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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 261.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 11. Oktober 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Erms 8rSne Znfel.

Lis Revolution von Alfter und ihre Ar- sache; Irland im Zeichen dsr Volkserhebung.

Ern Privat-Telegramm meldet uns aus London: Wie hier eingegangene Depeschen aus Ulster berichten, arbeiten diekllster- Rebellen" mit allen Kräfte» an der Organi­sation derEtreitträfte der Rebellen. Die Kampfbegristernng wächst immer mehr «nd di« Lage gestattet flch antzerordentlich kritisch. Daß es aber zum Bürgerkrieg« kommen wird, ist kaum wahrscheinlich, da die Zentralregiernng in London bemüht ist, ein beide Parteien befriedigende«KomPro­mi tz mit den Slsterlenten znstandeznbringe«.

DieRevolution von Ulster": Soll man das Ereignis eine Katastrophe oder einen Theater-Coup nennen? Oder (vielleicht) in dem wilden Kriegsspiel der reckenhaften Söhne Patriks eine Zufall-Paarung Leider Möglichkeiten bestaunen? Tausende von jun­gen Leuten ziehen mit militärischen Emblemen, italienische Gewehre in den Händen, Offiziere an ihrer Spitze und mit einem ausgedienten General der englischen Armee als oberstem Be­fehlshaber in Reih und Glied durch die Stra­ßen. Die Frauen rüsten sich zu Krankenpflege- diensten, der Gemeinsinn der Bürger hat große Summen aufgebracht, die als Entschädigung verwendet werden sollen, wenn es im Kampf Tote oder Verwundete gibt. Im Kampf gegen die englische Armee natürlich. Denn die Unionisten haben durch ihren Führer, den sanf­ten Balfour, erklären kaffen, daß sie auch vor dem bewaffneten Widerstand, selbst vor dem Bürgerkrieg nicht zurückschrecken werden, um sich vor Homerule zu bewahren. Die Lords und ehemaligen Minffter haben ihre Getreuen in Irland mit allem Nötigen zum Bürgerkrieg ausgerüstet, sie haben sogar Ministerien für Ir­land festgesetzt, ein Postministerium und ein Ministerium der englischen Kultur, ein Mini­sterium des Innern und ein Kriegsministerium, das den Aufftand organisieren soll. Die Seele dieser Bewegung tdie von Augenzeugen als begeisternd und jedenfalls tief empfunden ge­schildert wird) sind zwei der größten Advo­katen Londons, die mit ihrem Wort, ihrer Agitafionskrast, ihrem Organisations-Talent überall sind, täglich fünfzig Orte mit ihren Automobilen besuchen, um dort Reden zu hal­ten, und nachts die hundert Briefe und An­fragen beantworten, die ihre Akfionen zur Folg« haben.

Und die Ursache der drohenden Explosion im unterm gewaltigen Druck der Leidenschaften erzitternden Völkerkeffel des Jnselreichs? Vor den Augen der englischen Regierung, die wieder eine Probe englischen Freihettssinns gibt und nur di« Tat, nicht aber den Gedanken unter­drücken will, bereitet die Bevölkerung Irlands offen den A u f r u h r vor. Es handelt sich (wie immer, wenn die Politik flch um Irland küm­mert) um Homerule, die Selbstregierung derGrünen Insel". Was nicht einmal Glad­stone gelungen war, hat das Ministerium As­quith getan: Es hat das Gesetz, das Irland ein e i g n e s Parlament, «in eignes Budget und freie Selbstverwaltung verschafft, zwei­mal im Unterhaus durchgebracht. Zweimal hat aber auch das Haus der Lords das Gesetz ver­worfen. Früher wäre hier ein Wall für die von Iren und Liberalen geforderte Reform ge­wesen, dem jedes Ministerium hilflos hätte gegenüberstehen müssen. Seitdem aber Lloyd George, der demokratische Schatzkanzler As­quiths, den Kampf gegen das Oberhaus fleg- haft durchgeführt und dessen Rechte nach vielen Richtungen hin verkürzt hat, kann das feind­liche Votum des Hauses der Lords einem Gesetz nur Aufschub bedeuten, nicht aber es völlig ver­hindern. Wenn das Unterhaus in einem ge­wissen Zeitraum denselben Antrag dreimal be­schlossen hat, wird er automatisch (auch ohne die Zustimmung der andern Kammer) Gesetz. Und dieses Ziel erstreben die Iren für die Homernle-Bill: Sie foll Gefetz werden ge­gen den Willen der Lords!

