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Nummer 255

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 4. Oktober 1913

3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

urteilte heute den Bankier George Rentsch, den dritten Inhaber des Bankhauses Strauß und Heberlein, das im November vori­gen Jahres fallierte und dessen Hauptin- habcr sich erschossen haben, wegen Konkursver» gehens zu fünf Monaten Gefängnis. Dem Angeklagten wurden mildernde Umstände zugebilligt.

Jnferlionspreise: Die sech-gespalten- Zelle für einhetmtsche »-schäft- 15 Pfg., für au$. "ES- Inserate 25 Pf, Reklame,etle für einhetmtsche Geschäfte 40 Pf, für auswärtig« Geschäfte 60 Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtauslage werden mit f Mark pro Tausend be­rechnet. Wegen ihrer dichten Berbreitunz in der Residenz und der Umgebung sind bl« ttaffeler Neuesten Nachrichten ein vorzüglicher JnferttonSorgan. Eeschäftsstelle: »ölnisch« Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Moritzpla« 12584.

Bankier Rentsch vor Gericht.

Die Nachwehe» des Eisenacher Bankkrachs.

Eisenach, 3. Oktober. (Privat-Te- learamm.t Die biessae Strafkammer ver>

Amtsrichter Knittel.

Das Ende des Seusattousprozeffes Knittel r Zweitausendvterhnndert Mark Geldstrafe.

3» »er gestrigen Schluhverhandlung des Pro,ege« gegen den Amtsrichter «ntttek vor der Strafkammer in Gleiwitz beantragte der Staatsanwalt gegen »nittel Wege» Beleidi­gung des Aanptmanns Kammler und des Oberleutnants von Bittinghoff und des Ge­neralmajors von Windheim sowie des Gene. ralS von der Gröben insgesamt sechSMonate G e f s n g n iS. Das Urteil des Gerichts la«, tete ans 2400 Mark Geldstrafe wegen Beleidigung in mehrere« Fallen und auf Tragung der sämtlichen Pro,etz.«osten. Wir sahen im Knittel.Prozeß (fa. hen's in Ratibor vorm Tribunal und sahen's jetzt wieder in Gleiwitz in grellster Deutlichkeit) ein wild-brandendes Meer politischer Leiden­schaften, erkannten im kaleidoskop-artigen Ereig­niswirbel der Beweisaufnahme ein unentwirr­bares, aller Aesthetik weit entrücktes Chaos von Intrigen, Kabalen, Listen und Ränken, fanden in den langen Prozeßverhandlungen den Wi­derhall müßigen Schwatzes und schlesischer Kleinstadt-Kleinlichkeiten und fragen uns nun, da das Urteil gesprochen, verwundert, wie's lohnen konnte, die magern Intimitäten der Schwüle von Rybnik mit bewundernswerteEus- dauer und unermüdlicher Emsigkeit immer Wieder durchs Sieb der Gerechtigkeit zu quälen. Ker Amtsrichter Knittel hat einen Kampf ge- Wmpft, wie ihn Hunderte vor ihm kämpfen zu müssen geglaubt, und den nach ihm sicher noch Hunderte werden kämpfen müssen: Er hat um den bunten Rock des Reservekriegers gerungen, hat in seiner Versetzung zur Landwehr (in ei­nem Alter, in dem die Manneskraft noch voll der straffen Forderung der Reservezeit genügte) M eine politische Maßregelung erkannt, die seiner »M Vorstellung sich als unberechtigter Eingriff in F seine staatsbürgerlichen Freiheiten einprägte, und hat, ein Mann hitzigen Temperaments und allzu-hastigen Impulses, diese Beengung seiner Rechte mit drastischen Mitteln und schlecht ge­wählten Waffen bekämpft. Hat den Hauptmann Kammler, in dem er den Urheber der Maßre­gelung erkannt zu haben glaubte, als gemeinge­fährlichen, seiner Willensfreiheit beraubten Ir­ren charatterisiert und die dienstlichen Maß­nahmen des Offiziers als dunklem Irrwahn und erwiesner Bösartigkeit entspringend ge- brandmarkt. Der Amtsrichter Knittel ist Jurist und Staatsbeamter, mußte die Tragweite sei­ner Handlungen abschätzen, bevor er daran ging, den Gegner zu zerschmettern, und war durch Amt und Gewissen verpflichtet, jeden Vor­wurf, der dem Feinde galt, sorgfältig aus Haltbarkeit und Berechtigung zu prüfen.

