplatz Johannisthal abgespielt Hai und de­ren Opfer das Marine-Luftschiff L II geworden ist-Ein offiziöses Telegramm berichtet darMer:

Siebes zwanzig Personen tot!

(Draht-Meldung.)

Berlin, 17. Oktober.

Das Marine-Luftschiff L II ist heute vormittag kurz nach zehn Uhr bald nach feinem Aufstieg vom Flugplatz Johannisthal in dreihundert Meter Höhe explodiert. Sämtliche Insassen (sicbenundzwan- zig Personen) sind tot. An Bord be- fand sich anher der Fahrbesatzung die Ma­rine-Abnahme-Kommission unter Führung des Korvetten-Kapitäns Behnisch vom Neichs-Marineamt und ferner der Bettreter der Zeppelinwerst, Kapitän Glund. Die Unsallstelle liegt etwa ftinfhundett Meter westlich vom Flugplatz Johannisthal. Die Ursache des Unglücks ist noch nicht bekannt. Das Marine-Luftschiff L II, das von der Neichsmattneverwaltung heute erst abaenom» men werden sollte, befand sich auf der letzten Prüfungsfahrt, als das Unglück sich ereignete. Wie die Katastrophe entstanden ist, steh; noch nicht fest, da die darüber vorliegenden Mel­dungen einander widersprechen. Jedenfalls ist das heutige Unglück in Johannisthal die schwerste Katastrophe, die die deut-che Ma- rine-Luftschiffahrt und die deuffche Lusffchfff- fahrt bisher überhaupt betroffen hat. Uebrr die Katastrophe erhalten wir folgenden

Bericht eines Augenzeugen.

kEigene Drahtmeldung.)

Berlin, 17. Oktober.

Von einem Anwohner des Flugplatzes wird über die Katastrophe, von der das neue Ma­rine-Luftschiff L II heute früh betroffen worden ist, folgende Schilderung gegeben: Gegen 10 Uhr 20 hörte ich plötzlich einen furchtbaren Knall. Ich glaubte zunächst, datz ein Flieger auf dem Dache meines Hauses gelandet sei und als sich ergab, datz dies nicht der Fall war, dachte ich sofott an die Explosion des Mattne- Lustschisfes, von dem ich wutzte, datz dieses zu einem toifftieg rüstete. Ich stürzte hinaus und schon kamen mir Leute entgegen mit dem Schreckensrufe:Der Zeppelin ist explo- biert!" Ich lief in der Richtung, die man mir zeigte, ins Feld hinein und nahe bei den letzten Häufern in Johannisthal, die sich an den Teltow-Kanal anlehnen, bot sich mir ein schrecklicher Anblick: Die Trümmer des stolzen Luftschiffes bedeckten das Feld und das Gestänge aus Aluminium war zu drei ho­hen Bergen aiffgeschichtet. dazwischen schlugen Flammen und Rauch hervor. Auf dem einen Trümmerberg lagen die zerttssenen Benzinbe­hälter. Nicht weit diwon die gevlatzten Moto­renzylinder. Mannschaften des Alexander-Regi­ments, Pioniere und Luftschiffer, die in der Nähe gerade übten, eilten herbei, um zu retten, was noch zu retten war. Es ist ja möglich, datz

unter den Trümmern

doch noch wenigstens einige von der Besatzung lebend geborgen werden können. Feuerwehr­leute stnd mit Schläuchen und Feuerlöschern bei der Löscharbett. Was in dem Trümmerhaufen dem Spaten und der Hacke nicht weichen will, wird von dem Feuerwehrbeil zerschlagen, um den Weg zu den Leichen oder den noch Leben­den frei zu machen. Ich sehe den c r st e n T o - ten, der mit einer Flagge zugedeckt ist. Rur die blutigen Stümpfe zweier Beine ragen darunter hervor. Sanitäts- Automobile und neue Feuerwehr-Wagen nahen. Schnell herbeigehotte lange Seile werden an die Alumiittumstangen geknüpft. Soldaten, Ma­trosen, Flieger und sogar Frauen greifen zu und reitzen die Trümmerhaufen auseinander, solange, bis ein Halt ertönt, als Zeichen, datz wieder ein Toter gefunden. Auch diese verstümmelte Leiche wird unter der Flagge ge­borgen. Ich gehe auf die andere Seite. Tori liegen neben einander mit Tüchern zugedeckte Tote. Militärärzte schreiten von einem zum andern, um die durch ihre furchtbaren V rxjtüjn melunge» unkenntlichen Leichen

zu identifizieren. An Bord befanden sich die Ab­nahmekommission unter Führung des Korvet- tenkapitäns Benisch,

Die Besatzung des L Q.

