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Casseler Abendzeitung
Hesflsche Abendzeitung
Nummer 266
Freitag, 17. Oktober 1913
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3. Jahrgang.
JnserttonSvr-is-: Die sech«gespaltene Zeile für einheimische Geschäfte 15 Pfg., für au«, wärttge Inserate 25 Pf, Reklamezetle für einheimische SeschLfte 40 Pf, für auswärtige Deschäfte sa Bf. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden Mit 5 Mart pro Tausend berechnet. Wegen ihrer dichten Berdreitmig in der R-üd-nz und der Umgebung sind bte Saffeler N-u-ften Nachrichten da vorzügliche« JnserttonSorgan. SeschäftSüelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Moritzplay 12584
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bewölktem Himmel, wie wir ihn ja so häufig haben) den Deich entlang, der unsere Gemeinde
ges über die Heide: einerlei, ob wirklich oder m Gedanken. Ein trüber Tag, Regen und West-
Das Land der Gruben-Katastrophe«.
England hatte in den letzten zwanzig Jahren folgende Gruben-Katastrophen zu verzeichnen: 1890 Blancrech (Wales) 176 Tote, 1892 Londer (Wales) 116 Tote, 1893 Thornhill (Dewsbury) 139 Tote, 1894 Mbion Pont- vridd 286 Tote, 1895 Andlch (Nord-Staffordshire) 77 Tote, 1896 Micklefild (Leeds) 66 Tote im selben Jahre TylorS Town (WalrS) 57 Tote, 1902 Ferm 130 Tote, 1905 Rhondda, Va- letz (Wales) 119 Tote. 1907 Jolande-Mine (Birmingham), 500 Tote, 1912 Yorkshire 74 Tote. Dazu käme jetzt die Erplosion im Koh- lenHergwerk Universal bet Cardiff.
wind, in der Ferne Gehöfte und Rebel. Oder ich gehe (meistens wieder im Regen und bei
Sie Kriegsgefahr am Balkan.
Dämpfung dar Kriegsstimmung ««möglich.
Athen, 16. Oktober. (Privat-Telegram m.) Die türkisch-griechischen Berhand- lnngen nehmen einen sehr schleppenden Ver- lauf und die Lage verschlechtert Lch mit
Werkstatt hat Gustav Frenssen einmal in einem Vortrage gegeben: Ich gehe eines Ta-
Hauptbahnhof zum Königlichen Schloß Zeit Wie eine düstre Reminiszenz aus däm-1 führt. Da er kein Gepäck bei sich führte, auch merndem Mittelalter. Aber selbst wenn das seinen Namen nicht nannte und sich durch sein Prinzip als solches unanfechtbar und unerschüt- Wesen verdächtig machte, namentlich als er terlich wäre: So weit dürfen seine Konsequen- darum bat, ihm sofort ein Billet für die
' den der Pietät die natürliche Regung des Widerstrebens gegen das Schattenkönigtum kaum ans Licht. Luitpold, der, selbst schon ein Greis, das Regentenamt in kritischer Zeit übernahm, betrachtete sich bis zmn Ende seiner Tage immer nur als den durch Schicksal und Gotteswillen berufnen Vertreter des geisteskranken Königs, und für die tiefe Ueberzeugung von der Heiligkeit des Legitimitätsprinzips und des Gottesgnadentums in der Vorstellung dieses schlichten Fürsten ist's bezeichnend, daß er von dem Unglücklichen von Fürstenried stets nur in Worten tiefster Ehrfurcht, in klarem Bewußtsein der weiten Distanz zwischen dem Gipfel der Herrschergewalt und der Zufälligkeit des Regentenamts sprach. Daß dieser Gipfel der Königsgewalt verwaist war, daß den Hermelin der Majestät «in der Welt unsichtbarer, jeder freien Willensregung beraubter, armer Kranker trug, ließ Luitpolds Ueberzeugung von der Unantastbarkeit des Königtums von Got-
Dr. Albert Dresdner.
Einen fesselnden Einblick in seine Dichter-
Auf den zurzeit in Dresden zum Besuch des sächsischen Hofes weilenden Großfürsten Kyrill von Rußland scheint ein Attentat geplant gewesen zu sein. Im Hotel Europäisch«! Hof traf am Dienstag mittag ein junger, in den zwanziger Jahren stehender Mann ein und verlangte ein Zimmer mit Fenster nach der Pragerstraße hinaus, die vom
9er Schatten-König.