Hat er's getan? Am letzten Verhandlungs­tag des Prozesses gab der Angeklagte Knittel vor Gericht nach dem Plaidoher des Verteidi­gers folgende Erklärung ab:Ich habe mit meiner Eingabe an den Kriegsminister keinen der Herren beleidigen wollen. Ich habe nur mein Recht gesucht und habe es dazu für notwendig gehalten, zu sagen, was ich gesagt habe Md was ich für nötig und wahr hielt. Wenn sich, wie ich rückhaltlos anerkenne, durch die im Verfahren erfolgten Aufflärungen man­ches davon, insbesondere die Behauptung der G e i st e s s ch w ä ch e des Hauptmanns Kamm­ler und die Behauptung, daß einzelne Maßnah-

Grafen Wedel nichts bekannt, ebensowenig von einem für den Spätherbst bevorstehenden Revirement in den hohen Beamtenstellen der Reichsland-Verwaltung. Graf Wedel weilte erst vor einigen Wochen in Berlin und damals war jedenfalls von Rücktrittsabsichten n i ch t die Rede.

Amerika» Itznamitarden?

Die Festnahme eines Massen-Verbrechers.

Man erinnert sich noch des Aufsehens, das vor einigen Monaten in Amerika der Prozeß gegen die Dyuamitarden von Los An­geles erregte, in dessen Verlauf festgestellt wur­de, daß der amerikanischen Arbeiterbewegung nahestehende Personen an Verbrecherplänen be­teiligt waren, die die Zerstörung öffentlicher Gebäude zum Ziel hatten. Der Prozeß endete bekanntlich mit der Verurteilung der Angeflag- ten zu schwerer Strafe. Mit dem Urteilspruch scheint indessen die sensationelle Affäre noch nicht abgeschlossen zu fein, denn foeben sind zwei neue Verhaftungen erfolgt, die offenbar mit der Dhnamit-Verfchwörung im Zusam­menhang stehen. Wir erhalten darüber folgen­de Draht-Meldungen:

Verbrecherpläne der Dhnamitarden.

(Draht-Meldung.)

Newhork, 3. Oktober.

Gestern ist hier ein Mann namens D a - v i s alias O d o p e l l unter der Beschuldi­gung verhaftet worden, er habe am dritten September 1911 die Eisenbahnbrücke von Mount Vernon im Staate Newhork g e- sprengt. Nach der Aussage des ihn ver­haftenden Polizeiagenten hat Davis ein Ge­ständnis abgelegt, wodurch verschiedene Be­amte der Arbeiter-Union verwickelt sind. Die Affäre verspricht ebensolches Auf­sehen zu erregen, wie die gerichtliche Unter­suchung, die 1912 im Zusammenhang mit einer Reihe von Dynamitattentaten in den Weststaaten gegen die Arbeiterführer stattfand. Diese Attentate erreichten damals ihren Höhepunkt durch die Sprengung der Geschäftsräume der Zeitung Los Angeles Times.

Die Geständnisse des Verbrechers.

Newyork 3. Oktober. (Privat-Tele- g r a m nt.) Der gestern verhaftcre Anarcho- Sozialist Davis hat bei feinem ersten Verhör bereits das Geständnis abgelegt die Mount Vernon-Brücke in die Luft gesprengt zu haben. Im ganzen soll er zwölsVerbrechen ein­gestanden und hervorragende Beamte der Arbeitervereinigung schwer belastet haben. In Indianapolis wurde darauf der Schatzmeister des Metallarbefterver- bandes Harry Ooms verhaftet beit Davis be­schuldigt das Haupt einer weitverzweigten Dynamit-Verschwörung zu sein. Oones erklärte bei seiner Vernehmung, er sei unschuldig.

Man wird sich erinnern, daß bereits vor längerer Zeit und auch im Anfang des Jahres Gerüchte austauchten, die wissen wollten, daß Gras 28 e d e l, der gegenwärtige Statthalter der Reichslande, von seinem Posten zuruckzulre- ten gedenke, doch wurden damals diese Gerüchte vom Statthalter selbst auf das Entschiedenste dementiert. Ob es sich bei den jetzigen Rück­tritts- und Revirements-Nachrichten um m e h r als Gerüchte handelt, bleibt abzuwarten. Daß Graf Wedel leidend ist, ist bekannt und die Möglichkeit des Rückrckrits besteht also je- denfalls.

3» Berlin ist nichts bekannt!