Patriks Söhnen winkt der Sieg: In der kommenden Session wird die Homentte-Bill zum dritten und letzten Mal die Majorttät des Unterhauses erhalten, und Irland sieht dann seinen Wunsch erfüllt, den es in dieser Form seit mehr als vierzig Jahren mit hartnäckiger, verbissner Oppofltton verfochten hat. Es wird in seiner staatsrechtlichen Gestaltung aus dem vereinigten Königreich gelöst und mit seinem selbständigen Parlament und seinen Ministern einer der vielen englischen Kolonien ähnlicher sehen als einer Provinz des Mutterlands. Nicht ganz Irland steht diese letzte Etappe des wütenden irisch-englischen Kampfes als Fortschritt an, auch nicht ganz England. Die OpposifiM gegen Homerule steht an Wildheit in nichts der Opposition der Iren im englischen Parlament nach. Die Opposition gegen Irland

fußt auf zwei Gedankenrichtungen: Auf der imperialistischen oder mindestens unionistischen und auf der kirchlichen. Die Konservativen und die unionistischen Liberalen vom Schlag Rose­berys wollen das Band um alle englischen Länder noch enger schließen als bisher, sie tre­ten der Lockerung dieses Bundes entgegen, wenn es sich um eine ferne Kolonie wie Kanada oder Australien handelt, und sie bekämpfen jede Reform, die den insularen Staatenverband or­ganisch zu trennen versucht, mit fanatischer Lei­denschaftlichkeit: Homerule für Irland erscheint ihnen gleichbedeutend mit einer Katastrophe für England!

Krieg oder Friede in Ulster: Das ist nun die Frage! An der Spitze der irischen Be­wegungstehen zwei markante, politisch geschulte, von patriotffchem Feuer durchglühte Köpfe; zwei Fanatiker vielleicht, aber zwei Männer von Temperament und Apostelmut. Der eine der Beiden ist Sir Edward Carson, der erst jüngst im Millionen-Prozeß der Lady Sackville mit seiner Beredtsamkeit Triumphe gefeiert hat, der andre der junge Mister Smith. Diese Beiden führen den Prozeß Ulsters gegen Eng­land gewiß auch im Namen konservativer Auf­traggeber, die dem liberalen Ministerium eine Verlegenheit fondergleichen bereiten wollen. Soll wirklich in Großbritannien Bürger­blut fließen? Trotz des Ernstes der Vorbe­reitungen, die man hüben und drüben trifft, wird es kaum dazu kommen. Schon hat einer der Führer der Liberalen, der frühere Lord- Kanzler Loreburn, in einem Bries an die Times das Stichwort vom Kompromiß ausgesprochen, und dieses Kompromiß wird bei denRebellen" (wie sich die Männer von Ulster selber nennen) wie bei den Iren Aufnahme finden. Die Regierung und die Iren sind des Kampfes müde und wollen es schließlich nicht zum Aeußersten kommen lassen. Homerule wird fein, aber ein gemäßigtes Homerule, das sogar die Ulsterleute akzeptieren können. Die Revolution auf Erins Grüner Insel ist keine Revolution der Schrecken und der Greuel: Sie ist die Revolution der Freiheit und der Heimatliebe, und kein Kriegsheer wird sie niederzwingen, sondern die Erkenptnis der englischen Regierung, daß einem sreien Volk Freiheit und Recht nicht vorenthalten werden dürfen...! »an.

Kriegrftimmms in Athen!

Roch keine Entwirrung am Balkan.

Während die rumänische offiziöse Presse die Gerüchte von einer bevorstehenden Mobi­lisierung dementiert und darauf hinweift, daß die Lage am Balkan in diplomatischen Kreisen mit Rnhe beurteilt wird, da die Grenz- zwischensälle das Gleichgewicht auf dem Balkan, das in der Bukarester Konferenz unter den Auspizien Rumäniens geschaffen worden sei, nicht ernstlich erschüttern konnten, kommt aus Athen kriegerische Kunde. Ein Privat- Telegramm meldet uns:

Athen, 10. Oktober.