Das Königsproblem in Bayern; Legiti- mitSts. Prinzip «nd Rechtsempfinden.
Der in Miinchen versammelte Bayerische SandelSkammertag hat am Mittwoch folgende Resolution beschlossen: Die im bayerische« Handelskammertag vereinigten acht Handelskammern des Königreiches als berufene Vertretungen des Handels, der I«. buftrie und de« Erwerbs in Bayer« erachte« e« sowohl im allgemeinen Jntereffe des L an. de«, wie auch im Interesse der von ihnen vertretene« ErwerbSzweigefiirdringend erwünscht, datz der gegenwärtige Zustand der Regentschaft beendigt werde «nddas Reich wieder eine» regierende« «ö«ig erhält. Wir richte« daher, ohne de» vorwiegend ftaatspolitischen Charakter der Frage zu »erkenne», an den bayerischen Landtag und die StaatSregiernng die Bitte, zur Herbeiführung des Zieles die nötigen Schritte zu unternehmen.
Mhilifteu in Dresden?
Attentatsfurcht in Dresden «nd Leipzig!
Dresden, 16. Oktober.
eines im wirklichen Leben wurzelnden, aller Wett sichtbaren Repräsentanten der Kron- gewatt als einen Frevel am Prinzip der Legitimität und am Geist des Gottesgnadentum- Gedankens verdammen. Die Geschichte des Legitimitäts-Prinzips ist in ihren charakteristischsten Kapiteln eine lange Kette von Irrungen und Wirrungen, ein Gemisch von Gewalt, Wahn und Frevel, und seine Voraussetzungen f erscheinen dem nüchtern prüfenden Auge unsrer
Es ist der gesunde Menschenverstand, der diese Resolution des Handelskammertags besttmmte, und der gesunde Menschenverstand ist's auch, der gegen ein Prinzip kämpft, das längst morsch und brüchig ward, und des- L fett Wesensart dem Jahrhundert der Aufklärung und der Geistesfreiheit fremd geworden ist. Im Land der Wittelsbacher regiert seit der
Der Thron von Braunschweig.
(Priv at-Telegr amm.)
Berlin, 16. Oktober.
Wie aus amtlicher Quelle verlautet, wird in dieser Woche noch das preußische Staatsministerium mit der Frage der brauuschweigi- scheuThronfolgefich befassen. Vor Ende dieses Monats wird die Angelegenheit noch an den Bundesrat gelangen. Ein Termin für die Thronbesteigung ist indessen bisher nicht festgesetzt. Die Grundlage für den Bundesratsbeschluß wird nicht ein braunschweigischer, sondern ein preußischer «nttag sein. Es ist bestimmt anzunehmen, daß Prinz Ernst August bei der Thronbesteigung in feierlicher Form seine Treue gegen die Reichsv er- sassung und das, was sie einschlietzt, verkünden und daß er seine Bereitwilligkeit, alle Pflichten eines Bundesfürsten getreulich zu erfüllen, feierlich bekräftigen wird.
Die furchtbare Explosions - Kata-
st.ro pH« in der Grube Universal bei Car- (»111111111 iwFPItll6?II
btff in England ist nun tatsächlich zu einem VMflUD
«roßen Menschendrama geworden, denn nach I Wie Frenssen arbeitet: Ein Gedenkblati z« den aus Cardiff vorliegenden neuesten Mel- seinem 50. Geburtstag am 19. Oktober, von düngen kann es keinem Zweifel unterliegen, daß in den brennenden Gruben sich noch drei- hundertneunzi« Bergleute befinden, die der Katastrophe zum Opfer gefallen find. Die Rettungsarbeiten dauern zwar noch fort, doch hat man alle Hoffnung aufgegeben, die noch in der Grube Befindlichen lebend bergen zu können. Inzwischen ist nämlich der Brand in der Grube von neu em ausgebrochen, und dio Ventilattonsanlagen drohen einzustürzen.
Alle Hoffnung aufgegeben!
(P r i v a t - T e l e g r a m m.)
London, 16. Oktober.