unter Führung des Kapitänleutnants Freyer und der Zeppelingesellschaftkapitän Glund, insgesamt etwa zwanzig Personen. Man bo- fürdjtet, datz sie sämtlich tot sind. Unter den Toten, die bisher gefiinden wurden, find zu nennen Korvettenkapitän Behnisch, Kupi- tänleutnant Freyer, Kapitänleutnant Trei«, Oberingenieur Hauptmann und Mar-lle- baurat V a a s e l. lieber die Ursache der Ex­plosion ist hier noch nichts bekannt. Die Trüm. wer bilden ein unentwirrbares Metallgerippe. Auf Bahren werden die Leichen fortgetragen. Rach dem Unfall lebte ein Offizier und ein Maat noch einige Zeit. Das Feuer war von der vorderen Maschinengondel ausgegangen rmd hatte sich zunächst nach vorn ausgedehnt. Dann schlug es rückwärts. In einer Se­kunde war der Koloß nur noch eine große Flammensäule. Vis Mittag waren sechzehn Tote geborgen. Sechs Personen sollen noch unter den Trümmern liegen. Unter den Opfern befinden sich auch noch die Marinebau­räte Neumann und Pitzkau. Die Bemcin. nung hat furchtbare Brandwunden erlitten, die Leichen waren teilweise bis auf die Knochen verbrannt.

3er Böller-Frühling.

Beginn der Jahrhundertfeier der Völker­schlacht; das feiernde Leipzig; Lamprechts Gruß an de« Kaiser; Kampfe des Schöpfers, (Von unferm ständigen Mitarbeiter.)

Leipzig, 17. Oktober.

Seltsam mächtig und eindrucksvoll werden die großen Festtage der Einweihung des Völ­kerschlacht-Denkmals vorüber klingen. Eindrucksvoller als manches andere Fest und manche andere Denkmalsweihe. Dahin wirkt schön der große historische Anlaß dieser Fest- tage. Dahin wirkt aber auch die Tatsache, datz ein Fest für diese Stadt der Arbeit wirklich noch ein Fest sein kann. Denn Leipzig feiert sonst selten. Weil es keine Residenzstadt ist, bleibt es verschont von Lärm und Prunk rauschender Fürstenempfänge. Am häufigsten kommt noch der Sachsenkönig selbst nach der zweitgrößten Stadt seines Landes, in der er gern seine Stu- denten-Erinnerungen aufftischt, indem er bei feinen Leipziger Besuche» sich regelmäßig ein Kolleg der Professoren anhört. Nach ihm war vielleicht der im vottgen Jahre verstorbene Dänenkönig der häufigste monarchifche Gast in Leipzig. Er besuchte die Stadt jebeS Jahr mindestens einmal und kehrte als schlichter Privatmann an allen ihren Stätten ernster und heiterer Unterhaltung ein. Der Deutsche Kaiser selbst ist seit fünfzehn Jahre zwar ost genug im V-Zug an Leipzig varübergesaust, aber er hat in diesem Zeittaum seinen Fuß nie auf den Boden der Stadt ge­fetzt. Darum ist jetzt

die Freude der Leipziger . doppelt groß, und doppelt bedeutungsvoll ist es, daß gleichsam als Sprecher der Stadt Karl Lamprecht, der große Leipziger Hi­storiker, soeben ein schönes Buch über den Kai­ser hat erscheinen lassen, von dem man dringend wünschen möchte, daß es vor allen Dingen einen Leser finden möchte: Den Kaiser selber ...! Draußen am Völkerschlacht- Denkmal ragen schon die gewaltigen Tribü­nen empor, die die Schar der Gäste empfangen werden. Dort dröhnt noch ein Hammer, hier schnarrt noch eine Säge. Aber überall findet man die bewegliche Gestalt des einen Man­nes, dem die Leipziger und eigentlich ganz Deutschland» diese Festtage danken. Das ist der Kammerrat Thieme, der Vorsitzende des Deutsche» Pattiotenbundes. Der Man», ohne den das Völkerschlacht-Denkmal nicht zustande gekommen wäre. Ma» weiß außerhalb Leip­zigs kaum, auf wie vielen Sorgen und unüber­windbar erscheinenden Schwierigkeiten das Denkmal gegründet ist. Jahrzehntelang war es die Sehnsucht der Deutschen, eine würdige dauernde Erinnerung an das Ereignis von achtzehnhundertdreizehn zu schaffen. Aber aller­hand Ansätze schlugen fehl, bis endlich Tb'-,ne diese Sache zur Mission seines Lebens machte. Fast zwei Jahrzehnte hat er unermüdlich für den Gedanken gewirkt, hat Zeitgenossen und Regierungen dafür interessiert, bis endlich

das Werk in Fluß kam.

Und besonders ist ihm dafür zu danken, datz die Erinnerung wttklich de» großen monu­mentalen Ausdruck fand, den sie jetzt er­halten hat. Als Thieme vor Jahre» um die gewaltigen Mittel warb, die es erfordert, drang er nut schwer mit feinen Plänen durch, und neue Schwierigkeiten hatte er zu überwinden, als sich herausstellte, daß felbst die große Summe, die man in Aussicht genommen, bei weitem nicht langte. Aber er hat es doch ge­schafft. Deutschland darf ihm danke». Die Stadt Leipzig wird den betriebsamen Mann dadurch ehren, daß sie ibn rumEhrenbüKK