Berlin, 3. Oktober. (Privat - Tele­gramm.) An den hiesigen amtlichen Stellen ist bis zur Stunde von den angeblichen Rück­tritts-Absichten des Reicksland-Statthalter-

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Verhaftung eines Dhnamitarden.

(Draht-Meldung.)

Indianapolis, 3. Oktober.

Der Schatzmeister-Sekretär der Metallar­beiter, Harry Oones, ist unter der Beschul­digung der Verschwörung verhaftet worden: Er soll in die Angelegenheit des in Newyork verhafteten Davis verwickelt fein. Die Verhaftung erfolgte auf Veranlassung eines Privatdetektivs, der Oones beschuldig­te, mit fünfzig anderen Metallarbeitern D y- namit befördert zu haben, um ein Anwe­sen in die Luft zu sprengen. Der Staatsan­walt hat eine Liste über zwölf Dynamitatten- tate und ähnliche Verbrechen aufgestellt, die durch das GeständnisDavis' aufgcdeckt fein sollen. Diese Enthüllungen sollen viele geheimnisvolle Verbrechen gegen das Eigentum, die in den letzten Jahren vorge- kommen sind, aufklären.

Inwieweit sieb die Geständisse des verhafte­ten Verbrechers Davis als zutreffend erweisen werden, muß erst durch die Untersuchung sest- gestellt werden. Davis gehört der anarch-o- syndikalistischen Gruppe unter den Gewerkschaftlern an, die unter der Führung der Gebrüder Mac Namarra vor zwei Jahren im Westen der Vereinigten Staaten eine Reih« von Dynamit-Attentaten gegen Wirtschaftsgebäude und Fabriken verübten und die Gebäude der Los, Angelos-Times in die Luft sprengten. Davis wurde jetzt wegen Sabotage verhaftet, und es bleibt noch aufzuklären, was ihn zu den sensationellen Geständnissen bewogen hat.

fine Krise im Reichsland?

Herzog Albrecht als Wedels Nachfolger.

Wie Meldungen aus Straßburg be­sagen, verlautet in dortigen politischen Kreisen mit aller Bestimmtheit, daß ein Wechsel in der Person des Statthalters von Elsaß-Loth- ringen in absehbarer Zeit zu erwarten sei. Es seien indessen keinerlei Gründe politischer Na­tur, die den Grasen von Wedel bewegen, in das Privatleben zurückzutreten. Lediglich sein hohes Alter und ein schweres Augenleiden sei­ner Gemahlin bestimmten ihn zu dem Bedürf­nis nach Ruhe. Wir erhalten dazu folgende weiteren Meldungen:

Herzog Albrecht als Statthalter? (Privat-Telegram m.) '

Straßburg, 3. Oktober-

Daß ein Statthalter-Wechsel be­vorsteht, darf als sicher gelten. Ueber die Persönlichkeit des zukünftigen Statthalters können heute noch keine zuverlässigen Angaben gemacht werden, immerhin kommt die Per­son des Herzogs Albrecht von Meck­lenburg ernstlich in Frage. Wie weiter verlautet, soll mit dem Wechsel in der Person des Statthalters eine Reihe von Verände­rungen in der hohen Beamtenschaft Hand in Hand gehen, und zwar beabsichtigt gleichzeitig der Bezirkspräsident des Unter» elsaß, Poehlmann, in den Ruhestand zu treten; an seiner Statt soll Geheimer Ober­regierungsrat Dr. D i ck h o s s, der derzeitige Vottragende Rat beim Statthalter zum Br- zirkspräsideitten ernannt werden.

des sträflichen Leichtsinns unberechtigter Au­flage erkennen können. Herr Shtittel aber ist Jurist, ist Richter, mußte also mit sicherm Auge die Grenzlinie zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse erkennen. Daß er sie n i ch t er­kannt, zeigt, tote weit er vom Wege abge­irrt!