Gestern abend wurde bekannt gegeben, datz weiter niemand in der Universal-Grube gefunden sei und datz Stunden vergehen könnten. bis weitere Kunde von den Eingeschloffenen an die Oberfläche dringen könnte. In sttller Verzweiflung wandten sich nun Scharen von Wartenden ihren Heimstätten zu. Der Ober- mineninspettor Oberst Pearson, der die Rettungskorps persönlich anfühtte. erklärte in früher Morgenstunde, er fürchte sehr, datz sie keinen Lebenden mehr antreffen würden. Sie feie« so weit sie könnten vorge- drungen, bis die mitgenommenen Kanarienvögel tot umfielen. Die Lust sei dort giftig gewesen, so daß niemand dort zwei Minuten lang hätte lebe« können. An anderen Stellen seien Tausende von Tonnen eingestürzt. Er glaube, daß selbst die Toten nicht vor Ende dieser Woche erreicht werden könnten. Sehr behindert sei das Rcttungswerk durch M a n - gel an Wasser. Ein Feuerlöscher hätte wenig genützt, da sie wegen der Hitze dem Feuer sich nur bis auf dreißig oder vierzig Meter nähern konnten. Nach der letzte« Meldung aus I Senghenydd fehlen noch dreihundertneumig Mann.
Neuer Ausbruch des Feuers.
(Privat-Telegram m.)
, Cardiff, 16. Oktober.
Gestern nachmittag wurde hier die Kunde verbreitet, daß weitere dreißig Einge-I sch lasse ne lebend aufgefunden seien. Die Nachricht verursachte eine große Aufregung unter den Tausenden, die am Schachteingang harrten. Sie hat sich aber bisher nicht bestätigt. Das Feuer ist gestern nachmittag im Unglücksschacht mit erneuter Gewalt ausgc- brochen. Eine Rettung der Eingcschloffenen ist jetzt endgültig zu spät. Bis jetzt sind fünfundvierzig Tote ans Tageslicht gebracht worden. Die Rettungsarbeiten dauern fort Die an den Arbeiten beteiligten Mannschaften glaubten ein Klopfen von den Eingeschloffenen gehört zu haben. Jnfolgrtwffen verdoppelte man die Anstrengungen. Dreihundertneunzig Mann sind noch in dem brennenden Schacht. Am Eingang spielen sich die gleichen Szenen ab wie vorgestern, doch macht sich bei den Harrende« größere Hoffnungslosigkeit bemerkbar. Rach Angabe der Ortsbehörde« werden nrnb tausend Personen von den im Schacht Begrabenen inbittererRot zurück- gelassen.
tes Gnaden nicht wankend werden. Erst der Regentschaftsantritt des Prinzen Ludwig hat diese Vorstellung hinter die Erkenntnis zurück- treten lassen, daß das Landesinteresse nicht dauernd durch Rücksichtnahmen beeinträchtigt wer- _ ltulK11 lcll urr, m ihrem innersten Wesen un-
: Tragödie Ludwigs des Zweiten die den Ro- ^^bar, unzeitgemäß und unberechtigt sind, ; mantiker auf dem Throu in der NE des und utan ist dennauchheute in Bayern ehrlich Wahns versinken ließ, ein unheilbar Kranker, M ihr Recht
ruht die Krone auf einem Haupt, das nie ^den zu laessn. Das Schattenkontgtum, des- der Majestät Pflicht und Recht erkannt, und «in Ä*"
armer Siecher, der hinter den hohen Mauern ^"dakt entgegenschreitet, wtrd verschwm- | des Schlosses Fürstenried feine Taae Welt- Bayern fordert einen wirklichen Kö-
abgewandt und lebensfremd verbttngt, ttägt und Prir^regent Ludwig, dessen ftarke
das Szepter des Bayernkönigs in welker Hand. ^ren die Gestaltung
Es ist ein Drama, das das Schicksal mit er- Rer Geschicke des Baherlands beeinflußt wird barmungAoser Hätte in die Geschichte des CIt ett! btef«n Verlangen des Volks Er- Wittelsbacher Hauses eingeschrieben «in Kö- ^ng zu bringen Besteigt er als Ludwig | nigsdrama, so erschütternd und furchtbar, daß Dritte den Thron der Wittelsbacher, dann
1 nur Mitleid und menschliche Anteilnahme mit dre Menschlichkeit und> die Rechts-
dem Opfer dieser Fügung gegenüber zu Motte! k.^nntnis unsrer Zett gesiegt, und eine kommen dürfen. Jahrzehntelang ist das Land I mittelalterlicher Primitivität
der Bayern des sichtbaren Trägers der könig- der Buhne moderner Weltgeschichte sinkt in lichen Gewalt beraubt; der arme Kranke, der। ®tau6 Zusammen .... F. H.
als König von Bayern dem Ende entgegen- dämmett, ist aller Wirklichkett weit entrückt, trägt eine Krone und genießt Hohettsrechte, und fühlt und empfindet doch nicht, welche Pflichten, welche Ziele ihm das Leben zugewiesen. Wie ein sagenhafter Schattenfürst schwebt König Ottos tragisches Bild über der Geschichte und den Geschicken seines Landes;
in seinem Namen wird regiert und gerichtet, verwaltet und verhandelt, und der Mann, dessen Königsgewalt den Gang der Staatsmaschine reguliere, ist ein unheilbar Kranker, ein Unglücklicher, dessen Geist und Empfinden nach menschlicher Voraussicht nie wieder zum Leben erwachen werden.