Die Athener Blätter sind, was die Er- halttmq des Friedens anbetrifft, im allge­meinen recht pessimistisch gestimmt. Man meint, daß die türkischen Vorschläge vom griechischen Ministerrat glattweg abge­lehnt werden dürsten. Vielfach ist auch die Ansicht verbreitet, daß der Krieg für Grie­chenland jetzt leichter zu führen fei als später, und daß die Türkei, wenn sie den Krieg jetzt nicht provoziere, dies bestimmt im kommenden Frühjahr tun werde.

Auch die Lage im serbisch-albani­schen Grenzgebiet scheint sich jetzt bedrohlich zn gestalten: Wie aus Belgrad berichtet wird, hat General Jowanowitsch der Armee den Befehl erteilt, die albanische Grenze zu überschreiten und den Feind bis in das Innere Albaniens zu verfolgen. Schließ­lich liegt noch folgendes Telegramm aus Ce­ti n j e vor: Die hiesigen Krankenhäuser haben den Auftrag erhalten, sich zur Ausnahme von Verwundeten bereit zu halten. Die Ver­luste bei den letzten Kämpfen werden nunmehr mit fechs Toten und zehn Verwundeten ange­geben. *

Ein Oberst als Feigling.

Vor dem Kriegsgericht in Sofia begann gestern der Prozeß gegen den Brigadekomman­danten, Oberst des Generalstabes Petew, der beschuldigt wird, während eines Kampfes mit den Griechen bei Lachna seine Brigade im Stich gelaffen zu haben und geflüchtet zu sein. Seine Flucht hatte zur Folge, daß die ganze Brigade ins Wanken kam und zurückging. Petew gibt als Grund für sein« Flucht an, er habe eine Rückzugsstellung beziehen wollen. Auf seiner Flucht hatte sich ihm Oberstleutnant Humbatschew mit dem Revolver in der Hand entgegenge stellt, aber Petew flüchtete

trotzdem. Der Prozeß wird einige Tage dau­ern, weil siebenunddreißig Zeugen vorge­laden sind.

Um Thron und Traum.

Versöhnung zwischen Wels und Zoller?

Die welfische Tragikomödie tritt mählig ins Stadium der versöhnenden Apotheose: Ge­stern erklärte das Hannoversche Welsenorgan, die Deutsche Volkszeitung, niemals habe die Welsenpartei daran gezweifelt, daß Prinz Ernst August, des Kaisers Schwiegersohn, sich durch den Bries an den Reichskanzler feierlich auf die Reichsverfassung (und mithin auf den Verzicht auf Hannover) verpflichtet habe, und am glei­chen Tag wird aus Berlin berichtet, daß die Verhandlungen zwischen Berlin und Gmunden dicht vorm Abschluß stehen. Es soll dem kaiserlichen Schwiegersohn gelungen sein, die letzten noch bestehenden Schwierigkeiten zu beseitigen. Aus den Ton der Versöhnung und des Friedens ist auch die neueste offiziöse Erklärung gestimmt. Es wird uns darüber berichtet:

Auf den Verzicht... verzichtet!

(Privat-Telegram m.)

Berlin, 10. Oktober.

Der Berliner Lokalanzeiger bringt folgende offensichtlich offiziös inspirierte Meldung: Bon einer hochstehenden Persönlich­keit, bi* über die hannoverschen Verhält- niffe ebenso wie über die Ansichten der preu­ßischen Regierung unterrichtet ist, erfahren wir, daß vom Prinzen Ernst August ein Ver zicht auf die vermeintlichen Rechte des Welfenhauses, die von Preußen als nickt be­stehend angesehen werden, nicht gefor­dert werden wird. Für das Reich und für Preußen kommt es allein darauf an, vom Prinzen eine Garantie zu erlangen, daß die Rechte auf Hannover, die fein Vater zu ha­ben glaubt, niemals geltend gemacht wer­den. Diese Garantie hat der Prinz vor feiner Hochzeit gegeben und neuerdings in unzweideutiger Weise erklärt, daß er sich daran für immer gebunden erachte. Ob der Prinz in feinem Herzen solche Rechte zu haben glaubt, oder nicht, ist ohne prak- tische Bedeutung. Ansprüche, die nicht gel­tend gemacht werden, find tot. Auch sorgt

