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Caffeler Abendzeitung M

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Nummer 258. Fernsprecher 951 unv 952. Mittwoch, 8.

Hessische Abendzeitung

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Oktober 1913. Fernsprecher 951 und 952. 3. Jahrgang.

Sktoberfest.

Der Reichskanzler beim Münchner Oktober- Fest;Hohe Politik" ans der Therefienwiese.

Während des Frühstücks, das der Re ichS- lanzler in München beim preußischen Ge­sandten einnahm, äußerte er de« Wunsch, da» berühmte Münchner Sktoberfest zu be­suchen, von dem er schon so viel gehört habe. Dieser Wunsch wurde dem Kanzler schnell er- füllt. Gegen zwei Uhr nachmittags fuhr er mit dem Gesandten und einige« anderen Her­ren zur Therefienwiese, besuchte die Schsen- braterei und das Dräurösl, wo er über eine Stunde in fröhlichster Unterhaltung verweilte.

Die Münchner schmunzeln, und sie haben ein Recht, es zu tun. Was im kühlern Norden keiner Erdenmacht je gelungen, was selbst Herrn Ledebours oder Herrn Hofsmanns un- steiwilligste Parlaments-Scherze nie vermocht: Das Oktober fest auf der Münchner The- restenwiese hat's spielend vollbracht! Hat den Kanzler des Reichs, aus dessen düstrer Miene sonst nur des Ernstes Erdenserne zur Welt profaner Menschlichkeit spricht, zu ungezwungner Fröhlichkeit begeistert, den sinnenden Philosophen hinter der schäumenden Oktoberfest-Maß zu munterm Scherz und un­getrübter Lebensfreude erweckt, und den leiten­den Staatsmann zum sorgenlos Genießenden unter Tausenden genußfroher und glücklich den Augenblick nutzender Oktoberfest-Gäste werden lassen. Berlin hat (leider) kein Oktobcrfest und keine Therestenwiese, und auch der stille Friede der brandenburger Mark, dessen Zauber die Kanzler-Herrschast Hohenfinow wie ein Dorn­röschen-Legendenwall von aller Welt abschließt, entbehrt des Stimmungsreizes dieses großen Fests der Münchner Lebensfreude, das Jahr um Jahr zum Herbstbeginn die Menschen -um Frohsinn erwachen und selbst eisgraue Geheim- rifte wieder munter und lebenswarm werden läßt. Der Geist des Südens ist's, der auf der Therefienwiese seinen wunderbaren Zauber offenbart: Der Geist unbekümmerter Lebens­bejahung, glücklicher Daseinslust und ungetrüb­ter Genußfreudigkeit; jener seltsame Geist allge­meinen Ausgleichs, der den Rat erster Klasse und den Droschkenkutscher, die Exzellenz und den Seppl aus Dachau, die Dame der Gesell­schaft und das alte Radiweible im fröhlichen Oktoberfest-Reigen zusammenführt, der bei schäumenden Maßkrügen, Brathenderl und Steckerlfischen alle Sorgen des grämlichen All­tags bannt und nur eine Sehnsucht, ein Ideal als sehnens- und erstrebenswert an­erkennt: Froh zu sein unter Fröhlichen!