Sett Jahrzehnten schwebt der düstre Schatten der Königs-Tragödie über dem Geschick des Bayernlands: Pietät und starres Festhalten an Legitimitätsprinzip und Gottesgnadentum ha
ben immer wieder jeder Regung natürlichen Rechts- und Menschlichkeits-Empfindens erfolgreich widerftrebt, «nd noch heut, unter Prinzregent Ludwigs flattern Regiment, fehlts an der Isar, an der Donau und am Lech nicht an Warner-Stimmen, die die Beseitigung des Schattenkönigtums und die Wiedereinsetzung
lmer Studenten, der im Verdacht steht,, jedem Tage. Die Aussichten auf eine friedlich, einen Anschlag auf den Großfürsten Ky- Beilegung der Differenzen sind fast ganz ®irb weiter be- geschwunden. Die Sperrung der Dardanel- ^rb?^te kein Russe sei, len hat in Athen große Erregung her-
NU? vielmehr vorgerufen und man glaubt allenthalben, datz
dw Le'pzia e r S’e ^a o e wu^^i"^ I bk Mächte dieserhalb energische Vorstellung^! f i hefiinnpftJn °C *** erheben werden. Die Rüstungen sowohl seitens
let oamngeneur. ___________ ber Türkei als auch Griechenlands nehmen
————— ihren Fortgang und man glaubt nicht, daß di«
Die Eardlsf-Kataftrovhe. I «^nriCflSfthrtrtmnfl ***** Dreihundertneunzig Bergleute als Opfer! ' ———
gegen die See schützt; dann kommt es: Es er- I scheinen wie in der Ferne, in dieser Landschaft, die G e st a l t e n von Männern und Frauen, erst einzeln, dann mehrere, undeutlich, in Ne- - bei zurücktretend und wieder hervorkommend. - Sie haben Gesichter ohne Bewegung und Aus- : druck. Der Gang ist schwer, als hätten sie alte, t rostige Eisertschienen an den Beinen. Sie sehen : aus, wie Adam ausgesehen haben mag, als , der liebe Gott ihn im R o h g u ß fertig hatte . und eine Pause machte. Und dennoch kann
man von diesen Erscheinungen, die da so gleichgültig und faul im Nebel gehen, die Augen und Gedanken nicht abweuden. Sie haben etwas an sich, als sagten sie: „Sieh uns näher an, du wirst sehen, wie interessant wir sind. In uns ist eine ganze Welt. Mach du uns fertig!" Je länger man dann hinsteht; immer wieder durch ein halbes Jahr oder ein ganzes: I Immer deutlicher werden sie, man erkennt die Augen, dann ihren wechselnden Ausdruck. Die Bewegungen werden leichter, die Gestalten kommen näher, sie gehen neben einem auf allen Wegen. Sie erzählen immer deutlicher und klarer von all dem, was sie
erlebt, gedacht, erfahre«
haben. Die Gestalten werden immer mehr Persönlichkeiten. Man verkehrt die ganzen Tage mit ihnen, und sie stehen, bis der Schlaf kommt, neben dem Bett. Ja, es ist nicht unmöglich, I daß sie auch noch im Schlaf zu uns reden ...!