die Retchsverfassnng

dafür, daß Ansprüche, die ein Bundesstaat auf das Gebiet eines anderen etwa zu haben glaubt, schlummern, und daß der Friede des Reiches und die Harmonie unter den Bundesstaaten durch derartige Fragen und vermeintliche Rechtsansprüche nicht ge­stört werden können. Dazu kommt, daß der Prinz bei feiner Thronbesteigung die Reichsverfassung feierlich anerkennen wird, die im Artikel VI Hannovers Zugehö­rigkeit zu Preußen ausdrücklich erwähnt. Was die Welsenpartei anlangt, so ist es für fle gleichgültig, ob Prinz Emst August auf ver­meintliche Rechte auf Hannover verzichtet oder nicht. Die Welfenpartei hat vorläufig nicht den Prinzen, sondern den Herzog von Cumberland zum Prätendenten aus den Schild erhoben. Für die Zukunft kann fie aber auf den Prinzen nicht mehr rechnen, da er die Garantie gegeben hat, niemals An­sprüche aus Hannover zu erheben und keine Bestrebungen unterstützen zu wollen, die den Besitzstand Preußens ansechten.

Also Verzicht auf den Verzicht! Wa­rum? Die Kölnische Zeitung, auch ein offi­ziöses Organ, sagt's: Sie führt in einem Artikel zur Welfenftage aus, ein Verzicht des Prinzen Ernst August aus Hannover würde einer schrof­fen Stellungnahme gegen die Welsenpartei gleichkommen und gleichzeitig eine Demüti­gung des Prinzen Ernst August und seines Vaters bedeuten. Wäre ein solcher Verzicht für den Frieden im Reich notwendig, dann würde der Prinz sich seiner Hoffnungen auf den braun­schweigischen Thran entschlagen und Privat­mann bleiben. Also mit anderen Worten: Prinz Ernst August lehnt strikte jeden direkten Verzicht auf Hannover, jede schroffe Stellung­nahme gegen die Welfenpartei ab!

*

Der Versöhnungs-Prinz.

Berlin, 10. Oktober. (Privat - Tele­gramm.) Wie bekannt wird, ist cs tatsächlich der" Intervention des Prinzen Ernst August gelungen, die letzten Schwierigkeiten, die der Versöhnung zwischen Berlin und Gmunden ent­gegenstanden, zu beheben. Der Prinz ist aus Gmunden mit dem in feinen Grundzügen ab- gefchlofsenen Vertrag zurückgekehrt. Die Verhandlungen, die nun schon seit Mona­ten dauern, waren reich an Hemmnissen aller Art, und trotzdem man sich von beiden Seiten flchtlick Mühe gab, berechtigte Empfin­

dungen zu schonen, gab es doch wiederholt Au­genblicke, in denen die Verhandlungen ergeb, nislos zu enden schienen. Die letzte Schwie­rigkeit lag in dem tiinftigen Verhalten des Her­zogs von Cumberland zu den hannoverschen Welfenführern. Das Eingreifen des jungen Her­zogs hat diesen Stein des Anstoßes besei­tigt, fotb die Lösung ist in einer Form ge­funden worden, mit der sich Preußen zufrieden geben darf.

Historische ZnttinUSten. Dokumente zur Geschichte der Diplomatie der neueren Zeit; Bismarck und seine Politik.

In einem soeben in London erschienenen zwei­bändigen Werk behandelt Lord Newton das Leben und die diplomatischen Aufgaben und die Er­folge Lord Lyons, deS ehemaligen englischen Ge­sandten in der Türkei, in Washington und in Paris. Tie Biographie, die wichtige Dokumente zur E ^schichte der Diplomatie der neueren Zeit beibringt, ist für unS deshalb besonders interessant, weil darin öfter- Bismarckim Vordergrund steht und charakteristische Schlaglichter auf seine Politik fallen. Die Redaktion Besonders interessant ist bet Abschnitt des Newtonsschen Werkes, der die Begegnung B i s- marcks mit Napoleon nach der Schlacht und der Uebergäbe>von Sedan behandelt. Bismarck selbst hat sie dem Freunde Lyons Malet, folgendermaßen erzählt:Als ich miu, dem Wagen, in dem der Kaiser war, näherte, nahm Seine Majestät die Mütze ab, um mich zu begrüßen. Wir nehmen zwar, wenn wir in Uniform sind, beim Grützen die Mütze nicht ab, sondern berühren sie nur, in diesem Fall aber nahm ich die meinige ab und sah, wie die Augen des Kaisers ihr folgten, bis sie in der Höhe meines Leibriemens, in dem mein R e - volver steckte, war. In diesem Augenblick wurde er ga nz bleich , ich weiß nicht genau, weshalb. Er konnte doch nicht glauben, daß ich von dem Revolver Gebrauch mach«, aber die Tatsache seines plötzlichen Farbenwechsels war ganz deutlich. Ich war überrascht, daß er nach mir geschickt hatte, denn ich hatte gedacht, daß ich die letzte Person sei, die er zn sprechen wünschte, da er mich verraten hat. Alles was zwischen uns seinerzeit vorgefallen war, befestigte mich in dem Glauben, daß er keinen Krieg mit Deutschland wolle. Er war gebunden, dies zu halten; datz er es nicht getan hat, war ein Akt persönlichen Verrats gegen mich. Der Kaiser fragte mehrere Male, ob feine Wagen glücklich aus Sedan her­aus seien; es kam eine große Erleichterung über ihn. als er ihre Ankunft in unseren Linien erfuhr." Lord Newton teilt auch einen inter­essanten Bries von dem damaligen englischen Botschafter in Berlin

Lord Odo Russell

aus dem Jahre 1873 an Lord Lyons mit, in dem die damaligen politischen Verhältnisse, wie sie sich dem Engländer zeigten, dargestellt sind. Russell behandelt zunächst das politische Intri­genspiel zwischen Bismarck und Ruffels Freund Harry Arnim; er berichtet, daß Bismarck in Arnim einen gefährlichen Rivalen ver­mute. der hinter dem Rücken den Kaiser für ein« orleanistische Monarchie und für das Fallenlassen Thiers zu gewinnen suche. Bis­marck lasse ihn infolgedessen durcheinen seiner Geheimagenten" in Paris überwachen. Sein Name (schreibt er) ist Lindau; er ist ein sehr fähiger Mann und ein alter Freund von mir." In einem Briefe aus dem Jahre 1874 saßt Lord Russell Bismarcks Politik und die diplomatischen Möglichkeiten knapp zu­sammen.Du fragst (schreibt er an Lord Lyons) erstens wie meiner Ansicht nach Frank­reich sich gegen einen erneuten Angriff Deutschlands in der gegenwärtigen Zeit wehren könne. Meiner Ansicht nach kann es nicht gerettet werden, wenn Bismarck zu einem neuen Kriege entschlossen ist; dann aber: Ist es Frankreich oder Oesterreich, das er vernichten wird? Zweitens: Was können die anderen Mächte und besonders England tun, um

den Frieden erhalten

zu helfen? Eine Koalition ist unmöglich. Rat od«r Einmischung- geben Bismarck Entschuldi- gungen zu einem neuen Krieg. Das einzige, was das Gouvernement tun kann, ist, ibn nach Belieben machen zu lassen und sich den Folgen zu unterwerfen, bis er stirbt. Drittens, ob ich den Friedensversicherungen des Zaren irgend­welche Bedeutung beimesse? Keine, da Bis­marck seine Mitwirkung durch die Erfüllung jedes feiner Wünsche im Osten gewonnen hat. Bismarck ist jetzt Meister der Lage, drin­nen und draußen ...! Seine gegenwärtige Polittk gebt, wie Du weißt, darauf hin, die kleineren Staaten zu mediatisieren und die deutschen Provinzen Oester­reichs zu annektieren. Um dies aus­zuführen. muß er einen neuen Krieg unternehmen, aber dieser wird mit Oesterreich, und nicht mit Frankreich geführt werden. Seine antirömische Politik dient ihm zu einem Vor­wand, mit jeder Macht, mit der er anzu­binden wünscht, Krieg zu führen. Er braucht nur zu erklären, daß er unter dem Klerus des betteffenden Landes antideutsche Verschwörun­gen entdeckt hat." lieber einen Besuch bei Bismarck schreibt Russell folgendermaßen an Lord Lyons:Ich fand den Fürsten Bis-