Dieses Fest aus dem grünen Rasen der Münchner Therefienwiese hat's dem Kanzler angetan. Er kam zur Isar als mit beschwer­licher staatsmännischer Mission Beladner, als Vertrauensmann des Kaisers in der Welfen- frage, und die Tage, da er in den Wäldern um Schloß Linderhof als Jagdgast des bay­rischen Prinzregenten auf Hirsche Pürscht, wer­den, wenn das edle Waidwerk ruht, ernsterer und bedeutsamerer Arbeit gewidmet sein. Herr von Bethmann Hollweg hat mit dem bayrischen Kollegen Hertling in einer stundenlangen Kon­ferenz die .brennenden Fragen" der kommen­den Parlaments-Kampagne erörtert, hat (ver­mutlich) die Möglichkeiten einer befriedigenden Lösung des Jesuiten-Problems erwogen und vom Ministerpräsidenten im Bayerland bei die­ser Gelegenheit erfahren, daß die Regierung der Wittelsbacher in der Jesuitengesetz-Frage zwar dem Druck vom Norden sich gefügt, grundsätzlich indessen auf der einmal fest­gelegten Auffassung unwandelbar beharrt und entschlossen ist, kein Atom dieses Grundsatzes widerstandslos zu opfern. Der Kanzler kam nach München als Bittender: Bayerns Einfluß auf Cumberland ist groß, Bayerns Einfluß im Bundesrat beachtlich; was lag da n äher, als auf dem Umweg über die Wittelsbacher Resi­denz einen letzten Versuch versöhnlicher Einwir­kung auf Gmunden zu wagen und gleichzeitig Bayerns Unterstützung der preußischen Wünsche im Bundesrat hinsichtlich der Schlichtung des alten Zwists zwischen Welf und Zoller zu sichern? Herr Georg von Hertling, der an der Isar regiert, ist Realpolitiker durch und durch, und vielleicht dünkt's ihn nützlich, Herrn von Bethmann Hollwegs Sehnen zu stillen, wenn man in Berlin Neigung zeigt, in der Bemes­sung des ziemenden Aequivalents nicht allzu-knickrig zu sein. Eine Hand wäscht auch in der Polftft die andre, und wenn Bayern Preußen in Gmunden und im Bundesrat treuen Bruderdienst leistet, kann Preußen Bayern im Kampf um das Jesuitengesetz nicht schnöde verlassen. Schmerzlich vielleicht, aber notwendig, denn: Geschäst ist Geschäft!

Als Herr Theobald von Bethmann Holl­weg noch als Minister still und friedlich seines Amtes waftete, als Bernhard Bülow auf dem Kanzlerstuhl saß und den Reichstag mit Perlen ms Büchmanns Zitatenfchatz erfreute, ging von

dem Philosophen im Ministeramt die Rede, daß seine Weltanschauung sich aus dem lichten Grunde idealer A e st h e t i k aufbaue, und man hörte denn auch wirklich durch eine Wahlrechts- Rede, die der damalige Minister von Beth­mann Hollweg im Haus der Volkerwählten hielt, den reinen Ton der Sehnsucht hindurch­klingen, das Gewimmel des politischen Kampfs ästhetisch zu verklären. Vielleicht ist's dieser Trieb gewesen, der in des Oktober Sonnen-Ta­gen den am Jsarstrand weilenden Kanzler vom öden Handel der Politik zum Oktoberfest-Jubel führte, jene unbewußte Sehnsucht, dem grauen Alltag für kurzer Stunden Dauer zu enteilen und, aller Fesseln ledig, unterzutauchen in's jauchzende Gewühl ausgelassner Lebensfreude. Es wird uns erzählt, der Herr Kanzler habe voll Ernst und Andacht das duftige Idyll der Oftoberfest-Ochsenbraterei bewundert, sich mit Wohlbehagen dem Genuß eines Brathenderls gewidmet, die gelehrte Aeffin Johanna mit fei­nem Besuch beehrt und schließlich im Bräurösl mitten unter fröhlichen, lustigen, jodelnden und juchzenden Menschen Platz genommen, wäh­rend die Oberlandler-Kapelle brav und munter den in Noten gefetzten Münchner Wahlspruch intonierte:Ein Prosit der Gemütlichkeit!" Wie anders zeigt sich in diesem Milieu des Kanzlers ernsthaft Bild: Wie anders, als im grauen Rock in der Regierungsbank im Parla­ment, wie anders als im Prunkkleid des Ka­vallerie-Generals ! Der Aufenthalt auf der Münchner Oktoberfestwiese hat leider nur zwei Stunden gedauert, aber diese beiden Stunden konnten dem Kanzler Anschauungs-Un­terricht fürs ganze Leben sein, konnten ihm zeigen, wie das Dasein an der Quelle muntrer Freude sich gestaltet und konnten ibn einen Blick tun lassen in jenes Reich natürlicher Mensch­lichkeit, das von keinen anderngottgewollten Abhängigkeiten" regiert wird, als von denen des naturgemäßen Seins Herr von Bethmann Hollweg hat a n d r e Ideale, aber auch in seinem Herzen wohnt die alte Sehnsucht der Sterb­lichen. froh und glücklich zu sein. Und da die Politik weder froh, noch glücklich macht, aing der Kanzler ... zum Oktoberfest! F. H.

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Das Rätsel von Braunschweig.

Die Bundesstaaten ohne jede Nachricht?

(Privat-Telegram m.)

Frankfurt a. M., 7. Oktober-

Aus der Hauptstadt eines deutschen Bundes­staates, der zu den drei nichtpreußischen König­reichen gehört (man darf wohl annchmen: Dresden) erhält das Frankfurter Blatt, das dieser Tage die sensationellen Enthüllungen über die Verhandlungen in der Welfen- frage veröffentlicht hatte, folgende Infor­mationen die sich auf Mitteilungen aus dem Ministerium des Aeustern des betref­fenden Bundesstaates stützen: Die jüngsten Mit­teilungen Ihre Blattes über die Welfenfrage haben in den Rcgierungskreiscn mancher Bun­desstaaten berechtigtes Aussehen erregt, und wenn man sich auch mit begrefilicher Zu­rückhaltung äußert, so läßt sich doch erkennen, daß man auch außerhalb Preußens mit ern­ster Sorge die weitere Entwicklung der braunschweigischen Angelegenheit verfolgt. Während früher die einzelnen Regierungen ge­willt waren, die Regelung dieser Sache den Höftn von Berlin und Gmundenzu über­lassen, da sie nicht preußischer sein wollten, als die Berliner Regierung, so scheint sich hierin jetzt ein Umschwung anzubahnen. Alle Mit­teilungen der Presse über einen preußischen oder bayrischen Antrag beim Bundesrat sind voll­ständig unrichtig. Seit längerer Zeit sind die einzelnen Regierungen gänzlich ohne jede Nachricht über die Verhand­lungen in der Welfenfrage, ja selbst der Ver­such, Auskunft zu erlangen, ist vergeblich gewesen.

Das Schweigen der Regierung.

Berlin, 7. Oktober. (Privat-Tele- gramm.) In der Welfenfrage hat die Ber­liner Regierung (wie die Vossifchc Zeitung er­fährt) die Einzelregierungen im Unklare« sowohl über die Absichten, wie über das etwa Erreichte und über den Fortschritt der Verhand­lungen zwischen Berlin und Gmunden gelassen. Dies fällt um so mehr auf, als bekanntlich die Regierungen der Einzelstaaten fonst selbst über verhältnismäßig unwichtige Vorgänge der äußeren Politik unterrichtet werden. Auf welche Umstände dieses eigenartige Schweigen der preußischen Regierung zurückzuführen ist, ent­zieht sich der Kenntnis der beteiligten Kreise.

Der Zusammentritt des Reichstags.

Reichstagsbegiun am 20. November!

Berlin, 7. Oktober. (Privat-Tele- g r a m m.) Wie von amtlicher Seite verlautet, kann damit gerechnet werden, daß der Reichs­

tag am zwanzigsten November seine Arbeften wieder aufnehmen wird. Die Kom­mission für Rüstungslieferungen dürfte in den ersten Tagen des November ihre Sitzungen be­ginnen. Da die Session nicht geschlossen wor­den ist, sondern nur Vertagung eingetreten war, so nimmt der Reichstag feine Arbeften ohne weitere Förmlichkeiten wieder auf.

Präsident Juanschikai.

Der «e«e Präsident der Republik.

Die junge chinesische Republik,ist in diesen Tagen an einem sehr bedeutsamen Merkpunkt ihrer inneren Entwicklung ange­langt, der sich durch folgende zwei Ereignisse be­kundet: Juanschikai, der große alte Staats­mann und bisherige vorläufige Präsident ist am Montag vom Pekinger Parlament mit großer Mehrheit endgültig zum ersten Präsiden­ten gewählt worden, und auf Grund dieser Wahl erwartet man in Peking bereits für heute die von den meisten Großmächten noch ausste­hende Anerkennung der Republik, die bisher noch nicht erfolgt war. Das Wahler­gebnis, das Juanschikai die bisher nur proviso­risch verwaltete Präsidialmacht endgültig in die starken und erprobten Hände legt, ist nicht allzu überraschend, aber es ist um so bedeutungsvol­ler für das noch in den Anfängen seiner poli­tischen Entwicklung und Festigung siebende Staatsgebilde der chinesischen Republik und um so begrüßenswerter, für alle Mächte, denen an einer ungeteilten Erhaltung dieses Staatswe­sens gelegen ist. Deshalb scheint auch die Er­wartung, daß nun die Anerkennung der Repu­blik durch alle Großmächte erfolgen wird, be­rechtigt. Ueber die Präsidentenwahl und die Anerkennung der Republik liegt aus Peking fol­gende Kabel-Meldung vor:

Inanschikai, der bisherige provi­sorische Präsident der Republik« ist bet der gestrigen Präsidentenwahl im dritten Wahlgange mit 506 Stimmen auf fünf Jahre zum Präsidenten der chinesischen Republik gewählt worden. Die Anerkennung der Republik durch alle Großmächte wird für heute erwartet. Der Ausgang der Präsidentenwahl rief im chinesischen Parlament große Begeisterung hervor. Juanschikais Wahl wird am nächsten Freitag in der ganzen Republik verkündet und am sel­ben Tage seine Einführung in sein Amt vollzogen werden. Der greise Staatsmann, der einst von der Kaiserin Tsehsi im Bunde mit den Mandschus zur Rettung der Dynastie beru­fen wurde und in einem, selbst für seine ereig­nisreiche Laufbahn und chinesische Verhältnisse erstaunlichen Umschwung der Dinge (den er al­lerdings zunächst unter dem Zwang der Um­stände mitmachte) an die Spitze der revolutionä­ren Bewegung trat, steht sich nun als Ober­haupt der Republik: Vielleicht für den Rest seines Lebens! Er hat eine ungeheuer schwie­rige Aufgabe auf seine Schultern genommen: Er soll die Revolution endgültig ersticken und Nord und Süd des ungeheuren Staatswesens zu einer Einheit zusammenschweißen, die ewi­ge Finanznot der Zentralregierung durch Wie- deraufschließcn der seit etwa zwei Jahren ver­siegten Quellen in den Provinzen und wirt­schaftliche Reformen beseitigen, der Zentralge­walt durch Schwächung der Provinzialregierun­ge» neue Kraft einflößen und die Heeresreform und den Ausbau der inneren Verwaltung durchführen. Wird seine Kraft, die Kraft des starken Mannes, dazu ausreichen. . .?

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Begeisterung im ganzen Lande!

Peking. 7. Oktober. (Privat - Tele­gramm.) Der Ausgang der gestrigen Prä­sidentenwahl, der Juanschikai auf fünf Jahre zur Regierung beruft, hat im ganzen Riesen­reich der Republik allgemeine Begeisterung ge­weckt. Selbst in den Südprovinzen, wo die Revolution ihre Hauptstützen hatte, wird di« Wahl Juanschikais als eine glückliche Fügung betrachtet, und es fit wahrscheinlich, daß die revolutionäre Bewegung nunmehr bald be­endet sein wird. Man erwartet von Juanschikai ein taikräfttges, bestimmtes Regiment und sieht in ihm den einzigen Mann, der in der Lage ist. China die innere Einheit und dm Friedm im Lande wiederzugeben.

Wieder ein Cisenbahn-Drama!

Der Petersburger Schnellzug verunglückt.

(Privat-Telegram m.)

Petersburg, 7. Oktober.

In der Nacht zum Montag ist der Kiew- Petersburger Schnellzug bei Düna­burg von einer entsetzlichen Katastro­phe ereilt worden. Der Schnellzug stieß in voller Fahrt mit einer rangiermden Lokomo- ttve zusammen. Der Zusammenprall war so heftig, daß sich beide Lokomotiven aufbänmten und dann entgleisten, während der Gepäckwagen

und die folgenden Wagen vollständig zertrüm­mert wurden. Rach stundenlangen Rettungs- Arbeitm konnten unter dm Trümmern sieb­zehn Tote, achtzehn hoffnungslos Verwundete und eine große Anzahl leich­ter Verwnndete hervorgeholt werden. Von dm Schwerverwundetm erlagen noch drei auf dem Transport ftrs Krankmhaus ihren Verletzungen,

Herbst-Stimmungen.

Berlin, wie es hastet und jagt; Gesell- schafts- und Sensations-Saison; Berliner Boheme und Berliner Romantik, von

Paul Schlesinger-Berlin.

Man fängt an, sich vor feinen Kindern zu schämen. Morgens um zehn Uhr schlüpft der Vater (sofern er Journalist fit) in Cutaway und Zylinder, well er um elf Uhr das neue CafS des Westens, um ein Uhr das wiederauf­erstandene Dressel-Restaurant befrühstücken soll. Um sechs Uhr abends sieht das Kind den »auf­geräumten" Vater für einige Minuten wieder, der im abgekürzten Verfahren ohne jeden Grund rechts und links die Prügel austeilt, die er selber verdient hat. Gleich ist es aber höchste Zeit, den Schwalbenschwanz mft dem Smoking zu tauschen. Denn für den Abend hat das Marionettentheater zum Faust, das Unionlichfipielhaus zum Reinhardtfilm ge­laden. Und am nächsten Abend ruft die neue Posse ins Berliner, die Operette ins Thalta- theater, das Lustspiel ins Königliche Schau­spielhaus: Aus Verzweiflung geht man in keins von Dreien, sondern ht die Oper, wo die neue Wagnersängerin des Königlichen En­sembles die Isolde singt. Und man einbet schließlich im allen (nicht im neuen) Cafs des Westens, wo man bei klugen Reden zusammen­sitzt und sich sehr ernsthaft den Kopf darüber zerbricht, ob der Reinhardtfilm eine Wendung, der Kinofrage, ob die Posse von Sein alter und Schanzer einen Aufstieg oder das Gegcntell bedeute. Wenn man sie beide nicht gesehen hat, ist man der unbestreitbar richtigen Meinung, daß sie alle beide nichts bedeuten, und daß die Frühstücke in idealer Konkurrenz mit

Faust und Isolde

die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche waren. Mit dem.neuen Cafs hat es eben seine Bewandtnis. Denn über das alte, das übrigens noch einige Jahre bestehen soll, hat einer ein ganzes mit artigen Karikaturen geschmücktes Büchlein geschrieben, und da es reichlich trocken und witzlos ausfiel, wird es künftigen Literar- und Kunsthistorikern als Quelle dienen können. Die Trockenheit ist übri­gens keine ganz freiwillige. An dieser Ge- burtsstätte der Berliner B o h s m e hat sich genug des Amüsanten und Grausigen zuge- tragen, und unter den Menschen, die dort so ruhig und bürgerlich ihren Kassee schlürfen, hat die Phantastik des Schicksals so manches Wun­der angerichtct. Nur darf man eben von diesen schönen Dingen nicht sprechen. Der Karikaturist bringt es noch so weit, das Bildnis eines jun­gen weiblichen Wesens zu unterschreiben: .Die Wasserleiche" ... aber der Schriftsteller schreckt davor zurück, die Lebensumstände des merk­würdigen Geschöpfes dem Leser nahe zu brin­gen. Die Legende erzählt von einer jungen hochgebildeten russischen Gräfin, die einen deutschen Maler heiratete und mit ihm nach Paris übersiedelte. Eine Reche köstlicher Atelierfeste Hub an. Beim letzten, das gefeiert werden sollte, kroch der Gatte mit einigen seiner Freunde aus lauter Uebermut aufs Dach: Eine Glasplatte brach durch, die Freunde brachten der kleinen Frau die Nach­richt, daß

ihr Gatte tot

unten auf dem Hofe liege ...! Run hat sie sich das Heine Cafs ausgesucht, um ibr Leben zu Ende, das einst an Hoffnungen reich war. Der war sie eine andere. Man kann nicht sagen, daß eine Verzweiflung ihr Wesen beherrschte, aber sie batte etwas an sich, das daran zweifeln ließ, ob sie überhaupt lebte. Ein Kind wurde ge­boren, heftige Kämpfe entzweiten die Mutter für immer mit ihrer Familie, und nun weiß sie nichts anderes als das Cafs. Sie fit wieder schön geworden, ein sehr feines, sehr bleiches Gesicht, das geisterhaft zwischen den Cafstischen daher wallt. Zuweilen gibt sie in der Unter­haltung noch einen Schimmer von einem fast geistreichen Glanz, den man früher an ihr ge­rühmt hatte, aber zumeist versinkt sie in ihre wesenlosen Träume und wartet, wartet auf ... das Ende. Wenn ich ihre Geschichte etwas ausführlicher erzählt habe, so geschah es nur, um einen Begriff zu geben. Denn sie ist nicht die einzige, die hier ein unwahrschein­liches Dasein führt, und mancher, der hier still und bescheiden sitzt, träumt sein Leben zu Ende das einst an Hoffnungen reich war. Der Verfasser jenes Buches hat die seltsamen Ge­schichten nicht angerührt, er gab nur eine Ge­schichte dessen, was hier an Stammtfichen für frühere oder spätere Berühmtheiten gesessen haben. Ja, er behauptet sogar, daß

Max Reinhardts Ruhm

von diesem Hause seinen Ausgang nahm. Sicher aber fit, daß das neue Hays tziemals eine liie»