Der Staatsanwalt hat am Tage des Utteilspruchs sein Plaidoher in ein seltsames Potponrtt von politisch-ethischen Reflexionen, prozessual - psychologischen Randbemerkungen und dithyrambisch abgetönten Verwahrungen gegen die Kampfmethode des Angeflagten aus­klingen lassen, und man darf im Zweifel dar­über fein, ob ein Schlußakkord dieses Wuchtge­halts erforderlich oder auch nur wünschenswett war, nachdem wenig Monde vorher die Richter von Ratibor nach eingehender Beweisaufnahme den Amtsrichter aus Rybnik von aller Sünden­schuld freigesprochen hatten. Zwischen Ratibor und Gleiwitz klaffen, in der Rechts-Erkenntnis sowohl wie in der ethischen Wertung des Fal­les an sich, tiefgründige Gegensätze, deren We­sensart und Möglichkeit noch zu erörtern fein wird. Am erstaunlichsten indessen ist der fun­damentale Unterschied zwischen den Sachver- ständigen-Gutachten hinsichtlich der geistigen Qualitäten des Hauptmanns Kammler. In Ratibor attestierte die Wissenschaft dem Mann im bunten Rock: Unverantwortlich für feine Handlungen, weil geistig minderwertig und als Kranker bösartigem Handeln geneigt. In Gleiwitz: Keine Spur von psychischen Defekten; etwas Temperament-Ueberschuß, wei­ter nichts! Irgendwo ging also die Wissen­schaft, die unfehlbare, fehl, verstrickte sich die Erkenntnis in die Fesseln menschlicher Irrung, und diese Irrung,mag (zu einem Teil) auch den Amtsrichter Knittel entschulden und die Ueber- zengung festigen, daß er in gutem Glauben ge­handelt, als er den Gegner des Irrwahns und der Gemeingefährlichkeit zieh. Der Kämpfer Knittel, der um (nach seiner Ueberzeugung gttoalttätig geschmälerte) Rechte rang, darf in diesem Punkt Nachsicht und Verständnis erhoffen, der Jurist Knittel nicht, und diese Erkenntnis hat, scheint's, auch das Urteil be­stimmt, das des Frevels Sühne in klingender Münze abmißt. Nicht in Monden harter Ker­kerbuße, wie's der Priester der Nemesis im Talar des Anklägers verlangt ...I F. H.

men mir gegenüber »wider besseres W i s- fen* geschehen seien, während sie in gutem Glauben erfolgten, als eine irrige An­nahme herausgestellt hat, so nehme ich al­les dieses selbstverständlich zurück und bebaute, daß ich die Herten insoweit (ohne meinen Willen) beleibigt habe. . .!* S o sprach, vor seinen Richtern, ein preußischer Richter, ein des Rechts Kundiger, übet Andre zu Gericht Sitzen­der, ein Priester bet Gerechtigkeit, der, um The­mis' Priester zu fein, gerecht unb unbemakelt im Tempel des Rechts stehen muß! Der Richtet Änittel ist mit dieser Erklärung zum Richter seines eignen Jchs, zum Verdammer seiner eig. neu Schuld geworden, denn was hilft's, daß et Beteuert, keinen der von ihm mit Auflagen Ueberhäusten wissentlich beleidigt zu ha­ben: Er hat den Hauptmann Kammler mit dem schweren Vorwurf bösattigen Irrwahns bema­kelt, in Ehren ergraute Offiziere der Rechsbeu- flung geziehen und aus Kaffetanten-Schtoatz und Philister-Geflüster das tagende Turmgebäude vernichtender Auflagen geschichttt, das der Geg­ner Ehre unter sich begraben sollte. Wäre es ein schlichter Mann aus dem Volk, ein dem Wesen des Rechts lediglich mit der primitiven Erkenntnis des Laien gegenübetstehender, durch vermeintliches Unrecht in höchste Erre­gung gepeitschter Choleriker gewesen, der in Ratibor und Gleiwitz vor feinen Richtern stand: Mau hätte in den psychologischen Stimmungs- »omenten, Motiv. Schlüssel und Entschuldung

eine Operette komponiert:

-Die keusch« Susanne*, die einiges zu verspre­chen schien. Sie wurde au einigen Bühnen an­genommen und hatte einen erfreulichen Erfolg. Der Komponist empfing dadurch die Anregung zum Weiierschaffen und um aus der Misere seines Kapillmeisterdaseins bk Ruhe zu finden, die eine neue Arbeit braucht, annoncierte er, daß ertauseudTaler suche. Es fand sich auch ein Hilfsbereiter. Ein Herr Mandel lieh Herrn Gilbett die drei Braunen. Oder eigentlich: Er lieh sie ihm nicht, er »steckte sie ins Geschäft*. Er bedang sich einen Prozentsatz von den Erträgen der weiteren Ärbeiten des Komponisten aus. Der Musiker fugte leichtherzig zu: Er ahnte damals nicht, daß er in vier Jahren schon Millionen mit fernen Wetten verdienen werde. Die Folge war. daß jener Herr Manbcl an den dreitausend Matt, die er einst dem armen Meister lieh, heute schon ztoeihunbertsünszigtausend Mark gescheffelt bat. Im Anfang hat Gilbett willig die Prozentsummen an feinen einstigen Helfer gezahlt, als sie aber in Höhen Kommen, die zu dem ursprünglichen Betrag in keinerlei 98er- hältnis mehr standen, streikte er. Herr Mandel aber besteht auf seinem Schein und wenn Herr Gilbett (er ist ja noch jung) es noch bis zur Milliarde bringen sollte, so will Herr Mandel auch daran beteiligt sein: Er hat sich