Und der Plan des Romans? Frenssen scheint seine Phantasiegestalten so lebendig vor der Seele zu haben, daß er des schriftlich niedergelegten Planes entraten kann. Er sagt darüber: Man fängt an zu erzählen, was man gesehen hat. Man schreibt das nieder; natürlich ganz
I mechanisch, roh, große Buchstaben, ausgestri- I chen, wieder hingeschrieben. So eine Manuskriptseite steht sehr bunt aus, doch (glaube ich) nicht häßlich Man sieht ihr an, daß bet. Schreiber mit seinem G e i st irgendwo anders war; nur nicht beim Schönschreiben: Es liegt aber doch etwas von der Freude des Erzählers auf dem Papier und von der Wärme der Seele dessen, der die Buchstaben malte. Man kann nicht alles gebrauchen, was die Erfcheinungen erzählen. Es ist viel mehr da, als man braucht. Man muß bann zu ben Erscheinungen am Schreibtisch sagen: „Das nicht! Anderes!" Ober sie erzählen zu rasch, bann muß man sagen: „Watte, ich kann nicht mitkommen." Oder: „Vergiß bein Wort nicht: Ich muß mir eine anbere Feder nehmen." Man ist bei dieser Unterhaltung, so sich zwischen dem Protokollführer und dem Delinguenten des Menschenschicksals vollzieht, nicht durchaus höflich. Man sagt einander die Wahrheit. Die Unterhaltung bleibt
I freilich in leidlich guten Formen; doch werden die Frave« des Hauses
zuwellen durch laute Ausrufe erschreckt, die bis in ihr Revier bringen. Diese Ausrufe ftnb meist plattbeutsch, benn sowohl ber Autor wie seine Gesellschaft sprechen fast immer plattbeutsch. Das Hochbeutsche ist ihnen beiden eine fremde, angelernte Sprache. Aber das sind erst die Anfänge. Ich hause in meinem Pastorat in einem großen Zimmer, Boden nicht' allzuhoch, schwere Balken scheinen von oben her schwer aufzuliegen, als preßten sie die Luft zusammen und machten sie schwerer. Niedrige Türen mit altem Schnörkelwerk, in ber Mitte ein großer Tisch, runb umher Altväter- Hausrat. In bem Zimmer wird es immer lebendiger. Ich klage Heim Heiberieter an,J baß er Leute in die Stube brachte, die ich nicht gebeten hatte, darunter solche, die mir nicht sympathisch waren. Aber cs ist seine Weise, ich konnte es nicht hindern. Ich erinnere mich noch, wie dieser Mann, ber Heiberieter, Hin- nett Elsen in die Stube brachte, einen Menschen, der feiner und meiner Mutter zuwider ist, einen Menschen, vertrocknet und hart wie Sohlenleder, über ben wir oft genug bitterböse gewesen ftnb. Aber er war nun einmal nicht wählerisch in seinem Umgang, im Gegenteil: Er hatte eine sonberbare Neigung, gerade immer wieder mit den Leuten aninbinhetta
jen nicht aus gesponnen werden, daß sie einen Hofoper zu besorgen, wurde die Polizei ver- unüberbrüefbaren Gegensatz zwischen geben ftändigt. Als bann ber Großfürst an dem Hotel und Wirklichkeit schaffen, baß sie zu einem vorüberfuhr, rief man ben jungen Mann aus Schemen herabsinken lassen, was sichtbar und dem Zimmer unter dem Vorwande, datz «in menschlich-erkennbar fein soll. Und wenn die Billett für die Hofoper nicht zu haben sei, datz Vorstellung des Gottesgnadentums tatsächlich man ihm aber ein Billet für bte Vorstellung Geltung haben soll, muß sie da ihre natürliche im Residenztheater zur Verfügung stellen könne. Grenze finden, wo das Schicksal s e I b ft den Wahrscheinlich hatte ber Unbekannte inzwischen Trennungsstrich gezogen hat. Alles, was diese wahrgenommen, daß man auf seine Person selbstverständliche und naturgemäße Basis der aufmettsam geworden war, und ging deshalb Königsidee verrückt, ist anormal, toibernatür« in das Resibenfiheater. Dort revidierte die lich und staalsftindlich, denn wenn das staat- Polizei während der Vorstellung seinen in der liche Interesse dynastischen Rücksichten und Garderobe abgegebenen Ueberzieher in dem sich | legendenhaften Reminiszenzen und Fiktionen ein geladener Revolver und ein untergeordnet wird, entstehen Reibungen, die! scharf geschliffener Dolch sanden.
die Harmonie des Staatsorganismus stören •
und Gefahren herausbeschwören, deren Bedeu- Gefahr für die Leipziger Festtage?
tung ins Ungemetzne wächst. Dresben, 16. Oktober. (Privattele-
Solange der greife Luitpold von Bayern g r a m m.) Die politische Polizei beschäftigt als „des Bayerlands Verweser" das Prinz- sich auf das eingehendste mit der Aufllärung teaenttnamt verwaltete, wagte sich aus Grün-' der Absichten des verhafteten angeblichen Ber-