das Recht desTeilhabers"

mit jenen dreitausend Mark erkauft. Die Ge­richte müssen sich jetzt entscheiden, ob sie sich auf Seiten des Herrn Mandel ober des Herrn Gil­bert stellen wollen. Die Majorität der Juristen glaubt, daß «s schwer sein wirb, Herrn Mandel das Recht streitig zu machen. Wir andern sind uns wohl darin curia, bafe Gilbett dnrck» di»

Berliner Tagebuch.

Der Prozeß desPuppchen"-Kompouisteu; Jeau Gilbert «ud sein Finanzier; wie man im modernen Berlin Talentegründet", von

Kurt Weiße-Berlin.

Eine Berliner Gerichtsverhandlung hat in diesen Tagen Einblick in die Schattenseiten des Berühmtseins gegeben. Hurt wieder ein­mal die alte Wahrheit enthüllt, daß nicht alles Gold ist, was glänzt. Sie wurde diesmal de­monstriert an der Gestalt eines Künstlers, von dem man sicher sagen kann, daß er der popu­lärste ist, der h.ute in Deutschland schafft. Ge­meint ist Herr Jean Gilbert, der Kompo­nist der »Polnischen Wirtschaft* und des »Püpp­chen", der Vater der »Nacht, wenn die Liebe erwacht* und der »Lieblichen Keinen Dinger­chen*. Seine Melodien sind ja ein Bestandteil unseres Daseins gewordcn, an allen Ecken und Enden werden sie gegeigt und gesungen, ge­pfiffen und gespielt, irgend einen Fetzen er­wischt man mit jedem Atemzuge. Das hat Herrn Jean Gilbert in kürzcster Frist zu einem vermögenden Mann gemacht Aus den Theaterkassen strömt ihm das Geld scheffelweise zu. Die Musikalienhändler schicken ihm fiir den Verlaus seiner Schlager die Banknoten pfund­weise ins Haus, und von jeder Grammophon- platte, die seine Lieder toiebergibt, bezieht er genau so Tantiemen wie von jedem einzelnen Vortrag feiner Kompositionen durch die kleinste Casökapelle. Eine Million, so sagen Die, die es wissen müssen, ist das mindeste, was Herr Gilbert pro anno als Einnahme zu buchen hat. Aber die

Freude an der Million

ist ihm. das weiß man nun auch ans dem er­wähnten Prozeß, vergällt. Denn er kann sie nicht allein verzehren. Das hat nichts mit bet bekannten und auch oft schon ausgebeuteten Gutherzigkeit dieses Mannes zu tun, bei wie alle Musiker, ein mildreiches Herz und jeder­zeit eine offene Hand hat. Die Steuer, die sich seine Freigebigkeit selber auferlegt, würde er wohl mit Vergnügen zahlen. Aber an sein Portemonnaie hängen sich noch andere Hände, in die er ebenfalls einen Tribut von einem Millionen-Segen legen muß. Da sind Agenten und Verleger, die ihm bei der Füh­rung seiner Geschäfte unentbehrlich sind und die dabei gleich ihm auch zu reichen Leuten werden. So weit ihr Anteil am Erttag feiner Arbeit in menschlichen Grenzen bleibt, wird jeder Künstler auch diesen Helfern gern geben, was ihres ist. Aber es gibt auch noch andere Helfer .... und gegen einen solchen hat sich Herr Gilbert jetzt gewandt. Er hat die Fehde mit einem »Talentpächter* ausgenommen, dem er vor Jahren in die Schlinge gegangen ist. Der Typ des Talentpächters ist gar nicht selten in Deutschland: Er ist eine Erscheinung, von der wirklich einmal gesprochen werden muß. Vor vier Jahren war Herr Jean Gilbett noch ein ganz Keiner Kapellmeister, der (wie er sel­ber erzählt) wußte, was zerfranste Hosen sind Da hatte er

Mr Nluch MWtm

__Casseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung